Archiv der Kategorie: what makes me happy

endlich grün

Wieder war ich lange fort.
Nicht hier.
Weil ich anderswo gebraucht wurde, im realen Leben, wo ich mich haltlos mitgerissen fühlte von Haushalt, Kindern und Krankheitsviren… Ich schaffte es kaum, Atem zu holen, schon kam die nächste Welle, und wenn man nicht untergehen will, muss man strampeln wie wild.
Nun, ich glaube, das Ärgste ist für den Moment wieder vorüber. Wie bei einem Sturm, der sich legt. Das Baby, das drei, vier Tage sehr krank war, mit hohem Fieber und allem möglichen kämpfte und verzweifelt kleine innerliche Kriege focht, scheint über den Berg; diese Nacht konnten wir im eigenen Bett verbringen und nicht mehr durch die Gänge tigern oder unten auf dem Sofa nächtigen. Er weint auch nicht mehr so viel. Gottseidank. Isst wieder ein ganz klein wenig. Spielt ein bisschen.
Es geht bergauf, und das tut einfach gut zu wissen.


Viel gemacht habe ich nicht. Nichts, was sich vorzeigen liesse. Ein bisschen stricken, ein wenig Eiscreme kochen, einen neuen Wollstrang in einer ganz wunderbaren Farbe färben… damit wäre die Liste bereits zuende. Alles andere ist längst wieder unsichtbar, verschwunden, verpufft, weggegessen, weggeräumt, nicht der Rede wert, ein „Haschen nach Wind“, wie ich bei Instagram geschrieben habe.
Doch es gab auch kleine Freuden. Die Wolle zum Beispiel. Diese Wolle. Das wunderbare, sanfte, schlichte Grün, das ich dem zweiten Armvoll Schilfblüten vom Bächlein entlocken konnte, ganz ohne Vorbeize, nur mit den gekochten, ganzen Blüten, heissem Wasser und einem Tässchen knapp eine Woche altem Eisenessig (nach diesem Rezept hier), das ich ganz zum Schluss noch für 15 Minuten ins abgekühlte Färbebad goss, bevor ich den Strang herausgenommen und in einem Becken voller Wasser und Babyshampoo ausgewaschen habe.

Die Flotte war anfangs rostrot und recht intensiv, die Wolle aber leicht und blond, blond wie Babyhaar. Das Eisenessig verfärbte das Wasser dunkel, fast schwarz, ich zog zuerst einen Strang Silbergrau heraus, der erst mit der Zeit und beim Trocknen auf Olivgrün umschwenkte.
So ein schönes Grün.
Als ich es zum ersten Mal sah -ich komme immer bloss sporadisch rauf in meine Färbeküche, in kleinen Fluchten vor dem Gewusel untem im Haus und bei den Kindern- musste ich laut „Juhui!“ rufen. So richtig aus tiefstem Herzen. Als eine Art… urchigem Freudejodel sozusagen. Ich hab‘ mich so gefreut! Grün! Endlich! Wie sehr ich mir diese Farbe gewünscht, ersehnt und erarbeitet habe. Natürlich klingt das kitschig. Doof. Keiner ersehnt sich eine Farbe, oder? Wobei… ich schon. Ehrlich. Mir liegt so viel an diesen Naturfarben. Wahrscheinlich weil die Dinge in meinen Färbetöpfen momentan das einzige sind, was bleibt und funkelt, wenn ich abends das Licht lösche.

Das Blond mag ich auch. Ich weiss gar nicht wieso. Es ist reiner als das Matschegelb der Rhabarberfärbung, goldener, weich und liebenswert. Irgendwie erinnert mich diese Farbe an Goldlöckchen, die sich sommers an einem sanft geschwungenen Babynacken kringeln… Ich habe meinen allerletzen Strang Sockenwolle (ein wunderbares Geschenk meiner Freundin Rita!) so gefärbt, mit dem ersten Büschel Schilfblüten, noch bevor die Eisenbeize bereit war. Damals war ich unsicher, hoffte noch immer auf Grün und warf die eine Hälfte der blonden Wolle nochmals in einen Färbegang, diesmal in Rhabarberblatt, nur so zum Spass und ein bisschen auch aus Verzweiflung. Es hätte ja immerhin -mit sehr viel Glück und so- sein können, dass „nachträgliches Beizen“ in Rhabarber irgendwie auch sowas wie Grün ergibt, oder?…
Gab es nicht. Keine Spur. Braun wurde daraus. Schon wieder. Und die Wolle ziemlich rau und krisselig.


