Archiv der Kategorie: berührt

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Oje, dieser Post wird wohl nicht besonders ästhetisch ausfallen. Es ist oftmals dermassen November-dunkel, dass ich mit meiner simplen Kompaktkamera drinnen und bei Kunstlicht fotografieren muss, und meistens bin ich irgendwie im Schuss und ungeduldig und äuge bloss halbherzig durch die Linse, bevor ich ein-, zweimal abdrücke, weil mich das, was vor und rund um die Kamera herum geschieht, eigentlich voll und ganz in Beschlag nimmt. Kein Licht, keine Zeit, aber trotzem; hier ein paar Fotos der letzten Tage. Weil mir nachts um halb elf gerade danach ist.

DSC00994: Kerzen sind entstanden, gestern und heute, gemacht von meinen Kindern. Es sind acht Stück bisher oder so, in aller Ruhe im Dorflokal über grossen Kesseln voller heissem Buntwachs gezogen. Und alle tragen sie die Handschrift ihres eigenen kleinen Künstlers. Ich mag das.
Ich mag aber auch die Überraschungen. Wenn mein grosses Mädchen plötzlich mit einer blassrosa “Stachel”kerze heimkommt. Wo sie Rosa, Pink und Violett doch längst und mit Nachdruck abgeschworen hat. In Kombination mit der hellgrauen Kerze ihrer kleinen Schwester (die beim Kerzenmachen natürlich Hilfe hatte) finde ich exakt diese Farbe aber geradezu entzückend. Und die Kerze sowieso. :

DSC00988: Hierzu gibt es nur wenig zu sagen. Ich und meine Kleine, für ein Stündchen ganz unter uns, weil alle ausgeflogen sind (Schule, Freunde, Kerzenziehen) und die jüngste Maus im Bett liegt und den Nachmittag verschläft. Solche Momente sind selten. Genau wie die Tatsache, dass wir ihn mit einer Runde Brettspiel füllen, denn meistens finde ich ja hunderttausend scheinbar wichtigere Dinge, die ich “unbedingt noch rasch erledigen sollte”, bevor die Kleinste wieder aufwacht… So aber legen wir verrückte Labyrinthe und geniessen die Nähe und Ruhe.
(Ach ja, noch was: “Miss Read” endlich doch noch ist angekommen! Ich freu’ mich aufs Lesen und Blättern! Zuerst muss ich mich aber noch durch mein aktuelles und drittes Clayton-Buch, “Das Landhaus”, durchackern, das mir ganz unerwartet überhaupt nicht gefällt. Ich bin regelrecht schockiert über den unverhohlenen Sexismus, den die Romanfiguren völlig unkritisiert leben und kann emotional keine Wurzeln fassen, weil die Geschichte zwar angeblich in den 70ern spielen soll, sich aber stellenweise anfühlt wie feudalistischstes Mittelalter. Und die aufgesetzt wirkenden und oftmals absolut sinnlosen hochphilosophischen Diskurse der Protagonisten langweilen mich so langsam. Da war “Das Haus der Freundin” um Welten besser. Und auch “Der Garten der Fortuna”, der mich zum Schluss ja leider etwas enttäuscht hatte, mochte ich ganz klar lieber. Mal sehen, wie’s weitergeht. Noch bin ich nicht weiter als im letzten Drittel, da ist doch noch einiges möglich…):

DSC00987: Kind2 hat sich ein wenig angesteckt bei seinen Schwestern und legt gerade ebenfalls bügelperlenfiebrig eifrig Bügelperlenbilder. Allerdings sind seine Figuren eher weniger malerisch und entbehren dem Niedlichkeitsfaktor der schwesterlichen Pferdchen und Eulengebilde. “MineCraft”-Kreaturen sind das, glaub’ ich, oder so. Aber Kunst soll ja immer aus dem Herzen sprechen und ausdrücken, was einem gerade beschäftigt, fasziniert, lockt oder sonstwie nicht los lässt.
Das hier ist erst die erste Figur von mittlerweile drei sonderbaren Pixelwesen, an denen er mit ungeahntem Feuereifer arbeitet und sich jeweils riesig freut, wenn sie gebügelt und fixfertig vor ihm liegen. Erkennen kann ich zwar nicht viel, aber nun ja, jeder nach seiner Fasson. Kinder mit derart unterschiedlichem Temperament und grundverschiedenen Charkteren und Interessen zu haben, ist nicht immer einfach für mich. Aber ganz bestimmt spannend und hochgradig horizonterweiternd. :

