Archiv der Kategorie: Weltgeschehen

Trio: Tag 9

Das Licht dieser drei Bilder sagt alles: Wir haben Herbst im Sommer.
Heute war es so neblig, dass man morgens an Oktober dachte, nicht an Juni. Die Luft ist feucht, aber nicht wirklich kalt, mehr so lauwarmkühl, finde ich. Trotzdem blüht und wächst es rundherum, nur vielleicht in etwas gedrosseltem Tempo.
Gestern abend bekam ich auf Instagram ganz verstörende Bilder automatisch auf der Such-Site vorgeschlagen, Bilder, die mich bis in meine Träume verfolgt haben, von brennenden Buddhisten und dem jüngsten hingerichteten Häftling Amerikas, schlimm, unsagbar traurig und bedrückend, eine Last, die ich nicht in meinem Gedächtnis haben möchte und ganz bestimmt NICHT sehen wollte. Leider gehört das zu einer der Schatten-Seiten der digitalen Welt. Dass man Dingen, Anblicken, Realitäten oder Gedankengut ausgesetzt ist, die einem nicht gut tun und die man (hoffentlich!) so, in der „realen Welt“, niemals suchen oder antreffen würde. Ich folge bei Instagram einigen historischen Accounts, weil mir Geschichte unglaublich viel Spass macht und mich historische Abläufe und das „Leben damals“ wahnsinnig faszinieren. Wahrscheinlich hat der Algorithmus diese Posts darum für mich ausgesucht. Ungefragt. Und unwillkommen. Immerhin konnte ich beide Beiträge bei Instagram melden: Ich finde, solche Bilder gehören nicht auf Instagram, eigentlich überhaupt nicht ins Netz. Wo bleibt da die Menschenwürde?
Noch immer ist das dieses beklemmende Gefühl in meiner Brust. Ein bisschen wie nach einem Alptraum, von dem man weiss, dass er vorbei ist, aber die Erinnerung macht einem das Herz schwer.
Ich muss auf andere Gedanken kommen:
Mein Baby schläft, und ich weiss nicht, was ich kochen soll.
Die Grünlilie in der Küche hat kleine Babypflänzchen gebildet. Sie sind winzigklein und ganz entzückend.
Auf dem Weg zum Kindergarten habe ich -wie jeden Tag- die allerschönste Trocken-Rabatte bewundert, die ich mir denken kann. Altes Holz liegt dort, Kies und eine unglaubliche Bandbreite an blühenden Stauden wie Malve, Wegwarte, Rosen, Nelken oder Mohn.
Ich bin nicht gross weiter gekommen mit der „Playdate“-Baby-Cardigan, aber die 200gr. grüne Wolle von „Woollentwine“, werden tatsächlich noch für mich gefärbt. Einer „Shore Cardigan“ für mich in diesem ganz speziellen, nebligen Grün steht also nichts mehr im Wege.
Der Papiertaschen-Faux-Pas der Migros -die meisten Schweizerinnen wissen wohl, was ich meine- hat mich buchstäblich Tränen lachen lassen. Was für ein Zirkus! Allerdings bin ich persönlich nicht unglücklich, muss ich diesen absurden Sujets jetzt nicht überall auf der Strasse begegnen. Was den Leuten alles so einfällt, also wirklich…
Einem kleinen Jungen ist eines seiner Meerschweinchen gestorben. Jetzt hat er sich Hals über Kopf in eines aus unserer Herde verliebt und darf es nun haben. Ich finde das so schön; einem Kind eine Freude machen. (Und unser Tierchen wird es gut haben an seinem neuen Plätzchen)
Mein Hals kratzt ein bisschen, mein Geruchssinn ist beeinträchtigt, aber insgesamt fühle ich mich viel besser. Es geht weiterhin aufwärts, judihudi!
Zwischen den vielen Wolken spienzelt die Sonne hervor, jetzt, in diesem Moment. Auch der Nebel ist verschwunden, der Sommer scheint wieder zum Greifen nah. Mir fällt ein, dass ich immer zu Sommerbeginn am 21.Juni mit den Kindern in den Dorfladen gehe und sie eine dieser unsäglich teuren Glacés aus der Kühltruhe bei der Kasse auswählen lasse. Ein altes Ritual bei uns, das niemals aus der Mode kommt.
Und jetzt…? Noch ein Kaffee?
Ich schicke euch liebe Grüsse und melde mich für heute mal ab hier. Ein 15’Minuten-Aufräum-Spurt steht auf dem Programm, hab‘ ich soeben beschlossen. Gleich nach dem Kaffee.

