Archiv der Kategorie: Wochen-Ende

schleppend

Eine stille Woche liegt hinter uns.
Still allerdings nur im Blog.
Das wahre Leben war anstrengend und beanspruchend. Tage die ich zwischen Kochtöpfen, Wickelmatte und Bilderbüchern zugebracht habe. Beim Versuch vielmehr, Essen zu machen oder mich richtig um meine Kinder zu kümmern, was mir beides irgendwie nur halbpatzig gelang, jedenfalls fühlte es sich so an, weder Fisch noch Vogel und so gar kein Erfolg. Weder das Haus noch meine Kinder hatten mich ganz für sich, denn eins kollidierte immer mit dem jeweils anderen, und die meiste Zeit über schaukelte ich sowieso ein zahnendes Baby oder sass am Bett eines kranken Pausbackenkindes, dessen junger Körper seit bald einer Woche mit irgendwelchen Viren herumkämpft, mal Bauchweh hat, mal Kopfschmerzen, aber immer hohes Fieber und keinen Appetit.
Ich dachte eigentlich gestern, das Ganze sei jetzt endlich überstanden, doch heute stieg das Fieberthermometer wieder auf 39.5 Grad und im Bauch grummelte es bereits wieder.
Meine Nächte mögen schlecht sein, aber besser als auch schon, doch jeden Morgen weckt mich der Wecker, als sei es mitten in der Nacht. Ich fühle mich ausgelaugt und unter Strom, was eine sonderbare Mischung ist, ein wenig wie auf Drogen, nehme ich an, aber ich nehme nie welche (oder zählt Kaffee auch?).
Mir fehlen diese Momente, in denen man die Füsse von der Sofakante baumeln lassen kann und es einem nicht reut, fünf, zehn Minuten lang einfach bloss gedankenverloren vor sich hinzustarren, die Orchideen im Bad zu wässern oder sich die Nägel zu lackieren.
Mir sind zehn Minuten schrecklich kostbar. Ich lackiere gar nichts, frisch gewaschene Haare sind bereits das Nonplusultra an Selbstpflege, obwohl ich es tatsächlich schaffe, jeden Tag für einen kurzen Augenblick unter die Dusche zu hüpfen. Die Duschscheibentüren sind gnadenlos durchsichtig, was grossartig ist, denn das Babykind findet es spannend, wie es spritzt und plätschert und mein verschwommener Körper sich hinter der beschlagenen Plexiglaswand bewegt. Er zappelt und guckt, kann sich kaum sattsehen. Bevor es ihm langweilig wird, bin ich auch schon wieder draussen, lache und kitzle ihn am Kinn.
Seit dieser Woche trage ich ihn übrigens auf der Hüfte. Er ist gross geworden, der Kleine. Gross und noch dicker. Esse ich einen Apfel, ohne ihn daran lutschen zu lassen, wird er wütend und entrüstet sich mit jammernden Klagelauten, die so süss klingen, dass ich ihn knuddeln muss. Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, ein Baby zu haben. Wie anstrengend. Wie schön. Wie sehr man sich freut über alles und nichts, über jede Kleinigkeit, die anders wird. Und wie sehr man das Vergangene betrauert. Eigentlich sollte es ja mein letztes Kind sein. Aber niemals war mir dieser Gedanke unwirklicher als jetzt.
Mein Mann und ich konnten heute sogar die Gartenwege fegen. Der Sturm vergangener Tage hat Tannenäste, Zapfen und haufenweise Nadeln herunter geblasen und es gab viel zu tun. Im Nachbarsgarten fällte der Wind einen Baum, auf der klitzekleinen, mit einem Holzzaun eingefriedeten Kindergarten-Wiese landete ein ganzes Trampolin mit Netz, das vom Sturm irgendwo gepflückt, durch die Luft getragen und direkt vor dem Kindergarten wieder abgeladen wurde. Man muss sich das einmal vorstellen. Bei geschlossenem Gartentürchen!
Während unserer ganzen Fegerei, sass mein Babykind zufrieden und bis über beide Ohren dick eingepackt in seinem Buggy bei uns im Garten und sah uns beim Arbeiten zu. Bisher kam er mir verloren vor ausserhalb meiner Arme. Schutzlos. Nicht am richtigen Ort. Jetzt aber spüre ich, dass er bereit ist, sich mehr und mehr dem zuzuwenden, was um ihn herum geschieht. Zu beobachten, wie ich darin agiere, werke und wirke und sein eigene Position im Geschehen zu erforschen.
Meine Kleinste legte sich ebenfalls mächtig ins Zeug. Sie wedelte mit dem Besen durch den Garten, dass es nur so stäubte und meinte mit hochroten Backen: „Gell, ich bin eine gute Hausfrau?“
Und jetzt, jetzt bin ich müde. Vorgestern habe ich den dritten Teil der Artus-Saga in einem fantastischen Hörspiel zuende gehört, heute abend werde ich den Geschichten des „kleinen Hobbits“ lauschen. Ich freue mich darauf. Sehr. Fremde Welten, kleine Fluchten und das Halbdunkel der Nacht, das mich umwabert, während ich die Nadeln klappern und einen kleinen, blauen Pullover wachsen lasse…

