Archiv der Kategorie: ein Bild erzählt

Färben mit Rosmarin und ein Peret

Auf meinem Laptop lag Staub. Ich werde langsamer und langsamer, träger und träger. Aber das ist in Ordung, habe ich beschlossen. Es ist in Ordung, auch beim Bloggen und in der Kreativität Jahreszeiten zu haben. Einen Frühling, wo alles neu wird und frisch gedeiht. Einen Sommer, der mit Schwung vor sich hin läuft, wo die Nacht zum Tag wird und umgekehrt. Den Herbst, der sich auf die Dinge fokusiert, die sein müssen, der sich kümmert und vorsieht und wenig Platz kennt für Spielereien. Und dann ist da noch der Winter. Hibernation. Eine kühle, stille, wenig fruchtbare Zeit, die einfach ausgehalten werden will. Und auf der auch ihr Segen liegt.

Momentan pendle ich zwischen Herbst und Winter. Es gibt dunkle Phasen, es gibt hellere, alles dreht sich um Geduld, Zärtlichkeit und Akzeptanz, darum auch in den Turbulenzen eines Lebens mit Kleinkind (wo ist nur mein Baby geblieben?!) verlässlich zu bleiben und das Rad am Laufen zu halten, ohne zur Maschine zu werden. Alles ist spontan- und braucht gleichzeitig enorm viel Struktur und Organisation.
Für Sachen wie unbeschwertes Schreiben, mal eben ein paar Runden Stricken oder so scheint der Zeitpunkt einfach nicht richtig.
Darum stehe ich zu meinen Pausen. Hier. Bei Instagram. Auch im fassbaren Leben. Das Rad dreht sich. Aber langsamer. Weil alles andere saust und wirbelt und nur zu leicht in alle Winde verweht…
Die Farbe der grüne Wolle oben stammt übrigens aus dem Gartenbeet meiner Nachbarin. Ihr üppiger Rosmarinstrauch beeindruckt mit jeden Sommer aufs Neue mit seinen dicken, knorrigen Ästen und dem wilden Grün seiner Nadeln. Er scheint windschief und uralt. Auf seine Weise erfahren, nichts kann ihm etwas anhaben, weder Biese noch Hagel noch Frost oder die Unbarmherzigkeit der Julisonne.
Auf Instagram habe ich folgendes dazu geschrieben:

Kuschelwolle in einer ersten und zweiten Färbung mit dem üppigen Rosmarin meiner alten Nachbarin. Damit ich nicht vergesse. Wie schön der Sommer war, wie reich das Leben und die Freundschaft. Die Frau ist über 90. Jeden Herbst, wenn die Stare sich in den Baumwipfeln über unseren nebeneinander liegenden Gärten sammeln und ihr Reisegeplapper über die Dächer schallt, stehe ich mit ihr draußen auf dem Hof und schaue in den Himmel. Ich denke an die Flüchtigkeit der Zeit und hoffe auf ein Dejavue im nächsten Jahr. Wenn sich alles wiederholt. Wer weiss. Wer weiß wie viele Jahreszeiten nach über 90 noch möglich sind? Wer weiß wie oft sie noch im Garten stehen und ihren Rosmarin schneiden wird? Darum ist diese Wolle hier für mich etwas ganz Besonderes. Ich nenne sie „Queen Anne“.


