Archiv der Kategorie: grüner Leben

unmittelbar 11

Wie schön; es blüht noch. Noch immer.
Gestern habe ich die ersten Herbstblätter fallen sehen, unter dem Holunder, obwohl es vielleicht auch einfach hochsommerliche Hitzeblätter sind, die da jetzt liegen. Aber der Stich im Herzen war real. Genauso die leise Freude, die ich empfand, ganz unwillkürlich und heftig. Herbst. Eine magische Zeit. Die Zeit der Zwerge, Mythen, der Abschiede und lauter werdenden Sehnsüchte.
Gestern wieder ein Gewitter, mitten am Tag diesmal und ganz unvorbereitet, ohne drückende Schwüle im Vorfeld. Die Mädchen und ich standen draussen vor dem Block und liessen den Blick mit der dicken, immer dunkler und mächtiger werdenden Wolkenmasse mitschweifen, die der Wind ungeduldig vor sich hertrieb wie eine Herde hungriger Schafe, die in den Stall müssen. Alles flirrte. Alles wartet, hielt den Atem an und machte sich bereit. Ich fand den Augenblick erhebend. So archaisch und echt, etwas, das man spürt mit jeder Faser seines Seins. Die Naturgewalt, dieses Rohe, Kraftvolle, Ursprüngliche, das dann in der Luft liegt. Etwas, von dem ich mir mehr wünsche in meinem kleinen, so behüteten Haufrauenleben.
Als die Tropfen prasselten, waren sie dick und kalt und wir in Windeseile nass bis auf die Knochen.
Noch so ein Vorbote des Herbstes.
Meine Kinder holten Gummistiefel und Regenjacken.
Heute sitze ich zuhause, mein Mann kauft mittags neue Schuhe und vor allem Schul-Pantoffeln für die Kinder, und ich wünschte, ich sässe irgendwo im Wald, ganz alleine, mit einem Schaltuch um die Schultern und einem Ball Wolle im Schoss. Ich wünsche mir einen braunen Leinenrock und offene, lockige Haare, ein Gefühl von Freisein und Wildheit, und stocke bereits beim Thema Haar, denn so richtig wohl fühle ich mich ja doch bloss mit bravem Zopf im Nacken.

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unmittelbar 10

10 Minuten gebe ich mir; das Baby schläft, es ist bereits nach 12 und alle haben Hunger, auch wenn sie es noch nicht wissen oder -Himmel hilf!- noch immer im Bett liegen und dem Faulenzertum frönen.
Die Nacht gehörte den Halbwachen, es donnerte und wetterte wie wild, Regen drängte in offene Fenster (phu, diese Hitze!), dann kamen die Mücken und eine halbherzige Jagd auf sie, denn eigentlich möchte man nachts um halb drei nichts anderes als schlafen und seine Ruhe.
Irgendwann und zwischendurch die Kinder. Die nicht schlafen konnten, sich bei mir einquartierten, mich zwischen ihren Betten hin- und herswitchen liessen, Füsse im Gesicht, ein stolperndes Herz, wenn abermals aus dem Schlaf geschreckt, knuddeligen Babyspeck im Arm, ruhiger werdenden Atem im Ohr. Endlich.
Gottseidank begann mein Tag nicht vor halb neun. Eine gnädige Zeit, ein gnädiges Babykind. Und das Wetter ist genauso gnädig, die Sonne vermummt, die Hitze gedrosselt, Malve, Hortensien und Sonnenblumen danken kopfnickend für den Regen.
Ich habe Minze geerntet und hoffe auf Sirup, der irgendwie, irgendwann, durch irgendwelcher Hände Arbeit in Glasflaschen fliessen soll- wahrscheinlich werden es meine Hände sein. Die vielleicht aber auch bloss Tee daraus trocknen.
Mein Magen schimpft. Er mag jetzt lieber warmes Essen als dieses Getippe hier. Ich beschliesse, das zweite Schälchen Mousse au Chocolat vom elften Geburtstag meiner Grossen aus dem Gefrierschrank zu nehmen und freue mich auf den Kaffee dazu und das kleine, feine Bild aus Belgien, das gerade vor mir auf dem Tisch liegt und auf seinen Rahmen und ein schönes Plätzchen an der Wand wartet…