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Sonne und Freiheit

Sonne und Freiheit. Meine Pause ist nur sehr kurz gerade, das Baby schläft schon seit bald 40 Minuten und wird sicher bald erwachen, darum muss ich nehmen, was kommt und schreiben, was mir gerade durch den Kopf flattert. Diese beiden Worte waren die ersten. Sonne und Freiheit.
Heute morgen, als ich die Kinder für die Schule bereit machte, war der Himmel bedeckt. Ich fand das ganz komisch, und mir wurde bewusst, wie schnell ich mich an das schöne, sonnige Wetter der letzten Wochen gewöhnt habe. Regentage sind selten geworden, Sonnenschein die neue Normalität. Wie trocken die Böden wirklich sind, weiss ich nicht, eigentlich redet niemand mehr von Dürre, aber der überaus trockene Frühling war schon ein wenig beängstigend, vor allem gepaart mit Corona.
Angst und Unsicherheit scheinen sowieso treue Begleiter zu werden. Irgendwie geht diese Nervosität, die seit dem Lockdown überall mitschwingt und in praktisch jedes Gespräch einfliesst, gar nicht mehr weg. Dabei habe ich eigentlich keine Angst vor Covid-19 an sich. Ich bin gerade mal 40, gesund und mitten im Leben. Krankheit und Tod kommen mir sureal vor, weit entfernt, nicht für mich bestimmt. Weil ich niemanden kenne, der daran erkrankt ist und auch niemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der krank geworden wäre, wird Corona für mich immer mehr zum Schreckgespenst, das zwar alle fürchten, aber keiner je gesehen hat, eine Art mystische Bösewichtgestalt, Stoff aus dem Alpträume gemacht werden, aber wir erwachen immer, bevor sie uns erreicht.
Irgendwie finde ich das merkwürdig. Dieser Spagat zwischen Denken und Fühlen. Denn im Kopf bin ich der Regierung ja durch und durch loyal. Ich stehe gerade in dieser Zeit zu 100 Prozent hinter Bundesrat und Co., schweige aber mittlerweile lieber, wenn das Thema Corona-Massnahmen aufkommt, weil die Schere innerhalb der Bevölkerung erschreckend weit auseinander geht, was das betrifft. Von Verschwörungs-Theorien bis zur hellen Panik ist alles vertreten, und das Thema ist hitzig bis glühend, die Debatten werden immer mehr mit beinahe religiösem Eifer betrieben, Sein oder nicht Sein, Kampf und Frieden.
Ich finde das schwierig. Schwieriger als Corona selbst im Grunde. Es ist nicht schön, zu sehen, wie die Menschen einen Keil zwischen sich treiben, Pro gegen Contra, und immer sind die anderen die Bösen. Krisenzeiten machen mir Angst. Immer. Vor allem wenn sie sich ganz real und greifbar auf die Art und Weise niederschlägt, wie wir miteinander reden und umgehen und ihr Gift in den Alltag zu tröpfeln beginnt.
Aber lassen wir das.
Lassen wir es fallen.
Lassen wir los.
Ich möchte dem Ganzen hier nicht auch noch Raum geben. Das Leben besteht aus mehr als Corona und so langsam habe ich die Kontroverse sowieso satt. Vielfalt ist schön, ja, aber mein Herz sehnt sich nach Einheit und Schulterschluss (was natürlich schwierig wird mit 2 Metern Abstand).
Darum… lasst mich einfach ein wenig erzählen, in Ordnung? Vom Banalen und Kaum-der-Rede-Werten. Vom Kleinen, das mich freut oder bewegt und in jedem Leben auf diese oder ähnliche Art auftaucht und uns zu dem macht, was wir sind.