Gelernt habe ich aber: Mein zweiter Schilfblüten-Versuch entstand ganz sanft, mit sachte simmernder „Rosy Green“-Färbewolle, die sich nach dem Färben noch genauso babypopozart und kükenflauschig anfühlt wie als ich sie frisch aus der Packung zog. Was wohl daraus werden wird…? Ich weiss es noch nicht. Genauso wenig wie wann ich überhaupt wieder etwas zuende stricken werde. Die Zeit fliegt, scheint so flüchtig wie selten. Und ich ohne Anker, ohne Bodenhaftung. Manchmal flattere ich herum eine weisse Flagge an einer windschiefen Fahnenstange…


Aber die kleinen, feinen Dinge, die sich überall verstecken lassen, Herbstsocken im Körbchen neben dem Sofa, eine kleine, lila Jacke mit rein glatt rechten Maschen auf dem Nachttisch für den Abend, weisse Wolle und Kräuter und Pflanzen zum buntmachen eines grauen Tages oben in der Hexenküche… diese Dinge sind ein Hafen. Wo ich gern zurück kehre. Einkehre. Luft hole und Kraft und Motivation.

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unmittebar 12

Sommertage mit Herbst-Attributen; morgens verschwinden die Kinder in den feucht-kalten Tag hinaus, kehren mittags in sengender Gobi-Hitze heim zum Essen und spielen dann nachmittags zwischen Ventilatoren oder unterm Gartenvlies-Baldachin im kleinen Platschebecken bis der Abend früh und immer früher sanfter und stiller und kühler wird. Wir bewegen uns in einem Mix mit stärker werdenden Polen. Von rissig gewordener Gartenerde im Sonnenblumen-Topf bis hin zum hastig übergeworfenen Jäckchen und der dicken Decke in der Nacht ist alles vertreten.
Ich fühle mich wohl und motiviert. Der Wechsel gibt mir Schub, stösst mich ein Stück weit aus meiner etwas starr gewordenen Sommer-Ferien-Haltung, die lethargisch und unbequem geworden war in den letzten ein, zwei Wochen.
Jetzt gibt es wieder Punkte zum Abhaken und mehr Bewegung in der Familie, Kinder, die wieder Aufträge erhalten und sich warm turnen dabei, ruhigere Morgen und klarere Strukturen. Mir tut es gut, diese Linien ziehen zu können, diese Zeittabellen quer durch den Tag, straks durch die Woche. Ich freue mich neu. An den dicken Sonnenblumen, die nicht mehr lange halten werden. An den schwallenden Berichten, einer Mischung aus Pausenhof-Klatsch und geteilten Erfahrungen ihrer eigenen, kleinen Lebenswege. Das Stricken ist rar geblieben, aber wertvoller geworden: der Herbst wispert aus versteckten Ecken und zieht mir die frisch gewundenen Wollbälle aus der Tasche. Ein Baskenmütze entsteht. Neue Sockenwolle liegt im Topf, färbt sich langsam rosenholz-rosa. Meine Mutter wird morgen ihre Eismaschine für mich einpacken und ich brauche noch nestfrische Eier.
Eiscremetage.
Peret-Tage.
Die Jahreszeiten vermischen sich, werden laut und leise.
Sie suchen nach einer neue Melodie.

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gefärbt: mit Avocado und noch mehr Walnuss

Ich hinke dermassen hinterher mit meinen Färbe-Posts, dass ich richtig unruhig bin deshalb; Ich möchte euch unbedingt zeigen, was da oben in meiner kleinen Hexenküche entsteht und wie viel Abenteuer-Lust das in mir auslöst…
Weil aber das ganz banale Leben andauernd dazwischenplappert und auch bereits schon wieder ein neuer Topf voller Pflanzen auf dem Herd steht und zur Flotte wird, muss ich versuchen, kurz und knapp zu berichten. Sofern das geht. Ihr kennt mich ja; kurz und knapp und ich, das ist wie Öl und Wasser…
Jedenfalls seht ihr oben auf den Fotos einen Strangen „Rosy Green Big Merino Hug“, ursprünglich in der sehr hellen, zart graulila Farbe „Tee“, soweit ich mich erinnere. Ein Strang superwash Merinowolle, den ich mit der Schale und den Kernen von 5 eher kleinen Avocados umgefärbt habe. In ein ganz bezauberndes Altrosa. Auf dem ersten Bild könnt ihr den ursprünglichen Ton noch als Faden-Kringelchen erkennen. Der Effekt, der so ein bisschen Avocado auf die Fasern hat, ist wirklich verblüffend. Die reinste Metamorphose.
Der Effekt, der so eine Avocado-Färbung auf das Selbstbewusstsein einer blutigen Pflanzen-Färbe-Anfängerin hat, ist allerdings nicht minder kraftvoll. Geradezu magisch kommt mir das alles vor…

