Archiv der Kategorie: ein Bild erzählt

warmhalten

Der Herbst verwandelt sich so langsam, langsam in Winter; immer mehr Bäume strecken mir ihre kahlen Äste entgegen, immer weniger Salate stehen in meinen Beeten. Obwohl es noch ein paar davon gibt- mir fehlt mit Baby schlichtweg ein Arm, um zu ernten, zu waschen und zu rüsten. Immer mehr Tage hüllen sich gänzlich in Nebelgrau und machen es mir schwer, einen Fuss vor die Tür zu setzen…
Mittlerweile läuft hier die Heizung. Meine Füsse fühlen sich trotzdem klamm an ohne Pantoffeln, ich rolle Strickdecken über mein Bett und träume von robusten Filzfinken (Glerups! In Waldgrün bittedanke!).
Wollsocken und diese ollen IKEA-Latschen, die wir aus irgendeinem Grund seit Jahren hier rumliegen haben, tun es auch bis dahin.
Warm zu bleiben, gehört im Moment gerade zu meinen dringlichsten Aufgaben. Selber warm zu bleiben. Einigermassen gut genährt (wie schwierig mir das scheint an Tagen wie diesen, wo das Baby nur in meinen Armen zufrieden bleibt!)  Ansatzweise Ausgeruht (phu, diese Nächte…). Aber auch dafür zu sorgen, dass meine Kinder nebst dem ganzen Halloween-Süsskram vergangener Tage das eine oder andere Stückchen Obst essen, trotz Dauerdämmerung beizeiten ins Bett gehen und genügend wollige Sachen in ihren Schränken vorfinden, damit sie es immer und jederzeit mollig warm haben. Egal ob es stürmt oder gar bereits schneit.
November. Der erste Schnee-Monat hier. Ab und zu zumindest.
Heute hatten die Jüngeren zum ersten Mal Handschuhe an auf dem Weg zur Schule. Mützen, Schals, dicke Winterjacken, gefüttertes Schuhwerk bis über die Knöchel. Mein Kindergartenkind die roten Stiefelsocken. Und mein Babyjunge trägt Wollsocken über seinen Strumpfhosen. Dann Strickpantöffelchen über den Wollsocken. Wollstulpen über den Strickpantöffelchen.
So verpackt ist er zwar dick wie ein Paket, aber wunderbar herbstsicher eingemummelt, wenn wir uns raus ins Novemberwetter wagen. Zuhause bleibt natürlich die eine oder andere Schicht weg. Warm hat er es trotzdem. Kuschelig gemütlich.
Das ist die Seite des Herbstes, die ich ganz besonders gerne mag; die wollig-warme-Schokoladenseite aus Strick. Nach diesen schlichten, schmalen Babystulpen aus „Rosy Green Manx Merino Fine“ (Farbe 211), die ich mit ganz dünnen Nadeln (2.5) und einem einfachen Perlmuster gestrickt habe, liegen zwei ganz ähnliche Projekte auf meinen Nadeln. Beide ebenso einfach, ebenso schlicht- und genauso herbstlich: Das Set aus etwas dickeren, und vor allem auch grösseren Stulpen und einem Paar Fausthandschuhe mit abknöpfbarer Kordel (genial!), sollte bald fertig sein. Passend für noch mehr Wind und Wetter und noch kühlere Tage. Mein kleiner Junge wächst unglaublich schnell. Viele seiner Wollsachen sehe ich förmlich schrumpfen an seinem süssen Knuddelkörperchen. Und so laufe ich quasi gegen den Wind, die Nadeln in den Händen, die Zeit im Nacken… Wie ich schon sagte: Warm halten. Mich und meine Liebsten. Darum geht es.

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Jetzt- in 10

1. Sonnentage wechseln sich ab mit den mehr düsteren Nebeltagen, die so typisch sind für den Herbst und den Winter in dieser Region. Die Kinder rotten sich zusammen; es wird wieder mehr drinnen gespielt, Räume aufs Neue in Beschlag genommen, die den Sommer über ein bisschen verwaist blieben. Hier seht ihr meine beiden jüngeren Mädchen bei einem „Konzert“. Es wurde zwar immer bloss eine einzige „Melodie“ gespielt und eins ums andere mal wiederholt, doch die beinhaltete immerhin eine Art Ganzkörper-Hüpfer des Ein-Kind-Orchesters und den Abschluss-Quietscher eines giftig-grünen Plastikpapageis. Meine Kleinste war hin und weg. Die ganzen 15 Repetitionen lang.