Meine Mutter hat mir Spitzwegerich mitgebracht. Aus ihrer Wiese, die längst kein Rasen mehr ist und praktisch nur noch aus Löwenzahn und Spitzwegerich besteht. Meine Seele lechzt nach Pflanzen und Heilkräutern und Grün und heiler Welt… also mache ich Wegerich-Honig. Für Körper, Geist und Seele.
Wieso sich da eine Spargel im Strauss versteckt hat, ist mir allerdings auch nicht ganz klar.

Mein Baby krabbelt! Manchmal platt auf dem Boden wie die Rekruten, manchmal auf allen Vieren, was ihm ganz klar besser gefällt. Seit letzter Woche sitzt er auch souverän und zieht sich an allem hoch, was seinem doch ganz beachtlichen Körpergewicht standhält. Dieses Kind ist so ein aufgewecktes, wackeres Kerlchen, sein süsser Babyspeck wiegt schwer auf meinen Hüften und lässt meinen Rücken schon nach kurzer Zeit schmerzen, was ein absolutes Novum ist für mich. Rückenweh kannte ich gar nicht bisher. Aber hey; schaut ihn euch an! Mag sein, dass er nicht unbedingt das hübscheste Baby aller Zeiten ist, aber ich liebeliebeliebe dieses Kind über alle Massen und finde ihn so niedlich und knuffig, dass ich wirklich an mich halten muss, nicht den ganzen Tag lang an ihm herum zu knabbern…

Püppi braucht eine neue Nase, hab‘ ich gemerkt. Nach vielen Jahren Puppenleben, hat der Zahn der Zeit offenbar doch ein bisschen zu heftig genagt. Der Stoff ist bereits derart zerschlissen, dass beim Näschen die Füllung raus schaut, ein Anblick, der mich fast ein bisschen gruselt. Jemand meinte neulich, Püppi würde aussehen wie Voldemort, und ich glaube, das trifft den Nagel auf den Kopf und erklärt auch mein Gruseln: Ein Gesicht ohne Nase ist einfach unheimlich. Darum verstecke ich Klein-Püppi -oder Lotta, wie meine Kleinste sie ja eigentlich nennt- vorerst in meiner Nähschublade und hoffe, ich finde entweder jemanden, der ihr ein neues Gesicht und somit ein zweites Leben schenkt oder wenigstens die Zeit, es selber zu tun…

Gerade stolpere ich immer wieder über Szenen dieser Art, kleine Arrangements und kurzzeitig verlassene Projekte mit handgeschriebenen Info-Tafeln, die uns über Do’s und Dont’s aufklären. Für mich ist das jedes Mal eine wunderbare Überraschung, so etwas zu finden, ob Ameisenrevier (weil da eine angeblich seltene, getupfte Ameisenart zwischen meinem Rosmarin und dem Oregano hausen soll) oder Trockenplatz für Tannenspitzen (für Hustentee und Meerscheinchen-Medizin), ich finde alles schön, was Kinder mit Enthusiasmus und aus eigenem Antrieb werkeln und erforschen. Und ihre selbst verfassten Notizen? Noch schöner. Ich glaube, ich werde anfangen, sie zu sammeln und in ein Tagebuch zu kleben, mit Foto vielleicht, so als Erinnerung…

Diesen Montag wurde im Kindergarten der 5.Geburtstag meiner Kleinsten gefeiert. Einen ganzen Monat nach ihrem eigentlichen Geburtstag. Weil an ihrem echten Geburtstag alle Schulen und Kindergärten ja geschlossen waren.
Irgendwie sonderbar. Aber auch schön, vom Gedanken her. Mamas und Papas waren aber diesmal ausnahmsweise nicht erwünscht. Coronabedingt. Und der Geburtstags-Znüni -ich habe 3 Blech Cookies gebacken- musste laut Anweisung von oben auch bereits portionsweise verpackt zum Kindergarten gebracht werden. Aus Hygienegründen scheinbar, was selbst einem obrigkeitsgläubigen Menschen wie mir ein bisschen übertrieben erscheint. Aber nun denn, die Gedanken sind frei, was zählt ist das Handeln. Jedenfalls kamen alle Plätzchen in Plastiksäcklein und die Servietten wurden auch noch gleich dran festgebunden, der Handlichkeit wegen. Grün ist das nicht gerade, ich weiss, und ich muss zugeben, ich zögerte auch einen Moment, als ich an den ganzen Plastik und Papiermüll dachte… Aber diese Zeiten sind einfach… komisch. Vieles ist gerade so sonderbar, unsicher und irgendwie zum Teil auch unsinnig, dass ich manchmal schlicht nicht mehr denken mag, sondern auf Autopilot schalte und einfach mache.
Mein Mädchen hatte einen wunderbaren Nach-Geburtstags-Morgen. Und die Cookies fanden regen Anklang. Daran freue ich mich jetzt. Ungebremst und ohne schlechtes Gewissen.