DSC00981: Die Torte! Bitte verzeiht das grässliche Foto, aber die Bilder, die ich ursprünglich geknipst hatte, bei nachmittäglichem Tageslicht damals noch und weit weniger zermantscht und ruiniert, lösten sich buchstäblich in Luft auf, weil ich ganz vergessen hatte, einen Chip in die Kamera zu einzulegen *hüstel*. Also musste ich das allerletzte Stückchen Torte nochmals fotografisch festhalten, bevor es in irgendeinem gierigen Mund verschwand, denn ich fand es so nett von Herrn Kirschkernzeit, dass er neulich für uns gebacken hat, und erst noch Schwartwäldertorte mit Schokoladenüberzug, was so was Herschaftliches und Feierliches an sich hat. Männern, die kochen oder backen, konnte ich noch nie wiederstehen. Und Kuchen mit Schokolade schon gar nicht. :

DSC00984: Oh… Post von “Tiny Happy”! Als ich diesen Blogbeitrag von ihr las, musste ich mir sofort eine Kleinigkeit bei ihr bestellen. Für jemand Liebes als Geschenk. Oder für mich selber, so als Seelenschmeichler, wenn nur noch ein schwarzsamtenes Projektbeutelchen Trost zu spenden vermag. Ich liebe Melissa Wastneys Sachen. Sie hat ein unglaubliches Gespür für sanftes Understatement, harmonische Töne und kleine, charmante Eigenwilligkeiten, wie die hauchfeinen Fäden, die gepressten Blumen im Geschenkanhänger und das rezyklierte Schnittmusterpapier, mit dem sie ihre Sachen immer liebevoll und sehr persönlich verpackt. :

DSC00964: *Schmachtschmelzschatz* An diesen handgemachten, winzigkleinen roten Kirschen und grünen Äpfelchen meiner Kleinen kann ich mich einfach nicht sattsehen. Sind sie nicht schnucklig?! Sie hat sie aus kleinen Papierstückchen so quasi mit ihren kleinen Händchen gepresst und mit Klebestreifen fixiert und verfüttert sie nun leidenschaftlich gerne an ihre Schmusetiere oder ihren geliebten und mittlerweile schon arg abgeblätterten Gummi-Pokémon-Mini-Schiggy, ein Fund in der Wühlkiste des Trödlers. Vor Jahren schon. Und nicht unbedigt waldorfadäquat schön. Aber der hat’s ihr angetan und sie bleibt ihm treu, wie es scheint. Was ja an sich eine gute Sache ist, das mit dem Treusein.
Ich glaube, diesen Dingerchen werde ich auch treu sein und sie auf ewig aufheben. Auch wenn sie bloss aus Papier sind und eigentliche Momentan-Kunstwerke, wenn man so will. Aber ich finde sie einfach zu süss! Und dann all die Erinnerungen… :

Voilà. Sechs Fotos. Es sind Bilder von Handgemachtem und vom Hand-Werk per se, wo gespielt, gebastelt, gebacken und genäht wurde. Meist gar nicht von mir, das überrascht mich jetzt selber, aber irgendwie freut es mich auch, denn ich finde es schön, anderen beim Kreativsein zuzusehen oder Dinge in mein Leben einzubauen, die jemand anderes mit Liebe und Sorgfalt hergestellt hat. Von Hand. Alles ist besser, das in seiner Entstehungsgeschichte Handwärme und den einen oder anderen Fingerabdruck abgekriegt hat. Das erst verleiht ihm wohl den… ganz persönlichen Touch.

