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Boathouse Mini in Blau

Yes Sir! Geschafft!
Der tiefblaue Wollpullover meines kleinen Mädchens aus der köstlichsten Wolle, die man sich wünschen kann –„Merino, Seide, Yak DK“ von der Spinnwebstube, alles herrlich zart und leicht flauschig vereint- ist fertig und wartet nur noch auf den perfekten Moment, um über Kleidchen oder T-Shirt gezogen und den ganzen Tag getragen zu werden. So ein kuschelweicher Pulli ist ein wunderbarer Begleiter. Durch dick und dünn. Meine Kleine liebt ihn, seit sie ihn bei der ersten Anprobe anziehen musste. Kein Wunder; dieses Garn ist so schön wie teuer.
Aber ich habe aus bitteren Momenten, in denen  ich mir eingestehen musste, dass selbst liebevollst von Mama gestrickte Sachen ein traurig-einsames Dasein in der hintersten Ecke des Kinderschrankes fristen, wenn sie sich nicht wirklich angenehm anfühlen auf der Haut, meine Lektion gelernt. Klasse statt Masse. Oder so. Auch hier. Obwohl ich hier in diesem Fall wohl schon ein bisschen übertrieben habe; welches 5jährige Kind hat schon sowas Edles im Schrank. Ich meine, Seide und Yakwolle…?
Auf der anderen Seite: Warum eigentlich nicht? Geniessen wir, was zu geniessen ist. Von Kinderschuhen an. Das Leben. Die Wolle. Feinste Fasern. Und das in vollen Zügen und mit Dankbarkeit und Achtsamkeit. Und wenn sie dann rauswachsen, unsere kleinen Schätze, schenken wir alles weiter. Für ein nächstes Kind. Das sich von neuem warm und weich in flauschige Schichten hüllen und gegen Kälte oder andere Widrigkeiten des Alltages ein Stück weit wappnen darf. Löcher werden sorgfältig gestopft, zu kurze Bündchen angestrickt, zu lange einfach umgeklappt. So ein hausgemachter Pullover hält die halbe Kindheit lang. Und darüber hinaus.
Dankbar bin ich auch für das Strickmuster von Alicia Plummer. Ein Boathouse Mini in in Grösse 6 (zum Reinwachsen). Schlicht und schön. So wie ich es mag. So wie meine Kinder es mögen. Und dank der unkomplizierten Form, wird dieser blaue Strickpullover wohl in ein paar Jahren, wenn er meinem Kindergartenmädchen schlussendlich zu klein geworden ist, für kurze Zeit in der Mottenkiste im Speicher verschwinden. Und auf meinen Babyjungen warten. Auf seine Kindertage, seine Abenteuer und Erlebnisse.
Ich mag diesen Kreis von Erschaffen, Geben und Weitertragen. Dass es weiter geht. Dass meiner Hände Werk nicht einfach so versickert, sondern weiterlebt. Weiter und weiter. Quer durch meine eigene Kinderschar, bis -vielleicht- eines schönen Tages Enkelkinder kommen. Und die Mottenkiste voller alter, kleiner Wollsachen von neuem für sie geöffnet wird, um mollig warm zu begleiten.


Und was meine Bedenken im letzten Post bezüglich dem schon so heftig grünenden Frühling und meinem scheinbar viel zu spät fertig gewordenen „Boathouse Mini“ angeht; Nun, ich denke, ich habe gewonnen. Grün hin oder her. Die Tage sind kühl bis eisig kalt im Moment. Fürs Wochenende ist Schnee angesagt, was mir gar nicht gefallen mag und das Gefühl, mich einigeln, mich und meine Lieben vor der Welt da draussen beschützen und umsorgen zu müssen, noch verstärkt.
Ich glaube, dieser blaue Wollpullover kam keinen Tag zu früh.
Aber auch keinen Tag zu spät.
Jetzt ist er wohl genau richtig.