Erinnert ihr euch noch an das blaue Schaltuch aus dem letzten Post? Ursprünglich rein in Krausrippe gestrickt, war es mir irgendwie doch zu langweilig in dieser rein uni-farbenen, eher dunkel-kräftigen Farbe und so habe alles bis zur letzten Masche rübis und stübis wieder aufgelassen. Und neu gestartet in einem ebenfalls super einfachen, recht schlichten, aber trotzdem ein bisschen stärker strukturierten Muster, einer Mischung aus glatt rechten und schmalen krausen Sequenzen, angelehnt an „Farmhouse“ von Cabin Four, welches ich ganz zauberhaft finde. Das Lochmuster am Rand und im mittleren Längststreifen lasse ich zwar weg und anstelle von zwei Reihen Krausrippe stricke ich jeweils drei, doch ich bin entschlossen, die breite  Abschlussborte zu machen und überall diese Bänder einzuziehen, genau wie im Original. Wolle, handgesponnen von einer alten Lady aus der Region, habe ich mehr als genug, und ich bin wahnsinnig dankbar, habe ich dieses entspannende, unaufgeregte Projekt für mich gefunden, eine Art Ruhepol zu dieser sonst so angespannten, wechselhaften Zeit gerade.
Egal wie heftig der Tag auch war- abends kehre ich zurück zu diesem Tuch, zu diesen Reihen, diesen Maschen und einem tiefen, träumerischen Blau. Um mich zu erden. Zur Ruhe zu kommen. Mir etwas Gutes zu tun.
Jeder braucht wohl einen Fels in der Brandung. Diese stille Ruhe-Strickinsel am Ende des Tages -komme, was wolle- ist meine Zuflucht vor allem Überfluss und Übermass da draussen.

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Woche 5: gefordert

So heisst er also, mein Titel für die 5. Woche Leben mit Corona. „Gefordert“ Und so sieht es auch aus; Ich fühle mich gefordert. Durch alles. Gefordert- und mehr als das. Ich habe hin- und herüberlegt, ob nicht doch „überfordert“ das richtige Wort wäre, doch dann fand ich, dass ich doch noch ein paar gesunde Schritte vom Limit entfernt bin.
Obwohl es gerade diese Woche Momente gab, in denen ich das ganz anders sah.
Einer dieser Augenblicke -und das war schon ganz am Anfang der Woche- trieb mich praktisch fluchtartig aus dem Haus. Ganz allein. Für ein Not-Päuschen an der frischen Luft. Am herrgottsfrühen Morgen bereits, denn das Baby hatte eine seiner schlimmeren Nächte, die ich und mein Kleiner phasenweise unten auf dem Sofa verbracht hatten, halbdösend in unbequemer Position eingeklemmt zwischen dicken Kissen.
Er schläft so schlecht. Grottenschlecht. Und das nicht, weil er nicht müde wäre. Irgendetwas quält ihn nachts. Er wimmert, weint, krümmt und windet sich- und ist dabei wahnsinnig müde, so müde, dass er selbst im Flurlicht, das bei uns bei Bewegung automatisch angeht, die Äuglein nicht öffnet. Auch tagsüber ist er irgendwie… nicht er selbst. Oft unausgeglichen, weinerlich, einfach nicht wohl.
Mein Gefühl sagt mir… gar nichts. Das heisst, ich tippe irgendwie instinktiv auf Bauchschmerzen. Die Art, wie er sich bewegt während diesen „Anfällen“, was ihm wohltut (Lagewechsel, Herumgetragenwerden), was er kategorisch ablehnt (Stillen, es würgt ihn dann rasch oder Bauchlage, die er augenblicklich wieder wechselt). Aber es könnte vieles sein. Zahnen, Wachstumsschmerzen, innere Unruhe, alles mögliche.
Dass ich bei ihm im Gesicht, auf den Unterarmen und in den Kniekehlen ekzemartige Partien bemerkt habe, macht mich noch unsicherer. Die Haut wird besser, wenn ich sie mit Sheabutter eincreme und schlechter, wenn ich gar nichts mache oder nach direktem Kontakt mit Wolle. Jedenfalls habe ich diesen Eindruck.