Aus einer meiner ersteren Färbungen auf einem überfälligen Strangen „Cumbria Fingering“ ist ein Peret geworden; die Baskenmütze aus Elas Buch „Stricken durchs Jahr“, das schon viel zu lange fast unbenutzt in meinem Regal steht und mehr Staub ansetzt als mein Laptop. Obwohl es so schöne Projekte hätte. Für mich. Gerade für mich. Jäckchen und Mützen und Schals und Tücher. Wolliges in Reinform, schön und schlicht und kuschelig. Seit ich diese voluminöse, aber herrlich leichte Baskenmütze abgekettet habe, trage ich sie praktisch ununterbrochen. Sobald ich aus dem Haus trete. Mein braunes Homestead-Tuch, die jägergrüne, dicke Jacke, aus der Kind1 hoffungslos herausgewachsen ist, Alpaca-Handschuhe vom letztjährigen Kunsthandwerks-Markt, abgewetzte dunkle Lederstiefel. Und diese Mütze. In der alle meine Haare Platz finden, ob zum Dutt hochgedreht oder in vollen Zöpfen. Eine wunderbare Passform, so ein Peret. Ich fühle mich vorbereitet und wohl darin. Ganz ich, irgendwie.

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für meinen Kleinen: Playdate Cardigan

Ich bin wieder da!
Irgendwie freue ich mich selber, diese vier Worte zu lesen. Und das Ausrufezeichen. Ausrufezeichen sind fein. So emotional und spontan. Ich benutze sie öfter als mir lieb ist, aber warum auch nicht, wenn’s von Herzen kommt?
Jedenfalls fühlt es sich gut an, wieder hier am Laptop zu sitzen und in die Tasten zu hauen, dass es nur so knallt und klimpert. Virtuos sozusagen. Wenn ich schon nicht musikalisch bin.
Aber ein bisschen erleichtert bin ich trotzdem, dass neben mir eine Kamera voller neuer Fotos liegt, Bilder von Wolle hauptsächlich, von natürlich gefärbter Merinowolle und von Wolligem, das mein kleiner Spatz gerade spazieren führt, jetzt wo der Herbst seine Füsse felsenfest in die dunkle, kühle Erde krallt, nicht mehr loslässt, was ohnehin der Vergänglichkeit preisgegeben wird. Die Sonnenblumen bleiben tapfer, der Holunder hingegen hat aufgegeben und beim Wochenend-Herbststurm fast sein gesamtes Laub verloren. Durch die Lücken in den Ästen sehe ich den nahen Wohnblock. Mein Garten scheint so viel kleiner, wenn das natürliche Blättergehege drum herum in alle Richtungen verweht. Grenzen, die fallen. Schutz, der plötzlich fehlt. Geborgenheit, die sich auflöst. Dann möchte ich wegziehen, raus aufs Land, hinein in ein anderes Leben, fernab von Hauptstrasse und Wohnblock-Pilzen.
Vielleicht ein andermal.

Die Natur-Idylle vom Leben abseits von allem stelle ich mir immer so vor: Ich in einem handgenähten Leinenkleid, wie ich mir die mehligen Hände an der Schürze abwische. Ich habe Kuchen gebacken oder Brot.
Meine Grosse füttert die Ziegen mit Armladungen von Heu, sie krault die pelzige Stelle zwischen den Hörnern und nennt jede beim Namen. Die jüngeren Kinder spielen. Mit Puppen- und Katzenkindern, und der Wind streicht sacht durch ihre lose gewordenen Zöpfe. Die Jungs lesen, verbummeln die Zeit, treffen Freunde zum Fussball oder zum Reden und Nichtstun irgendwann irgendwo, vielleicht lernen sie auch, brüten über Hausaufgaben oder in Vorlesungen oder hantieren mit Werkzeug und nennen es Arbeit. Mein Kleinster steht neben mir. Wahrscheinlich hält er einen Teddy in der einen, meinen Rockzipfel in der anderen Hand. Das muss so sein. Auch wenn es einem erschöpft, diese Nähe und Verbundenheit zu und mit einem so süssen kleinen Wesen gehört zu den schönsten Geschenken eines Menschenlebens, wenn es mein Menschenleben ist.
Die Sonne scheint, aber zarte Wolkenschleier dämpfen ihre Kraft, machen sie weich und sanft und willkommen. Es riecht nach Freiheit, nach Reinheit und Geborgensein, nach einem Fenster, das immer offensteht, es sei denn die Nacht bricht an.
Und meine Kinder tragen Wolle. Ganz klar. Kinder auf dem Land tragen immer Wolliges, je kleiner desto ausschliesslicher, bis auf den Sommer, da sind es Leinenkleidchen und lockere Shorts, ein Sonnenhut vielleicht, aber niemals Schuhe.

