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Grippezeit

Nein, das wird jetzt kein Essay über den Corona-Virus, über Epidemie oder Pandemie und die Massenhysterie, die aus beidem vorauseilt. Aber ja, auch ich höre davon und bin gar nicht erpicht darauf, diesem fiesen Virus zu begegnen. Weniger aus Angst um mich selber oder meine Kinder (Covid-19 scheint Kindern gottlob nicht besonders viel anhaben zu können), doch auch ich habe Mama und Papa und eine Grossmama. Ich habe eine über 9o-jährige, sehr liebenswerte Nachbarin, neben der ich gerne diesen Sommer nochmals Unkraut jäten würde in unseren Nachbarsgärtchen, und ich habe Freunde und Bekannte und überhaupt; wem sollte ich so etwas wünschen? Kranksein bis im Spital bis in den Tod?
Auch so schon liegt hier alles irgendwie flach und brach. Seit Wochen schon. Die ganz normale Wintergrippe dreht in diesem Haus ihre Runden, bei manchen Kindern zweimal, bei anderen nur kurz, aber der Grossteil hustet und schnieft und fiebert ganz schön und kann acht Tage lang nicht zur Schule. Nachdem ich gerade noch mein heldenhaftes Immunsystem gerühmt und mich über meine inneren Kräfte gefreut hatte, hat es nun auch mich erwischt, gottseidank allerdings bloss in Weichspülform. Schnupfen und ein rauer Hals. That’s it. Beim Baby hingegen kam es geballter; die letzten Nächte waren wirklich kein Klacks, ich glaube, ich habe mehr gewiegt und geschaukelt als geschlafen.
Irgendwie bin ich es so langsam satt, das Ganze. Ich fühle mich blockiert und gefangen. Und bedroht. Die Schlagzeilen vom Corona-Virus ziehen sich wie eine Schlinge um uns zusammen, und innerlich zähle ich einen unbekannten Countdown. Ich möchte einfach, dass es aufhört. Es soll wieder friedlich werden. Frühling. Wärmer und schöner und unbeschwerter. Mir fehlen die freien Momente, Momente wie dieser hier, mit Zeit fürs Stricken oder Nähen oder für ein Plauderpläuschchen mit irgendwem Liebem.
Jetzt gehe ich um spätestens zehn ins Bett, manchmal sogar früher, weil ich instinktiv spüre (oder aus Erfahrung heraus weiss), dass ich wirklich und unbedingt auf ausreichend Schlaf achten muss. Um durchzuhalten. Um ruhig zu bleiben. Gelassen.
Das hilft.
Tatsächlich.


Überhaupt hilft es mir im Moment sehr, einfach los zu lassen. Auch gute Absichten und Ansichten für eine Weile über Bord zu werfen.
Zum Beispiel die Sache mit dem Fernsehen bzw. Handy. Fernseher haben wir nicht. Hatten wir nie. Aber wer hat das überhaupt noch? Heutzutage reicht ein Smartphone aus, Telefon, Internet, Fernseher- alles in einem. Und der Briefkasten steckt auch noch darin. Plus Fotoalben. Dieses Gerät birgt wirklich alles, was das Herz begehrt, und ehrlich; ich bin sehr dankbar dafür!
Trotzdem mag ich es nicht, wie sehr sich alle Welt -mich miteingeschlossen- auf dieses Ding fixiert, wie oft es zur Hand genommen, Blick, Gedanke, alle Sinne darin versenkt werden. Für Stunden. Tage. Wochen. Ein ganzes Leben.
Gerade meine Kinder möchte ich schützen davor. Wenigstens ein Stück weit. Ihnen ihre Kindheit irgendwie unberührt halten von alldem. Natürlich geht das nicht wirklich. Das Netz wird genutzt, Songs gehört, Wikipedia befragt, Fotos für Schularbeiten gesucht, Ausmalbilder ausgedruckt, und Whatsapp hat einen festen, durchaus positiv besetzten Platz in unserem Familien-Leben gefunden, weil es einfach gut tut, Sprachnachrichten mit der Oma oder lieben Tanten auszutauschen oder sich über das neueste Foto vom kleinen Cousin gemeinsam zu freuen.
Trotzdem nagen Schuldgefühle an mir.
Ich möchte auch so eine Outdoor-Unplugged-Mama sein. Mit den Kindern den ganzen Nachmittag draussen spielen und toben und entdecken. Die Jahreszeiten erleben. Die Natur verinnerlichen und mich verbunden fühlen mit allem Leben. Wind, Sonne, Regen, Apfelblütenduft, das ganze Spektrum an Welt mit meinen Kindern teilen und ganz werden dabei.
Die Realität sieht leider völlig anders aus.


