Archiv der Kategorie: Augenblicke

Woche 4: geschenkt

Es klingt wie ein Klischée, wenn ich mir meine letzten paar Einträge so ansehe. Die ersten 4 Wochen Leben im Ausnahmezustand. Leben mit Corona. Woche eins hätte den Titel „Überwältigung“ tragen können. Woche 2 „Schritt für Schritt“. Woche 3 erhielt die Überschrift „Akzeptieren, was ist“, und müsste ich nun für diese 4.Woche ein Wort auswählen, dann glaube ich, ich würde „Geschenkt“ nehmen.
Weil mir so vieles irgendwie plötzlich wunderbar erschien, und ich jeden dieser schulfreien, überhaupt durch und durch befreiten Tage als Segen zu empfand- obwohl ich niemals ganz ausblenden konnte, dass es viel Leid gibt um mich herum und dass Corona über den Daumen gepeilt wahrscheinlich doch mehr Schaden anrichtet, als es Gutes zu bewirken vermag. Nachhaltigen Schaden. Die Leute werden all die eingesparten Co2-Ausstösse oder die ausnahmsweise im Wald verbrachten, idyllischen Stunden als Familie wahrscheinlich sehr viel rascher wieder erfliegen, erreisen, erkonsumieren bzw. ihre Erlebnisse in der Natur wieder vergessen und gegen Bildschirm-Aktivitäten eintausche, als die Arbeitslosenquote sinken, die Trauer über verlorene Angehörige überwunden sein wird. Vielleicht bin ich zu sehr Pessimistin, doch ich bezweifle, dass diese Zeit jetzt so quasi die „grüne Wende“ bringt. Ich hoffe darauf, das auf jeden Fall. Aber insgeheim traue ich der Vorstellung nicht, so schön, so wunderbar sie auch sein mag.
Und ich bin mir bewusst: Ich lebe in einer Art Seifenblase. Mein Mann kann von zuhause aus arbeiten. Mein Sohn hat -dem Himmel sein Dank!- seine Informatiker-Lehrstelle gerade noch rechtzeitig ergattern können. Vor Corona. Wir haben Platz unter unserem Dach und ein bisschen Gärtchen-Grün direkt vor der Nase. Für mich persönlich ändert sich kaum etwas: Ich bin eine Stay-at-Home-Mom aus Leidenschaft, die ihre Kinder sowieso am liebsten um sich herum hat. Sehr Gluckenhaft. Ziemlich altmodisch. Absolut klischéehaft, aber ich mag Klischées.
Diese Woche war allerdings nicht ganz alltäglich, der Osterferien wegen. In Urlaubszeiten lässt sich vieles, was einem sonst belasten würde, einfach besser ertragen, anderes bleibt einem gleich ganz erspart. Die Kinder mussten nicht geweckt werden, die Homeschool-Ecke blieb unberührt, und ausserdem war das Wetter derart herrlich und hochfrühlingshaft positiv, dass man gar nicht anders konnte, als mit einem Lächeln durch den Tag zu schaukeln. Knallgelbe Osterglocken, weidende Meerschweinchen (zwei davon dick und rund), ein Baby, das mit nackten Beinchen auf der Krabbeldecke liegt und Illustrierten zerfleddert, bare Füsse und ein erstes Bad im Plantschbädli: Herz, was willst du mehr?
Es gab Tage, da hatte ich das Gefühl, es wäre Sommer. Klarblauer Himmel und Eiskaffe im Gartenhäuschen, während die Sonne meine Nase kitzelt und der leichte Wind mir das Haar zerzaust. Glück kann so einfach sein. So unmittelbar.
Und unglaublich rasch wieder verpuffen.
Heute nämlich fühle ich mich vollkommen anders. Erschöpft. Überfordert. Hungrig nach mehr, und nichts macht mich satt.