Nun… mit der Familienidylle hinter den Sieben Bergen wird es wohl nichts mehr in diesem Leben (wobei man ja nie weiss, nicht wahr?). Doch Wolle findet heute schon Platz. Je kleiner desto ausschliesslicher, ich wiederhole mich. Darum stricke ich wacker und lasse nicht locker, bis jedes meiner jüngeren Kinder sein Jäckchen hat, seine mamagemachte Mummelschicht gegen den Herbst und seine Launen. Mein Kleiner macht den Anfang. Seine dunkle „Playdate Cardigan“ (von Tincanknits) ist so leicht, weich und zart, dass sie auch zum Sommerjäckchen taugen würde. Doch so lange kann ich nicht warten, das Kind wächst zu schnell, das Jäckchen nicht. Obwohl ich Grösse 1-2 Jahre gewählt habe, sitzt jetzt schon alles recht körpernah, die kleinen Glasknöpfchen (von dir, liebe Lisa!) spannen über dem runden Bäuchlein, während er turnend, rennend, kletternd wie ein Wirbelwind durch seine Kindertage fegt. Ich habe unten am Saum etwa 5 cm länger gestrickt als angegeben. Babys brauchen Wärme, keine rutschenden Pullis oder Jäckchen. Die Ärmel hingegen musste ich nochmals auflassen und präzise nach der Anleitung gehen, nachdem ich zuerst dachte, auch hier wären ein paar Runden mehr sicher nicht falsch.


Es ist ein feines Jäckchen geworden. Zart und luftig und vielleicht nicht ganz das Richtige für so ein wildes Rabauken-Kind wie meinen kleinen Knubbel, der vor nichts zurück schreckt (ausser vor Fremden) und das Abenteuer herausfordert.
Auf der anderen Seite… ich will diese Zeit nutzen. Geniessen. Vielleicht erschöpft dann und wann, vielleicht manchmal sehnsüchtig und mit zu vielen Blicken nach links und rechts, aber trotzdem aufrichtig und ehrlich bei dem, was ist.
Mein Baby soll ruhig feine Sachen tragen, egal was er anstellt darin. In weiche Kuschelfasern schlüpfen, in Seide, Merino, Seacell, so wie hier, wo ich einen Strangen des längst verschwundenen Edel-Labels „Siidegarte“ verstrickt habe. Ich möchte, dass er dieses wunderbare Gefühl auf der Haut spürt. Wärme ohne Kratzen. Umhülltwerden ohne Nähte. Er soll sich rundum wohlfühlen. In Mamas Sachen. Ich meine, wenn nicht jetzt, wann dann?
Pflücken wir den Tag. Ohne Reue, mit beiden Händen.

PS. Eure letzten Kommentare…. so wohltuend, so wunderschön… Ich hoffe, ich kann sie alle noch beantworten…

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Herbstsocken und ein Gedanke