Wir sind eine Gruppe von Stubenhockern. Gerne daheim. Ein wenig träge, ein bisschen faul. Und der Kraftakt „Aufbruch“ übersteigt gerade wirklich meine Kräfte.
Aber, sage ich mir, aber so ist es nunmal. So bin ich nunmal. Ich glaube, es wird Zeit für mich, mich so anzunehmen, wie ich bin. Ohne wenn und aber, mit Nachsicht und Verständnis. Alles hat seine Gründe. Alles seine Grenzen. Und meine aktuell tangierten Grenzen verlangen gerade ganz viel Gelassenheit und Achselzucken von meinem inneren Kritiker; also lasse ich den Mädchen ihre Freude an den Kinderliedern bei Youtube-Kids und meine Grosse darf auch mal MineCraft mit ihrem grossen Bruder spielen. Ich lasse zu und lasse los. Ohne Gewissensbisse. Dafür mit Dankbarkeit. Weil es wichtig ist für mich, Frieden zu finden, Frieden zu schaffen, zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken. Das Leben wird -gerade in Zeiten wie diesen, wo Körper und Geist derart vielen Kämpfen ausgesetzt sind- so viel schöner, der Blick auf alles so viel optimistischer, wenn man sich das gönnt, was gerade hilft und gut tut– auch wenn es in der Werteskala eher weiter unten rangiert, sich rein gar nicht mit dem vereinbaren lässt, was gesellschaftlich als pädagogisch wertvoll oder irgendwie achtsam oder natürlich oder sonstwie vorzeigenswert vermarktet wird.
Meine Kinder sitzen vor dem Bildschirm.
Nicht immer. Und ein eigenes Handy bekommen sie nicht vor 14. Aber im Augenblick ein bisschen öfter als mir lieb ist.
Und das ist gut so, denke ich. Ich war selten eine so freundliche, tolerante, geduldige Mutter wie jetzt. Irgendwie. Ich glaube, es ist heilsam für mich, auch mal fünfe gerade sein zu lassen, nicht ständig gegen den Strom schwimmen, für oder gegen irgendwas kämpfen zu müssen. Auch in anderen Bereichen. Im Familienalltag. Beim Essen. Im Haushalt. Überall mache ich kleine Abstriche und lockere den Perfektionswahn, der mir innewohnt.
Ich befreie mich von mir selbst.
Loslassen lernen. Die eigenen Ansprüche kappen, runter schrauben, es gut sein lassen. Lernen, dass schnell oder häufig nicht sein muss. Auch nicht beim Bloggen. Oder auf Instagram. Natürlich ist es verführerisch, mitzuhasten, einen Post nach dem anderen hinzuknallen, Foto auf Foto folgen zu lassen, doch zu welchem Preis? Irgendwer bezahlt. Immer. Irgendwo kommen Zeit und Energie ja her- und fehlen dann an anderen Orten. Man muss weise sein und vorsichtig wählen. Auf sein Herz hören und beachten, wie das Leben gerade so spielt. Ob die Kräfte reichen und der Moment günstig ist. Egal wofür, es muss passen.


