Archiv der Kategorie: Weltgeschehen

berührt: an Berlin

“Berührt” heisst für mich;
Einmal pro Woche möchte ich mein Augenmerk auf all die Dinge und Momente richten,
die mich wirklich berühren.
Wo mich etwas  inspiriert, anrührt, wo ich fühle, spüre, zum Denken komme.
Wo sich etwas bewegt, innen im Verborgenen oder ganz greifbar und sichtbar vor meinen Augen.
Mal voller Freude, mal nachdenklich oder sentimental, mal montags, mal sonnabends, wortreich oder stumm…
So wie es im Augenblick gerade richtig scheint.
(Und wer immer mitmachen möchte, ist ganz herzlich eingeladen.)

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Dieser irritierend unausgewogene Adventskranz voller Glitterlametta, Engelchen und farblich nicht zusammenpassenden kleinen Baumanhängerchen ist an einem friedlichen Nachmittag in unserer Küche entstanden. Unter den Händen meiner Mama und nach Regie meiner drei Mädchen. Er hat ein paar alte Lichterkettenlämpchen mit drin und kann sogar leuchten (ein bisschen). Draussen vor der Haustüre hängt er. Und grüsst einem, wenn man heimkommt. Unbekümmert und sorglos.
Und genau das wünsche ich heute den Menschen in Berlin. In Deutschland. Und überall sonst auf der Welt. Dass Unbekümmertheit, Lebensfreude, Sorgenlosigkeit eines Tages wieder zurückkehren können. Es ist so dunkel geworden überall.
(Ich weiss von ein paar ganz lieben Leserinnen aus Berlin und hoffe von ganzem Herzen, es geht euch gut da draussen! In Gedanken bin ich bei euch…)

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dankbar. jetzt

DSC_5202Zuflucht

DSC_5207Heimkehrenkönnen

DSC_5222 Kindheitstage

DSC_5227-001Neuanfänge

DSC_5181nicht allein

DSC_5219von Herzen

DSC_5218Vorwärtskommen

DSC_5186Lichtblau

DSC_5179Bleibendürfen

Die letzten Tage hatten alle etwas Schweres, Dunkles unter ihrer sonnigen Haut. Ich hatte keine Ahnung von Brüssel, aber irgendwie ging mir so vieles durch den Kopf, so vieles nur halbgedacht im Herzen herum…
Die Welt scheint aus den Angeln zu brechen.
Und doch dreht sich meine eigene, kleine Welt weiter. Langsam. Beständig. Aber nicht unverwundbar.
Während mein Körper sich sehr, sehr langsam von den vergangenen Tagen der Krankheit erholt -langsam und schwer, obschon es nur eine Grippe war, banal und harmlos, eine Heileweltkrankheit- fühle ich nebst diesem nicht ganz greifbaren Drückenden, Düsteren vor allem eines: Dankbarkeit. Demütige, ohnmächtige, mich selbst zurückstufende, stille Dankbarkeit, die alles in mir und um mich herum an seinen Platz schiebt, zurück ins rechte Licht.
Aber vielleicht ist Dankbarkeit ja auch das falsche Worte. Wertschätzung trifft es wohl eher. Weil ich urplötzlich wieder sehe, wie viele Reichtümer sich hier um mich herum versammeln, an einem schlichten, friedlichen Dienstag mitten in meiner verschonten Alltagswoche…

Heute abend zünde ich mir eine Kerze an.
In all meinem Lebens-Segen möchte ich nicht vergessen, dass es Menschen gibt, deren eigenes Leben gerade heute in Schutt und Asche liegt…

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Aus meinem Tagebuch: Funken

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Diesen Winter passieren sonderbare Dinge. Mit mir.
Ich gehöre zu jenen Menschen, die sich fernhalten von Tagesschau, Zeitung und den Nachrichten am Radio, die sofort das Thema zu wechseln versuchen, sobald jemand anfängt, diese richtig schlimmen, berdrückenden, hilflos machenden Geschichten aus der Welt zu erzählen, die einem betreffen, selbst wenn sie einem nicht wirklich betreffen.
Geschichten von Hass und Gewalt und Schlechtigkeit und Verzweiflung, Geschichten von unaussprechlichem Leid kann ich einfach nicht ertragen. Vor allem nicht die wahren, die ganz in echt irgendwo da draussen jemanden zustossen. Jemandem, der auch ich sein könnte, oder du, oder das Baby, das gerade eben seelig in meinen Armen liegt und seine kleine Brust sanft hebt und senkt im Babynachtschlaf.
Diese Seite der Welt, diese Seite des Lebens, diese dunkle, macht mir Angst.
Also stelle ich das Radio aus zu jeder vollen Stunde, mache einen Bogen um Zeitungen und schreierisch geschrieben Heftlis und bin einmal mehr froh, dass wir seit ewig schon keinen Fernseher haben.
Doch irgendwie sickert es ja immer durch, wenn die Dinge wirklich schlimm stehen. Nachrichten von weltbewegendem Ausmass lassen sich einfach nicht behindern.
Und vielleicht ist das sogar gut so.