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Woche 1

Ich dachte zuerst, ich müsste den Kindern je ein I-Pad mit Knobelaufgaben oder „Malen nach Zahlen“ vor die Nase setzen, um ein paar einigermassen ruhige Minuten für mich zu gewinnen, während das Baby so gnädig schläft. Aber wie es scheint, spielen sie gerade recht friedlich mit ihren Puppen, was hoffentlich (!) eine Viertelstunde hinhalten wird.
Wir haben neu I-Pads im Haus. Herr Kirschkernzeit hat sie aus seinem Informatik-Geschäft mitgebracht, das momentan ohnehin leer steht, weil sie alle, von Betreuern bis Lehrlingen, auf Homeoffice umgestellt haben. I-Pads für alle also. Vom Kindergartenkind bis zum Sekundarschüler. Kind1 arbeitet ohnehin auch in der Informatikbranche (Azubi-Status bzw. noch im Praktium) und hat sich rundum digital verkabelt in seinem Zimmer. Auch er macht Home-Office. Und ich nun also Homeschooling. Was auch der Grund ist für die vielen elektronischen Geräte, die so, in diesem Umfang sonst niemals den Weg in mein Haus gefunden hätten (wobei; sag niemals nie).


Die ersten 4 Tage Homeschooling waren hektisch, anstrengend, aber fruchttragend. Mein Mann und ich haben uns alle Mühe gegeben, soviel Struktur und Rhythmus in unser Familienleben zu bringen, wie nur irgend möglich. Ganze Tagespläne haben wir erstellt, durchgetaktet vom Wecken der Kinder (9:00) über die Schul-Lektionen (10:00 bis 11:00) bis hin zu Essenszeiten, Nachmittags-Lektionen, Abendprogramm (19:30 bis ca 20:30). Und dazwischen versuche ich, all das zu erledigen, was es zu erledigen gibt. Oder die Kinder dazu zu bringen, das zu tun, was zu ihren Jobs gehört.
Ich komme mir vor, als wäre ich Vollzeit-Managerin von allem und jedem, und manchmal fühlt es sich recht eng an in meiner Brust, denn irgendwie kommt das Karussell gar nie zum Stillstand. Abends bringe ich es nicht mehr über mich, mich nochmals aus dem Dämmerschlaf neben meinen endlich (!) schlummernden drei Kleinsten hochzuhieven, sondern tappe -das Baby im Arm- bloss noch rüber in mein eigenes lila Zimmer und rolle mich zusammen für ein paar Stunden unterbrochenen Schlafes. Der Kleinste schläft recht unruhig dieser Tage und erwacht zwischen 5:15 und 6:30 wimmernd und sich windend. Ich habe keine Ahnung, woran das liegen könnte. Er zappelt immer, nuckelt wie wild an seinem Schnuller, verweigert aber die Brust. Kaum fällt er wieder in den Schlaf, schreckt er auch schon wieder auf. Meistens bleibt mir nichts anderes übrig, als mit ihm aufzustehen und runter in den unteren Stock zu pilgern, weil ich auf keinen Fall möchte, dass die Mädchen vorzeitig aufgeweckt werden und dann den ganzen Tag über grantig und empfindlich sind. Im Augenblick kann ich einfach nicht noch mehr Drama ertragen.
Was fehlt: Zeit. Ruhe. Musse.
Ich habe letzte Woche buchtsäblich lauthals jubilierend die 7. Staffel „Father Brown“ aus einem Amazon-Couvert gezogen und mir fest vorgenommen, mir meine Lieblings-Serie wohl dosiert zu Gemüte zu fügen und jede Episode in vollen Zügen zu geniessen, anstatt sie gierig zu verschlingen. Klasse statt Masse. Oder so. Nun, das mit dem Dosieren fällt mir zur Zeit alles andere als schwer: meistens komme ich abends ohnehin nicht mehr dazu, mir irgendwas anderes zu gönnen als Schlaf. Mit dem Gutenacht-Geschichtchen meiner Kinder endet der Tag für mich. („Bobo Siebenschläfer“ oder eine der Lindgren-Erzählungen. Soviel Kultur muss sein.)
Mit dem blauen Merino-Seide-Yak-Pulli für mein Kindergartenmädchen bin ich beinahe fertig. Es fehlen nur noch das letzte Armbündchen und das Vernähen aller Fäden. Das klingt zwar toll, nur; soweit bin ich schon seit gut einer Woche. Ich zweifle ernsthaft daran, dass ich und mein Pullover das Wettrennen gegen den immer wunderbarer werdenden Frühling noch gewinnen werden.
Ein Herbst-Pulli soll es wohl sein. Für die Zeit nach Corona.