Fast ein Jahr hat es gedauert, bis dieses Paar Wollstrümpfe an meine Füsse kam. Volle vier Jahreszeiten. Ich erinnere mich schwach, dass ich sie im letzten Jahr ungefähr zu dieser Zeit ganz euphorisch angeschlagen habe, hingerissen von den wunderschönen, satten Herbsttönen, in denen Rita für ihre „Spinnwebstube“ ihr Merino-Yak-Sockengarn färbt. Braun und Gold und Graulila. Einfach schön. Und wie der Faden durch die Finger gleitet, seidig und gleichzeitig robust… schön. Einfach schön, auch das.
Ich denke, ich kann sagen, ich stricke gerne mit dieser so besonderen Sockenwolle. Und ich liebe die Farben. Nach wie vor.
Dass es zwölf Monate, vier Jahreszeiten, einen ganzen Jahreskreis brauchte, um die letzte Masche abzuketten und ein Pärchen neue, braune Wollstrümpfe mein eigen zu nennen, hat andere Gründe als ein Garn, das einem verleidet; Ich habe entdeckt, dass ich überhaupt nicht gerne rechts verschränkt stricke. So ein Geknorze! Die Masche will meistens irgendwie nicht so, wie meine Finger wollen, der ganze Fluss gerät ins Stocken, und das ist es ja gerade, was ich so mag am Stricken, das Fliessen und Vorwärtsrollen, dass meine Hände mittlerweile autonom arbeiten können, zwei, drei, vier, fünf Maschen lang, und die Augen ihnen nur noch ab und zu einen Blick schulden, souverän aber knapp, wie altehrwürdige Hirtenhunde bei einer Herde braver Schafe.
Bloss dass rechts verschränkte Maschen eben alles andere als brav sind. Mehr störrisch. Bockig.
Leider habe ich das erst erkannt, nachdem ich mich schon ein ganzes Stück bis weit über die Ferse mit einem Muster aus rechts verschränkten und klassisch linken Maschen abgemüht hatte.
„Na gut“, dachte ich und biss die Zähne zusammen. „Machen wir hald weiter so. Wenigstens sieht es gut aus.“
Nun ja, als die erste Socke dann fertig war, war ich mir diesbezüglich auch nicht mehr so sicher. Eigentlich, so denke ich heute, eigentlich mag ich rechts verschränkte Maschen bloss im Bündchen. Als kleines Extra. Nicht ausgegossen über die ganze Fusslänge. Das wirkt irgendwie… zu eng. Steif. Die Lücken zwischen den Maschen sind wenig kleidsam.
Trotzem hab‘ ich meine Freude an diesem Paar. Natürlich rettet die schöne Wolle hier einmal mehr ein nicht wirklich ausgereiftes Muster, das ich mir innerhalb eines altbewährten Sockenprinzips mal eben aus den Fingern gesogen habe ohne richtig zu planen. Und klar bin ich froh, findet dieses schleppende Langzeit-Projekt jetzt einfach mal ein Ende. Ein trotz allem ganz glückliches sogar, denn Wollsocken habe ich bloss wenige, hätte aber gern ein ganzes Arsenal davon, mit dem ich mich wappnen kann gegen die kommende Kälte und den winters recht klammen Boden hier im Haus.
Jetzt habe ich aktuell bloss noch zwei Arbeiten auf den Nadeln: eine Kinderjacke für meine 8jährige aus seidig schimmerndem lila Schmusegarn und ein dickes, grosses, dunkelblaues Dreieckstuch aus handgesponnener Wolle, das ich wahrscheinlich zum Lückenbüsserprojekt zwischen Abketten und neu Anschlagen ernennen werde, weil es einfach ist und so gar nicht eilig. Socken reizen mich aber. Nochmals. Diesmal wahrscheinlich mehr klassisch, mit kurzem Bündchen, Ferse und Spitze in Kontrastfarben, dazwischen einfach bloss glatt rechts. Simpel aber gut. Und vielleicht meine pflanzlich gefärbten Bambus-Sockengarne? Altrosa mit Braun? Oder Braun mit blonden Einstrickmuster-Streumaschen und rosa Ferse und Spitze…? Meine Färbungen sind wie Honig. Und ich die Biene. Nicht weil sie so besonders schön wären… aber besonders, für mich, weil sie meine sind.