Das Baby krabbelt und rollt permanent kreuz und quer durch die Gegend, möchte alles und jedes sofort erkunden und in die Hände kriegen- und schläft nachts wieder katastrophal. Ich komme kaum nach, alles in die Höhe zu räumen, kann nicht essen mit ihm auf dem Schoss, geschweige denn mit ihm im Kinderstühlchen, wo er nie lange bleiben mag, und der verlorene Schlaf nagt schwer an meinen Kräften. Mir fehlen die Pausen. Und wie. Gleichzeitig sehe ich ab Dienstag eine neue Welle „Schule zuhause“ auf mich zurollen, diesmal nicht in der wunderbar abgespeckten Wohlfühl-Version der ersten Phase, sondern sehr viel dichter und fordernder. Bis zu 4 Lektionen straffes Lernprogramm pro Tag, Video-Gespräche, musischer und turnerischer Unterricht- all sowas steht an, und ich habe schlichtweg keinen blassen Schimmer, wie ich all das in meinen Alltag einbauen soll. Mit Kindern in vier verschiedenen Lernstufen, übernächtigt und mit quengelndem Baby auf dem Arm. Ich bin doch schon so nicht mehr wirklich Herrin der Lage.
Die Schönheit der letzten Tage ist vergessen, ich möchte nur noch schlafen, die Augen verschliessen, meinen Frieden.
Wie schnell sich doch alles ändert.
Wie rasch die Brillengläser ihre Farbe wechseln. Von rosa auf schwarz.
Jetzt, da ich dies schreibe, habe ich einen Becher duftenden Kaffee neben mir und nage an einem Schokohasen-Ohr. Wir waren draussen im Wald (herrlich!) und meine Mama überraschte uns gemeinsam mit meiner Schwester J. mit einem liebevoll hergerichteten, kurz bei uns abgeladenen Oster-Nasch-Gärtchen (wie lieb!). Die Sonne scheint und mein Mann hat ab sofort eine Woche frei. Eigentlich ist alles wunderbar. Und dennoch bleibt ein dunkler Schatten.
Meine Kleine, die gestern Geburtstag hatte, hätte glücklich sein können. Ich fand, ihr grosser Tag verlief ganz zauberhaft und harmonisch, mit viel Zeit fürs Vorlesen und Spielen, fürs Kuchenessen ihrer Lieblingstorte (Erdbeer!), zum Auspacken ihrer Geschenke. Doch irgendwann im Laufe des späteren Nachmittages, als ihr klar wurde, dass es wirklich keine Gäste um ihren Geburtstagstisch geben würde, weinte sie. Und blieb untröstlich.
Ich glaube, das ist es, was mich am meisten bedrückt: dass ich meiner Familie die anderen nicht ersetzen kann. Dass meine Kinder ihre Oma, ihre Tanten, ihren Neffen vermissen, egal wie schön und voll und lebhaft ihr Zuhause auch sein mag. Es fehlt trotzem zu vieles, als dass ich es wett machen könnte, weder mit meiner Gluckenliebe, noch mit gutem Essen oder gespielten Brettspielen. Sie sehnen sich nach den Menschen, die sie lieben, nach der Freiheit, sich in ihren immer weiter werdenden Radien in der Gesellschaft zu bewegen, nach dem Austausch mit der Welt da draussen.
Manchmal liebe ich diese Zeit. Weil sie in einer kleinen, für mich noch recht heilen Welt spielt. In meiner ganz persönlichen Seifenblase, herrlich reduziert auf das, was meinem Herzen am nächsten steht.
Manchmal allerdings kommt mir alles schwer vor. Schwer und schwierig, und ich halte den Atem an, weil ich so viel Unbekanntes auf uns zukommen sehe. Dann fühle ich mich bedroht trotz der Geborgenheit meiner Insel.