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Januar-Tage Nr. 15

Gerade mag ich dieses Bild hier sehr gerne.
Es entstand heute Nachmittag in meinen lila Zimmer, als alle Grossen in Feld, Wald und Wiese mit ihren Jugendgruppen unterwegs waren und meine beiden jüngeren Mädchen mit Herrn Kirschkernzeit beim Einkaufen im Baumarkt. Ich liess das Baby auf dem Bett strampelnd die Welt betrachten und sinnierte über Wolle und mögliche Strickprojekte. Wie ihr sehen könnt, ass ich einen Apfel dabei.
Und weil ich ein ordentlicher Mensch bin, lagen meine Ikea-Pantöffelchen fein säuberlich nebeneinander, wie es sich gehört. (Nein, noch immer keine Glerups an meinen Füssen. Aber ich arbeite daran.)
Es war ein wunderbarer Samstag heute. Friedlich und entspannt. Alle waren ausgeruht, gut gelaunt, irgendwie wohl, und im Grunde braucht es ja gar nicht mehr, um Glück ins Haus zu bringen, oder?
Es gab sonnige Abschnitte heute. So wie gestern wie vorgestern wie die ganze letzte Woche über. Ein Teil von mir findet das schön. Aber nur ein kleiner. Dem Löwenteil von mir ist das vielmehr wahnsinnig suspekt. Die Wärme, das Licht, dieses ganze März-Gefühl in letzter Zeit, das einem halb wahnsinnig macht, wenn man bedenkt, was dieses Temperaturen-Durcheinander gerade anrichtet in der Natur. Aber wir sind hier in dieser Region ansonsten echte Stiefkinder, was die Wintersonne angeht, so sauge ich auf, was immer es an hellen, fröhlichen Tagen gibt für uns. Die milden Temperaturen verlangen nach leichter Kleidung, nicht nach Wollwestchen oder Strickhose, darum die grünen Sachen auf dem Foto, denn meinem Baby reichten heute Strumpfhöschen und ein schlichter, weisser Body. Ich geniesse es, meinem kleinen Jungen die Kleider anzuziehen, die ich vor Jahren seinen grösseren Geschwistern angezogen habe. Alte Erinnerungen, überlagert und ergänzt durch neue. Und ich geniesse es genauso, meine Stricknadeln nur für ihn alleine klappern zu lassen, etwas ganz speziell für ihn zu stricken. Wie das holzbraune Wolljäckchen, von dem ich euch neulich erzählt habe, und das gerade fertig geworden ist. Nur die Knöpfchen fehlen noch. Aber das ist ja nichts Neues. Fehlende Knöpfe scheinen bei mir zum Babyjäckchen-Wachstums-Prozess mit dazu zu gehören. Oder aber es erzählt davon, dass ich nicht mehr alles auf Vorrat horte, sondern bewusster einkaufe und mich an dem orientiere, was ich wirklich brauche im Moment?
Genau aus diesen Bedürfnissen und Empfindungen heraus kamen heute drei wunderschöne Strangen tiefblaues Garn auf den Plan. Vorrats-Wolle, die geliebt und genutzt werden möchte. Meiner Freude an handgemachter Kleidung, das Glück, das ich empfinde, wenn ich einem meiner Kinder mit Wolle etwas Gutes tun kann, und mein Wunsch, nachhaltiger und genügsamer zu leben, trifft hier auf wunderbare Weise zusammen.
Ein Kinderpullover soll es werden. Für meine Zappelliese, die gewöhnliche Laden-Pullis eigentlich immer zu kratzig und scheusslich unbequem findet wegen den Nähten. Mit gestrickten Pullovern ist das ganz anders. Die mag sie richtig gerne. Sofern das Garn stimmt. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass Merino/Seide/Yak (von der Spinnwebstube) dem Fräulein Tochter sanft genug sind *zwinker*. Schön ist dieses Garn auf jeden Fall. Schon direkt edel, würde ich sagen…