Als die Angriffe begannen, hier in Europa und zuerst im nahen Osten, wo die Hölle Tag für Tag greifbar wird für Tausende von Menschen, da brachte das irgendetwas in Bewegung in mir. Erschütterung. Unbewegt kann man nicht bleiben. Und trotzdem geht das Leben weiter, und das Wissen tut weh, ohne dass es zu helfen vermag oder die Dinge verändert.

Anfangs versuchte ich ganz bewusst, mir vor Augen zu halten, wie vieles es gibt in meinem Leben, was so, in dieser guten, heilen Art, alles andere als selbstverständlich ist. Ein Gegenpol zur Düsternis. Hoffnungsfunken in all den Schatten. Ich versuchte, das Gute zu erkennen, das Helle und Frohe, das, wenn ich die Augen öffne dafür, mehr Platz einnimmt in meinem Leben, als ich mir selber oftmals eingestehen will, weil ich sofort das Haar sehe, das in der Suppe schwimmt.
Gutes, Helles und Frohes, wie… Das Grün auf meinem Teller. Das Öl in meinen Heizungskesseln. Der dicke Kinderkuss auf meiner Backe. Herr Kirschkernzeit mit seiner Engelsgeduld für all meine Kümmernisse und Wehwehchen. Dieser eine, kleine, weisse Zahnspitz im Unterkiefer meines Babys. Schule und Freizeit, Bücherborde, die sich biegen und die stillen, heimlichen Nachtstunden, die ich für mich sein kann, strickend, lesend, den Atem meiner beiden Jüngsten im Ohr.
Alles wie immer. Normal. Alltag. Und doch …

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Das mit dem Dankbarsein ist so eine Sache. Manchmal fällt es mir unsagbar schwer, zu schwer. Ich weiss, was ich habe, ich sehe es, reisse die Augen weit auf, suche Worte dafür und bisweilen finde ich sie sogar. Doch ich fühle sie nicht.
Dass auch das in Ordung ist, das rein theoretische, abstrakte, bewusste Dankbar-Denken, hat mich dieser Winter gelehrt. Denn Dankbarkeit beginnt im Kopf, ja, und -wie alles, wirklich alles im Leben- braucht sie manchmal nur Zeit, Zeit und möglicherweise einfach ein klein wenig Übung, bis sie runter findet ins Herz, hinein in den Bauch, wo sie mich gestern erreicht hat, gestern (oder war es schon vorgestern? Vor einer Woche? Irgendwo vor Weihnachten?), als ich dasass in meinem noch vollkommen unfertigen lila Zimmer, dem neuen, und hinsah zu meinem Strickzeug.
Rot und weich und beinahe zu Ende gebracht lag es da, mitten im Dunkeln, in einem kleinen Kreis aus warmem Nachttischlampenlicht. Zuflucht.

Dieses Bild traf mich wie eine Erkenntnis, aber mehr in Herznähe, im Bauch schon vielmehr: Wie geborgen ich mich fühle, hier in meinem Daheim, geborgen in meiner Familie, gestützt von meinem Mann, meiner Mutter, eingebetten in eine wunderbare Dorfgemeinschaft und dem Wissen, dass ich so frei bin wie nur wenige Menschen auf dieser Welt. Meine Zeit gehört ganz mir. Und dass ich sie herschenken darf, für meine Kinder, jede einzelne, kostbare Sekunde davon, fühlt sich urplötzlich ebenso frei an, wie es ist, im Grunde. Rot und weich und gut. Lebendig. Genau so empfinde ich es zur Zeit, mein kleines, einfaches Leben, das Daheimsein, diesen Winter.