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Heute morgen bin ich mit Robbie Williams aufgewacht. Mit einem seiner Songs im Kopf, im inneren Ohr und auch ein bisschen im Herzen. “Advertising Space” höre ich auch jetzt noch, seit 2 Tagen schon, sogar wenn das Radio ausgestellt ist und obwohl ich dieses Lied gar nicht besonders gerne mag.
Es spricht aus, was ich oftmals fühle in letzter Zeit. Diese Melodie… dieses Melancholische, der kleine Weltschmerz. “Dieser sanften Schmerz, den Augenblick nicht festhalten zu können.”: Meine liebe Leserin Kathrin hat absolut perfekt in klare Worte fassen können, was mich schon seit Wochen umwabert wie Bühnennebel. Manchmal ist dieses Gefühl der Loslassenmüssens und es doch nicht Können ungeheuer dicht und präsent. Dann wieder verpufft es leise. Und alles ist wieder klar und hell, ein unbeschwerter herbstlicher Sommertag.
Ich habe gerade eben wieder darüber nachgedacht. Wie eng Natur und Menschsein miteinander verbunden sind, wie ähnlich geschnitten, das eine ein Gleichnis vom anderen. Auch das Leben hat seine Jahreszeiten, und ich habe den Eindruck, manche Lebensabschnitte sind einfach… herbstlicher als andere.
Aber gottlob hat auch der Herbst ja so viele Gesichter und Facetten. Und nach den dunklen, nebelverhangenen Phasen leuchtet sein Licht nur umso goldener und gnädiger. In den vielen, wirklich unglaublich vielen verschiedenen Kürbissen meiner allerliebsten Biobauern ein paar Strassen weiter.
Im weichen, warmen Senfgelb und nebligen Grau meiner neuen, heissgeliebten Baumwoll-Leinentücher (von “Grüne Erde”), die ich neulich erst ausgepackt und, weil ich sie dermassen schön finde, gleich nochmals bestellt habe für unsere weisse Holzküche.
Im leuchtend bunten Herbstlaub, das jeden Tag ein Stückchen weniger wird, zerzaust und verstreut vom Herbstwind und kleinen oder grossen Füssen, die nicht genug bekommen vom Geraschel des welken Laubteppichs.
In den immer ausladender werdenden Bastelmomenten der Kinder, die meist ganz ohne mich ihren Anfang finden, immer öfters unter der kreativen Führung meines 8jährigen Mädchens, das keinen Moment still sitzen kann, es sei denn beflügelt von einer neuen Idee. Gerade schlüpfen hier mehr Bügelperlen-Eulen, als ich zählen kann.
Der Herbst lockt auch in der Küche. Mit Kürbis-Muffins (“Bombay Pumpkin Cupcakes with Cardamom Cream Cheese Frosting” aus “Handmade Gatherings”- herrlich, wenn man Kürbis mag!), Kürbiscremesuppe mit ganz viel Sahne und frischen Croutons, Käsewähe und einem spontan gebackenen Vollkornzopf. Es muss wohl diese Mischung an ungastlicher Abendfrische und wohliger Wärme zuhause sein. Manchmal kommt mir die Küche in Herdnähe regelrecht als Wohlfühlort vor…
Und dann ist da Wolle. Wolle! Wolle im Sommer ist schön, Wolle im Herbst aber ist grandios und nicht zu übertreffen. Wolle ist Herbst, ein Stück weit, und das Gefühl, mir und meiner Familie etwas Gutes zu tun, wenn ich die frisch eingetroffenen, braunen Strangen auspacke, verleiht mir Flügel. Die “Rosy Green Big Merino Hug” für diesen gigantischen Kuschelschal ist gerade eben bei mir angekommen, und 200gr. “Cumbria” von Fibre und Co. kamen gleich mit ihr, völlig unnötig und noch absolut Ziel-los, aber wirklich wunderwunderschön und eine Pracht für Augen und Hände.

Heute nachmittag habe ich im Garten gearbeitet, aufgeräumt vor allem und sicher eine Stunde lang Weglein und Plätzchen gefegt, wo alles voller Sandkastensand, Tannennadeln und goldgelbem Birkenlaub lag. Die Luft war lau, mein Kopf leicht und befreit, mein Herz beschwingt und voller Zuversicht. Ein gutes Gefühl. Ein guter Moment.
Keine Ahnung wieso.
So geht das wohl im Herbst, wenn die Sonne durchbricht.