2. Die „Instagramer“ unter euch haben dieses Jäckchen bereits gesehen, aber ich möchte es unbedingt auch hier noch zeigen, weil ich es so wahnsinnig schön finde. Bei meinem lang ersehnten Brockenhaus-Besuch neulich, habe ich diesen flauschigen Schatz hier gehoben: Ein Babyjäckchen aus Kaschmir! Wollig-weiss, handgestrickt und unglaublich kuschelig. Genau das Richtige für mein Baby, das jetzt schon aus vielen seiner Erstlingssachen herausgewachsen ist, auch aus seinem braunen Geburts-Jäckchen, was mich richtig schmerzt, wenn ich ehrlich bin. Ich meine, wieso muss das alles so rasend schnell gehen? Diese allerersten Stunden, Tage, Wochen mit ihrem ganzen babyrosa Flitterzauber- ein Augenzwinkern und fort sind sie. Weg. Verschwunden. Als wären sie gar nie gewesen. Manchmal macht mich das wehmütig. Aber stricken hilft. Wie immer. Es lenkt Blick und Herz auf neue schöne Momente, auf das Gute, das noch vor uns liegt…

3. Die Liebste meines ältesten Sohnes entpuppt sich mehr und mehr als wahrer Juwel: Nicht nur verwandelt sich meine wilde Horde in ein einigermassen gesittetes, selbst in der schlimmsten Regenwetterstimmung plötzlich sehr friedfertiges Grüppchen, sobald sie hier in der Türe steht, nein, sie versteht es auch ganz fabelhaft, das Herz jedes einzelnen Familienmitglieds zu erobern, indem sie Bilderbücher erzählt, für jeden Spass zu haben ist und sich jede Zeit der Welt nimmt für uns. Ich glaube, ich erzähle keinen Quatsch, wenn ich sage: Sie fühlt sich an wie Familie. Diesen Stapel Mädchen-Bücher hat sie meinem Tochterkind mitgebracht. Lauter Romane aus ihrer eigenen frühen Jugendzeit. Schön finde ich das.

4. Ich suche irgendwie permanent nach einem neuen Projekt für meine Stricknadeln. Und aus irgendeinem Grund bin ich nie zufrieden, egal wie oft ich meine Strickmagazine auch durchblättere oder bei Ravelry stöbere, mir Anleitungen ausdrucke, mein Wollregal sichte. Auch diesen Poncho hier werde ich nicht anschlagen. Obwohl es wunderschön ist. Und einfach. Und schnell gestrickt. Und meine Stash-Wolle von Rosy Green (Big Merino Hug in der Farbe „Gartenteich“) tät eigentlich auch prima dazu passen. Aber… nun ja, das Projekt ist es irgendwie doch nicht im Moment. Ich bin selber gespannt, wofür ich mich schlussendlich entscheide…

5. Herbstfarben. Sie begleiten mich auf Schritt und Tritt. Hagebuttenrot, Laubgelb, Nebelgrau, und dieses spezielle, knallige Blau des Himmels, wenn die Septembersonne sich jedes Wölkchen vom Leibe strahlt. Langsam finde ich wieder gefallen an all dem. Am Herbst. Seinen Farben, seinem warmen, welken Duft, dem Abschiedslied, das in der Luft hängen bleibt.

6. Ich habe mir darum auch ganz fest vorgenommen, endlich wieder mehr aus dem Haus zu gehen. Mich raus zu wagen in die Welt, anstatt mich im Warmen und Verborgenen zu verkriechen, wie ich es nur zu oft tue, wenn ich meinem inneren Wesen das Zepter überlasse. Ich brauche mehr Natur, mehr Musse und Raum. Für meinen Körper genauso wie für meinen Geist, der manchmal nicht mehr recht zu atmen weiss nach Tagen und Wochen eingeklemmt zwischen vier Wänden. Jetzt möchte ich unterwegs sein. Keine grossen Reisen, nur Minischritte eigentlich, ein wenig Spazieren draussen an der frischen Luft, mehr nicht. Das tut nicht nur mir gut, sondern auch dem kleinen Zwerglein, das so schön friedlich schlummert, wenn ich es im Tragetuch spazierenwiege.

