Archiv der Kategorie: berührt

in Bewegung

Wieder so lange Stille hier. Es scheint zur Gewohnheit zu werden…
Die grösste Herausforderung beim Bloggen ist und bleibt das Freischaufeln an Zeit-Nischen, damit ich schreiben, denken, Fotos archivieren, auswählen und einsetzen kann. Das Leben ist so voll, so schnell und bewegt, so alles andere als still in dieser Phase meines Lebens. Ruhige Momente? Raritäten. Kostbar und wunderschön- und so rasch verschenkt an andere Leidenschaften von mir, ans Stricken zum Beispiel, an Hercule Poirot, an meine Blumen und Kräuter draussen im Garten… Und zum Bloggen brauche ich Zeit. Viel Zeit. Viel Stille. Viel gedankliche Wachheit und Energie.
Und den Laptop. Den brauche ich auch. Was immer so eine Sache ist, denn sobald ich den aufklappe, scheinen meine Kinder verrückt zu spielen. Keine Ahnung wieso.
Auf der anderen Seite ist genau das eine Seite des Bloggens, die mir noch immer gut gefällt: Bloggen ist so… fokussiert. Man setzt sich hin, denkt nach, plant ein wenig- und schreibt. Ganz bewusst und konzentriert und mit einem gewissen Mass an Achtsamkeit für die eigenen Gedanken und die Vorgänge im Lebensalltag. Die Zeit, in der ich an einem Blogpost arbeite, ist abgeschirmt vom Rest. Inselzeit irgendwie. Nichts, das ich so schnell, schnell hier reinpflanzen könnte. Und wiederum auch nichts, dass dann einfach so aus dem Nichts in meinen Tag hineinplatzen könnte, so auf einen schnellen Knopfdruck auf dem Handy hin zum Beispiel, was das Bloggen für mich zu etwas Exklusivem und Bewusstem macht, im Gegenteil zu Instagram, wo ich viel zu rasch „nur kurz“ einmal rüberswitche, zwischen Kochtopf und Pflantschbädli- und dann doch wieder zu lange hängen bleibe…
Beides hat seine Qualitäten. Ganz klar. Aber in den paar Wochen, in der ich Instagram-Luft schnuppern durfte, ist mir klar geworden, dass mein Herz hier schlägt, also virtuell, meine ich, hier bei Kirschkernzeit. Dass ich Instagram zwar mag, aber mit Bedacht nutzen werde, langsam, tröpfchenweise, reduziert, ohne dass es zu oft rüber in mein reales Leben schwappt. Reduziert, genau wie das Bloggen, für das mir oftmals schlichtweg die richtigen Momente fehlen. Aber wenn ich hier schreibend kreativ sein darf- dann tue ich es wahnsinnig gerne, mit Herzblut, Freude und Dankbarkeit…
Gerade ist der Augenblick günstig, schätze ich; der Löwenteil meiner Familie geniesst seinen letzten Tag Lagerleben irgendwo im Berner Oberland, Kind1 faullenzt mit meinem jüngsten Bruder in dessen sturmfreier Bude (hiphip hurra!) und die beiden Kleinen puzzlen Bügelperlen-Bilder. Ich wittere eine Gelegenheit und hoffe, mein offener Laptop bringt sie nicht allzu schnell aus dem Konzept…
Wir hatten eine wunderbare Zeit, wir drei. Eine gute Woche. Das Kindertempo dieser Altersstufe gefällt mir. Ich bewundere ihre Selbstvergessenheit, während sie sich in ihren Traumwelten und Zauberfantasien verlieren. Elfen sind. Oder zwei Eulen, die ein Ei ausbrüten. Wie sie sich in ihr kleines Gartenbädli stürzen und zufrieden sind damit, das Wasser zum Rauschen und Schwappen zu bringen.
Richtig ruhig war es hier aber nie; wie hatten so viel Besuch wie noch nie! Den Montag-Nachmittag verbrachten wir mit einem meiner Brüder und seiner Frau quatschend und Kräuter-Tee-trinkend im Garten. Dienstags fuhren meine Mädels und ich raus zu „Frau Krähe“, erlebten ein wirklich wunderbares allererstes Treffen ausserhalb der Blogosphäre und staunten wohl alle ein wenig über unseren Mut und die Sympathie, die augenblicklich einfach da war, fast ein wenig, als hätten wir uns schon vorher gekannt, in echt meine ich, und ganz real (du bist eine ganz tolle Frau, Frau Krähe, echt jetzt!)…
Mittwochs sassen wir drei bei prächtigstem Sommerwetter mit meiner hochschwangeren Schwester J. in einem Strassencafé in der Stadt und schleckten italienisches Sahne-Eis aus kleinen Pappkartons, den kleinen Hund meiner Mutter träge dösend unter unserem Tischchen lümmelte. Urlaubs-Feeling. Zuckersüss.
Die Nacht war kurz gewesen, weil mein jüngster Bruder mir noch ein spätes Besüchlein abgestattet und wir uns bis Mitternacht verquatscht hatten, und so langsam, langsam machte sich ein Marathon-Gefühl bei mir bemerkbar *zwinker*, ausgelöst durch eine ungewohnt hohe Dosis Sozialleben. Schwester A. und Schwager waren mir aber trotzdem herzlich willkommen an diesem Abend. Sie brachten Tortillachips, Schafskäse und ein quietschfideles Kind1 mit, das fröhlich seine Tüte neuer Jungs-Kleider schwenkte; mein Junge hatte sich ein paar Tage bei ihnen einquartiert und mit ihnen -auf meine Anordnung hin- gleich die Ausverkaufs-Auslagen der Kleidershops geplündert (Gottlob! Seine T-Shirts hingen bereits in Fetzen und die wenigen Jeans mochte ich schon gar nicht mehr flicken…).
Es waren gute Tage, wirklich. So viel Betrieb und Bewegung, ein mächtiges Gefühl von… Lebendigsein und Dazugehören. Ein wohltuender Kontrast zu unserem normalerweise eher abgeschotteten, verlangsamten Lebensstil.
Trotzdem schrieb ich Schwester J., die mir Donnerstag-Morgens anbot, mich und die Mädels noch mit zu meiner Mutter zu nehmen, auf Whatsupp zur Antwort: „Vielen Dank, aber ich glaube, heute lieber nicht. Ich bin einfach zu müde nach so viel Sozialisiertheit…“
Und das bin ich auch. Total k.o. Aber zufrieden.
Trotzdem blicke ich dankbar auf meine Kalender-Einträge der nächsten Woche: Leer ist es da. Einfach gar nichts. Nur ich und meine wieder versammelte Crew. Daheim.
Auch das hat seine Qualitäten, oder…?