Noch ein Wort zum Homeschooling. Ich muss das jetzt vielleicht noch kurz relativieren. Wir machen eigentlich ja nicht echtes Homeschooling, mehr so eine Art Home-Learning. Repetition bereits gelernter Unterrichtseinheiten. Denn neuen Stoff vermitteln dürfen wie nicht. Das erledigen nach wie vor die Lehrer unserer Kinder, die Wochentags mehr oder weniger alleine in ihren Schulzimmern sitzen und ganze Wochenpläne für uns ausarbeiten. Darin sind sie wirklich grandios, man muss ihnen direkt ein Kränzchen winden. Wie vielen anderen Menschen auch, die sich derzeit einsetzen wie wild, um anderen das Leben ein wenig zu erleichtern, zu bewahren, zu retten, was zu retten ist. Meine Ehrfurcht vor dem Personal in den von Covid-19 betroffenen Spitälern und Spital-Abteilungen ist immens; so lange, so hart und hektisch zu schuften, ohne sehen zu können, dass die eigene Arbeit wirklich etwas bewirkt- das ist schwer. Zuschauen, miterleben zu müssen, wie kranke Menschen elend und unter Schmerzen und Angst sterben- das ist grausam. Dann noch irgendein blödes Video aus dem Netz mit Verschwörungstheorien oder verharmlosenden Statements irgendwelcher Typen aus weiss-der-Kuckuck-welchen-„Heil“-Branchen, und man könnte echt verzweifeln.
Ehrlich.
Ich bin doch ziemlich konsterniert, wenn ich am Telefon von meiner 85jährigen Oma hören muss, dass sie es ganz natürlich findet, noch rasch in den Coop zum Einkaufen zu gehen („Man kann ja doch nicht immer bloss drinnen sitzen“). Oder wenn wie die weit über 90 Jahre alte Dame aus der Nachbarschaft, nichts dabei findet, dass ihre ebenfalls nicht mehr ganz junge Tochter ihr die Haare machen kommt, der eine pensionierte Sohn bei ihr zum Kaffee trinken einkehrt, während der nächste gleich noch zum Mittagessen bleibt. Ich meine; Echt jetzt?
Derweil bleiben wir seit Tagen brav zuhause, legen uns ins Zeug, um Job und Familie und den ganzen Schulkram einigermassen mit Würde unter einen Hut zu bringen und streiten gnadenlos mit einem Teenager, der nur schwer einsehen kann, warum die Sache mit dem gestrichenen Ausgang und der restriktiven Handhabung jeglicher sozialer Kontakte auch bei ihm nicht Halt macht.
Dabei gehören wir ja alle nicht -bis überhaupt rein ganz und gar nicht- zur Risiko-Gruppe.
Aber wir sind nette Leute. Brave Bürger. Wir nehmen das ernst.
Ich will nicht, dass Menschen sterben müssen, nur weil ich alle Warnungen in den Wind geschlagen habe.
Und die Warnungen sind dringlich. Unüberhör- unübersehbar.


Manchmal überwältigt mich die Düsterkeit dieser Zeit. Corona ist dunkel und bedrückend. Aber auch mit Lichtblicken gespickt. Wie die Leute um Punkt 12:30 in landesweiten Applaus ausbrechen für all jene, die helfen, pflegen, retten. Das wilde Musizieren in Italien von Balkonen, Terassen, Fenstern. Gemeinsam. Schulter an Schulter. Das klingt so schön. Und tut so gut.
Ich wünsche mir und euch, dass jeder seine Nischen findet, um Gutes zu tun- und Gutes zu empfangen. Sich selber zu umsorgen ist nicht unwichtig. Im Gegenteil. Wer sich selbst verhungern lässt, kriegt niemanden mehr satt. Das sage ich, die ich so langsam aber sicher wieder in meine alten Jeans passe, ungewollt zu grossen Teilen, aber das Essen fällt mir gerade recht schwer, wegen dem Baby vor allem, das immer weint und quengelt, wenn ich mich an den Tisch setzen will. Überhaupt weint und quengelt er oft. Heute ganz besonders schlimm. Ich glaube, er hat, bevor er eingeschlafen ist, fast eine Stunde lang in meinen Armen geweint, richtige Tränchen sind ihm aus den Augenwinkeln gerollt und das klang so traurig, dass ich ein bisschen mitweinen musste…