Hm… Welchen Titel wohl Woche 5 tragen wird?

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Woche 3: Akzeptieren, was ist

Diese Woche war vorbei, kaum hatte der Montag begonnen.
So jedenfalls fühlte es sich an.
Sonntags bleibt dank dem Gottesdienst, den wir via Zoom ganz gemütlich noch halb im Pijama vom Sofa aus miterleben dürfen, immerhin ein Hauch von Wochenstruktur erhalten. Sonntag ist anders. Speziell. Da gibt es, im Gegensatz zu allen anderen Tagen der Woche, nach wie vor einen Termin, ein „Date“ sozusagen: Wir „treffen“ uns mit Menschen ausserhalb unseres Clans, und sei es auch nur virtuell. Ein Blick auf die kleinen Bildschirm-Fensterchen, in denen bekannte Gesichter vor fremden Hintergründen erscheinen, singen vor dem aufgeklappten Laptop, Herrenmahl aus altem Sonntagszopf und einem Schluck Kochwein (gruusig!), die Predigt hören, während ich das Baby ausser Sichtweite stille und die Kinder zeichnen- und nach der „Versammlung“ das eine oder andere „Hallo, wie geht’s euch?“ per Mikrophon quer durch die Schweiz schicken. So sieht der Gottesdient aus für uns. Zu Coronazeiten.
Ich liebe ihn so. Genau so. Verbindlich, aber entspannt. Losgelöst von der Hektik und dem immensen Druck, den ich normalerweise mit unserem sonntäglichen Freikirch-Besuch in Verbindung bringe.
Die anderen Tage sind uniform. Einer gleicht dem anderen. Fast bist aufs Haar. Und nun, da offiziell Ferien sind, fällt auch unsere Unterrichts-Einheit am Vormittag weg, was mir einerseits sehr gelegen kommt, weil ein Zeit-Korsett sich nur schwer schliessen lässt mit quengeligem Zappelbaby auf dem Arm, was mich andererseits aber auch verunsichert. All die Muttis, die ich beim Spazierengehen so antreffe -ganz zufällig, ich schwör’s- berichteten jeweils von ausgiebigen Extra-Schullektionen, die sie ihren Sprösslingen nun angedeihen lassen. Denn „das was die Schule so verlangt, das ist doch viel zu wenig!“.
Ist es das? Tatsächlich? Ich weiss nicht recht… Mir scheint es genug zu sein. Und so hurtig und lerngierig wie all die anderen Kinder -laut ihren Mamas- ihre Schularbeiten erledigen,  sind meine auch nicht. Hier wird schon gearbeitet. Häkchen reiht sich an Häkchen. Aber langsam. In gemächlichem Tempo und ohne grossen Druck von meiner Seite her. Zusatzaufgaben? Damit Hänschen endlich besser wird im Einmaleins? Das Französisch noch einen weiteren Schliff erhält? Die Schönschrift geübt wird?
Hab ich aufgegeben.
Nicht, weil ich es nicht gut finde, wenn alles sitzt. Doch ich möchte den Haussegen nicht opfern. Nicht als Preis für meinen mütterlichen Ehrgeiz.
Gut ist gut genug für mich. Pflichtbewusst darf gerne sein, das schätze ich sehr, aber ich möchte nicht mit der Peitsche daneben stehen und meine Lieben antreiben müssen, sich im Kampf um das beste, klügste, am tollsten geförderte Schulkind möglichst auf Spitzenplätzen zu beweisen.
So lassen wir es entspannt angehen. Und belassen es dabei.
Herausgekommen sind diese Woche trotzdem ein paar sehr schöne Dinge. Zum Beispiel hat meine Grosse (10 Jahre) angefangen, ein wenig zu stricken in ihrer vielen Freizeit. Einen winzigen, gelben Schal für ihren Plüschpinguin. Sie macht das nicht schlecht. Ganz so einfach ist es ja nicht, wenn man zum ersten Mal Nadeln und Faden in den Händen hat und Maschen dabei herauskommen sollen. Vor allem aber sieht es so aus, als würde sie es ganz gerne machen. Und das ist mir das Wichtigste. Handarbeiten hat seinen Stachel verloren, finde ich. Niemand muss mehr stricken oder häkeln oder nähen. Aber jeder darf. Solange es Freude macht.
Ziemlich glücklich bin ich auch mit der Entwicklung, die momentan gerade in meiner Küche vor sich geht: Hier wird nämlich gekocht. Und das nicht immer von mir. Nachdem ich mehr als einmal vollkommen erschöpft und entnervt vom Hantieren zwischen Herd und Babykind zum Essen auf meinen Stuhl gesunken bin und kaum essen konnte mit meinem Zappelkind auf dem Schoss, kam mir die Idee, das Kochen vermehrt auf andere, weitaus weniger eingespannte Familienmitglieder zu verteilen. Delegieren, nennt man das, richtig? Eine feine Sache, dieses Delegieren, wirklich.