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sommerlich gemächlich

Sommer.
Ferien.
Zeit und Gemächlichkeit und eine Ahnung von Freiheit, ein Gefühl wie baumelnde Füsse, die in kaltes Seewasser tauchen.
Ich fühle mich wohl und so entspannt, dass ich Kaffee trinken kann, ohne auch nur einen Hauch von Gegrummel in der Magengegend (wobei ich ja auch sehr sensibel geworden bin, was das für mich gesunde Mass betrifft und frische Kräutertees meinen Kafee-Genuss mittlerweile bei weitem übertrumpfen). Ohne starres Zeit-Raster im Nacken, verlässt mich das nagende Gefühl, unbedingt noch rasch etwas Süsses futtern zu müssen, und ich esse bewusster, frischer, noch weniger Zucker als sonst -verglichen mit den Unmengen, die ich noch vor einem Jahr tagtäglich an Schokolade und Co. verdrückt habe- dafür mehr Gemüse oder einfach nochmals ein Extra-Tässchen eiskalten Minzen-Tee zum Nachtisch. Es ist nicht so, dass mir das besonders wichtig wäre. Ich denke nicht gerne über das Essen nach- ich esse einfach. Aus dem Bauch heraus. Für meinen Bauch. Aber ich finde es schon spannend, wie stark Hunger, Appetit und spezifische Gelüste mit unserer Psyche zusammenspielen, wie stark das eine das andere beeinflusst und wie schnell und problemlos der Körper in ein doch relativ gesundes Essverhalten zurückfindet, sobald es dem Menschen, dem ganzen Menschen, wirklich gut geht.
Und ja, es geht mir gut. Ich fühle mich wieder kräftig. Habe zu Mut und Elan zurück gefunden und traue mir auch wieder zu, raus zu gehen, raus in die Welt, Leute zu treffen, mich mit meinen Kindern in einen Zug zu setzen und ein klein wenig zu reisen, kurz vielleicht nur, Ministreckchen, rein regional, aber immerhin; für mich ist das ein grosser Erfolg, denn so viel Nervenkraft und Atem hatte ich schon lange nicht mehr: Genug Puste, um mit dem Fahrrad und zwei kleinen Mädchen im Schlepptau und den drei Grossen im Blickfeld über den Hügel zu meiner Mama zum Baden zu fahren. Die Courage, eine wunderbare Bloggerin, die ich noch nie gesehen habe bisher, demnächst auch einmal in Real zu treffen (das braucht immer enorm viel Überwindung für mich). Die Gelassenheit, mein Haus zu öffnen und auch mal Besuch zu haben, obwohl das Haus niemals, niemals, niemals gästefein aussehen wird, was mich jedes Mal beschämt, weil ich den Schmutz und das Chaos zwar sehe, aber beim besten Willen nicht bezwingen kann.
Und tatsächlich gab es sogar sowas wie zwei echte kleine Geburtstags-Feiern in den letzten Tagen. Nicht nur so im Mini-Familienkreis-Format, sondern schon ein wenig ausgedehnt auf die einen oder anderen Tanten und zwei Grossmütter, was zwar noch immer keine richtige Party hinhaut, sich aber bereits wunderbar gesellig und reichhaltig anfühlt und die Geburtstags-Kinder jedes Mal strahlen liess vor Freude. Hach ja, es waren schöne Tage. Es sind schöne Tage. Süsse Tage. Pavlova-Tage.