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Verrückt

Verrückt! Ich meine… was gerade geschieht. Mit uns. Um uns herum. Was abläuft und wie und vor allem- wie schnell. Seit gestern nachmittag die Bombe geplatzt ist, mitten in meinen Alltag, in mein relatives Unvorbereitetsein, und mich, ja, ich gebe es zu, in meiner ganzen Naivität erwischte, fühle ich mich merkwürdig schief und zittrig. Es ist so eine Art Mini-Schock. Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass meine kleine Welt derart überrumpelt werden könnte von einem Virus, der offensichtlich die Macht hat, ganze Weltlandschaften ins Chaos stürzen. Beim Wort Corona-Virus kamen bisher mehr so Assoziationen wie „weit weg“, „aufgebauscht“, Medienrummel“ und „Massenhysterie“ in mir hoch. Ich war ziemlich sicher, das Ganze wäre nach kurzem, wenn auch heftigem Intermezzo überstanden oder -noch besser- dieser Kelch würde an uns vorübergehen.
Ich war blauäugig und dumm.
Obwohl ich ansonsten eher zu den sorgenvollen Menschen gehöre, die leicht in Panik geraten,  bin ich überrumpelt von der Plötzlichkeit der Dramatik. Das hat sicher auch mit der politischen Taktik der Schweizer Regierung zu tun; die Pressekonferenzen des BAG, die ich mitbekommen habe, waren immer recht… cool. Ich hatte den Eindruck, die Regierung wollte vor allem eins: Ruhe bewahren. Das Thema entschärfen, vielleicht sogar ein bisschen herunter spielen (als das Virus in Italien ankam, fand man das zB. -scheinbar- wenig alarmierend für die Schweiz), die Leute beruhigen. Aber im Hintergrund wurde an Notfallplänen, an Wenn’s und Aber’s gearbeitet, auf Hochtouren gedacht, geplant, vorbereitet.
Eigentlich finde ich das richtig so. Keep calm and carry on.
Aber manches verstehe ich auch nicht. Ich wäre schon froh gewesen um ein bisschen mehr konkrete Vorwarnung zum Beispiel bezüglich des nun definitiven Schulausfalls. Das kam wie eine Bombe
. Auf leisen Sohlen aber mit Rieseneffekt. Knall, Peng. Heute wäre ich der Schweizer Regierung vor allem dankbar um konkretere Angaben, wie genau sie sich das Sozialleben vorstellt in den nächsten Wochen. Sollen die Kinder sich überhaupt noch ab und zu zum Spielen treffen? Darf ich meine Mama noch zum Tee einladen? Was ist noch möglich? Was ein No-Go?
Fragen über Fragen.
Die Antworten sickern langsam und müssen zuerst lange und gründlich durchdacht, hin- und hergewälzt werden. Alles verändert sich. Entwickelt sich. In alle möglichen Richtungen. Abwarten. Geduld haben. Vorbereitet sein.


Auf der anderen Seite fühle ich mich sicher. Und bin wahnsinnig dankbar für dieses Gefühl. Ich habe gesunde Kinder, einen Mann und einen Sohn, die beide von zuhause aus arbeiten können, jetzt in dieser angespannten Situation. Ich habe ein Daheim. Das keiner verlassen muss, wenn er nicht möchte. Ich habe Türen zum Schliessen, Essen, um meine Liebsten satt zu machen, Decken und Kleidung, damit keiner frieren muss, Platz und Liebe zum Verschwenden.
Und wir sind gesund. Das muss ich mir wieder und wieder sagen. Wir sind gesund. Bis auf das Baby, das noch mehr hustet und schnieft und noch immer schlecht schläft, doch Dienstag sehe ich sowieso den Kinderarzt für die Halbjahreskontrolle, und wie gesagt; wir sind gesund. Das können nicht alle von sich sagen, also sollte ich wertschätzend mit diesen Worten umgehen.
Ich sass vor dem Haus, als ich die Neuigkeiten hörte. Meine Tochter kam von der Schule nach Hause und rief schon von weitem: „Vielleicht fällt ab Montag die Schule ganz aus! Sie beraten jetzt darüber im Bundesrat oder wie das heisst. Meine Lehrerin hat das gesagt, sowas hat sie noch nie erlebt…“ Es sprudelte und sprudelte und ich hörte zu mit offenem Mund. Mein allererster Impuls war (ihr dürft ruhig lachen): Ich muss unbedingt einkaufen gehen. *lach* Ausgerechnet! Am Tag zuvor hatte ich im Familien-Chat noch mit Scherzchen über hamsternde Kunden um mich geworfen, und jetzt…? Das mit dem Glashaus und den Steinen sollte ich mir definitiv zu Herzen nehmen.