Jetzt ist Kind2 zweimal die Woche für unser Mittagessen verantwortlich. Kind1, der ja wochentags am PC für seine Informatik-Bude im Home-Office arbeiten muss, kocht plangemäss einmal am Wochenende, mein grosses Mädchen einmal unter der Woche. Und wenn ich Glück hab‘, zaubert der Herr Kirschkernzeit auch noch das eine oder andere für uns auf den Tisch.
Herrlich!
Ich helfe, wo ich gebraucht werde, plane mit, zeige meine Hausfrauentricks und -Kniffe und überschütte meine jungen Chefs de Cuisine überschwänglich mit Lob. Ach ja; und ich schneide bereitwillig Zwiebeln. Den zarten Äuglein der frischen Jugend scheinen Zwiebeln schlecht zu bekommen, hihi.
Das Wochen-Mittags-Menu dieser Woche war übrigens Folgendes: Ebly-Pfanne mit gebratenem Gemüse, Pilzen und Mozarella. Hackfleischbällchen mit Kartoffelstock, Bratensauce, Möhren und grünem Wirz. Pizza diversico. Hawai-Krapfen mit gemischtem Salat. Pommes mit Chicken Nuggets und Röstgemüse. Chili con Carne mit Fladenbrot. Fehlt noch die Sonntags-Küche. Was es geben wird? Keine Ahnung. Das überlasse ich meinem Liebsten.
Ansonsten… geschieht hier nichts. Und doch so viel. Mein Baby lernt robben. Er kullert und robbt quer durchs Zimmer, wo nichts mehr sicher ist vor ihm.
Mein Kindergartenkind übt derweil ein bisschen schreiben und lesen. Aber nur rudimentärst. Sie möchte auch dazu gehören, das spüre ich momentan ganz stark. Ihren Platz ein bisschen neu definieren und verankern in der Familie. Vom Kleinkind zum grossen Mädchen, schätze ich, denn gerade nimmt sie den Spagat von 4 zu 5, und ich finde diesen Altersschritt doch recht gewichtig, vor allem mit der ganzen Kindergartengeschichte im Hintergrund. Jetzt, wo der Stubentisch so oft zum Klassenzimmer wird, bedeutet dazugehören für sie wohl auch; mitlernen, mitschreiben, mitrechnen, mitzeichnen.
Aber ich pushe sie nicht. Ich lasse ihr ihr Tempo und versuche, dem Ganzen eine lockere, spielerische Note zu verleihen. Und wenn sie keine Lust auf Buchstaben hat, kommt das Zeichenheft an die Reihe. Keines ist besser als das andere.
Am 11. April wird sie 5, meine Kleine. Immer wieder fragt sie nach ihrem Geburtstag und lässt ihre grosse Schwester ihre heissesten Geburtstags-Wünsche in ein frisch gebundenes Notizbuch notieren. Sie freut sich. Freut sich wie wild. Ob ihr wirklich klar ist, dass dieses Jahr keine Oma oder Tanten, auch keine kleinen Gäste an ihrem Festtags-Tisch sitzen werden, ist mir noch nicht ganz klar, aber ich bin entschlossen, ihr diesen grossen Tag trotz allem so schön und freudvoll zu gestalten, wie ich nur kann.
Im Vorfeld bedeutet das für mich vor allem; stricken. Ihre allerliebste Waldorfpuppe Lilly soll ein paar neue, mama-gemachte Wollsachen zum Anziehen bekommen. Bonnet, Zwergenmütze, Jäckchen und Rock. Vielleicht noch eine Hose oder Unterwäsche?
Leider ist das Bonnet, das ich aus einer wunderschönen, pflaumefarbenen Reste-Wolle gestrickt habe, viel zu winzig ausgefallen. Lilly wird Mühe haben, ihr Köpfchen überhaupt damit zu bedecken, doch vielleicht passt es ja Lieblingspuppe Nr.2, der kleinen, süssen Lotta? Hm…
Das zweite Mützchen, eine ebenfalls sehr kleine, sehr rote Zwergenhaube, kommt von der Grösse her schon besser hin. Aber auch nicht wirklich perfekt. Unten am Hals schlottert es ein wenig, was ich doch gern anders hätte, aber nundenn: nennen wir es eben ein Zwergen-Bonnet. Der richtige Name rettet so manches Malheur, oder? Und Bonnets dürfen schlottern soviel sie wollen.
Beim Puppenjäckchen stecke ich noch in der Tüftel-Phase. Ich möchte es vorne knöpfen können, ansonsten aber ganz schlicht halten. In DK-Stärke oder so. Dank ein paar Babyjäckchen-Strickanleitungen kommt es mir allerdings gar nicht mal so schwierig vor, mir meine eigene Anleitung zusammenzureimen, und ich tarne meine leisen Zweifel mit Zwangsoptimismus, denn schliesslich drängt die Zeit, für zögerliches Hin-und Her ist der Moment schlicht ungünstig.
Ob es noch zu Röckchen, Wäsche oder Hose kommt, bleibt vorerst ein noch zu lüftendes Geheimnis. Sagen wir, ich hoffe es. Doch wenn nicht, ist es auch in Ordnung. Nehmen wir die Dinge, wie sie kommen. Ich denke, das ist der Leitspruch der Stunde.