Die beiden Torten-Fotos oben zeigen übrigens zwei verschiedene Geburtstags-Kuchen, einmal von meinem Kindergartenmädchen, das andere Mal feierlich beleuchtet vom 16. Geburtstag meines Erstgeborenen. Beide hatten sich Meringue-Torten gewünscht. Mit Sahne-Jogurt-Füllung und Sommerbeeren. Beiden konnte ich diesen Wunsch erfüllen. Pavlovas sind so tolle Backwerke, absolut simpel, aber mit echter Wow-Wirkung und ein kulinarischer Hochgenuss, sofern man Meringues mag. (Ich selber gehöre nicht dazu, muss ich gestehen. Für mich dürfte es gerne jedes Mal einer dieser herrlich matschigen Schokotruffe-Torten sein, yammie…)
Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder mehr im Leben zu stehen. Geburtstage auch wirklich feiern und geniessen zu können und sehen zu dürfen, wie glücklich unsere Liebsten sind, zufrieden mit Kleinigkeiten wie einem gelungenen Kuchen, einer Handvoll Kerzen und zufriedenen, herzlichen Menschen an ihrem Tisch, die es gut mit ihnen meinen… So schlichte Dinge. Aber grosse Momente.
Wie der Falter, der heute bei uns im Schmetterlings-Hotel ausgeschlüpft ist. Unser dritter Schwalbenschwanz dieses Jahr, und doch wird man es nie satt, dieses Wunder, trotzdem werden die Augen der Kinder gross und der Blick konzentriert, die Haltung gespannt, die Sinne geschärft für jeden Flügelschlag, den das zarten Tier tut, bis es endlich seine Weg nach oben in die Lüfte findet…
Ja, kleine Dinge.
Ich lerne immer wieder von neuem, mich im Kleinen zu verlieren. Und dankbar zu sein dabei. Wahrscheinlich hat man nie ausgelernt, was diese Kunst betrifft und nur allzu rasch falle ich wieder in mein altes Muster des Hetzens und Klagens und Zweifelns zurück. Weil sich das vertrauter anfühlt als Inne zu halten und den Fokus schmaler zu schnüren. Mit Augen nur für das Zucker-Stück im Augenblick. Wie meine 3Jährige mir mit Begeisterung sämtliche Stoffservietten, Stricklappen und Taschentücher zusammenlegt zum Beispiel. Schön Ecke auf Ecke, drehen, Ecke auf Ecke. Bei den letzten zwei Servietten verliessen sie dann allerdings ihre Kräfte und sie wurstelte alles irgendwie zusammen, was ungeheuer süss aussieht, finde ich, vor allem, wenn ich mir ihren langen Seufzer in Erinnerung rufe, gefolgt von ihrer unter theatralischem Schweiss-Abwischen vorgetragenen Erklärung „Ich bin langsam müed worde vom Zämmeleggä“…
Egal wie wahnsinnig sie mich manchmal machen, meine Fünf, sie sind doch Salz und Zucker meines Lebens, unersetzlich, unglaublich, unaussprechlich schön und wertvoll. Boden, Basis, ein und alles. Familie.
Gerade denke ich, die Gelassenheit und Gemächlichkeit dieser Tage lässt mir endlich auch wieder den Raum und die Luft, diese ganz einfachen Geschenk des alltäglichen Lebens -Essen, Gemeinschaft, Natur, Familie- wirklich wahr zu nehmen und zu zelebrieren… Wunderbar, dass es Sommer ist.