Ich muss an die Neurodermitis meines grossen Mädchens denken, die uns vor vielen Jahren, als sie noch ein kleines Kind war, ebenfalls qualvoll schlaflose Nächte bereitet hatte und irgendwann so schlimm wurde, dass nur noch eine kurze, aber effektvolle Kortison-Behandlung wirklich helfen konnte. Noch immer hat sie ihre empfindlichen Stellen. Ihre Armbeugen sind selten gesund. Doch sie weiss jetzt, was zu tun ist, wenn die Flecken allzu rot leuchten, schuppen oder wieder zu jucken beginnen und salbt sich mittlerweile selbstständig ein, was wirklich den Unterschied macht.
In den Sinn gekommen ist mir bei all der Sinniererei während den schlaflosen Nächten mit meinem Baby vieles. Hilfreich waren allerdings nur wenige Gedanken. Ich tendiere dazu, mich in Schwarzmalerei zu verlieren und finde es unglaublich schwer, in harten Zeiten an meinem Optimismus zu basteln. Irgendwie wird das Ganze einfach nicht besser und hält schon so lange an… das macht es noch schwieriger, weil ein müder Geist, sich nur schwer selber motivieren kann.

Seit vorgestern versuche ich radikal auf Milchprodukte und blähende Lebensmittel zu verzichten. Ganz egal wie unwahrscheinlich eine Laktose- und Milcheiweissunverträglichkeit bei einem voll gestillten Säugling auch sein mag, ich will das jetzt einfach ausschliessen. Vor allem auch, weil man -bis auf die empfindliche Haut- ansonsten nichts sieht bei meinem Kind. Nur spürt. Ich spüre, dass etwas nicht stimmt. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger.


Gerade schläft er wieder neben mir, während ich auf dem Bett hocke und schreibe. Diesen unfokussierten, verzettelten Post hier tippe. Ich bin dankbar für jedes Schläfchen. Es bringt mir Freiraum. Atempausen für Körper, Geist und Seele. Irgendwie kommt alles zu kurz, was mir Freude macht, erdrückt von der Schwere, die jedes Babyweinen naturgegeben mit sich bringt. Ein unglückliches Kind, macht einem das Herz schwer.
Das Homeschooling dieser Woche, war heavy, ich kann es nicht anders sagen. Speziell mit diesen schwierigen Nächten im Hintergrund. Mehr als einmal hätte ich aus der Haut fahren können, und ganz bestimmt war ich öfter auch alles andere als fair und geduldig mit meinen Kindern. Im Gegenteil. Ich glaube, ich war sogar mitunter richtig fies in gewissen Momenten. Als es darum ging, eine Schularbeit zu beurteilen zum Beispiel. Da war ich mit meiner Meinung nicht eben zimperlich, riskierte Tränen und verletzte Gefühle, was mir jetzt im Nachhinein natürlich wahnsinnig leid tut. Aber I-Pads mit verwirrenden Apps, Video-Chats, die nicht funktionieren, Schulkinder, die sich mit Händen und Füssen dagegen sträuben, ihre Jobs zu erledigen, Zeitdruck in der Küche, überquellende Wäschezainen- und dazu Aufgabenblätter voller abzuhakender Punkte… und all das, während mein kleiner Babyjunge in meinen Armen wimmert, nicht auf den Boden will, nicht ins Kinderstühlchen und auch nicht ins Tragetuch.
Das ist zu viel.
Ehrlich.
Ich bin froh, haben wir Wochenende. Ein Wochenende, das ich mit leichtem Herzen begehen möchte. Loslassen. Dem Impuls, aufzuräumen oder sauber zu machen hartnäckig widerstehen. Die Seele baumeln und die Kinder einfach spielen, lesen, Kind sein lassen.
Ja, ich denke, das ist es, was ich jetzt brauche.
Und meine Baby braucht mich. Nähe, Geduld, Dasein, Zeit.
Zeit. Alles braucht seine Zeit. Mit Corona oder ohne.