7. Ein Schnappschuss vom Garten: Die braune Plüschmaus (kaum zu sehen, oben in der Mitte des Bildes) und ihre Freundin, die rosa Miss Piggie, trinken Kaffee und unterhalten sich bei Kastanie und Apfelstück. Ich fand die Szenerie, die meine Mädchen hier beim Spielen aufgebaut haben, so richtig süss und war froh, die Kamera gerade sowieso in der Hand zu haben. Viel zu viele scheinbar nebensächliche Alltags-Dinge gehen verloren und vergessen, weil sich sofort wieder die grossen Dringlichkeiten vor sie schieben. Wie das Abendessen, das zubereitet werden will. Wäsche, Küchenschmutz und raupenzerfressener Kohlrabi im Gartenbeet.

8. Herbst. Auch im Garten. Das Graue auf der Wiese, das ist bloss Sand. Gegen das Moos, das sich überall ausbreitet wie eine Art Rasenseuche. Ich schätze, Moos und Matsch sind einfach der Preis, den man zu bezahlen hat, sobald man Bäume pflanzt?
Die Quitten immerhin, die sind dick und mittlerweile gelb und reif genug, um zu Quittengelée zu werden. Ich freue mich. Nichts schmeckt süsser und herrlicher nach Herbst!

9. Kinderbilder. An einem trist düstergrauen Nachmittag zum Leben erweckte Wesen, die mich zum Schmunzeln bringen. Mein Pausbackenkind malt zur Zeit sehr grossflächig und plakativ, mit einem Hang zum Comic-haften, während meine Grosse gerne skizziert, oftmals nur den innersten Kern des Papiers ausfüllt und rundherum ganz viel Weiss lässt. Meine Jüngste hingegen färbt mit Hingabe jede Ecke in die allerbuntesten Töne, je wilder die Mischung, desto besser. Faszinierend, wie jeder sich seine Nische, seine Ausdrucksform sucht. Und sie immer auch findet…

10. Last but not least: Die Stiefelsocken meiner Kleinen. Sie sind fertig. Und bereits rege in Gebrauch, jetzt, wo die Matschwetter-Saison ins Rollen gekommen ist. Mein Mädchen zieht sie gerne an, und ich denke, ein bisschen stolz ist sie schon, dass sie ihr eigenes Garn an den Füssen spazierenführen kann. Das ist natürlich ein Bonus, der mir sehr in die Hände spielt, denn wie alle Mütter möchte ich meine Kinder natürlich ordentlich ausgestattet und schön warm in die kalte Jahreszeit entlassen. Wolle an kleinen Füssen gab mir schon immer ein gutes Gefühl.

 

 

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right now in 9

1. Septemberlicht wechselt sich ab mit trüben, klammen Morgen, die mich nur schwer aus dem Bett kommen lassen. Und nicht nur mich, was das betrifft; gerade Nebeltage bringen es an den Tag, wie unsagbar schulmüde ein paar meiner Kinder bereits jetzt schon wieder sind, nach nur wenigen Wochen im neuen Schul-Rythmus. Mein frischbebackenes Kindergartenmädchen wenigstens, findet sich langsam ein in ihrer neuen Realität. Ihr Herz wird ruhiger, die Mittage und Nachmittage wieder entspannter, die Morgen für sie und mit ihr gelassener. Dafür bin ich dankbar. Es nimmt einen Teil des Druckes von uns, der uns die erste Zeit im Schulalltag ein bisschen vergiftet hat. Und ja, dankbar bin ich auch für die Sonne. September-Sonnen sind etwas ganz Besonderes. Warm aber mild. Sanft und besänftigend. Und jeden Tag aufs neue hochwillkommen.

