Archiv der Kategorie: Weltgeschehen

aus meinem Tagebuch: Mitgefühl

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Gestern, genau als ich meinen Dankbarkeitspost mit dem Foto von Kind1 und seiner kleinen Schwester verfasst habe, habe ich vom schrecklichen Unglück im Engadin gehört: Ein Kleinflugzeug mit einem erfahrenen Piloten und drei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren an Bord, die nichts weiter wollten, als knappe 25 Minuten lang die Schönheit der Bündner Berglandschaft zu geniessen, stürzte 10 Minuten nach dem Start ab. Der Pilot und die beiden 14jährigen Jungen sind tot. Das Mädchen überlebte schwer verletzt. Der Flug hätte das Highlight eines wunderbaren Jugendlagers sein sollen, der unvergessliche Augenblick zum Abschluss einer Woche Lernen und Entdecken.
Mich macht dieses Unglück über alle Massen betroffen.
Ich habe selber einen Jungen in diesem Alter. Und ich weiss, wie gerne er bei so einem Lager mit dabei gewesen, wie überglücklich er in diese Maschine gestiegen und abgehoben wäre, hinauf in die Lüfte… Dieses Bild treibt mir Tränen in die Augen, nicht unbedingt (nur) seinetwegen. Aber ich sehe vor meinem inneren Auge, wie andere junge Menschen, Jungen und Mädchen wie er, genau dies getan haben. Und dass es das Letzte war, was sie taten.
Es sind nicht meine Kinder, die gestorben sind, ich weiss. Ich sollte dankbar sein. Und ich bin es auch. Dass mein Sohn lebt, dass alle meine Kinder da sind, bei mir, atmen und streiten und lachen und sich drücken vor dem Zimmeraufräumen.
Dankbar…
Bin ich wirklich dankbar? Nehme ich nicht alles, was ich habe, all die Menschen, die Liebe, die Geborgenheit, die scheinbare Sicherheit, in der ich mich wiegen lasse, viel zu selbstverständlich?

Letzte Woche kam ich gerade noch rechtzeitig ins lila Zimmer, um meine Kleinste davon abzuhalten, an den nur leicht angelehnten Fensterläden zu rütteln- bei geöffnetem Fenster! Sie sass bereits auf dem Fensterbrett (wer weiss wie lange schon). Mir blieb fast das Herz stehen vor Schreck. Doch ich erholte mich beschämend rasch von meinem Entsetzen- und ging zur Tagesordnung über. Abends im Bett dachte ich schon kaum mehr daran. Oder viel zu kurz. An das Glück, dass ich hatte. An dieses riesengrosse Glück, dass ich Tag für Tag hatte bisher in meinem Leben. Nicht nur ich. Wir alle. All meine Lieben. Versammelt. Behütet. Verschont.
Es könnte ganz anders sein.

Das erste Mal, dass mir die Endlichkeit des Lebens so richtig unter die Haut ging, war ich noch ein Kind, vielleicht acht oder neun oder so. Ich erinnere mich, wie ich nachts im Bett lag, die Hand auf meiner Brust, und den Schlag meines Herzens spürte. Es war magisch. Und beängstigend.
Mein Herz, wie es schlug, dieses ununterbrochene Pochen, das mit jedem Schlag mein Leben weiterspann. Mir wurde bewusst, wie abhängig ich war von diesem klopfenden Ding und wie unergründlich die Kräfte sind, die es am Schlagen halten und mich, mein Leben damit existieren lassen.
Und dann wurde ich urplötzlich wahnsinnig traurig. Denn das andere Ende dieses stetigen Pulsierens ist Stille. Das Ende. Der Tod. Ich dachte daran, dass auch mein Herz eines Tages aufhören würde, zu schlagen. Gneau wie das meiner Eltern. Meiner Geschwister. Dass ich irgendwann alles verlieren würde, das mir lieb war. In dieser Nacht weinte ich ganz fürchterlich. Einfach nur, weil das Leben ein Ende hat und wir alle, jeder von uns, sterben wird.