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Canvas Cardigan

Ich war lange weg hier. Ein bisschen weggeschwebt. Entrückt. In einer Art Wolke.
Da waren viele neue Eindrücke und kleine, emotionale Momente an meinem Kräuter-Kurs-Tag im Emmental, die es zu verarbeiten galt, Migräne und die Magengrippe meiner Kinder, die mir dazwischenrasselten, und ein Abtaucher in die Welt des Ballett und all die Erinnerungen an längst vergessen geglaubte, unerfüllte Träume und vergangene Zeiten, die mich innerlich aufwühlten. Da war einfach… vieles, vieles was mich umtrieb und Stimmen in mir reagieren liess, die sonst meistens schweigen. Und immer noch schwingt und bebt es in mir. Es ist schwierig, Worte dafür zu finden.

Mein Tag mit Mamaniflora und ihren Kräutern war ein sehr besonderer Tag für mich. Allein die Reise fast quer durch die Schweiz fühlte sich wahnsinnig bedeutungsvoll an für mich, denn ich reise nie, und schon gar nicht alleine und nur für mich selbst. Ich war fürchterlich nervös und bangte um allerlei Unnötigkeiten; Werde ich mich auch bestimmt nicht unterwegs verirren? Oder irgendwo stranden wegen Streiks oder Unfall oder sonstwelchen Eventualitäten? Werden die Leute mich wohl mögen? Oder einfach nur doof finden? Und wie kann ich meinen christlichen Glauben und das Neuland-Thema „intuitive Pflanzenmedizin“ miteinander in Einklang bringen? Für die Reise hatte ich mir noch in der Nacht zuvor den Kopf darüber zerbrochen, um das perfekte Strickprojekt für unterwegs zu finden (die braune, handgesponnenen Alpaca-Wolle blieb dann auch zuhause, abgelöst durch leuchtend blaues Garn für ein „Zilver“-Tuch für meine grosse Tochter), aber schlussendlich sass ich doch fast die ganze Zeit über nur bibbernd, nachdenklich und gleichzeitig überaus beschwingt in meinem Abteil und betrachtete, wie die Landschaft an mir vorbeiflog.
Ich-Momente.
Geballt.
Ich habe sie genossen. Auch all die Gefühle, die in mir hochstiegen und einfach sein durften, ungebremst durch Kinderstimmen und meine Aufgabe, jederzeit für andere dasein zu müssen. Und Mamaniflora…? Ist absolut umwerfend! Eine wunderschöne, wahnsinnig herzliche Frau, die man einfach gern haben muss. Und die einen wahnsinnig tollen Job gemacht hat an ihrem allerersten Kräuterkurs. (Chapeau, Nicole!)
Ich werde anders Tee trinken in Zukunft. Bewusster und mit mehr Sinnlichkeit. Jedenfalls dann, wenn ich mich innerlich kurz abkoppeln kann vom Hamsterrad Zuhause.

Ich glaube, das Thema Sinnlichkeit und Sinn-Haftigkeit ist momentan überhaupt sehr bedeutend für mich. Dinge tun, die man liebt, für die man brennt, die einem leidenschaftlich interessieren und bewegen. Träumen nachgehen und nachgeben. Sie für wichtig erklären. Sich selbst sein, ohne in Reihen von Kompromissen alle Rechte an sich selbst zu verschenken.