Manchmal überlege ich, wie es wohl wäre, einen kleinen Webshop zu haben. Für den ich färben könnte. Ich tadle mich dann zwar und rücke mir den Kopf gerade, der kurz einmal ein bisschen zu weit in den Wolken war, aber ich kann mir nicht helfen; der Gedanke gefällt mir. „Woolentwine“ macht so schöne Sachen. „Wooly Mamoth Fibre“ genauso. Allein ihre Bilder machen mich schon glücklich. Sowas möchte ich auch einmal können.
Beim Insbettbringen meiner Kinder heute, ist mir der Gedanke gekommen, einfach weiter zu färben. So wie ich es eben kann in Moment. Noch in Kinderschrittchen, mit mehr Glück als Verstand aber mit ganzem Herzen bei dem, was ich tue. Färbebücher lesen, Pflanzen entdecken, Blätter, Kerne, Beeren, Wurzeln sammeln… und einfach spielen und im Thema tauchen und baden soviel ich mag.
Und dann -vielleicht- einen kleinen Marktstand an einem der vielen Herbst-, Weihnachts-, Koffer- oder Handwerks-Märkte haben. Einfach so. Dann, wenn es passt.
Ich und ein Marktstand?
Der Gedanke kam unvermittelt und schien mir recht unverfroren. Doch ich habe ihn noch nicht verworfen.

PS. Das süsse kleine Sämchen-Kind aus Filz auf dem ersten und zweiten Foto stammt übrigens einmal mehr von Allerleirauh. Es kam zusammen mit einer genauso verschmitzt schmunzelnden Mutter Erde und gehört zu meinen allerliebsten Filz-Schätzen überhaupt. (Könnte ich Icons einsetzen, würde hier jetzt eine ganze Reihe Herzen blinken.)

