“Berührt” heisst für mich;
Einmal pro Woche möchte ich mein Augenmerk auf all die Dinge und Momente richten,
die mich wirklich berühren.
Wo mich etwas inspiriert, anrührt, wo ich fühle, spüre, zum Denken komme.
Wo sich etwas bewegt, innen im Verborgenen oder ganz greifbar und sichtbar vor meinen Augen.
Mal voller Freude, mal nachdenklich oder sentimental, mal montags, mal sonnabends, wortreich oder stumm…
So wie es im Augenblick gerade richtig scheint.
(Und wer immer mitmachen möchte, ist ganz herzlich eingeladen.)
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Post hier schreiben soll. Es ist ein langer, trauriger, nachdenklicher Post, und traurige Gedanken zu verbreiten, ist eigentlich nicht unbedingt das, was ich mir wünsche für diesen Blog. Aber auf der anderen Seite… das Leben nur zu feiern, als hätte es keine Schattenseiten, kommt mir auch nicht ganz richtig vor…
Normalerweise lese ich keine Zeitung, kommen Nachrichten im Radio, drehe ich den Ton ab. All das Elend in der Welt quält und verfolgt mich, und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, welchen Sinn es haben soll, mich mit erschütternden Geschichten füttern zu lassen… Vielleicht wird es mit der Zeit einfacher, Krieg, Leid und menschliche Abgründe einfach wegzustecken, vielleicht wird die Haut dicker dabei. Aber will ich das überhaupt? Ein dickeres Fell, ein selektiveres Gedächtnis, das alles Schlimme beiseite schiebt, sobald es nichts mehr mit mir selber zu tun hat?
Manchmal. Ja. Doch.
Denn ganz abschotten und schützen kann auch ich mich nicht. Manche Nachrichten dringen trotz allen Selbst-Schutz-Massnahmen bis zu mir hin durch… Zum Beispiel gestern: Soulemamas Freitags-Post hat mich sehr bewegt. Nicht unbedingt ihr Post selbst, mehr diese so unsagbar traurige Geschichte, die sie erzählt; Eine Frau, mitten im Leben, kreative Seele, Mutter zweier Kinder, Bloggerin, ein Mensch mit Visionen, mit Träumen, voller Lebensdurst und Energie… tot, ganz unerwartet, im Familien-Urlaub ertrunken, der Mann im Meer verschollen und die beiden Kinder Zeugen ihres Todes und Vollwaisen, von einem Moment auf den anderen.
Mir fehlen die Worte.
Das ist einfach nur abgrundtief traurig.
Ich kannte Kathreen Ricketson nicht, nein. Ich habe eines ihrer Quilt-Bücher auf meinem Amazon-Wunschzettel, ja, aber im Grunde hatte ich bis gestern keine Ahnung, dass es sie überhaupt gab… und doch… und doch berührt mich ihr Tod. Er beschäftigt mich.
Ich habe mich oft gefragt, was wohl mit meinem Blog geschieht, wenn ich sterbe. Wird mein Mann ihn für mich beenden? Wird jemand einen abschliessenden Post schreiben, mit Abschiedsworten in meinem Namen? Werden meine Texte und Bilder einfach so verschwinden? Oder bleiben sie irgendwo abgespeichert, vielleicht ausgedruckt, als Buch gebunden konserviert, wie gefangene Erinnerungen, zu denen nun das Gedächtnis fehlt?
Wenn ich auf Kathreens Website klicke, blickt mir ihr Gesicht entgegen und da stehen kraftvolle Worte, die ganz fest damit rechnen, dass es noch ein Morgen für sie gibt. “I am a mother and maker.” Es ist, als würde ich auf einen weit, weit entfernten Stern sehen, der strahlt und funkelt, in Wahrheit aber längst schon verglüht ist…
Es ist so traurig. Alles Sterben, alles Verlöschen. Wir leben in einer so brüchtigen Welt und rechnen doch ganz fest damit, dass das Eis unter unseren Füssen ewig hält… Ich kann es mir nicht vorstellen, wie es ist, zu sterben. Und ich glaube, ich will das auch gar nicht, im Gegenteil, ich will das alles vergessen. Es ist nicht schön, daran erinnert zu werden, dass nichts von dem, was ich bin oder habe, wirklich mir gehört, nichts, wirklich rein gar nichts, auch nicht mein Leben oder das meiner Liebsten, nein, keine einzige, winzige Sekunde davon. Ich bin im Grunde keine Besitzerin, mir wird nichts geschenkt… nur geliehen. Auf Zeit. Und irgendwann… irgendwann wird diese Zeit um sein.
Ich bin Christin, ich glaube nicht daran, dass wir alle Eins sind. Ich glaube an das Individuum und daran, dass jeder Mensch dafür geschaffen ist, die Beziehung zu suchen, zu allem, was ihn umgibt, vor allem zu dem, was lebt, zu Menschen, Tieren (und zu Gott, seinem Schöpfer, zu dem ganz besonders). Aber es ist sonderbar; Obwohl sich unsere Wege nie kreuzten, obwohl uns Welten trennen voneinander und jetzt auch der Tod, fühle ich mich verbunden mit Kathreen. Ich dachte oft an sie in den letzten Stunden. Ich dachte an sie, als ich letzte Nacht erwachte, weil das Babykind unruhig und hungrig an meinem T-Shirt nestelte, ich dachte an sie, morgens, als ich aufstand, und mir bewusst wurde, dass ich einen neuen Tag vor mir hatte, und mein Mann eine Frau, und meine Kinder eine Mama, die lebt und atmet, während es für Kathreen kein Morgen mehr geben wird und ihre Kinder bittere Tränen um sie weinen. Ich dachte an sie, beim Stillen meines Babys oder während ich meinen Kindern beim Essen zusah. Essende Menschen, vor allem Kinder, haben so etwas fast schmerzhaft Menschliches und ganz schrecklich Verletzliches an sich, finde ich, etwas, das mich irgendwo ganz tief im Inneren berührt. Es erinnert mich daran, dass… ganz egal, wie verschieden wir auch sein mögen, ganz egal, was auch immer uns trennt voneinander; In unserem Lachen und in unserem Weinen, in unserem Hunger, unserem Durst, in unserer Erschöpfung und Kraft, im Schmerz und im Glück, in unserem Lieben, Hoffen und Bangen, in all dem sind wir Menschen doch eins irgendwie, verbunden -trotz allem- verbunden in unserem Mensch-Sein… und ganz besonders in unserer Vergänglichkeit.