Ich glaube, im Moment, jetzt in dieser Grippephase, finde ich den richtigen Trott, den Rhythmus, der gerade zu mir passt. Ich stricke wenig, aber gern, und verzweifle nicht, wenn ich erkennen muss, dass der neue blaue Pullover für mein kleinstes Mädchen wohl nicht mehr diesen Winter fertig wird, ja vielleicht sogar erst im nächsten getragen werden kann, wer weiss. (Gottlob habe ich ihn sowieso viel zu gross gestrickt, wie die letzte Zwischenprobe klar machte) Wenn meine Mama mich fragt, ob sie mir etwas Gutes tun könnte, dann traue ich mich, zu antworten: „Ja! Bringst du mir Kuchen?“ Ich räume auf, jeden Tag, aber ich schäme mich nicht mehr, zuzugeben, dass ich das grosse Bad schon ewig nicht mehr geputzt habe, jedes Zimmer zu viele Dinge beherbergt und mein Küchenboden viel zu selten gewischt wird. Und was ich koche ist simpel und nicht halb so hausgemacht, wie ich es gerne hätte. Aber so ist es nunmal. Es lässt sich ändern, das ja, aber nicht mit dem Energiehaushalt, den ich gerade zur Verfügung habe. Nicht mit kranken Kindern und so wenig Schlaf. Nicht wenn ich ich selber bleiben und mir wenigstens den Ansatz von Ausgeglichenheit erhalten möchte.
Punkt.
Ich rede mir selber gut zu. Wieder und wieder. Und es scheint, so langsam glaube meinen eigenen Worten.
Selbst-Vertrauen fängt wohl genau damit an: Sich selbst zu vertrauen.

 

 

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lauter gute Dinge

: Lieblingsmagazine, ein kleiner heller Teddy aus meiner Kinderheit bei einer bärenliebenden Mama und ein ganzes Bündelchen schöner Schweizer Kartenprints von einer besonders lieben Leserin am See :

: Filzkunst von Allerleirauh, die vom Frühling erzählt, vom Wachsen und Werden und Mutter Erdes neuem Erwachen. Und mir damit mitten ins Herz trifft mit ihrem feinen Humor, der Wärme echt empfundener kreativen Kraft :

: mein Babyjunge mit seinem skeptischen Blick, den vollen Wangen und seiner ganzen prallen Knuddeligkeit. Wir tragen. Immer. Manchmal auf dem Arm, oft auf der Hüfte, aber immer mehr auch auf dem Rücken, was mal besser klappt, mal weniger, aber Freude ist Freude und ich freu‘ mich wie wild an diesem kleinen Kerl :

: erste Frühlingssträusschen und ein süsser kleiner Liebesbrief, der ganz im Geheimen und mit viel Gekicher und Geheimniskrämerei für mich in der Küche bereit gelegt wird :

: bunte Wesen aus dem fernen Süden Afrikas (hello und *Bussibussi*, PoplapDolls!), die mich zum Lächeln bringen und mir zeigen, wie klein und filigran, vor allem wie lustvoll Hand-Werks-Kunst doch sein kann. Unter dem Organza-Röckchen verbirgt sich ein niedlicher kleiner Po-Spalt (die Kinder kichern hier immer) und ein äusserst diskret platziertes Feigenblatt. Lovelovelovelovelove :

: der schnusige kleine Siebenschläfer aus der Kindergarten-Werkstatt hat hier Haus und Herz im Nu erobert. Mit ein paar Filznadelstichen und wenige Nähten meinerseits zum Extra-Fixieren hält nun auch das Schwänzchen tadellos jedem Spiel, jeder Video-Session stand (Gerade eben wurde -extra für Oma- „Siebenschläfer und KleinPanda ziehen um in eine Weinkiste“ mit meinem Handy aufgenommen) :

: Visible Mending mit Kanta oder Shashiko oder Stick-Yoga oder simplen Steppstichen. Egal wie immer man es nennen möchte. Jedenfalls bleibt die pinke Trainerhose aus der Mottenkiste, die schon meine Grosse vor Jahren getragen und ganz gern gemocht hat, noch ein weiteres Weilchen tragbar und bei Lümmellaune :