2. Den Gegenpol dieser goldenen Phasen bilden die Schatten. Nebelschwanden und Silberblick. Der Garten ist feucht und vieles schimmelt noch vor der Reife; die Aprikosen sind noch an ihren Ästen verfault, der Holunder bildet Beeren, die bereits gären bevor sie richtig schwarz sind, die Äpfel scheinen über Nacht zu verschwinden. Nur die weissen Himbeeren werden süss und saftig und dick, die Quitten prall, mit kräftig-grüner Schale. Ein Grossteil der Meerschweinchen-Wiese ist hoffnungslos vermoost. Je mehr Bäume und Büsche desto weniger Gras bleibt für unsere Tiere übrig, so dass wir grösstenteils mit Heu und Rüst-Abfällen von Möhren, Peperoni oder Apfelbutzen vom Kinder-Znüni nachfüttern müssen. So war das nicht geplant ursprünglich. Aber es ist wie es ist. Ein Punkt mehr, der mich von mehr Land träumen lässt…

3. Was mein Kräuter-Gartenjahr angeht: Es war bisher recht trostlos. All meine Vorsätze und Pläne von eingemachtem Sirup, Salbeihonig oder Gläsern voller getrockneten Kräutertees verpufften irgendwie im Laufe der Monate. Die Kräuterspirale wurde von zwei, drei dicken, fetten, schwarzen Spinnen annektiert, die mir derart ungeheuer sind, dass ich den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht überschreite, sprich das Zitronenkraut oder den Thymian nicht anrühre aus lauter Angst, es könnte genau dann, wenn ich zupfe und schnipple so ein garstiges Krabbelvieh aus seinem dicken Röhrennetz hervorspähen *schauder*. Allerdings ist sowieso keine meiner Kräuterpflanzen so richtig schön gediehen. Der Salbei vertrocknet, der Thymian ausgeblüht und mager, das Zitronenkraut schmächtig. Nur der Schnittlauch ganz unten im feuchteren Teil der Spirale gab ab und zu genug her, um einen Dipp damit anzurühren oder den Salat, von dem es auch eher wenig zu ernten gab, mit ein paar Röhrchen aufzupeppen.
Gestern habe ich versucht, ein bisschen aufzuräumen. Nach nur einem Beet musste ich allerdings aufgeben, weil mein Becken vom Bücken einfach zu arg schmerzte. Den Grossteil der Pfefferminze habe ich dem Kompost gespendet, aber eine Schüssel voll ist gesäubert und zerpflückt und wartet nun darauf, im Dörrex für den Winter getrocknet zu werden. Meine einzige Ausbeute in diesem Jahr. Aber wir wollen dankbar sein. Die Natur ist nicht nur für uns Menschen da: sie teilt mit allen, und Bienen, Falter und Krabbelgetier fahren ihren Teil der Gartenernte gerne ein, wenn wir sie nur lassen. Dass mein Lavendel von mir völlig ungenutzt verblüht ist, macht mich darum überhaupt nicht traurig: das fröhliche Gesumme und emsige Geschwirr während seiner Blütezeit war eine grosse Freude und mir Ernte genug…

4. Wir hatten Ratten. Im Keller. Was wir zuerst als süsse, kleine Maus zu identifizieren glaubten und uns anfangs, als wir die ersten angeknabberten Lebensmittel im Vorratsraum entdeckten, überhaupt nicht gross erschreckte, entpuppte sich nach einer Weile als ganze Wander-Ratten-Familie. Spätestens als wir die ebenso gewaltige wie angriffslustige Mama-Ratte in der selbstgebauten Lebend-Falle hatten, fanden wir das Ganze dann auch nicht mehr wirklich süss und harmlos. Jedes Tier, das wir fangen konnten, kam raus in den Wald. Die löchrigen Gitter vor den Keller-Lüftungsschächten wurden erneuert. Die Abdeckung zu einer Wasserröhre subito wieder aufgesetzt und mit schweren Steinen beschwert. Manchmal höre ich es nachts daran knabbern. Ich denke an pelzige Meere im Mittelalter und sehe die Geschichte des „Rattenfängers von Hameln“ in einem völlig neuen Licht.