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Meine Annabel

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Ein wunderbar verschlafener Sonntag. Ein Vicoria Clayton-Herbsttag, wobei ich doch auch zugeben muss, dass mich “Fortunas Garten” mit seinem Rosamunde Pilcher-Ende ein bisschen enttäuscht hat. Die letzten 100 Seiten wurden ziemlich wirr und wild, die Figuren, die ich im Laufe des Buches so sehr ins Herz geschlossen hatte, trafen unglaubwürdige Entscheidungen und brachten sehr sonderbare Irrungen und Wirrungen des Lebens ans Licht… Und dann diese harzige Liebensgeschichte zum Schluss. Wie aufgedrückt. Ein Jammer. Aber ich bin ein treuer Mensch und lasse Liebgewonnenes nicht so schnell wieder los: Der nächste Clayton-Roman ist bereits auf der Post und unterwegs zu mir, und ich freue mich unverdrossen darauf.
Überhaupt… der Herbst und ich, das ist eine ganz grosse Liebe. In diesem Jahr war sie sonderbarerweise sehr viel weniger feurig und ergreifend als in anderen Jahren, es fiel mir schwer -zu schwer-  den Sommer loszulassen, was ganz ungewöhnlich ist für mich und mich selber ziemlich verwirrt hat, aber irgendwie verstehe ich es auch: Dieses Jahr war ein Jahr der Extreme für mich, gesundheitlich, innerlich, emotional, und auch für mich als Mutter, denn ich musste damit zurechtkommen, das Kuscheligste und Anhänglichste meiner Kinder plötzlich Morgen für Morgen zum Kindergarten ziehen zu lassen und mein jüngstes Mädchen -mein Baby!- mit zweieinhalb Jahren abzustillen.
Erste Male und letzte Male.
Solche Sachen machen mir immer zu schaffen.
Mit bald 40 scheint plötzlich so vieles in Frage gestellt. War das schon alles? Sind 5 genug? Was ist noch möglich, wie viel dürfen mich Träume noch kosten und wer ist bereit dafür zu zahlen?… Die Endlichkeit allen Lebens wird mir immer bewusster und dieses zeitweise fast schon körperlich spürbare Wissen dämpft viel zu oft meine Begeisterung und meinen Elan. Gleichzeitig merke ich, dass ich ruhiger geworden bin. Zufriedener. Weniger getrieben und jedem Trend hinterherhechelnd. Aber auch rauer und selbstbestimmter. Ich stehe, wo ich bin, schwanke vielleicht, aber da sind Wurzeln gewachsen, ganz ohne dass ich es gewollt hätte.
In gewisser Weise sind auch das so etwas wie… Herbstgefühle. All das Windige, Bewegte und trotzem Knorrig-Verwachsene.

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Irgendwie scheint es ganz passend, dass ich im Moment immer wieder zu meiner “Annabel Cardigan” greife, meiner dicken, ein bisschen kauzigen Wolljacke aus lokal handgesponnener Wolle, um mich mollig warm einzumummeln und mir braun und bodenständig einen extradicken Pelz zuzulegen…
Fertig geworden ist sie schon lange. Bald ein Jahr schon müsste das wohl her sein, denke ich. Aber da waren die etwas zu kurzen Ärmel und der ein Mü zu knappe Schnitt, der daher rührt, dass mir schlichtweg die Wolle ausging und mir die alte Spinnerin zu meinem Schrecken erklärte, sie könne keinen Nachschub mehr herstellen. Ich haderte mit der jetzigen Form. Dicke Wolle und kurze Ärmel? Das passt nicht so recht. Schon gar nicht zu meiner Wunsch-Vorstellung von meiner “Annabel”, die ich damals voller Zuversicht begonnen und mich allen Zweifeln und Hindernissen tapfer in den Weg gestellt hatte. “Muss die so kurz sein?” fragte auch meine Mutter.
Doch jetzt, knapp ein Jahr später ist es mir einerlei, wie diese Wolljacke hätte sein sollen. Sie wärmt und schmeichelt meinem Tastsinn mit einer wunderbar natürlichen und runden Griffigkeit. Ob zu kurz oder nicht; Jede handgemachte Strickjacke, jede “Annabel” ist einzigartig. Auch meine. Wolle und ein Bauplan- was schlussendlich daraus wird, ist immer wieder eine kleine Offenbarung und ein Grund, stolz, dankbar und demütig zu sein, denn es hätte auch ganz anders kommen können.
Dieser Gedanke ist tröstlich und gross. Und er spricht zu mir. Denn auch das Leben ist einzigartig, jedes Leben, und jeder Mensch, der im Laufe seiner Jahre zu dem geformt wird, was er ist. Mit Ecken und Kanten und ganz bestimmt auch mit einigen besonders schön geschliffenen Rundungen, in seiner ganzen Endlichkeit und Beschränkung.