Gerade räumen wir ein bisschen zuhause auf. Wir richten uns ein, könnte man sagen, ziehen die Decke enger um uns und machen es uns behaglich. Ich kann einen gewissen Kuschelfaktor nicht leugnen im Moment.


Wie meistens, wenn es drunter und drüber geht in meinem Leben, greife ich mir Wolle als Strohhalm. Gerade jetzt dieses wunderbare Altrosa, ein natürlich gefärbtes, achtsam hergestelltes DK-Garn von Woollentwine. Ich musste es einfach anstricken, kaum hielt ich es in den Händen. Und es ist soft, sage ich euch! Soft und leicht wie eine Feder! Ich wünsche mir einen Pullover daraus, einen Federleichtpullover, der wärmt ohne zu erdrücken. Einen sanften Woll-Knuddel sozusagen. Aber weniger in Rosa. Mehr in… Tannengrün vielleicht? Oder in Schokolade? Beides käme mir sehr, sehr gelegen, denn Tannen und Schokolade trösten auch und vermitteln mir ein Gefühl von Geborgenheit und „alles wird gut“.
Weil ich aber noch nicht ganz soweit bin -und Woollentwines Färbertöpfe auch noch nicht, sie ist erst dabei, wieder aufzustocken- habe ich mich anderweitig ein bisschen getröstet. Und selber gefärbt. Wolle gefärbt. Das habe ich noch nie gemacht, jedenfalls nicht im grossen Topf und mit siedendem Wasser und all dem. Doch es hat prima geklappt, richtig hexenhaft kam ich mir vor zwischendurch, wie ich so mit meinem Holzstecken in der dunklen Brühe gerührt und den braunen Blubberblasen beim Aufsteigen zugesehen habe… Drei Babysachen kamen ins eine Bad, ins andere eines meiner älteren Strickprojekte, die helllila „Shalom-„Cardigan, die ich vor 8 Jahren für meinen Kugelbauch gestrickt, nach der Geburt meines Pausbackenkindes aber immer seltener getragen habe. Warum? Ich weiss nicht genau… wegen der Farbe vielleicht? Ich fühle mich nicht pastell. Ich fühle mich erdig und gedeckt und ein bisschen verwunschen. Und mein Körper hat sich verändert. Mein Becken ist breiter, meine ganze Gestalt -bis auf die Hände- irgendwie stämmiger, habe ich den Eindruck.

Heute trage ich meine ehemals zartlila Weste also warm braun und mehrheitlich locker geöffnet über luftigen Kleidern. Ich mag es so, mag sie so, meine gute alte Shalom in ihrem zweiten Leben.
Shalom. Frieden. Auch ein gutes Stichwort. Gerade jetzt.