5. Zurück zu erquicklicheren Themen. Meine Socken-Strickerei kommt langsam voran. Im Moment hat sie ein wenig stagniert, weil ich abends gerade zu müde bin zum Aufbleiben und meine Vormittage sich irgendwie mit anderen Dringlichkeiten füllen, aber mein zweiter roter Kinder-Stiefelstrumpf und meine erste Herbst-Socke wachsen langsam ihrer Vollendung entgegen. Besonders schön finde ich das goldene Merino-Yak-Socks-Sockengarn der Spinnwebstube. Es gleitet warm aber leicht seidig durch meine Finger und gefällt mir verstrickt genauso gut wie zum Ball gewunden oder naturbelassen in seinem Strang. Und die wunderschönen Projekt-Bags aus „Mimis Laden“ sind mir zu treuen Begleiterinnen geworden, die ich nicht mehr hergeben würde…

6. Ein bisschen genäht habe ich auch. Allerdings völlig stümperhaft und mehr auf Nutzen als auf Optik ausgerichtet: Aus einem wirklich uralten, nicht mehr ganz lupenreinen Baby-Duvet, das ich zwar hässlich aber schlicht zu praktisch fand zum Wegwerfen, wurde ein spontaner Krabbelquilt, den ich einfach entlang seines Musters und mittels einer abgesteppten Saumnaht rudimentär zusammengequiltet habe. Kein besonders gelungenes Projekt, das sehe ich ganz realistisch. Aber ein Brauchbares. Nicht zu schade für dreckige Böden und Babyspucke. Und das andere da links oben im Bild, das sollen Stilleinlagen sein. Nach einer Anleitung aus dem Netz, mit Vlies-Mittelteil, Baumwollestoff nach aussen und alten Jersey-Resten für auf der Haut. Wie sie aussehen: blöd. Wie sie sich bewähren wird sich wohl bald zeigen…

7. Dafür bin ich rundum zufrieden mit meinem Flickwerk hier: die beiden Lieblingskleidchen meiner zwei jüngsten Mädels bekamen -inspiriert von diesem Buch hier– handgestichelte Flicken aus den alten, zerschlissenen Jersey-Sachen, die ich in meinem Näh-Schrank genau für solche Zwecke horte. Und sehen damit irgendwie gleich nochmals so liebenswert aus, finde ich. Je mehr ich mit einem Kleidungsstück in Berührung komme, es sehe, anfasse, pflege, repariere, desto mehr wächst es mir ans Herz. Desto mehr wird es Teil meines Lebens, ein Gegenstand, zu dem ich eine Beziehung entwickle, anstatt ihn einfach nur zu benutzen. Und ich merke; ich bin ein Beziehungsmensch. Was für mich zählt, ist die Art und Weise, wie ich empfinde gegenüber der Dinge, Menschen, Orte oder Momente.

8. Und wo wir gerade von Empfindungen sprechen: im Augenblick fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen haltlosem Aktivismus und fauler Trägheit. Das Chaos um mich herum nimmt permanent zu. Die fleissige Biene in mir summt darum umso hektischer. Aber mein runder werdender, nicht mehr wirklich leistungsfähiger Körper bremst mich aus. Ich versuche, gelassen zu bleiben und die Balance zu finden zwischen gemütlichen Ruhephasen mit meinen Stricksocken auf dem Sofa und geschäftigem Hantieren mit Mülltüten, Brocki-Boxen und Staubsauger. Aber eigentlich ist das nichts neues. Dieser Spagat gehört zu meinem Leben, soviel habe ich immerhin gelernt. Mit Baby dann umso mehr.

9. Ja, das Baby… Ich habe alle meine 5 Kinder bisher normal und spontan zur Welt bringen dürfen, absolut komplikationslos und relativ rasch bis rasend schnell. Trotzdem bin ich ungeheuer nervös, wenn ich an die bevorstehende Geburts dieses 6. Kindes denke. Alles ist irgendwie anders diesmal. Diese Schwangerschaft war noch happiger als die letzte, die Vor- und Senkwehen für mich ungewöhnlich stark und anhaltend und für mich überhaupt eine neue Erfahrung, und dank der Schwangerschafts-Diabetes, in der ich mir zweimal täglich Insulin spritzen muss, um meinen Blutzuckerspiegel so einigermassen im grünen Bereich zu halten, gibt es nun auch eine Deadline, was meine Kugelzeit betrifft. Die Geburt wird am errechneten Geburts-Termin eingeleitet. An meinem Kühlschrank hängt bereits ein Zettelchen mit Zeit und Datum und ich kann kaum sagen, wie sonderbar sich das Ganze anfühlt. Aber nun denn. So sei es. Hauptsache, es kommt alles gut. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch…

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Ausschnitte

Wir haben ein wunderbares Wochenende damit verbracht, Pizzeria-Pizza zu essen, Mascarpone-Cheescake zu backen, Dinge zu verschieben und ein paar kleine Ecken in diesem Haus für uns neu und gemütlich herzurichten. Im hellblauen Zimmer meiner Grossen, in dem sie weder schläft noch Hausaufgaben macht, sich aber ab und zu zurückzieht, wenn sie ganz alleine sein möchte und ein wenig Ruhe braucht, wurde der Staub von den Kanten geblasen, ein stabileres Bett einquartiert und die Lese-Nische unterm Dach kuschelig aufgepolstert. Schön. So still. Friedlich. Hier könnte es mir auch gefallen.