„Dezembertage“ heisst meine kleine Serie zum Jahresende.
Ein Bild, wenige Worte, spontan und frei von der Leber weg.
Spass machen soll es. Mir und euch.
Die „Januartage“ setzen diese Idee im neuen Jahr ein wenig fort.
Ein huschhusch-Einblick in mein Leben mit Gruss und Kuss
raus in die Welt an alle, die das hier lesen…

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Jetzt- in 10

1. Sonnentage wechseln sich ab mit den mehr düsteren Nebeltagen, die so typisch sind für den Herbst und den Winter in dieser Region. Die Kinder rotten sich zusammen; es wird wieder mehr drinnen gespielt, Räume aufs Neue in Beschlag genommen, die den Sommer über ein bisschen verwaist blieben. Hier seht ihr meine beiden jüngeren Mädchen bei einem „Konzert“. Es wurde zwar immer bloss eine einzige „Melodie“ gespielt und eins ums andere mal wiederholt, doch die beinhaltete immerhin eine Art Ganzkörper-Hüpfer des Ein-Kind-Orchesters und den Abschluss-Quietscher eines giftig-grünen Plastikpapageis. Meine Kleinste war hin und weg. Die ganzen 15 Repetitionen lang.

2. Die „Instagramer“ unter euch haben dieses Jäckchen bereits gesehen, aber ich möchte es unbedingt auch hier noch zeigen, weil ich es so wahnsinnig schön finde. Bei meinem lang ersehnten Brockenhaus-Besuch neulich, habe ich diesen flauschigen Schatz hier gehoben: Ein Babyjäckchen aus Kaschmir! Wollig-weiss, handgestrickt und unglaublich kuschelig. Genau das Richtige für mein Baby, das jetzt schon aus vielen seiner Erstlingssachen herausgewachsen ist, auch aus seinem braunen Geburts-Jäckchen, was mich richtig schmerzt, wenn ich ehrlich bin. Ich meine, wieso muss das alles so rasend schnell gehen? Diese allerersten Stunden, Tage, Wochen mit ihrem ganzen babyrosa Flitterzauber- ein Augenzwinkern und fort sind sie. Weg. Verschwunden. Als wären sie gar nie gewesen. Manchmal macht mich das wehmütig. Aber stricken hilft. Wie immer. Es lenkt Blick und Herz auf neue schöne Momente, auf das Gute, das noch vor uns liegt…

3. Die Liebste meines ältesten Sohnes entpuppt sich mehr und mehr als wahrer Juwel: Nicht nur verwandelt sich meine wilde Horde in ein einigermassen gesittetes, selbst in der schlimmsten Regenwetterstimmung plötzlich sehr friedfertiges Grüppchen, sobald sie hier in der Türe steht, nein, sie versteht es auch ganz fabelhaft, das Herz jedes einzelnen Familienmitglieds zu erobern, indem sie Bilderbücher erzählt, für jeden Spass zu haben ist und sich jede Zeit der Welt nimmt für uns. Ich glaube, ich erzähle keinen Quatsch, wenn ich sage: Sie fühlt sich an wie Familie. Diesen Stapel Mädchen-Bücher hat sie meinem Tochterkind mitgebracht. Lauter Romane aus ihrer eigenen frühen Jugendzeit. Schön finde ich das.