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Grippezeit

Nein, das wird jetzt kein Essay über den Corona-Virus, über Epidemie oder Pandemie und die Massenhysterie, die aus beidem vorauseilt. Aber ja, auch ich höre davon und bin gar nicht erpicht darauf, diesem fiesen Virus zu begegnen. Weniger aus Angst um mich selber oder meine Kinder (Covid-19 scheint Kindern gottlob nicht besonders viel anhaben zu können), doch auch ich habe Mama und Papa und eine Grossmama. Ich habe eine über 9o-jährige, sehr liebenswerte Nachbarin, neben der ich gerne diesen Sommer nochmals Unkraut jäten würde in unseren Nachbarsgärtchen, und ich habe Freunde und Bekannte und überhaupt; wem sollte ich so etwas wünschen? Kranksein bis im Spital bis in den Tod?
Auch so schon liegt hier alles irgendwie flach und brach. Seit Wochen schon. Die ganz normale Wintergrippe dreht in diesem Haus ihre Runden, bei manchen Kindern zweimal, bei anderen nur kurz, aber der Grossteil hustet und schnieft und fiebert ganz schön und kann acht Tage lang nicht zur Schule. Nachdem ich gerade noch mein heldenhaftes Immunsystem gerühmt und mich über meine inneren Kräfte gefreut hatte, hat es nun auch mich erwischt, gottseidank allerdings bloss in Weichspülform. Schnupfen und ein rauer Hals. That’s it. Beim Baby hingegen kam es geballter; die letzten Nächte waren wirklich kein Klacks, ich glaube, ich habe mehr gewiegt und geschaukelt als geschlafen.
Irgendwie bin ich es so langsam satt, das Ganze. Ich fühle mich blockiert und gefangen. Und bedroht. Die Schlagzeilen vom Corona-Virus ziehen sich wie eine Schlinge um uns zusammen, und innerlich zähle ich einen unbekannten Countdown. Ich möchte einfach, dass es aufhört. Es soll wieder friedlich werden. Frühling. Wärmer und schöner und unbeschwerter. Mir fehlen die freien Momente, Momente wie dieser hier, mit Zeit fürs Stricken oder Nähen oder für ein Plauderpläuschchen mit irgendwem Liebem.
Jetzt gehe ich um spätestens zehn ins Bett, manchmal sogar früher, weil ich instinktiv spüre (oder aus Erfahrung heraus weiss), dass ich wirklich und unbedingt auf ausreichend Schlaf achten muss. Um durchzuhalten. Um ruhig zu bleiben. Gelassen.
Das hilft.
Tatsächlich.


Überhaupt hilft es mir im Moment sehr, einfach los zu lassen. Auch gute Absichten und Ansichten für eine Weile über Bord zu werfen.
Zum Beispiel die Sache mit dem Fernsehen bzw. Handy. Fernseher haben wir nicht. Hatten wir nie. Aber wer hat das überhaupt noch? Heutzutage reicht ein Smartphone aus, Telefon, Internet, Fernseher- alles in einem. Und der Briefkasten steckt auch noch darin. Plus Fotoalben. Dieses Gerät birgt wirklich alles, was das Herz begehrt, und ehrlich; ich bin sehr dankbar dafür!
Trotzdem mag ich es nicht, wie sehr sich alle Welt -mich miteingeschlossen- auf dieses Ding fixiert, wie oft es zur Hand genommen, Blick, Gedanke, alle Sinne darin versenkt werden. Für Stunden. Tage. Wochen. Ein ganzes Leben.
Gerade meine Kinder möchte ich schützen davor. Wenigstens ein Stück weit. Ihnen ihre Kindheit irgendwie unberührt halten von alldem. Natürlich geht das nicht wirklich. Das Netz wird genutzt, Songs gehört, Wikipedia befragt, Fotos für Schularbeiten gesucht, Ausmalbilder ausgedruckt, und Whatsapp hat einen festen, durchaus positiv besetzten Platz in unserem Familien-Leben gefunden, weil es einfach gut tut, Sprachnachrichten mit der Oma oder lieben Tanten auszutauschen oder sich über das neueste Foto vom kleinen Cousin gemeinsam zu freuen.
Trotzdem nagen Schuldgefühle an mir.
Ich möchte auch so eine Outdoor-Unplugged-Mama sein. Mit den Kindern den ganzen Nachmittag draussen spielen und toben und entdecken. Die Jahreszeiten erleben. Die Natur verinnerlichen und mich verbunden fühlen mit allem Leben. Wind, Sonne, Regen, Apfelblütenduft, das ganze Spektrum an Welt mit meinen Kindern teilen und ganz werden dabei.
Die Realität sieht leider völlig anders aus.