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Woche 4: geschenkt

Es klingt wie ein Klischée, wenn ich mir meine letzten paar Einträge so ansehe. Die ersten 4 Wochen Leben im Ausnahmezustand. Leben mit Corona. Woche eins hätte den Titel „Überwältigung“ tragen können. Woche 2 „Schritt für Schritt“. Woche 3 erhielt die Überschrift „Akzeptieren, was ist“, und müsste ich nun für diese 4.Woche ein Wort auswählen, dann glaube ich, ich würde „Geschenkt“ nehmen.
Weil mir so vieles irgendwie plötzlich wunderbar erschien, und ich jeden dieser schulfreien, überhaupt durch und durch befreiten Tage als Segen zu empfand- obwohl ich niemals ganz ausblenden konnte, dass es viel Leid gibt um mich herum und dass Corona über den Daumen gepeilt wahrscheinlich doch mehr Schaden anrichtet, als es Gutes zu bewirken vermag. Nachhaltigen Schaden. Die Leute werden all die eingesparten Co2-Ausstösse oder die ausnahmsweise im Wald verbrachten, idyllischen Stunden als Familie wahrscheinlich sehr viel rascher wieder erfliegen, erreisen, erkonsumieren bzw. ihre Erlebnisse in der Natur wieder vergessen und gegen Bildschirm-Aktivitäten eintausche, als die Arbeitslosenquote sinken, die Trauer über verlorene Angehörige überwunden sein wird. Vielleicht bin ich zu sehr Pessimistin, doch ich bezweifle, dass diese Zeit jetzt so quasi die „grüne Wende“ bringt. Ich hoffe darauf, das auf jeden Fall. Aber insgeheim traue ich der Vorstellung nicht, so schön, so wunderbar sie auch sein mag.
Und ich bin mir bewusst: Ich lebe in einer Art Seifenblase. Mein Mann kann von zuhause aus arbeiten. Mein Sohn hat -dem Himmel sein Dank!- seine Informatiker-Lehrstelle gerade noch rechtzeitig ergattern können. Vor Corona. Wir haben Platz unter unserem Dach und ein bisschen Gärtchen-Grün direkt vor der Nase. Für mich persönlich ändert sich kaum etwas: Ich bin eine Stay-at-Home-Mom aus Leidenschaft, die ihre Kinder sowieso am liebsten um sich herum hat. Sehr Gluckenhaft. Ziemlich altmodisch. Absolut klischéehaft, aber ich mag Klischées.
Diese Woche war allerdings nicht ganz alltäglich, der Osterferien wegen. In Urlaubszeiten lässt sich vieles, was einem sonst belasten würde, einfach besser ertragen, anderes bleibt einem gleich ganz erspart. Die Kinder mussten nicht geweckt werden, die Homeschool-Ecke blieb unberührt, und ausserdem war das Wetter derart herrlich und hochfrühlingshaft positiv, dass man gar nicht anders konnte, als mit einem Lächeln durch den Tag zu schaukeln. Knallgelbe Osterglocken, weidende Meerschweinchen (zwei davon dick und rund), ein Baby, das mit nackten Beinchen auf der Krabbeldecke liegt und Illustrierten zerfleddert, bare Füsse und ein erstes Bad im Plantschbädli: Herz, was willst du mehr?
Es gab Tage, da hatte ich das Gefühl, es wäre Sommer. Klarblauer Himmel und Eiskaffe im Gartenhäuschen, während die Sonne meine Nase kitzelt und der leichte Wind mir das Haar zerzaust. Glück kann so einfach sein. So unmittelbar.
Und unglaublich rasch wieder verpuffen.
Heute nämlich fühle ich mich vollkommen anders. Erschöpft. Überfordert. Hungrig nach mehr, und nichts macht mich satt.