4. Ich suche irgendwie permanent nach einem neuen Projekt für meine Stricknadeln. Und aus irgendeinem Grund bin ich nie zufrieden, egal wie oft ich meine Strickmagazine auch durchblättere oder bei Ravelry stöbere, mir Anleitungen ausdrucke, mein Wollregal sichte. Auch diesen Poncho hier werde ich nicht anschlagen. Obwohl es wunderschön ist. Und einfach. Und schnell gestrickt. Und meine Stash-Wolle von Rosy Green (Big Merino Hug in der Farbe „Gartenteich“) tät eigentlich auch prima dazu passen. Aber… nun ja, das Projekt ist es irgendwie doch nicht im Moment. Ich bin selber gespannt, wofür ich mich schlussendlich entscheide…

5. Herbstfarben. Sie begleiten mich auf Schritt und Tritt. Hagebuttenrot, Laubgelb, Nebelgrau, und dieses spezielle, knallige Blau des Himmels, wenn die Septembersonne sich jedes Wölkchen vom Leibe strahlt. Langsam finde ich wieder gefallen an all dem. Am Herbst. Seinen Farben, seinem warmen, welken Duft, dem Abschiedslied, das in der Luft hängen bleibt.

6. Ich habe mir darum auch ganz fest vorgenommen, endlich wieder mehr aus dem Haus zu gehen. Mich raus zu wagen in die Welt, anstatt mich im Warmen und Verborgenen zu verkriechen, wie ich es nur zu oft tue, wenn ich meinem inneren Wesen das Zepter überlasse. Ich brauche mehr Natur, mehr Musse und Raum. Für meinen Körper genauso wie für meinen Geist, der manchmal nicht mehr recht zu atmen weiss nach Tagen und Wochen eingeklemmt zwischen vier Wänden. Jetzt möchte ich unterwegs sein. Keine grossen Reisen, nur Minischritte eigentlich, ein wenig Spazieren draussen an der frischen Luft, mehr nicht. Das tut nicht nur mir gut, sondern auch dem kleinen Zwerglein, das so schön friedlich schlummert, wenn ich es im Tragetuch spazierenwiege.

7. Ein Schnappschuss vom Garten: Die braune Plüschmaus (kaum zu sehen, oben in der Mitte des Bildes) und ihre Freundin, die rosa Miss Piggie, trinken Kaffee und unterhalten sich bei Kastanie und Apfelstück. Ich fand die Szenerie, die meine Mädchen hier beim Spielen aufgebaut haben, so richtig süss und war froh, die Kamera gerade sowieso in der Hand zu haben. Viel zu viele scheinbar nebensächliche Alltags-Dinge gehen verloren und vergessen, weil sich sofort wieder die grossen Dringlichkeiten vor sie schieben. Wie das Abendessen, das zubereitet werden will. Wäsche, Küchenschmutz und raupenzerfressener Kohlrabi im Gartenbeet.

8. Herbst. Auch im Garten. Das Graue auf der Wiese, das ist bloss Sand. Gegen das Moos, das sich überall ausbreitet wie eine Art Rasenseuche. Ich schätze, Moos und Matsch sind einfach der Preis, den man zu bezahlen hat, sobald man Bäume pflanzt?
Die Quitten immerhin, die sind dick und mittlerweile gelb und reif genug, um zu Quittengelée zu werden. Ich freue mich. Nichts schmeckt süsser und herrlicher nach Herbst!

9. Kinderbilder. An einem trist düstergrauen Nachmittag zum Leben erweckte Wesen, die mich zum Schmunzeln bringen. Mein Pausbackenkind malt zur Zeit sehr grossflächig und plakativ, mit einem Hang zum Comic-haften, während meine Grosse gerne skizziert, oftmals nur den innersten Kern des Papiers ausfüllt und rundherum ganz viel Weiss lässt. Meine Jüngste hingegen färbt mit Hingabe jede Ecke in die allerbuntesten Töne, je wilder die Mischung, desto besser. Faszinierend, wie jeder sich seine Nische, seine Ausdrucksform sucht. Und sie immer auch findet…

10. Last but not least: Die Stiefelsocken meiner Kleinen. Sie sind fertig. Und bereits rege in Gebrauch, jetzt, wo die Matschwetter-Saison ins Rollen gekommen ist. Mein Mädchen zieht sie gerne an, und ich denke, ein bisschen stolz ist sie schon, dass sie ihr eigenes Garn an den Füssen spazierenführen kann. Das ist natürlich ein Bonus, der mir sehr in die Hände spielt, denn wie alle Mütter möchte ich meine Kinder natürlich ordentlich ausgestattet und schön warm in die kalte Jahreszeit entlassen. Wolle an kleinen Füssen gab mir schon immer ein gutes Gefühl.