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Woche 2 in acht

1. Wir haben Törtchen gebacken. Einfach so. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es diese oder doch eher letzte Woche war, aber jedenfalls waren ich und meine Kleinste ganz versessen auf den Gedanken an eine kleine, feine Tee-Party. Mit Törtchen. Mit Vanille-Cupcakes und Frischkäse-Himbeer-Topping, um genau zu sein. Obwohl mich die düstere Vorahnung bezüglich verwüsteter Küche und all dem kurz zögern liess, hielten keine zehn Pferde und zurück. Wir zauberten unverdrossen unsere Cupcakes und eine wunderbare, elegant-eklektische Teeparty-Szenerie, die mein kleines Mädchen in hellste Verzückung versetzte. Sie wollte unbedingt das mit Törtchen beladene Tablett zum Tisch tragen. Und alle mussten ihr dabei zuschauen. Ihr grosser Auftritt als Teekränzchen-Gastgeberin war das sozusagen, den sie in vollen Zügen genoss.
Süss.

2. Sonne und Frühling satt begleiteten uns durch die letzten Tage. Wunderbar! Ich muss wohl keinem erklären, wie dringend wir alle das jetzt brauchen, oder? Unser Leben hat sich nicht unbedingt grundlegend geändert, wir sind einfache Leute und lieben unser Zuhause, das kleine Leben in kleinen Kreisen ohne viel Brimborium… aber dennoch kam diese ganze Corona-Welle wie ein Tsunami, der alles irgendwie durcheinander wirbelte. Vor allem die Gefühle und Gedanken. So viel Unsicherheit, Düsternis und Beklemmung liegt in der Luft.
Allein Mutter Natur dreht weiter ihre Runden. Sie lässt sich nicht einsperren, nicht schrecken, nicht bekümmern. Sie setzt alles auf eine Karte und grünt und blüht aus vollen Kräften. Neuanfänge wohin das Auge sieht, vielversprechende Knospen und sonnenhelle Morgen voller Vogelstimmen. Wie eine warme Umarmung von oben, die Trost und Zuversicht schenkt.