Bei diesem Färbe-Projekt hier scheiden sich die Geister, da bin ich nicht nur ganz sicher, das kann ich auch vollkommen verstehen. Ich meine; das Blau ( Farbnummer 222) dieser „Rosy Green Heb Merino Fine-Wolle“ war ja auch eigentlich so schon unglaublich schön. Sanft und doch intensiv und nichts, was man jetzt unbedingt hätte umfärben müssen.
Aber sie lag schon so lange in meinem Woll-Regal. Und je länger sie dort lag, desto weniger fühlte ich mich inspiriert, sie zur Hand zu nehmen und mit ihr zu arbeiten…
Mein Babyjunge hat dunkle, blaue Augen, die ich gern in Kontrast zu eher dunkleren Naturtönen sehe. Das wirkt… einfach richtig, fühlt sich richtig an. Und dass dieses Garn für ihn bestimmt war, das spürte ich.
Also wanderte dieses Garn mit dem leicht rustikalen Charakter kurzerhand in den Färbe-Topf statt auf die Nadeln oder -denn daran hatte ich auch noch gedacht- in die Tüte fürs Altenheim.
Wolle und Walnuss, das passt, damit fühle ich mich jetzt schon sehr wohl und sicher, und auch diesmal kam nach knapp 48 Stunden Färbe-Bad eine Farbe zum Vorschein, die so richtig durch und durch meine ist. Und die meines Kleinen.
Spontan kommt mir eine „Barley Light“ in den Sinn, wenn ich diesen Strangen hier so sehe. „Barley Light“ in Ebenholz-Braun.
Passt doch zum anklopfenden Herbst, oder?

Und nochmals werden sich wohl einige von euch fragen, was genau denn los ist mit der Frau Kirschkernzeit. „Was soll das, dieses rauchige Lila ist doch wunderschön!“.
Ja. Ist es.
Aber es passt einfach nicht.
Nicht zu mir, nicht zu meinen Mädchen, nicht zu dem, was meine Hände gerade halten und verwandeln möchten.
Manchmal muss man einfach ehrlich mit sich selbst sein. Und loslassen, was losgelassen werden will.
Also hab‘ ich losgelassen. Und diese 100 gr. „Cumbria Fingering“ in der Farbe“Castlerigg“, kaum hatte ich meine Ebenholz-Wolle aus der Flotte gezogen und zum Trocknen aufgehängt, im abgekühlten Sud versenkt. Für ein Stündchen Simmern und danach volle 3 Tage Bräunungs-Bad.
Die Farbe hat mich mehr als verblüfft. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schön dunkel und intensiv ausfallen würde, immerhin war es ja eine zweite Färbung und viele der Pigmente oder vom Tannin oder was immer hier zaubert, bereits verbraucht.
Womit ich auch nicht gerechnet habe: wie gut diese Verwandlung sein würde. Von Lila zu warmem Pelz-Braun. So soll Wolle sein. Pelzig, mollig, warm in den Händen, auf der Haut, warm im Ton.
Mein Plan: eine Baskenmütze aus dem Buch „Stricken fürs Jahr“. Für mich.
Hach, ich freu mich so. An meinen Garnen, meinen Pflänzchen, der Kraft der Natur.

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unmittelbar 8

Meine Sommerschätze:

… das hohe Keifen tief fliegender Schwalben auf ihrer Jagd nach Insekten
… Donnertrommeln und Blitzgeflimmer und diese sinnliche, mächtige Spannung kurz davor in der Luft
… der Duft frisch geschnittener Wassermelonen, ihr knalliges Farbenspiel, ihr Geschmack
… der unverkennbare Geruch von Chlor, der von Freiheit, Nähe und Fröhlichkeit erzählt
… wie die Grillen zirpen, unermüdlich, im Chor und doch für sich allein, nachtein, nachtaus, als versteckte Gesellschafter unten im Garten
… das sanfte, monotone Murmeln eines Ventilators, das mich -wie ein Wiegenlied-
in den Schlaf begleitet
… quieklebendige Meerschweinchen, die den stoppelig gewordenen Rasen abgrasen
… neon-pinker Nagellack auf fremden Zehen
… barfuss über sonnenwarme Steinplatten  laufen
… zerzauste Kinder in kurzen Hosen und geblümten Trägerkleidchen
… röhrende Mähdrescher auf den Feldern, die bis tief in die Nacht keine Ruhe geben
… dieses unglaublich zufrieden machende Licht, wenn der Tag langsam, sehr langsam in die Nacht hineinfliesst, ein Gefühl wie Heile-Welt, träge, lebenssatt
… wie meine Sonnen- und Ringelblumen in der Dämmerung mit der Nachtkerze um die Wette leuchten
… Falter, Bienen, Hummeln, Taubenschwänzchen und ihr süsses Summen, während sie sammeln und trinken
… Feuerknistern, Grillrauch aus Nachbars Garten
… wenn Queen Anne nebenan im Schatten der Tannen ihre Beetchen wässert und mir Pflanz-Geheimnisse für den Herbst anvertraut
… warmen, weiche Babyhaut und goldene Löckchen, die sich beim Trocknen leise kringeln
… das leuchtende Rubinrot selbst gekochten Johannisbeer-Sirups

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