:Voilà und *töröööö!*: meine Küche, frisch gestrichen, frisch geordnet, aber sonst nach wie vor belebt und jeden Tag aufs Neue bevölkert und verunstaltet- nur um wieder von neuem in Ordnung gebracht zu werden. Nach dem Kochen ist immer vor dem Kochen. Nach dem Aufräumen vor dem Aufräumen. Wenn sich eine Schlange in den Schwanz beisst, dann im Alltagsleben einer Küche :

: Wollschätze, gesucht und äusserst euphorisch, regelrecht auf Wolke Sieben schwebend gefunden am gestrigen Swissyarn-Festival. Wo ich den herrlichsten aller Sonntage mit meiner Freundin Rita, lauter lieben Frauen, einem ein wenig misslungenen, aber trotzdem irgendwie schönen Stick-Kurs  und gaaaaaaaaanz viel unglaublich softer, bunter, köstlicher Wolle verleben durfte. :

Schön, schöner, am schönsten. Mein Herz ist übervoll von all den wunderbaren Dingen und Momenten, die gerade auf mich hereinprasseln. Die Zeit rennt immerzu. Meistens eine Spur zu schnell und zu vollgepackt mit Aufgaben oder anderen Ablenkungen, um mich hier wirklich fokusiert und regelmässig zu melden. Das fehlt mir. Über alle Massen. Aber es ist wie es ist, und ich bin einfach nur dankbar, war es mir heute vergönnt, ein paar kostbare Minuten damit zu verbringen, die kleinen Wunder und Wunderbarkeiten des Lebens hier festzupinnen. So viel Gutes wartet da draussen. Auf jeden. So viel Schönes steckt schon in unserem Tag. Felsenfest und oft ganz unerwartet. Ich bin dankbar und noch immer übervoll mit der knisternden, freudigen Energie des gestrigen Festival-Tages. Ich lechze danach, neue Wolle anzustricken, mich in meine Erlebnisse und Pläne zu vertiefen oder Lieblingsdinge in Lieblingsecken neu zu ordnen und zu geniessen, was ich habe. Doch das Rad dreht sich, die Zeit beisst sich weiter voran: Jetzt huschhusch in die Küche. Essenmachen. Mittagessen steht an, der Tag nimmt seinen Lauf und ich sause hinterher- tschüss ihr Lieben! Bis bald!