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unmittelbar 7

Himmel, wie sehr ich danach lechze endlich wieder frei und in Ruhe zu schreiben! Halb verdurstet bin ich bereits… Aber gerade höre ich mein Pausbackenkind unten im Garten weinen und schimpfen, Geschwister-Streit wahrscheinlich, denn auch Mädchen können sich zanken und picken wie die Hühner… Nur kurz also. Einmal mehr. Ein „unmittelbar“-Post wie gehabt, wie geplant- aber nicht wie gewünscht, das muss ich euch sagen…
Nun; im Moment fühle ich mich getrieben und gehetzt und gleichzeitig allem etwas überdrüssig. Phasenweise zumindest. Ich habe oftmals das blöde Gefühl, nicht richtig mitzukommen mit dem Tempo der Welt. Dem Tempo meiner Welt. Soziale Medien sind ein Teil davon. Sie überfordern mich masslos. Haushalt und Kinder sind ein anderer Teil. Hier fallen mir die Fäden aus den Händen, und wenn ich nicht beherzt genug danach schnappe, gehen die Pferde durch und ich rase hilflos mit den Armen rudernd auf meiner Kutsche durch die Gegend.
Dann versuche ich, festzuhalten, was festzuhalten ist. Die kleinen, die winzig kleinen Momentchen zu zelebrieren, in denen ich mich noch selbstwirksam fühle. Selbstwirksamkeit ist so wichtig. Die eigenen Kräfte -wenigstens ansatzweise- zu spüren, zu erleben, dass wir etwas schaffen, verändern, beinflussen können. Es ist das Gegenteil vom Käferchen auf dem Rücken, mit dem ich mich manchmal verwechsle.
Kann sein, dass Selbstwirksamkeit bloss bedeutet, das fadenscheinige Mädchen-Kleidchen, das eigentlich zu viele Löcher und schwache Stellen aufweist, um überhaupt noch reparier-würdig zu sein, mit Nadel und Faden vor dem Lumpensack zu retten. Keine grosse Sache. Aber Lieblingsteile sind wertvoll. Wert-voll. Sie sollen dauern, so lange meine Hände das Ruder noch rumreissen und den Zahn der Zeit aufhalten können.
Jetzt sind Löchlein und Risse gestopft, sichtbar aber mit Freude und einem wunderbaren Gefühl im Herzen. Ja, da ist noch Kraft in mir. Taten-Kraft und Schaffens-Lust.
Und jetzt geh ich mein Mädchen trösten (das schon bereits wieder lacht, wie ich höre)…

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Gefärbt! Mit Walnuss…

Voilà.
Vier Bilder, vier Schritte, und jeder führt mich ein Stückchen tiefer ins faszinierende Färbe-Reich. Und das Ergebnis? Es könnte nicht schöner sein in meinen Augen: Wolle in einem warmen, weichen, schokoladig-haselnussigen Braun. Milch-Nuss sozusagen für die Seele, denn ich liebe Braun, Braun und waldiges, tiefes, wildes Tannenwipfelgrün. Ich denke immer, meine Seele ist braun wie feuchte Erde, mein Geist grün wie weiches Moos. Und jetzt, jetzt habe ich einen Strangen Merinowolle, der die Farbe meiner Seele trägt…

Meine Freude über diese knapp 100gr. Wolle ist zu gross, um sie in einen „unmittelbar“-Post zu klemmen, sie soll gefeiert werden, ein bisschen zumindest, vier Bilder ihr zu Ehren dürfen es schon sein, oder?
Die Nüsse musste ich übrigens mehr oder weniger heimlich vom Baum stibitzen, einem schönen, grossen, ein wenig verschupften Walnussbaum, um dessen Stamm vor einem oder zwei Jahren eine Art öffentlicher Parkplatz mit Kiesboden gebaut wurde. Seine Äste sind immer im Weg, darum werden sie gekappt und hängen so an dem meisten Stellen zu hoch für ein zartes Fraueli wie mich, es sei denn, ich würde mit der Leiter unter’m Arm durchs Dorf spazieren und zwischen den parkierten Edelschlitten die Sprossen raufwackeln. Aber ich hatte Glück, vorerst und fürs Erste: ganz dicht beim Stamm winkte mir ein vergessen gegangener, dicht belaubter und nuss-schwerer Ast zu und bog sich mir entgegen unter seiner Last…
Einen kleinen Kübel voll Färbgut brachte ich nach Hause, klein aber fein, gerade recht für ein erstes Versüecherli in meiner frisch bezogenen Hexenküche unterm Dach. Die Nüsse sind noch weich und saftig-grün zur Zeit, weicher und grüner als ich mir eine Walnuss im Juli jemals vorgestellt hätte. Ich konnte mühelos kleine Stücke daraus schneiden, mit einem völlig alltäglichen Rüstmesser sogar und ohne grosses Kräftemessen. Die ebenfalls vom Baum geernteten Walnussblätter habe ich einfach mit der Schere in unregelmässige, vielleicht 2cm breite Streifen geschnitten und dann zusammen mit 5l Wasser in einem grossen Kochtopf aufgekocht und vielleicht eine Stunde, vielleicht auch länger, leise köcheln lassen. Wieviel Material ich genommen habe, weiss ich nicht exakt, ich musste auch noch einmal auf Beute-Tour gehen, weil ich den Eindruck hatte, es wäre nicht genug… Zu guter Letzt werden es zwischen 400gr. und 500 gr. Nüsse und Blätter gewesen sein, würde ich sagen. Alles klein geschnitten und so weich gekocht, dass ich die Nüsse mit meinen (behandschuhten) Händen einfach so zwischen den Fingern zerdrücken konnte.