Wir sind eine Gruppe von Stubenhockern. Gerne daheim. Ein wenig träge, ein bisschen faul. Und der Kraftakt „Aufbruch“ übersteigt gerade wirklich meine Kräfte.
Aber, sage ich mir, aber so ist es nunmal. So bin ich nunmal. Ich glaube, es wird Zeit für mich, mich so anzunehmen, wie ich bin. Ohne wenn und aber, mit Nachsicht und Verständnis. Alles hat seine Gründe. Alles seine Grenzen. Und meine aktuell tangierten Grenzen verlangen gerade ganz viel Gelassenheit und Achselzucken von meinem inneren Kritiker; also lasse ich den Mädchen ihre Freude an den Kinderliedern bei Youtube-Kids und meine Grosse darf auch mal MineCraft mit ihrem grossen Bruder spielen. Ich lasse zu und lasse los. Ohne Gewissensbisse. Dafür mit Dankbarkeit. Weil es wichtig ist für mich, Frieden zu finden, Frieden zu schaffen, zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken. Das Leben wird -gerade in Zeiten wie diesen, wo Körper und Geist derart vielen Kämpfen ausgesetzt sind- so viel schöner, der Blick auf alles so viel optimistischer, wenn man sich das gönnt, was gerade hilft und gut tut– auch wenn es in der Werteskala eher weiter unten rangiert, sich rein gar nicht mit dem vereinbaren lässt, was gesellschaftlich als pädagogisch wertvoll oder irgendwie achtsam oder natürlich oder sonstwie vorzeigenswert vermarktet wird.
Meine Kinder sitzen vor dem Bildschirm.
Nicht immer. Und ein eigenes Handy bekommen sie nicht vor 14. Aber im Augenblick ein bisschen öfter als mir lieb ist.
Und das ist gut so, denke ich. Ich war selten eine so freundliche, tolerante, geduldige Mutter wie jetzt. Irgendwie. Ich glaube, es ist heilsam für mich, auch mal fünfe gerade sein zu lassen, nicht ständig gegen den Strom schwimmen, für oder gegen irgendwas kämpfen zu müssen. Auch in anderen Bereichen. Im Familienalltag. Beim Essen. Im Haushalt. Überall mache ich kleine Abstriche und lockere den Perfektionswahn, der mir innewohnt.
Ich befreie mich von mir selbst.
Loslassen lernen. Die eigenen Ansprüche kappen, runter schrauben, es gut sein lassen. Lernen, dass schnell oder häufig nicht sein muss. Auch nicht beim Bloggen. Oder auf Instagram. Natürlich ist es verführerisch, mitzuhasten, einen Post nach dem anderen hinzuknallen, Foto auf Foto folgen zu lassen, doch zu welchem Preis? Irgendwer bezahlt. Immer. Irgendwo kommen Zeit und Energie ja her- und fehlen dann an anderen Orten. Man muss weise sein und vorsichtig wählen. Auf sein Herz hören und beachten, wie das Leben gerade so spielt. Ob die Kräfte reichen und der Moment günstig ist. Egal wofür, es muss passen.


Ich glaube, im Moment, jetzt in dieser Grippephase, finde ich den richtigen Trott, den Rhythmus, der gerade zu mir passt. Ich stricke wenig, aber gern, und verzweifle nicht, wenn ich erkennen muss, dass der neue blaue Pullover für mein kleinstes Mädchen wohl nicht mehr diesen Winter fertig wird, ja vielleicht sogar erst im nächsten getragen werden kann, wer weiss. (Gottlob habe ich ihn sowieso viel zu gross gestrickt, wie die letzte Zwischenprobe klar machte) Wenn meine Mama mich fragt, ob sie mir etwas Gutes tun könnte, dann traue ich mich, zu antworten: „Ja! Bringst du mir Kuchen?“ Ich räume auf, jeden Tag, aber ich schäme mich nicht mehr, zuzugeben, dass ich das grosse Bad schon ewig nicht mehr geputzt habe, jedes Zimmer zu viele Dinge beherbergt und mein Küchenboden viel zu selten gewischt wird. Und was ich koche ist simpel und nicht halb so hausgemacht, wie ich es gerne hätte. Aber so ist es nunmal. Es lässt sich ändern, das ja, aber nicht mit dem Energiehaushalt, den ich gerade zur Verfügung habe. Nicht mit kranken Kindern und so wenig Schlaf. Nicht wenn ich ich selber bleiben und mir wenigstens den Ansatz von Ausgeglichenheit erhalten möchte.
Punkt.
Ich rede mir selber gut zu. Wieder und wieder. Und es scheint, so langsam glaube meinen eigenen Worten.
Selbst-Vertrauen fängt wohl genau damit an: Sich selbst zu vertrauen.

 

 

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