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graubrauner Zwilling

Meine Fotos purzeln hier heute einfach so herein, wie sie aufgenommen wurden; ungefiltert und unbearbeitet. Darum auch ein bisschen verschwommen, unterschiedlich in den Farbtönen, fotografiert in verschiedenen Zimmern an unterschiedlichen Tagen zu anderen Zeiten. Wie das Leben so spielt eben.
Jetzt, da ich dies schreibe, liegen zwei meiner Kinder krank im Bett, eines mit Fieber, das andere einfach unwohl, und ich fühle mich dem Ganzen alles andere als gewachsen. Die unruhigen Nächte laugen mich aus. Das Baby wird süsser und kuscheliger mit jedem Tag, aber gleichzeitig auch anspruchsvoller und mobiler; der Kleine dreht sich nun vom Rücken auf den Bauch, von da aber noch nicht wieder zurück, sprich, sobald ich ihn hinlege, kugelt er auf den Bauch und beginnt verzweifelt mit Ärmchen und Beinchen zu rudern, bis ich ihn wieder auf den Rücken drehe, und das Spiel von Neuem beginnt. Oder bis ich ihn hochhebe, was eigentlich fast immer der Fall ist. Kleine Zappelkinder am Boden liegen lassen, das kann ich nicht. Ich fühle mich erst wohl, wenn er sich auch wohl fühlt. Und er will etwas sehen von der Welt. Das kann ich verstehen. Also trage ich ihn nach wie vor fast die ganze Zeit mit mir herum. Manchmal auf der Hüfte, manchmal -ganz neu!- auf dem Rücken im Tragetuch, so wie es Anna mir in ihrem letzten Kommentar ans Herz gelegt hat. Das funktioniert noch nicht perfekt bisher. Aber immer besser. Ich wollte zuerst ein Foto von meinem kleinen Wollspatz hier einfügen, eines, wo er ganz verdutzt auf meinem Rücken aus seinem blauen Tuch herausguckt und sich die neue Perspektive scheinbar noch ein wenig zusammenpuzzlen muss- aber dann habe ich es bei den drei Bildern oben belassen und mir das Tragefoto für den nächsten Post aufgehoben, der wohl mehr ein Fotopost sein wird, mit lauter netten Neuigkeiten aus den letzten Tagen. Das hier hingegen wird bloss ein Strickpost. Mit Déja-Vu-Effekt, denn praktisch das haargenau gleiche kleine Wolljäckchen habe ich damals schon gestrickt, für meinen frisch geborenen Winzling. Gleiche Wolle (Rosy Green Manx Merino Fine „Norfolk Holz„), gleiches Strickmuster (Beyond Puerperium von Kelly Van Kiekerk), dieselbe Nadelstärke (Nr.3.). Nur die Grösse ist diesmal anders; eigentlich sollte dieses Jäckchen nun von 6 Monaten bis 12 Monaten passen. Doch ich weiss nicht recht… entweder das Jäckchen ist zu knapp oder das Kind zu gross, denn ich merke, dass es langsam unter den Armen zu spannen anfängt. Noch sitzt es wunderbar. Aber nichtmehr lange. Wie schade! Ich mag den Anblick meines Babys in seinem erdbraungrauen Zwilling von Jäckchen, das er schon viel länger trägt als ich es fotografiert habe, und so oft und gerne wie die Fusseln und Pilling-Knöllchen euch verraten. Ich liebe dieses Kindlein. In diesem Jäckchen. In dieser Wolle.
Ich denke genau dieses Gefühl der Freude, der Geborgenheit, des Vertrauens in meine Mütterlichkeit… dieses Gefühl von Allesistgutwieesist… möchte ich mit hinein in diese neue Woche nehmen. Auch mit kranken Kindern und schlechtem Schlaf. Mein Baby in seinen wollenen Hüllen anschauen. Und mich daran erinnern, wie viel wir Mütter doch ausrichten können. Wie viel wir vermögen. Krummes gerade biegen und Verschüttetes wieder bereinigen. „This too shall pass“. Geben wir unser Bestes. Unser ganzes Herz.