In den letzten zwei Tagen habe ich so viele Ballett-Sequenzen gesehen wie schon ewig nicht mehr. Allein das „Adagio“ zwischen Spartakus und Phrygia aus „Spartakus“ sicher zehn Mal, in vier verschiedenen Tänzer-Konstellationen und mit zunehmend feuchteren Augen und schwererem Herzen: In meiner Jugend war das Tanzen meine Welt. Ich tanzte drei Mal die Woche, spielte leidenschaftlich Theater und nahm klassischen Gesangsunterricht an meiner Schule. Die Bretter, die die Welt bedeuteten, waren eine Oase für mich, ein Ort, wo ich wirklich und zutiefst ich selbst sein konnte, wo meine starken Emotionen und meine Tendenz mich darin zu verlieren endlich Sinn machten und alles, was mich ausmachte irgendwie passte.
Doch die Realität holte mich ein und entriss mich den Spitzenschuhen und bald darauf auch der Theatergruppe: Mein Talent war zu gering, mein Selbstvertrauen zu kläglich,  und weil ich ein wehmütiger Mensch bin, entschied ich mich sofort für ein Ende mit Schrecken statt umgekehrt und schloss das Thema gnadenlos ab, möglichst ohne zurück zu sehen. Hobbytanzen war einfach zu schmerzhaft. Ballett habe ich keines mehr gesehen, seit ich 17 war, um Musicals einen grossen Bogen gemacht und Theater-Plakete aus meinem Blickfeld verbannt.
Spartakus und Phrygia haben abgelegte Gefühle wieder neu aufgewühlt und mich emotional ein bisschen aus der Bahn geworfen…

Zeit für mich, wieder Boden unter die Füsse zu bekommen.
Ich merke, dass ich Nervennahrung brauche und den Anker werfen muss, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Tagträume und Erinnerungen mögen schön sein und zu uns gehören, aber sie brauchen einen Punkt, damit unser Lebenslied weiterspielt und die Nadel nicht permanent in der Rille hängt wie bei einem kaputten Plattenspieler.
Wie genau ich jetzt auf meine blaue „Canvas“-Wolljacke gekommen bin, weiss ich eigentlich auch nicht recht. Vielleicht weil es sich sehr erdend anfühlt, ein Projekt zu Ende zu bringen? Oder weil Wolle (in diesem Fall 5 Strangen „Tosh DK Stargazing“) mir überhaupt angenehm realitätsbezogen und wahrhaftig vorkommt, so ehrlich und trotzig urchig wie ein Urner Stier. Sie erinnert mich ans Landleben und daran, dass es gut tut, die Wurzeln im einfachen Leben zu vergraben, unaufgeregt zwar, aber wohltuend menschlich.

Ich habe sie schon oft getragen, diese Jacke. Seit sie im letzten Winter von den Nadeln gerutscht ist, hat sie sich zu einem wolligen Favoriten gemausert, in dem ich mich wohl fühle und irgendwie… angezogen (was nicht bei allen Dingen, die ich selber stricke oder nähe wirklich der Fall ist). Es ist ihre Wärme und der klare, stimmige Schnitt, die mir so wohltun. Keine Fehler, nur das schöne, leicht grünlich gesprenkelte Blau, schlanke Ärmel, gerade Linien. Nichts, in dem ich mich schämen muss.
Mir ist aufgefallen, dass ich besonders häufig nach meiner „Canvas“-Cardigan greife, wenn mir ein wichtiger Termin bevorsteht. Oder ein Anlass, dem ich mit Nervosität und grossen Gefühlen, wie Freude oder Angst entgegenblicke.
Arzttermine sind so ein Fall. Elterngespräche in der Schule. Grosse Familientreffen. Ein Meeting in der Stadt.
Wisst ihr, was ich wirklich und ehrlich vermisst habe, an meinem Kräuter-Kurs-Abenteuer-Tag letzten Sonntag?
Diese Jacke.
Genau diese Jacke.
Sie ist ein Zuversichts-Werk. Klar und einfach und mit Bodenhaftung. Genau, was ich brauche im Moment. Ich glaube, ich weiss, was ich gleich aus meinem Schrank ziehen werde…

Ein paar Strickdetails zum Schluss:

Anleitung: „Canvas Cardigan“ von Carrie Bostick Hoge, veröffentlicht im Magazin „Making“, nun auch erhältlich via Ravelry
Garn: 5 Strangen „Madelinetosh DK“ der Farbe „Stargazing“
Nadeln: 3.5 für die Bündchen 4 für den Rest
MP mit Nadeln Nr 4: 21M =10 cm (nach dem Waschen)
gewählte Grösse (habe sonst Grösse 38): 99cm Brustumfang
Änderung: lange Ärmel und längerer Körperteil als in der Anleitung