Meine Annabel ist so wie sie ist, vielleicht nicht ganz “richtig”… aber auch nicht wirklich falsch. Es kommt immer darauf an, in welchen Zusammenhang ich sie stelle, wie sie kombiniert, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet wird. Ich habe mich für einen nachsichtigen Blick aus der extra wohlwollenden Warte entschieden…

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berührt: Fussball

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Heute bin ich sehr nachdenklich. Mich beschäftigt ein Vorfall der letzten Tage; Ein Fussballspiel im Zürcher Hallenstadion und direkt vor dem Stadion wird ein 14jähriger Junge von einer Schlägergruppe mit Faustschlägen und Fusstritten(!) dermassen attackiert, dass er notfallmässig und schwer verletzt ins Spital gefahren werden muss.
Ich bin irgendwie fassungslos. Ich meine; 14?!?
Fast noch ein Kind.
Vielleicht muss man 38 Jahre alt sein, um einen Vierzehnjährigen noch als so richtig jung zu empfinden und die Verletzlichkeit hinter der manchmal vielleicht schon ganz schön grossspurigen Fassade zu erahnen, aber für mich ist das einfach unvorstellbar, so oder so: Wie kann man so etwas tun? Sich zusammenrotten, um einem wehrlosen Menschen, der sich auf ein kleines, wohl vom Sackgeld zusammengespartes oder zum Geburtstag geschenkt bekommenes Sportabenteuer freut, so quasi das Lachen aus dem Gesicht zu treten. Wie tief können Menschen denn noch fallen?…
Noch sehr viel tiefer, ich weiss, dazu muss man bloss ab und zu das Radio einschalten und von den Nachrichten überrascht werden. Trotzdem. Die Betroffenheit bleibt. Auch nach Hunderten von Schreckensmeldungen aus aller Welt, nach Berichten von Terror und Missbrauch und der offenen, scheusslichen Bosheit und Grausamkeit, mit der einem die Menschheit durch die Schlagzeilen entgegenblickt, fühle ich noch Betroffenheit und Trauer, vor allem wenn ein Einzelschicksal für mich konkret und greifbar wird.
Das Foto der kleinen Wasserfontäne oben hat Kind1 gemacht und mir voller Stolz gezeigt. 15 ist er mittlerweile. 14 war er vor noch gar nicht so langer Zeit, und erst vor kurzem war er mit seinem Vater und dem 4 Jahre jüngeren Bruder auch an einem Fussballspiel. Zum allerersten Mal. Und an haargenau demselben Ort. Ich erinnere mich an seine Vorfreude und die stille Aufgeregtheit, mit der er diesem Erlebnis entgegenfieberte, ein bisschen erwachsen schon und daher natürlich eine Portion cooler als früher, aber immer noch recht jungenhaft auf seine Weise.
Wahrscheinlich sind es die vertrauten Details in einer Schlagzeile, die uns eine Geschichte ganz besonders nahe gehen lassen. Ein Opfer, das im selben Alter ist wie unser Kind. Ein Tatort, an dem wir selber schon waren. Ein Anlass, der Erinnerungen weckt. Je älter ich werde, desto zahlreicher werden die Verbindungsmöglichkeiten zwischen mir und den anderen, zwischen mir und dir. Ich sehe immer klarer, wie viel uns Menschen verbindet und gleichstellt, was uns trotz aller Unterschiede und der teilweise bis zum Exzess ausgelebten Individualität eben menschlich und verbündet macht, und immer stärker fühle  ich schmerzlich mit, was andere bewegt.
Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob das wirklich etwas Gutes ist.
Ein Stück weit wünschte ich bisweilen, ich könnte zurückfinden zur Naivität und Gleichgültigkeit der/meiner Jugend…

Ich frage mich gerade auch, ob und inwiefern sich das Problem der Gewalt und Feindlichkeit zwischen den einzelnen Fan-Gruppen positiv verändern lässt. Ein Alkoholverbot vor und im Stadion fände ich persönlich eine gute Sache. Eine Meute im Rausch war schon immer ein Risiko. Und vielleicht wäre es auch hilfreich, wenn Fussballer selber ein bisschen mehr… nun ja… mit Mass und Respekt dem Gegenspieler gegeübertreten würden? Neben, vor allem aber auf dem Spielfeld. Natürlich fliesst hier Geld in unsinnigen Mengen und es geht vielleicht sogar um Sein oder Nichtsein, aber auf der anderen Seite sollte man das Kind doch beim Namen nennen: Fussball ist ein Spiel. Sport. Und das sollte es auch bleiben. Kein Grund, sich auf dem Feld ins Ohr zu beissen oder dem Gegenspieler noch rasch hinterrücks den Ellbogen ins Gesicht zu rammen (alles schon gesehen). Dann finden vielleicht auch Leute ausserhalb des Spielfeldes ein paar Gründe weniger, sich wie Bestien im Krieg aufzuführen. Mehr miteinander als gegeneinander. Würde und Respekt vor einem Sieg um jeden Preis. Das sollte doch eigentlich selbst beim Fussball möglich sein…

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