3. Weil die Kindergärtnerin meiner Kleinen demnächst Mutter wird, gestalten die Kindergartenkinder in aller Heimlichkeit kleine Stoffstücke, die von einer der Mamas zu einer Patchwork-Decke zusammengenäht werden. Ein allererster Quilt für die allererste Zeit eines allerersten Babys. Wunderschön, nicht? Ein Geschenk über das ich mich auch unglaublich freuen würde.
Meine Kleine hat mit Stoffmalstiften einen ganz schlichten Regenbogen gestaltet. Simpel aber bedeutungsvoll. Sie hat eine Schwäche für Regenbogen. Hatte sie schon immer. Bunt und fröhlich. Genau wie sie.

4. Nebst den Tagen im Garten und den Homeschooling-Morgenstunden bleibt viel Zeit fürs Zusammensein. Aber auch fürs freie Spiel in unserer leider nicht immer besonders ordentlichen Stube, die manchmal aus allen Nähten zu platzen scheint vor lauter Betriebsamkeit und Kram. Nachdem meine Jungens so ziemliche Comic-und-Lego-Burschen waren, zeichnet sich nun mit meinen drei jüngeren Mädchen eine völlig neue Ära ab: alle drei sind klassische Mal-und-Bauklötze-Kinder. Von der niemals verwaisten Puppen-Ecke ganz zu schweigen. Die Welt mag noch so lautstark von geschlechterneutraler Erziehung und all sowas reden; meine Kinder scheint das wenig zu interessieren. Sie wählen, was ihnen entspricht- und greifen dabei völlig unbekümmert mit vollen Händen in die Klisché-Kiste.
Vielleicht wird mein Baby es ja dereinst ganz anders handhaben und mit den grossen Schwestern oder einem kleinen Freund seine Puppe in der Spielküche bekochen. Nun, Puppe oder Spielzeugauto, mir ist alles recht. Was zählt ist die Freude am Spiel. Am Zusammensein und Erproben. Die Freude überhaupt.

5. Ein spontanes Mama-Baby-Portrait von mir und meinem Kleine, genipst von meinem Kindergarten-Mädchen. Wie gross er aussieht. Direkt riesig. Das mit dem Tragen klappt nicht schlecht. Aber auch nicht übermässig gut. Beim letzten Mal habe ich das Tuch an der oberen Kante viel zu stark angezogen -aus Sorge, das Köpfchen könnte beim Schlafen sonst zu wenig geschützt sein. Nun, mein Baby schlief dann zwar gut fixiert auf meinem Rücken, aber er trug noch Stunden danach rote Striemen am Nacken davon, was mir wahnsinnig leid tat und mir das Gefühl gab, eine absolute Fehlbesetzung zu sein in Sachen Sorgfalt und Aufmerksamkeit. Ich meine, welche Mama trägt ihr Kind mit sich herum, ohne zu merken, dass ihr Kleines nicht wohl ist dabei…? Allerdings hat er auch nicht unbedingt geweint. Nicht mal gequengelt. Er schien eigentlich ja ganz zufrieden zu sein. Jedenfalls weiss ich nicht recht, ob ich es überhaupt noch probieren soll. Mit dem Tragen. Irgendwie geht ständig etwas schief dabei…