 

 

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Ausschnitte

Wir haben ein wunderbares Wochenende damit verbracht, Pizzeria-Pizza zu essen, Mascarpone-Cheescake zu backen, Dinge zu verschieben und ein paar kleine Ecken in diesem Haus für uns neu und gemütlich herzurichten. Im hellblauen Zimmer meiner Grossen, in dem sie weder schläft noch Hausaufgaben macht, sich aber ab und zu zurückzieht, wenn sie ganz alleine sein möchte und ein wenig Ruhe braucht, wurde der Staub von den Kanten geblasen, ein stabileres Bett einquartiert und die Lese-Nische unterm Dach kuschelig aufgepolstert. Schön. So still. Friedlich. Hier könnte es mir auch gefallen.

Das antike Schwarzweissbild, das ich ihr zum 10.Geburtstag Ende Juli geschenkt habe, durfte endlich auch an die Wand. Irgendwann im Frühling muss es gewesen sein, als ich es beim Trödler zwischen lauter halb zerfallenen Rahmen entdeckt, und für n’Apfel und n‘ Ei mit nach Hause gebrachte habe. Dass es ihr genauso gut gefällt wie mir, macht mich richtig froh. Aber ich habe nicht wirklich daran gezweifelt. Ich kenn‘ doch mein Mädchen…

Als ich neulich schrieb, ich würde mir etwas Neues, etwas Besonderes wünschen für mein nächstes Strickprojekt, hätte ich wohl kaum mit dem gerechnet, was ich momentan ganz frisch auf meinen Nadeln habe: Nochmals Socken. In Grösse 39. Für mich also. Und hey; sie sind braun. Von Aufregung und Innovation kann also nicht die Rede sein. Aber das muss es auch nicht. Das Garn macht die Musik: herrlisch flauschiges, wunderschön gefärbtes Sockengarn von der Spinnwebstube, mit Merino und Yak und nur einem Bruchteil Nylon, weil ich Naturfasern zwar über alles liebe, mich aber ganz bestimmt nicht in ein paar selbstgemachte Socken vergucke, die dann ratzfatz im Alltagsgefecht durchgescheuert und zerlöchert werden. Ich habe lange überlegt, wie genau ich meine Socken stricken möchte. Ich habe sogar richtig geplant, skizziert, Maschen ausgerechnet und eine erste Socke im Perlmuster begonnen- schliesslich aber alles wieder aufgelassen und beschlossen, diesmal -zum ersten Mal- mehrfarbig zu arbeiten. Braun mit andersfarbeneer Ferse und Spitze und einem kleinen Zierrand gleich nach dem Bündchen. Heute sind weitere Sockenwoll-Strangen hier eingetrudelt. In Goldgelb, Baumgrün, Holz und Asche. Schönheit über Schönheit.

Es gab Brownies heute. Gebacken nach original amerikanischem Rezept. Fudgy und süss und klebrig. Auch wenn ich beim nächsten Mal wahrscheinlich die Zuckermenge um 50-100 gr. reduzieren werde: genau so müssen Brownies sein. Und meine Kleinste und ich hatten unheimlich viel Spass beim Kochsendung-Gucken und Rezepte-Vergleichen auf Youtube… (Dasselbe Rezept findet ihr übrigens auch hier, einfach im Schnelldurchlauf und musikalisch ganz nett untermalt. Und falls jemand sich über eine Übersetzung ins Deutsche freuen würde, hier auf Kirschkernzeit, dann meldet euch ungeniert! So was lässt sich nämlich gut machen, wisst ihr…) Eine süsse Kostprobe unseres nachmittäglichen Backvergnügens wanderte übrigens direkt zu meiner alten Nachbarin. Zum Kaffee. Damit sie auch ein wenig amerikanische Küchenluft schnuppern kann. Die Mädchen freuen sich immer wahnsinnig darauf, bei ihr mit einem Teller homemade Goodies klingeln zu dürfen; sie bekommen nämlich jedes Mal einen Schoko-Riegel, eine süsse Hüppe oder einen Keks zugesteckt…

Dieses Strickmagazin kam neulich bei mir an. Ebenfalls in englisch. Weil ich diese Sprache einfach wahnsinnig gerne mag. Und weil ich Strickmuster liebe und niemals nie genug davon kriegen kann. Allerdings wird diese Ausgabe von „Pompom“ wahrscheinlich zugleich meine Erste und Letzte sein, denn ich bin ein wenig enttäuscht vom Umfang dieses Heftes, obwohl die Bilder fantastisch aussehen und man merkt, dass viel Aufwand um die einzelnen Inhalte betrieben wurde. Aber ausser ein paar zugegeben äusserst hübschen, eher aufwändigen Strickdesigns beinhaltet es… so gut wie gar nichts. Eine reine Strickmustersammlung. Und das bin ich irgendwie nicht gewohnt. „Taproot“ und „Making“ haben mich wohl ein bisschen verwöhnt, denn die wiederum sind für mich Seelen-Nahrung pur.