Das antike Schwarzweissbild, das ich ihr zum 10.Geburtstag Ende Juli geschenkt habe, durfte endlich auch an die Wand. Irgendwann im Frühling muss es gewesen sein, als ich es beim Trödler zwischen lauter halb zerfallenen Rahmen entdeckt, und für n’Apfel und n‘ Ei mit nach Hause gebrachte habe. Dass es ihr genauso gut gefällt wie mir, macht mich richtig froh. Aber ich habe nicht wirklich daran gezweifelt. Ich kenn‘ doch mein Mädchen…

Als ich neulich schrieb, ich würde mir etwas Neues, etwas Besonderes wünschen für mein nächstes Strickprojekt, hätte ich wohl kaum mit dem gerechnet, was ich momentan ganz frisch auf meinen Nadeln habe: Nochmals Socken. In Grösse 39. Für mich also. Und hey; sie sind braun. Von Aufregung und Innovation kann also nicht die Rede sein. Aber das muss es auch nicht. Das Garn macht die Musik: herrlisch flauschiges, wunderschön gefärbtes Sockengarn von der Spinnwebstube, mit Merino und Yak und nur einem Bruchteil Nylon, weil ich Naturfasern zwar über alles liebe, mich aber ganz bestimmt nicht in ein paar selbstgemachte Socken vergucke, die dann ratzfatz im Alltagsgefecht durchgescheuert und zerlöchert werden. Ich habe lange überlegt, wie genau ich meine Socken stricken möchte. Ich habe sogar richtig geplant, skizziert, Maschen ausgerechnet und eine erste Socke im Perlmuster begonnen- schliesslich aber alles wieder aufgelassen und beschlossen, diesmal -zum ersten Mal- mehrfarbig zu arbeiten. Braun mit andersfarbeneer Ferse und Spitze und einem kleinen Zierrand gleich nach dem Bündchen. Heute sind weitere Sockenwoll-Strangen hier eingetrudelt. In Goldgelb, Baumgrün, Holz und Asche. Schönheit über Schönheit.

Es gab Brownies heute. Gebacken nach original amerikanischem Rezept. Fudgy und süss und klebrig. Auch wenn ich beim nächsten Mal wahrscheinlich die Zuckermenge um 50-100 gr. reduzieren werde: genau so müssen Brownies sein. Und meine Kleinste und ich hatten unheimlich viel Spass beim Kochsendung-Gucken und Rezepte-Vergleichen auf Youtube… (Dasselbe Rezept findet ihr übrigens auch hier, einfach im Schnelldurchlauf und musikalisch ganz nett untermalt. Und falls jemand sich über eine Übersetzung ins Deutsche freuen würde, hier auf Kirschkernzeit, dann meldet euch ungeniert! So was lässt sich nämlich gut machen, wisst ihr…) Eine süsse Kostprobe unseres nachmittäglichen Backvergnügens wanderte übrigens direkt zu meiner alten Nachbarin. Zum Kaffee. Damit sie auch ein wenig amerikanische Küchenluft schnuppern kann. Die Mädchen freuen sich immer wahnsinnig darauf, bei ihr mit einem Teller homemade Goodies klingeln zu dürfen; sie bekommen nämlich jedes Mal einen Schoko-Riegel, eine süsse Hüppe oder einen Keks zugesteckt…

Dieses Strickmagazin kam neulich bei mir an. Ebenfalls in englisch. Weil ich diese Sprache einfach wahnsinnig gerne mag. Und weil ich Strickmuster liebe und niemals nie genug davon kriegen kann. Allerdings wird diese Ausgabe von „Pompom“ wahrscheinlich zugleich meine Erste und Letzte sein, denn ich bin ein wenig enttäuscht vom Umfang dieses Heftes, obwohl die Bilder fantastisch aussehen und man merkt, dass viel Aufwand um die einzelnen Inhalte betrieben wurde. Aber ausser ein paar zugegeben äusserst hübschen, eher aufwändigen Strickdesigns beinhaltet es… so gut wie gar nichts. Eine reine Strickmustersammlung. Und das bin ich irgendwie nicht gewohnt. „Taproot“ und „Making“ haben mich wohl ein bisschen verwöhnt, denn die wiederum sind für mich Seelen-Nahrung pur.