6. Neue Wollschätze. Wollfreude pur. Zwei mal dicke, rustikale Schurwolle in zweierlei Grüntönen und rosé-sowie muskatfarbenes DK-Garn von Woolentwine. Ich bin so verliebt, so schrecklich, schrecklich vernarrt in diese Neu-Entdeckungen, am liebsten würde ich augenblicklich loslegen und mich von Kopf bis Fuss zustricken damit. Aber Geduld, Geduld. Noch sind andere Projekte auf der Liste. Mit anderen Garnen…

7. Gerade arbeite ich nämlich wie besessen an den Geburtstags-Geschenken für meine Kleine, die schon in gut zwei Wochen 5(!) Jahre alt wird und ungeheuer aufgeregt ist deswegen. Natürlich möchte ich ihr am liebsten die halbe Welt zu Füssen legen, ihr alles Glück der Erde in eine Tüte stecken. Zum Auspacken. Aber ein paar Bücher, ein neues Schleich-Einhorn und handgefärbte Seidentücher in ihren Lieblingsfarben Hellblau und Rosa müssen genügen. Für den Anfang zumindest. Schliesslich gibt es auch noch nigelnagelneue Kleidchen und Tunikas von ihrer reiselustigen Tante direkt aus Australien und ein kleines Blumenkind, das die Oma selbst gemacht hat. Und von mir -so hoffe ich zumindest- eine einfache Garderobe für ihre Lieblingspuppe. Ich denke da an ein schlichtes Jäckchen oder einen Puppenpullover, an Schal und Jupe und Mütze. Gerade habe ich ein winziges Bonnet angestrickt und drücke mir selber die Daumen, dass es auch wirklich passen, vor allem aber rechtzeitig fertig sein wird, bis zum grossen Tag.

8. Heut‘ schlief mein Baby unerwartet viel und unerwartet gut. Nach ehrlich wahnsinnig schwierigen Tagen mit sehr vielen Tränen und noch schwierigeren Nächten, fand die Kinderärztin zu meiner grossen Erleichterung den Grund für sein Unwohlsein; eine Bronchiolitis mit RSV. Daher der anhaltende Husten, sein knisternder Atem und die erschöpfenden Zeiten, in denen er nur aufrecht in meinen Armen ein bisschen schlafen konnte und tagsüber ruhelos und verzweifelt wirkte.
Die Medikamente, die sie uns mitgab, tun Wunder. Endlich finden wir alle wieder den Schlaf, den wir brauchen, was so viele Spannungen löst und unserer Familie richtig gut tut. Mit einem friedlich schlummernden kleinen Jungen im Bett fand ich heute auch unverhofft etwas Zeit, um mit meinen Kindern zu malen und zu basteln; gerade sind wir dabei, ein paar schlichte Notizhefte aus unbemaltem Papier, altem Pappkarton oder recyklierten Zeichnungen und aufgehobenen Prints oder Geschenkpapier zu machen, was eine einfache, aber unglaublich befriedigende und wunderschöne Beschäftigung ist und uns wie gerufen kommt: die Mädchen haben diese Woche haufenweise kleine Mini-Büchlein gefaltet und mit selbst erdichteten Geschichten und kleinen Bildchen gefüllt, allerliebst, richtig zum Schmelzen. Nun müssen grössere Büchlein her. Auch für mich selbst, denn Homeschooling, Menuplan und To-Do–Listen generell sind etwas, das bei mir einfach immer viel zu wenig durchdacht und verbindlich geplant wird. Meistens kritzle ich dies und das auf irgendwelche Zettel, die ich dann sofort wieder verliere, und alles kommt dann mehr so spontan zustande. Das meiste klappt dann tatsächlich gar nicht mal so schlecht, aber ich denke, mit ein bisschen mehr Vorausplanung könnte ich mir einiges an Hektik und Leerläufen ersparen. Mal sehen wie es in Zukunft funktionieren wird. Ausgerüstet mit neuen Notizheften. Ich freu‘ mich schon darauf.