Bin ich tatsächlich dankbar? Dafür dass all die Herzen unter meinem Dach heute schlagen, so stark und unablässig, dass der Tod weit, ja unmöglich erscheint?
Ich weiss es nicht. Im Innersten bestimmt, doch ganz bewusst?
Das Leben ist mein Fundament. Meine Realität. Alles, was ich tue, denke, fühle, bin geschieht auf diesem scheinbar unerschütterlichen Boden, da vergisst man leicht, dankbar zu sein.
Und dann wird er doch erschüttert, dieser Boden, durch das Unglück anderer, und er vibriert für eine Weile mit, in Gedanken an diese fremden Schicksale und an das Unsagbare, das darin vorgeht. “Versuch, nicht daran zu denken, Mama”, sagt Kind1, wenn er merkt, dass solche Nachrichten mich beschäftigen. Wahrscheinlich hat er recht. Meine Gedanken und mein schweres Herz nützen niemandem etwas. Doch es denkt in mir. Ich kann es nicht aufhalten.
Und, nein, in diesen Momenten bin ich wohl nicht dankbar. Nicht ausschliesslich, nicht an erster Stelle, obwohl wir ja sowieso nicht exklusiv denken oder fühlen, sondern meistens in einer ganzen Wolke von Empfindungen und Gedankengängen geballt und verwirrend kombiniert und manchmal ganz schön widersprüchlich.
Nein, wenn ich an den Tod dieser drei Menschen denke und an den Kampf ums Weiterleben, den diese junge Frau jetzt führen muss, an die bodenlose Trauer der Eltern und das Leid der Geschwister -vielleicht gibt es auch eine Ehefrau und Pilotenkinder?- an all die Tränen und die Verzweiflung und an den langen, harten Weg, der ihnen allen noch bevorsteht… dann ist es ganz bestimmt nicht Dankbarkeit, die mich erfüllt.
Sondern Mitgefühl. Der wahnsinnige Wunsch, die Dinge wieder gut werden zu lassen. Das Leid zu stoppen. Helfen zu können. Die Welt in ein Paradies zu verwandeln, wo es keinen Schmerz gibt und keine Tränen und keinen Verlust.
Wir Menschen teilen wohl mehr miteinander als wir denken.

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berührt: an Berlin

“Berührt” heisst für mich;
Einmal pro Woche möchte ich mein Augenmerk auf all die Dinge und Momente richten,
die mich wirklich berühren.
Wo mich etwas  inspiriert, anrührt, wo ich fühle, spüre, zum Denken komme.
Wo sich etwas bewegt, innen im Verborgenen oder ganz greifbar und sichtbar vor meinen Augen.
Mal voller Freude, mal nachdenklich oder sentimental, mal montags, mal sonnabends, wortreich oder stumm…
So wie es im Augenblick gerade richtig scheint.
(Und wer immer mitmachen möchte, ist ganz herzlich eingeladen.)

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Dieser irritierend unausgewogene Adventskranz voller Glitterlametta, Engelchen und farblich nicht zusammenpassenden kleinen Baumanhängerchen ist an einem friedlichen Nachmittag in unserer Küche entstanden. Unter den Händen meiner Mama und nach Regie meiner drei Mädchen. Er hat ein paar alte Lichterkettenlämpchen mit drin und kann sogar leuchten (ein bisschen). Draussen vor der Haustüre hängt er. Und grüsst einem, wenn man heimkommt. Unbekümmert und sorglos.
Und genau das wünsche ich heute den Menschen in Berlin. In Deutschland. Und überall sonst auf der Welt. Dass Unbekümmertheit, Lebensfreude, Sorgenlosigkeit eines Tages wieder zurückkehren können. Es ist so dunkel geworden überall.
(Ich weiss von ein paar ganz lieben Leserinnen aus Berlin und hoffe von ganzem Herzen, es geht euch gut da draussen! In Gedanken bin ich bei euch…)