Es ist schon sonderbar. Die bösen Geschichten von Hass, Vertreibung, Kampf und Bedrohung, die immer näher zu kommen scheinen und die Welt umwälzen, zumindest in meinem Kopf… sie machen mir Angst, ja. Sie füllen mein Herz mit Trauer und Mitgefühl und zeitweise mit echten, zuschnürenden Schreckensvisionen, weil ich instinktiv weiss, wie rasch das Blatt sich wenden kann, für jeden. Gleichzeitig aber -und damit hätte ich niemals gerechnet- öffnen genau diese Geschichten mir das Herz und machen es weit und weich und bereit. Um dankbar zu sein, von Kopf bis Herz bis Bauch, ehrlich und tief. Für all jene Dinge, die mein Kopf mir längst zeigen will; für Geborgenheit und Liebe, für Sicherheit und Glauben, für die Menschen, für meine Menschen und für die Menschheit, für Wärme, Nahrung, Kraft und Licht… ihr wisst schon, was ich meine.
Zu wissen, dass man einen dieser kleinen, global betrachtet absolut winzigkleinen Glücksfunken leben darf, ist eine Sache. Es auch wirklich zu fühlen, eine andere.

Dieser Winter hat viel Merkwürdiges und Verstörendes an sich, Menschen und Ideologien, die beängstigende Schatten werfen- und doch habe ich mich noch nie so daheim, so dankbar, geborgen, gefestigt und begleitet gefühlt wie jetzt, in diesen Wochen.
Vielleicht muss ich mich öfters dem Schatten stellen, um meine Sinne zu schärfen für das Licht, das irgendwo darin brennt…

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Ach, Tinki…

Vor genau 10 Tagen schrieb mir Tinki von “Wolle und Puppenkinder” diesen traurigen und offenen Comment auf meinen Post über die Vergänglichkeit hin:

Das schlimme ist – das solche “schnellen” Todesgeschichten keinen wirklich Abschied ermöglichen, keine “Begleitung” und kein Verstehen mehr…
Ich habe meine Mutter auch früh verloren – meine Schwester hat sie kaum kennengelernt, aber sie war krank und wir hatten irgendwie noch Zeit, uns darauf einzustellen, einen Abschied kommen zu sehen und so langsam auch für sie zu wünschen, einfach endlich ohne Qualen sein.
Ich kann nur sagen, dass ich seit dem ein anderes Verhältnis zum Tod entwickelt habe und manchmal einfach nicht mehr so emotional bin, weil ich denke, dass wir uns viel zu wenig mit der Tatsache auseinandersetzen, dass der Tod dazu gehört und man sich auch darauf einrichten muss, dass es jederzeit vorüber sein kann!
Trotzdem ist es für jeden, der jemanden gehen lassen muss furchtbar – endgültig und elendig verletztend… Und ich hoffe wirklich, dass ich solche Erfahrung nicht nochmal in meinem näheren Umfeld so schnell machen muss!
LG Tinki

Ich war berührt und wollte mich eigentlich bei ihr melden, ein bisschen austauschen, einfach mal wieder “persönlich” reden… Die wunderbare von ihr selbst gemachte Puppe, die Tinki meinem Baby geschenkt hat, als es zur Welt kam, wurde diese Wochen so oft geknuddelt, bekam sogar einen Namen (Susi) und mehr als einmal dachte ich an Tinki mit einem ganz warmen, dankbaren Gefühl der Verbundenheit- und einem etwas schlechten Gewissen, weil ich ihr das alles so gerne wieder einmal sagen wollte und einfach nie die Ruhe dazu fand…
Dafür ist es nun zu spät.
Tinki ist gestorben. Ganz überraschend. Ihre Schwester hinterlässt uns ein paar abschliessende Worte in einem kleinen Comment unter Tinkis allerletztem Post, einem so stolzen und glücklichen Post über diese wunderhübschen, hauchfeinen, selbstgewobenen Bändchen, der mir nun die Tränen in die Augen treibt… Ich bin so traurig. So erschüttert. Fassungslos. Und wenn ich ihre Worte über den Tod, über das Gehenlassen und das Zurückbleiben durchlese, immer und immer wieder, dann schüttelt es mich… Ich kann es wirklich nicht fassen. Tinkis eigene Geschichte wiederholt sich; sie hinterlässt zwei Töchter, eine davon noch ganz jung…
Ach, Tinki, es kann doch noch gar nicht vorbei sein…

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