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schleppend

Eine stille Woche liegt hinter uns.
Still allerdings nur im Blog.
Das wahre Leben war anstrengend und beanspruchend. Tage die ich zwischen Kochtöpfen, Wickelmatte und Bilderbüchern zugebracht habe. Beim Versuch vielmehr, Essen zu machen oder mich richtig um meine Kinder zu kümmern, was mir beides irgendwie nur halbpatzig gelang, jedenfalls fühlte es sich so an, weder Fisch noch Vogel und so gar kein Erfolg. Weder das Haus noch meine Kinder hatten mich ganz für sich, denn eins kollidierte immer mit dem jeweils anderen, und die meiste Zeit über schaukelte ich sowieso ein zahnendes Baby oder sass am Bett eines kranken Pausbackenkindes, dessen junger Körper seit bald einer Woche mit irgendwelchen Viren herumkämpft, mal Bauchweh hat, mal Kopfschmerzen, aber immer hohes Fieber und keinen Appetit.
Ich dachte eigentlich gestern, das Ganze sei jetzt endlich überstanden, doch heute stieg das Fieberthermometer wieder auf 39.5 Grad und im Bauch grummelte es bereits wieder.
Meine Nächte mögen schlecht sein, aber besser als auch schon, doch jeden Morgen weckt mich der Wecker, als sei es mitten in der Nacht. Ich fühle mich ausgelaugt und unter Strom, was eine sonderbare Mischung ist, ein wenig wie auf Drogen, nehme ich an, aber ich nehme nie welche (oder zählt Kaffee auch?).
Mir fehlen diese Momente, in denen man die Füsse von der Sofakante baumeln lassen kann und es einem nicht reut, fünf, zehn Minuten lang einfach bloss gedankenverloren vor sich hinzustarren, die Orchideen im Bad zu wässern oder sich die Nägel zu lackieren.
Mir sind zehn Minuten schrecklich kostbar. Ich lackiere gar nichts, frisch gewaschene Haare sind bereits das Nonplusultra an Selbstpflege, obwohl ich es tatsächlich schaffe, jeden Tag für einen kurzen Augenblick unter die Dusche zu hüpfen. Die Duschscheibentüren sind gnadenlos durchsichtig, was grossartig ist, denn das Babykind findet es spannend, wie es spritzt und plätschert und mein verschwommener Körper sich hinter der beschlagenen Plexiglaswand bewegt. Er zappelt und guckt, kann sich kaum sattsehen. Bevor es ihm langweilig wird, bin ich auch schon wieder draussen, lache und kitzle ihn am Kinn.
Seit dieser Woche trage ich ihn übrigens auf der Hüfte. Er ist gross geworden, der Kleine. Gross und noch dicker. Esse ich einen Apfel, ohne ihn daran lutschen zu lassen, wird er wütend und entrüstet sich mit jammernden Klagelauten, die so süss klingen, dass ich ihn knuddeln muss. Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, ein Baby zu haben. Wie anstrengend. Wie schön. Wie sehr man sich freut über alles und nichts, über jede Kleinigkeit, die anders wird. Und wie sehr man das Vergangene betrauert. Eigentlich sollte es ja mein letztes Kind sein. Aber niemals war mir dieser Gedanke unwirklicher als jetzt.
Mein Mann und ich konnten heute sogar die Gartenwege fegen. Der Sturm vergangener Tage hat Tannenäste, Zapfen und haufenweise Nadeln herunter geblasen und es gab viel zu tun. Im Nachbarsgarten fällte der Wind einen Baum, auf der klitzekleinen, mit einem Holzzaun eingefriedeten Kindergarten-Wiese landete ein ganzes Trampolin mit Netz, das vom Sturm irgendwo gepflückt, durch die Luft getragen und direkt vor dem Kindergarten wieder abgeladen wurde. Man muss sich das einmal vorstellen. Bei geschlossenem Gartentürchen!
Während unserer ganzen Fegerei, sass mein Babykind zufrieden und bis über beide Ohren dick eingepackt in seinem Buggy bei uns im Garten und sah uns beim Arbeiten zu. Bisher kam er mir verloren vor ausserhalb meiner Arme. Schutzlos. Nicht am richtigen Ort. Jetzt aber spüre ich, dass er bereit ist, sich mehr und mehr dem zuzuwenden, was um ihn herum geschieht. Zu beobachten, wie ich darin agiere, werke und wirke und sein eigene Position im Geschehen zu erforschen.
Meine Kleinste legte sich ebenfalls mächtig ins Zeug. Sie wedelte mit dem Besen durch den Garten, dass es nur so stäubte und meinte mit hochroten Backen: „Gell, ich bin eine gute Hausfrau?“
Und jetzt, jetzt bin ich müde. Vorgestern habe ich den dritten Teil der Artus-Saga in einem fantastischen Hörspiel zuende gehört, heute abend werde ich den Geschichten des „kleinen Hobbits“ lauschen. Ich freue mich darauf. Sehr. Fremde Welten, kleine Fluchten und das Halbdunkel der Nacht, das mich umwabert, während ich die Nadeln klappern und einen kleinen, blauen Pullover wachsen lasse…

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