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dankbar. jetzt

DSC_5202Zuflucht

DSC_5207Heimkehrenkönnen

DSC_5222 Kindheitstage

DSC_5227-001Neuanfänge

DSC_5181nicht allein

DSC_5219von Herzen

DSC_5218Vorwärtskommen

DSC_5186Lichtblau

DSC_5179Bleibendürfen

Die letzten Tage hatten alle etwas Schweres, Dunkles unter ihrer sonnigen Haut. Ich hatte keine Ahnung von Brüssel, aber irgendwie ging mir so vieles durch den Kopf, so vieles nur halbgedacht im Herzen herum…
Die Welt scheint aus den Angeln zu brechen.
Und doch dreht sich meine eigene, kleine Welt weiter. Langsam. Beständig. Aber nicht unverwundbar.
Während mein Körper sich sehr, sehr langsam von den vergangenen Tagen der Krankheit erholt -langsam und schwer, obschon es nur eine Grippe war, banal und harmlos, eine Heileweltkrankheit- fühle ich nebst diesem nicht ganz greifbaren Drückenden, Düsteren vor allem eines: Dankbarkeit. Demütige, ohnmächtige, mich selbst zurückstufende, stille Dankbarkeit, die alles in mir und um mich herum an seinen Platz schiebt, zurück ins rechte Licht.
Aber vielleicht ist Dankbarkeit ja auch das falsche Worte. Wertschätzung trifft es wohl eher. Weil ich urplötzlich wieder sehe, wie viele Reichtümer sich hier um mich herum versammeln, an einem schlichten, friedlichen Dienstag mitten in meiner verschonten Alltagswoche…

Heute abend zünde ich mir eine Kerze an.
In all meinem Lebens-Segen möchte ich nicht vergessen, dass es Menschen gibt, deren eigenes Leben gerade heute in Schutt und Asche liegt…

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Aus meinem Tagebuch: Funken

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Diesen Winter passieren sonderbare Dinge. Mit mir.
Ich gehöre zu jenen Menschen, die sich fernhalten von Tagesschau, Zeitung und den Nachrichten am Radio, die sofort das Thema zu wechseln versuchen, sobald jemand anfängt, diese richtig schlimmen, berdrückenden, hilflos machenden Geschichten aus der Welt zu erzählen, die einem betreffen, selbst wenn sie einem nicht wirklich betreffen.
Geschichten von Hass und Gewalt und Schlechtigkeit und Verzweiflung, Geschichten von unaussprechlichem Leid kann ich einfach nicht ertragen. Vor allem nicht die wahren, die ganz in echt irgendwo da draussen jemanden zustossen. Jemandem, der auch ich sein könnte, oder du, oder das Baby, das gerade eben seelig in meinen Armen liegt und seine kleine Brust sanft hebt und senkt im Babynachtschlaf.
Diese Seite der Welt, diese Seite des Lebens, diese dunkle, macht mir Angst.
Also stelle ich das Radio aus zu jeder vollen Stunde, mache einen Bogen um Zeitungen und schreierisch geschrieben Heftlis und bin einmal mehr froh, dass wir seit ewig schon keinen Fernseher haben.
Doch irgendwie sickert es ja immer durch, wenn die Dinge wirklich schlimm stehen. Nachrichten von weltbewegendem Ausmass lassen sich einfach nicht behindern.
Und vielleicht ist das sogar gut so.

Als die Angriffe begannen, hier in Europa und zuerst im nahen Osten, wo die Hölle Tag für Tag greifbar wird für Tausende von Menschen, da brachte das irgendetwas in Bewegung in mir. Erschütterung. Unbewegt kann man nicht bleiben. Und trotzdem geht das Leben weiter, und das Wissen tut weh, ohne dass es zu helfen vermag oder die Dinge verändert.

Anfangs versuchte ich ganz bewusst, mir vor Augen zu halten, wie vieles es gibt in meinem Leben, was so, in dieser guten, heilen Art, alles andere als selbstverständlich ist. Ein Gegenpol zur Düsternis. Hoffnungsfunken in all den Schatten. Ich versuchte, das Gute zu erkennen, das Helle und Frohe, das, wenn ich die Augen öffne dafür, mehr Platz einnimmt in meinem Leben, als ich mir selber oftmals eingestehen will, weil ich sofort das Haar sehe, das in der Suppe schwimmt.
Gutes, Helles und Frohes, wie… Das Grün auf meinem Teller. Das Öl in meinen Heizungskesseln. Der dicke Kinderkuss auf meiner Backe. Herr Kirschkernzeit mit seiner Engelsgeduld für all meine Kümmernisse und Wehwehchen. Dieser eine, kleine, weisse Zahnspitz im Unterkiefer meines Babys. Schule und Freizeit, Bücherborde, die sich biegen und die stillen, heimlichen Nachtstunden, die ich für mich sein kann, strickend, lesend, den Atem meiner beiden Jüngsten im Ohr.
Alles wie immer. Normal. Alltag. Und doch …