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schleppend

Ich möchte gerne einen Färbe-Post schreiben. Von Rhabarber, Birke, Brennessel und Avocado. Noch ein bisschen weiter in meiner Passion schwelgen. Notieren, was genau wie hier vor sich geht, welche Masse und Zutaten bei mir mit welcher Wolle welchen Ton ergeben…
Aber heut‘ ist mir nicht wirklich danach zumute. Ich bin so müd, dass ich die Unordnung im Haus noch weniger ertrage als sonst, und ein bisschen Langsamkeit und Pause brauche, Pause für Körper und Geist. Ich mag kaum denken, so schleppend drehen sich die Rädchen in meinem Kopf.
Der schwungvolle Post neulich, entpuppte sich übrigens als Trugschluss; kaum kamen die Kinder an Tag 2 nach Ferienende mittags nach Hause, flossen die Tränen in Strömen, flogen uns Überdruss und lauthals geäusserter Schulkoller um die Ohren. Keins meiner Kinder konnte sich mehr freuen an Unterricht, Gspänli und „dem eigenen kleinen Leben“ da draussen… Und ich muss sagen; ich bin auch schon wieder ganz schön erschöpft. Allein die Schulmorgen schaffen mich jeweils so ziemlich. Und mein Baby schläft schon wieder schlecht und unruhig, was die Situation noch verschärft.
Wie gut, dass ich das Färben habe. Diese wunderbare neuentdeckte Oase des Hand-Werks, in der ich mich unglaublich wohl, geborgen und gleichzeitig belebt fühle. Habe ich abends einen Topf Wolle angesetzt, komme ich frühmorgens viel leichter aus dem Bett. Weil ich mich freue und unglaublich neugierig bin, welche Färbung mich wohl erwartet. Mein Espresso für die Seele, glaube ich.
Und dann ist da mein Garten. Mein Gärtchen. Wo das Gemüse mich langweilt und schlecht wächst, die Bäumchen, Kräuter und Blumen aber ihren Platz verteidigen gegen Wind, Wetter und Ganoven. Und mir so viel Freude machen. Einfach damit, dass sie da sind. Ich habe einen Armvoll Rosmarin geerntet, von dem ich ja eigentlich dachte, er würde an seinem Schattenplatz zwischen den Himbeeren eingehen. Sein Duft war berauschend; noch nie habe ich etwas so intensiv Harziges, Ätherisches gerochen, ein Geruch wie der Weihrauch, der an Weihnachten in der Kirche verbrannt wird.
Rosmarin. Eine meiner allerliebsten Kräuterpflanzen. Vielleicht weil ich selber wenig robust bin, wenig Bodenhaftung und Rückgrat habe und immer ein bisschen im Wind mitflattere. Rosmarin…das bedeutet Ruhe für mich. Eine stabile, kraftvolle, selbstbewusste und unaufgeregte Ruhe. Ich empfinde ihn als recht maskulin. Oder gestanden weiblich. Wie eine Mutter mit Schürze, die Brottteig knetet oder ihre Hühner füttert. Wenn ich Rosmarin rieche, wirkt das sehr kräftigend auf mich, belebend, ohne aufzuputschen, tröstlich ohne Selbstmitleid. Kurz kam mir der Gedanke, mit Rosmarin zu färben (in Rebecca Desnos Magazin „Plants are magic“ ergab das einmal ein recht hünsches Violett), aber dann verwarf ich den Gedanken wieder, weil mir meine Kräuter einfach zu schade sind, um in einem Zug verkocht zu werden. Ich möchte sie lieber trocknen und trinken. Oder essen. Mein Körper muss seit einer Weile eine ziemliche Durststrecke durchwandern, was Nährstoffe und Vitamine angeht, denn ich komme kaum zum Essen, geschweige denn Kochen. Alles muss schnell und einfach gehen und Kohlenhydrate wie Brot oder Spathetti sind natürlich Trumpf. Würde mein Babykind mir die Musse lassen zu backen, wäre meine Ernährung wahrscheinlich eine fröhlicher Mix aus Kuchen und Keksen.
Nun denn. Koche ich eben Wolle. Und Färbeflotten. Das braucht weniger Arbeits-Zeit und kaum Konzentration.
Neulich habe ich mir übrigens Löwenzahnwurzeln von meiner Mama gewünscht. Ein paar bloss, und sie hat ungeheuer viele, eine ganze Wiese voll, würde ich mal sagen. Jetzt trocknen sie, der Länge nach halbiert, im Gartenhäuschen im Schatten, und ich hoffe, ich kann Tinktur aus ihnen machen. Was ich noch nie gemacht habe. Kombiniert mit anderen heilsamen Pflanzen, die den Magen stärken. Das würde mir bestimmt gut tun…
Und bevor ich euch jetzt „tschüssi macht’s gut“ zurufe und in Richtung Stube zum Turbo-Aufräumen verschwinde, verrat‘ ich euch noch kurz, was es mit dem letzten der drei Fotos auf sich hat: Ein misslungenes Färbe-Projekt ist das. Das ich gerade zu retten versuche. Im Metalleimer ganz links sind ausgekochte Schilf-Blüten vom Dorfbach. Mit denen wollte ich Grün färben. Weil ich Grün so gerne mag.
Leider wurde Beige daraus.
Ohne Beize kein Grün, denke ich, und ich hab‘ mich bisher gescheut, Sachen wie Alaun oder Kaltbeize und all das ins Haus zu holen. Natur pur, hab‘ ich gedacht, aber eben…
Jetzt köchelt ein weiterer Topf auf dem Herd, während die Wolle noch ein wenig in ihrem Schilfblüten-Sud liegen darf, und in diesem Topf sind Rhabarberblätter, von denen ich mir hab‘ sagen lassen, dass sie auch als Beize wirken könnten.
Vielleicht.
Wenn man den einen Stimmen glauben will und anderen wiederum nicht.
Das Netz steckt voll von Stimmen, wisst ihr. Und alle sagen sie was anderes. Da bleibt bloss; ausprobieren.
Mal sehen, was passiert, wenn ich mit Rhabarber-Tannin „vorgebeizte“ Wolle in den Schilfblüten köchel…

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