Das Baby krabbelt und rollt permanent kreuz und quer durch die Gegend, möchte alles und jedes sofort erkunden und in die Hände kriegen- und schläft nachts wieder katastrophal. Ich komme kaum nach, alles in die Höhe zu räumen, kann nicht essen mit ihm auf dem Schoss, geschweige denn mit ihm im Kinderstühlchen, wo er nie lange bleiben mag, und der verlorene Schlaf nagt schwer an meinen Kräften. Mir fehlen die Pausen. Und wie. Gleichzeitig sehe ich ab Dienstag eine neue Welle „Schule zuhause“ auf mich zurollen, diesmal nicht in der wunderbar abgespeckten Wohlfühl-Version der ersten Phase, sondern sehr viel dichter und fordernder. Bis zu 4 Lektionen straffes Lernprogramm pro Tag, Video-Gespräche, musischer und turnerischer Unterricht- all sowas steht an, und ich habe schlichtweg keinen blassen Schimmer, wie ich all das in meinen Alltag einbauen soll. Mit Kindern in vier verschiedenen Lernstufen, übernächtigt und mit quengelndem Baby auf dem Arm. Ich bin doch schon so nicht mehr wirklich Herrin der Lage.
Die Schönheit der letzten Tage ist vergessen, ich möchte nur noch schlafen, die Augen verschliessen, meinen Frieden.
Wie schnell sich doch alles ändert.
Wie rasch die Brillengläser ihre Farbe wechseln. Von rosa auf schwarz.
Jetzt, da ich dies schreibe, habe ich einen Becher duftenden Kaffee neben mir und nage an einem Schokohasen-Ohr. Wir waren draussen im Wald (herrlich!) und meine Mama überraschte uns gemeinsam mit meiner Schwester J. mit einem liebevoll hergerichteten, kurz bei uns abgeladenen Oster-Nasch-Gärtchen (wie lieb!). Die Sonne scheint und mein Mann hat ab sofort eine Woche frei. Eigentlich ist alles wunderbar. Und dennoch bleibt ein dunkler Schatten.
Meine Kleine, die gestern Geburtstag hatte, hätte glücklich sein können. Ich fand, ihr grosser Tag verlief ganz zauberhaft und harmonisch, mit viel Zeit fürs Vorlesen und Spielen, fürs Kuchenessen ihrer Lieblingstorte (Erdbeer!), zum Auspacken ihrer Geschenke. Doch irgendwann im Laufe des späteren Nachmittages, als ihr klar wurde, dass es wirklich keine Gäste um ihren Geburtstagstisch geben würde, weinte sie. Und blieb untröstlich.
Ich glaube, das ist es, was mich am meisten bedrückt: dass ich meiner Familie die anderen nicht ersetzen kann. Dass meine Kinder ihre Oma, ihre Tanten, ihren Neffen vermissen, egal wie schön und voll und lebhaft ihr Zuhause auch sein mag. Es fehlt trotzem zu vieles, als dass ich es wett machen könnte, weder mit meiner Gluckenliebe, noch mit gutem Essen oder gespielten Brettspielen. Sie sehnen sich nach den Menschen, die sie lieben, nach der Freiheit, sich in ihren immer weiter werdenden Radien in der Gesellschaft zu bewegen, nach dem Austausch mit der Welt da draussen.
Manchmal liebe ich diese Zeit. Weil sie in einer kleinen, für mich noch recht heilen Welt spielt. In meiner ganz persönlichen Seifenblase, herrlich reduziert auf das, was meinem Herzen am nächsten steht.
Manchmal allerdings kommt mir alles schwer vor. Schwer und schwierig, und ich halte den Atem an, weil ich so viel Unbekanntes auf uns zukommen sehe. Dann fühle ich mich bedroht trotz der Geborgenheit meiner Insel.

Hm… Welchen Titel wohl Woche 5 tragen wird?

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