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Boathouse Mini in Blau

Yes Sir! Geschafft!
Der tiefblaue Wollpullover meines kleinen Mädchens aus der köstlichsten Wolle, die man sich wünschen kann –„Merino, Seide, Yak DK“ von der Spinnwebstube, alles herrlich zart und leicht flauschig vereint- ist fertig und wartet nur noch auf den perfekten Moment, um über Kleidchen oder T-Shirt gezogen und den ganzen Tag getragen zu werden. So ein kuschelweicher Pulli ist ein wunderbarer Begleiter. Durch dick und dünn. Meine Kleine liebt ihn, seit sie ihn bei der ersten Anprobe anziehen musste. Kein Wunder; dieses Garn ist so schön wie teuer.
Aber ich habe aus bitteren Momenten, in denen  ich mir eingestehen musste, dass selbst liebevollst von Mama gestrickte Sachen ein traurig-einsames Dasein in der hintersten Ecke des Kinderschrankes fristen, wenn sie sich nicht wirklich angenehm anfühlen auf der Haut, meine Lektion gelernt. Klasse statt Masse. Oder so. Auch hier. Obwohl ich hier in diesem Fall wohl schon ein bisschen übertrieben habe; welches 5jährige Kind hat schon sowas Edles im Schrank. Ich meine, Seide und Yakwolle…?
Auf der anderen Seite: Warum eigentlich nicht? Geniessen wir, was zu geniessen ist. Von Kinderschuhen an. Das Leben. Die Wolle. Feinste Fasern. Und das in vollen Zügen und mit Dankbarkeit und Achtsamkeit. Und wenn sie dann rauswachsen, unsere kleinen Schätze, schenken wir alles weiter. Für ein nächstes Kind. Das sich von neuem warm und weich in flauschige Schichten hüllen und gegen Kälte oder andere Widrigkeiten des Alltages ein Stück weit wappnen darf. Löcher werden sorgfältig gestopft, zu kurze Bündchen angestrickt, zu lange einfach umgeklappt. So ein hausgemachter Pullover hält die halbe Kindheit lang. Und darüber hinaus.
Dankbar bin ich auch für das Strickmuster von Alicia Plummer. Ein Boathouse Mini in in Grösse 6 (zum Reinwachsen). Schlicht und schön. So wie ich es mag. So wie meine Kinder es mögen. Und dank der unkomplizierten Form, wird dieser blaue Strickpullover wohl in ein paar Jahren, wenn er meinem Kindergartenmädchen schlussendlich zu klein geworden ist, für kurze Zeit in der Mottenkiste im Speicher verschwinden. Und auf meinen Babyjungen warten. Auf seine Kindertage, seine Abenteuer und Erlebnisse.
Ich mag diesen Kreis von Erschaffen, Geben und Weitertragen. Dass es weiter geht. Dass meiner Hände Werk nicht einfach so versickert, sondern weiterlebt. Weiter und weiter. Quer durch meine eigene Kinderschar, bis -vielleicht- eines schönen Tages Enkelkinder kommen. Und die Mottenkiste voller alter, kleiner Wollsachen von neuem für sie geöffnet wird, um mollig warm zu begleiten.


Und was meine Bedenken im letzten Post bezüglich dem schon so heftig grünenden Frühling und meinem scheinbar viel zu spät fertig gewordenen „Boathouse Mini“ angeht; Nun, ich denke, ich habe gewonnen. Grün hin oder her. Die Tage sind kühl bis eisig kalt im Moment. Fürs Wochenende ist Schnee angesagt, was mir gar nicht gefallen mag und das Gefühl, mich einigeln, mich und meine Lieben vor der Welt da draussen beschützen und umsorgen zu müssen, noch verstärkt.
Ich glaube, dieser blaue Wollpullover kam keinen Tag zu früh.
Aber auch keinen Tag zu spät.
Jetzt ist er wohl genau richtig.

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