Das kleine Strampelkind in meinem Bauch erfährt nicht unbedingt viel pränatale Aufmerksamkeit. Meist bin ich einfach nur dankbar, wenn sich mein Bauch und das ganze Thema nicht gross bemerkbar machen und mir genug Energie bleibt, um meinen Alltag einigermassen souverän zu stemmen. Ich finde das Leben ziemlich anspruchsvoll gerade und alles, was sich quer stellt, bringt das Fass zum Überlaufen. Aus Mäusen werden Elefanten, kein Wunder geht das Baby ständig vergessen in all dem Durcheinander.
Diese Woche aber hatte ich phasenweise derart starke Vorwehen, dass ich meine Augen nicht länger davor verschliessen kann: Der Countdown läuft. Die Zeit verrinnt nicht länger, sie strömt bereits ziemlich kraftvoll davon und bringt den Geburtstermin dieses Kindes näher und näher. Und ja, vielleicht kommt es auch früher als erwartet, obwohl das sehr untypisch wäre für mich, aber mit Vorwehen hatte ich bisher ja auch noch nie zu tun, auf keinen Fall mit jenen dieser Art… Nun, das Köfferchen ist jetzt jedenfalls gepackt. Oder vielmehr die Spital-Tasche. (Ich nehme diese hier mit.) Meine Schwester bringt mir ihren Maxicosy für die erste Fahrt im Auto und das, was ich überhaupt noch übrig habe an Säuglingskleidung, ist vom Speicher geholt, gewaschen und einsatzbereit. Keine Ahnung, wann es tatsächlich soweit ist. Es kann im Grunde noch Wochen dauern. Aber es ist ein gutes Gefühl, vorbereitet zu sein.

Jeden Morgen wird mir aufs neue klar; der Sommer liegt im Sterben. Der Hochnebel drückt nach unten, hüllt Häuser und Bäume, den Himmel, den Horizont, alles Leben, alles Sein grau in grau. „Trostlos“ ist das Wort, das mir in den Sinn kommt. Und weil wir alle irgendwie ein bisschen bedrückt und nur zögernd und wehmütig unser warmes Heim verlassen und ich mich völlig unfähig anstelle, die Kinder für die Schule, für ihren Alltag generell zu motiviere, kommt dieses Wort buchstäblich aus tiefster Seele. Trost-los. Da hängt so viel Schwermut in der Luft.

Gestern Abend nach dem Abendbrot ging ich nochmals kurz in den Garten. Abende sind die späten Morgen zu dieser Jahreszeit. Das Bild und die nebelfeuchte Luft sind dieselben. Der letzte Sturm hat zwei unserer Riesen-Sonnenblumen gestürzt und die restlichen haben so schwer an ihren Köpfen zu tragen, dass sie teilweise knicken. Ein trauriges Bild. Und doch so voller Schönheit. Diese tapferen, prallen Sonnen im kalten, milchigen Herbstdunst. Ich stand eine Weile vor dem welkenden Beet. Dann musste ich schreiben. Es gibt Anblicke, die füllen mein Herz mit Worten:

Leise aber vehement und unüberseh-, schlicht nicht länger ignorierbar schleicht sich der Herbst ein. Die wonnigen Freiheitsgefühle des Sommers bekommen einen dünnen Trauerrand. Welke Blätter kräuseln sich, noch halb versteckt zwar. Sie wissen sich zu tarnen, aber ich weiss, dass sie da sind.
Bereit bin ich nicht.
Das bin ich nie.
Doch mein Widerstand bildet Risse angesichts der wilden Schönheit einer üppig gereiften Natur. Ich muss nicht bereit sein, den Sommer ziehen zu lassen.
Ich muss nur annehmen, was ist. Akzeptanz ist eine Kunst, die das Stundenglas der Zeit mich lehrt.

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