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Das mit dem Dankbarsein ist so eine Sache. Manchmal fällt es mir unsagbar schwer, zu schwer. Ich weiss, was ich habe, ich sehe es, reisse die Augen weit auf, suche Worte dafür und bisweilen finde ich sie sogar. Doch ich fühle sie nicht.
Dass auch das in Ordung ist, das rein theoretische, abstrakte, bewusste Dankbar-Denken, hat mich dieser Winter gelehrt. Denn Dankbarkeit beginnt im Kopf, ja, und -wie alles, wirklich alles im Leben- braucht sie manchmal nur Zeit, Zeit und möglicherweise einfach ein klein wenig Übung, bis sie runter findet ins Herz, hinein in den Bauch, wo sie mich gestern erreicht hat, gestern (oder war es schon vorgestern? Vor einer Woche? Irgendwo vor Weihnachten?), als ich dasass in meinem noch vollkommen unfertigen lila Zimmer, dem neuen, und hinsah zu meinem Strickzeug.
Rot und weich und beinahe zu Ende gebracht lag es da, mitten im Dunkeln, in einem kleinen Kreis aus warmem Nachttischlampenlicht. Zuflucht.

Dieses Bild traf mich wie eine Erkenntnis, aber mehr in Herznähe, im Bauch schon vielmehr: Wie geborgen ich mich fühle, hier in meinem Daheim, geborgen in meiner Familie, gestützt von meinem Mann, meiner Mutter, eingebetten in eine wunderbare Dorfgemeinschaft und dem Wissen, dass ich so frei bin wie nur wenige Menschen auf dieser Welt. Meine Zeit gehört ganz mir. Und dass ich sie herschenken darf, für meine Kinder, jede einzelne, kostbare Sekunde davon, fühlt sich urplötzlich ebenso frei an, wie es ist, im Grunde. Rot und weich und gut. Lebendig. Genau so empfinde ich es zur Zeit, mein kleines, einfaches Leben, das Daheimsein, diesen Winter.

Es ist schon sonderbar. Die bösen Geschichten von Hass, Vertreibung, Kampf und Bedrohung, die immer näher zu kommen scheinen und die Welt umwälzen, zumindest in meinem Kopf… sie machen mir Angst, ja. Sie füllen mein Herz mit Trauer und Mitgefühl und zeitweise mit echten, zuschnürenden Schreckensvisionen, weil ich instinktiv weiss, wie rasch das Blatt sich wenden kann, für jeden. Gleichzeitig aber -und damit hätte ich niemals gerechnet- öffnen genau diese Geschichten mir das Herz und machen es weit und weich und bereit. Um dankbar zu sein, von Kopf bis Herz bis Bauch, ehrlich und tief. Für all jene Dinge, die mein Kopf mir längst zeigen will; für Geborgenheit und Liebe, für Sicherheit und Glauben, für die Menschen, für meine Menschen und für die Menschheit, für Wärme, Nahrung, Kraft und Licht… ihr wisst schon, was ich meine.
Zu wissen, dass man einen dieser kleinen, global betrachtet absolut winzigkleinen Glücksfunken leben darf, ist eine Sache. Es auch wirklich zu fühlen, eine andere.

Dieser Winter hat viel Merkwürdiges und Verstörendes an sich, Menschen und Ideologien, die beängstigende Schatten werfen- und doch habe ich mich noch nie so daheim, so dankbar, geborgen, gefestigt und begleitet gefühlt wie jetzt, in diesen Wochen.
Vielleicht muss ich mich öfters dem Schatten stellen, um meine Sinne zu schärfen für das Licht, das irgendwo darin brennt…

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