Nach dem Ausköcheln, blieb der Herd kalt, die frische Färbe-Farbe bekam 24 Stunden Zeit, zu ziehen und dabei intensiver und satter zu werden. Wahrscheinlich hätte ich Nüsse und Laub danach herausfiltern können, aber irgendwie mochte ich es ganz gerne so. Mit all den krautigen Sachen in meinem Kessel, dem Waberdampf und so. Ein bisschen mehr Hexengefühl, ihr wisst schon.
Um die Wolle -ein ausgemustertes Silbergrau reiner Bio Merinowolle- dann am nächsten Tag darin zu färben, opferte ich eines meiner Wäsche-Netze, damit sich keine Pflanzenteilchen in ihren Fasern verhedderten. So verpackt blieb sie unversehrt bei ihrem Bad, konnte die Farbe aber trotzdem tadellos annehmen.
Während ca. 60 Minuten liess ich meine Wolle im Färbebad leicht sieden, legte dann den Deckel auf die Pfanne, stellte den Herd wieder aus. Und wartete. Nochmals 24 Stunden lang. Länger aber hielt ich es nicht aus; mit Plastikhandschuhen bewehrt fingerte ich an meinem unansehnlich braun gewordenen, über und über mit glitschigen Nuss-Stückchen und Blattresten behangenem Wäsche-Netz herum… und holte -mir stockte der Atem- ein tief dunkelbraunes, tropfnasses Fadenwirrwar heraus. Satt und erdig und gar nicht so verheddert, wie es auf den ersten Blick schien, denn ich hatte vorsorglich vor dem Färben meinen Strang nochmals mit ein paar Fäden abgebunden und so besser fixiert.
Eine kleine Weile liess ich ihn noch so, vollgesogen mit Färbe-Wasser, auf der Abtropfe liegen und versenkte mich andächtig in seinen Anblick. Ich meine… was für ein Wunder. Aus grünen Nüssen, ledrigen Blättern, einer grosszügigen Handvoll blässlich grauer Wolle und etwas Wasser wird etwas so Schönes. Magie, ja, ohne Zweifel. Farben-Magie.

Beim vorsichtigen Ausspülen unter fliessendem Wasser, blutete noch einiges an Farbe wieder aus und rann in schmalen, dunklen Bächlein davon. Die Wolle aber blieb intensiv braun. Auch nach dem kurzen Fixieren im Essig-Wasserbad. Erst nach dem Trocknen änderte sich ihr Ton ein wenig; aus Dunkel- wurde Mittelbraun, die Farbe gewann an Wärme. Ich musste an Haselnüsse denken, was ein heimeliges Gefühl in mir auslöste und mich nur noch mehr freute; Der Haselstrauch gehört zu meinen Lieblings-Gehölzen. Er steht für mich für Heim und Herd und bedeutet „Zuhause“.
Zuhause… Wärme und Nahrung und Schutz. Braun bedeutet auch das. Für mich. Genau wie die Walnuss. Wie das Erschaffen an sich. Wie die Möglichkeiten, die das Leben bietet, um mit den eigenen Händen und einer kleinen Prise Willens-Zauber, Gutes und Schönes für sich und andere zu erschaffen. Um zu wärmen, zu nähren, Geborgenheit zu schenken…

So. Und jetzt möchte ich stricken gehen. Ich freue mich so an meiner Wolle, die nun wirklich meine geworden ist…

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