 

 

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Wochen-Ende: Melissentee

Sommer! Wie gern ich dich hab‘, war mir bisher gar nicht bewusst. (Wahrscheinlich hatte ich immer nur Augen für meinen geliebten Herbst, mit dem mich eine Art Seelenverwandtschaft verbindet.) Aber jetzt, im Juni, bist du einfach wunderschön. So sanft. Mild. Und warm. Gar nicht brütend oder brennend, nein, kuschelig wie ein Kätzchen.
Ich mag auch Kätzchen.
Du hast so viel zu geben. Und du gibst es auch, grosszüzig und ohne zu zögern; saftiges Grün, üppigen Schatten, den Duft sonnenwarmer Kräuter, das Knacken und Spritzen baumfrischer Kirschen zwischen den Zähnen meiner Kinder.
Auch meine Tiere mögen dich. Sie suchen sich die besten hell-schattigen Plätzchen im Gras, wo sie ihre Babies stillen und gleichzeitig das eine oder andere Grashälmchen mümmeln können. Wie dankbar sie sind für die Freiheit und Leichtigkeit, die du ihnen schenkst, zeigen dir ihre lustigen Hüpfer oder die irrsinnig wilden Renn-Jagden, die sie unter deinem blau-weiss gesprenkelten Himmel veranstalten.
Die rote Hängematte wippt langsam von einer Seite zur anderen. Die Laube schaukelt sachte mit- irgendwer liegt immer darin, liest ein Donald-Duck-Comic oder döst faul vor sich hin und träumt wahrscheinlich von Sommerferien, und wenn das ausgerechnet auf meinem Hängematten-Foto mit dem Kirschen-Schabernack am Aprikosenbäumchen nicht der Fall ist, dann darf man das getrost eine Ausnahme nennen. Mit Seltenheitswert. Kirschen habe ich heute übrigens überall gefunden, hihi. An der Aprikose. Im leergeräumten Gemüsebeet, wo eigentlich schon längst der Lauch rein sollte. („Schau mal, hier wächst ein kleines Bäumchen!“). Über Ohren gehängt. Versteckt in kugelrunden Backen. Verlassen auf dem Stubenboden. Sogar in einem unserer Kirschbäumchen konnte ich welche entdecken. Wo doch dort gar keine wachsen. Bis auf fünf oder zehn oder so. Meine Schwiegermama hat bei ihrem Nachbarn jede Menge Kirschen geerntet und uns auf der Durchreise zu ihrer Schwester gleich eine Kiste voll mitgebracht, was ein grosses Hallo auslöste. Denn Kirschen sind ein Highlight hier im Haus. Kirschen mag sogar ich. Sehr sogar. Und ich bin eher eine Art Gemüsetiger. Weniger das süsse Früchtchen.
Aber Kirschen? Unwiderstehlich!
Es war ein barmherziger Tag heute. Kein Wirbel. Kein Gerenne und Gehetze. Langsam gelebt, voller Begegnungen auf Augenhöhe. Ich koche mir jeden Tag meine zwei Liter Tee, Tee aus den Kräutchen, die mir gerade ganz intuitiv richtig erscheinen, gewählt von meinem Bauchgefühl und nur von ihm alleine. Heute waren es Zitronenmelisse und ein ganz klein wenig Salbei. Harmonisch und besänftigend. Wie ein Wiegenlied für die Seele. Zum Loslassen und Durchatmen.
Heute Abend trinke ich das letzte Glas davon, eisgekühlt und ungesüsst, und ich spüre, wie wohl mir das alles getan hat heute, die Ruhe, die Langsamkeit, das Baumeln-lassen-und-die Mitte-finden. Vielleicht kann ich ein wenig davon mitnehmen. In die neue Woche. Die morgen sofort wieder loshetzen wird und mich immer vergessen lässt, in den Bauch zu atmen. Aber da ist Zitronenmelisse in meinem Garten. Und Salbei. Kamille. Tymian, Oregano und Pfefferminze. Kinder, die in Büchern versinken. Ein Stall voller Meerschweinchen. Zuchetti in voller Blüte. Grüne Aprikosen neben ein paar falschen Kirschen.
Das macht doch irgendwie Mut.

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