Das kleine Strampelkind in meinem Bauch erfährt nicht unbedingt viel pränatale Aufmerksamkeit. Meist bin ich einfach nur dankbar, wenn sich mein Bauch und das ganze Thema nicht gross bemerkbar machen und mir genug Energie bleibt, um meinen Alltag einigermassen souverän zu stemmen. Ich finde das Leben ziemlich anspruchsvoll gerade und alles, was sich quer stellt, bringt das Fass zum Überlaufen. Aus Mäusen werden Elefanten, kein Wunder geht das Baby ständig vergessen in all dem Durcheinander.
Diese Woche aber hatte ich phasenweise derart starke Vorwehen, dass ich meine Augen nicht länger davor verschliessen kann: Der Countdown läuft. Die Zeit verrinnt nicht länger, sie strömt bereits ziemlich kraftvoll davon und bringt den Geburtstermin dieses Kindes näher und näher. Und ja, vielleicht kommt es auch früher als erwartet, obwohl das sehr untypisch wäre für mich, aber mit Vorwehen hatte ich bisher ja auch noch nie zu tun, auf keinen Fall mit jenen dieser Art… Nun, das Köfferchen ist jetzt jedenfalls gepackt. Oder vielmehr die Spital-Tasche. (Ich nehme diese hier mit.) Meine Schwester bringt mir ihren Maxicosy für die erste Fahrt im Auto und das, was ich überhaupt noch übrig habe an Säuglingskleidung, ist vom Speicher geholt, gewaschen und einsatzbereit. Keine Ahnung, wann es tatsächlich soweit ist. Es kann im Grunde noch Wochen dauern. Aber es ist ein gutes Gefühl, vorbereitet zu sein.

Jeden Morgen wird mir aufs neue klar; der Sommer liegt im Sterben. Der Hochnebel drückt nach unten, hüllt Häuser und Bäume, den Himmel, den Horizont, alles Leben, alles Sein grau in grau. „Trostlos“ ist das Wort, das mir in den Sinn kommt. Und weil wir alle irgendwie ein bisschen bedrückt und nur zögernd und wehmütig unser warmes Heim verlassen und ich mich völlig unfähig anstelle, die Kinder für die Schule, für ihren Alltag generell zu motiviere, kommt dieses Wort buchstäblich aus tiefster Seele. Trost-los. Da hängt so viel Schwermut in der Luft.

Gestern Abend nach dem Abendbrot ging ich nochmals kurz in den Garten. Abende sind die späten Morgen zu dieser Jahreszeit. Das Bild und die nebelfeuchte Luft sind dieselben. Der letzte Sturm hat zwei unserer Riesen-Sonnenblumen gestürzt und die restlichen haben so schwer an ihren Köpfen zu tragen, dass sie teilweise knicken. Ein trauriges Bild. Und doch so voller Schönheit. Diese tapferen, prallen Sonnen im kalten, milchigen Herbstdunst. Ich stand eine Weile vor dem welkenden Beet. Dann musste ich schreiben. Es gibt Anblicke, die füllen mein Herz mit Worten:

Leise aber vehement und unüberseh-, schlicht nicht länger ignorierbar schleicht sich der Herbst ein. Die wonnigen Freiheitsgefühle des Sommers bekommen einen dünnen Trauerrand. Welke Blätter kräuseln sich, noch halb versteckt zwar. Sie wissen sich zu tarnen, aber ich weiss, dass sie da sind.
Bereit bin ich nicht.
Das bin ich nie.
Doch mein Widerstand bildet Risse angesichts der wilden Schönheit einer üppig gereiften Natur. Ich muss nicht bereit sein, den Sommer ziehen zu lassen.
Ich muss nur annehmen, was ist. Akzeptanz ist eine Kunst, die das Stundenglas der Zeit mich lehrt.

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