Archiv der Kategorie: Weltgeschehen

Woche 3: Akzeptieren, was ist

Diese Woche war vorbei, kaum hatte der Montag begonnen.
So jedenfalls fühlte es sich an.
Sonntags bleibt dank dem Gottesdienst, den wir via Zoom ganz gemütlich noch halb im Pijama vom Sofa aus miterleben dürfen, immerhin ein Hauch von Wochenstruktur erhalten. Sonntag ist anders. Speziell. Da gibt es, im Gegensatz zu allen anderen Tagen der Woche, nach wie vor einen Termin, ein „Date“ sozusagen: Wir „treffen“ uns mit Menschen ausserhalb unseres Clans, und sei es auch nur virtuell. Ein Blick auf die kleinen Bildschirm-Fensterchen, in denen bekannte Gesichter vor fremden Hintergründen erscheinen, singen vor dem aufgeklappten Laptop, Herrenmahl aus altem Sonntagszopf und einem Schluck Kochwein (gruusig!), die Predigt hören, während ich das Baby ausser Sichtweite stille und die Kinder zeichnen- und nach der „Versammlung“ das eine oder andere „Hallo, wie geht’s euch?“ per Mikrophon quer durch die Schweiz schicken. So sieht der Gottesdient aus für uns. Zu Coronazeiten.
Ich liebe ihn so. Genau so. Verbindlich, aber entspannt. Losgelöst von der Hektik und dem immensen Druck, den ich normalerweise mit unserem sonntäglichen Freikirch-Besuch in Verbindung bringe.
Die anderen Tage sind uniform. Einer gleicht dem anderen. Fast bist aufs Haar. Und nun, da offiziell Ferien sind, fällt auch unsere Unterrichts-Einheit am Vormittag weg, was mir einerseits sehr gelegen kommt, weil ein Zeit-Korsett sich nur schwer schliessen lässt mit quengeligem Zappelbaby auf dem Arm, was mich andererseits aber auch verunsichert. All die Muttis, die ich beim Spazierengehen so antreffe -ganz zufällig, ich schwör’s- berichteten jeweils von ausgiebigen Extra-Schullektionen, die sie ihren Sprösslingen nun angedeihen lassen. Denn „das was die Schule so verlangt, das ist doch viel zu wenig!“.
Ist es das? Tatsächlich? Ich weiss nicht recht… Mir scheint es genug zu sein. Und so hurtig und lerngierig wie all die anderen Kinder -laut ihren Mamas- ihre Schularbeiten erledigen,  sind meine auch nicht. Hier wird schon gearbeitet. Häkchen reiht sich an Häkchen. Aber langsam. In gemächlichem Tempo und ohne grossen Druck von meiner Seite her. Zusatzaufgaben? Damit Hänschen endlich besser wird im Einmaleins? Das Französisch noch einen weiteren Schliff erhält? Die Schönschrift geübt wird?
Hab ich aufgegeben.
Nicht, weil ich es nicht gut finde, wenn alles sitzt. Doch ich möchte den Haussegen nicht opfern. Nicht als Preis für meinen mütterlichen Ehrgeiz.
Gut ist gut genug für mich. Pflichtbewusst darf gerne sein, das schätze ich sehr, aber ich möchte nicht mit der Peitsche daneben stehen und meine Lieben antreiben müssen, sich im Kampf um das beste, klügste, am tollsten geförderte Schulkind möglichst auf Spitzenplätzen zu beweisen.
So lassen wir es entspannt angehen. Und belassen es dabei.
Herausgekommen sind diese Woche trotzdem ein paar sehr schöne Dinge. Zum Beispiel hat meine Grosse (10 Jahre) angefangen, ein wenig zu stricken in ihrer vielen Freizeit. Einen winzigen, gelben Schal für ihren Plüschpinguin. Sie macht das nicht schlecht. Ganz so einfach ist es ja nicht, wenn man zum ersten Mal Nadeln und Faden in den Händen hat und Maschen dabei herauskommen sollen. Vor allem aber sieht es so aus, als würde sie es ganz gerne machen. Und das ist mir das Wichtigste. Handarbeiten hat seinen Stachel verloren, finde ich. Niemand muss mehr stricken oder häkeln oder nähen. Aber jeder darf. Solange es Freude macht.
Ziemlich glücklich bin ich auch mit der Entwicklung, die momentan gerade in meiner Küche vor sich geht: Hier wird nämlich gekocht. Und das nicht immer von mir. Nachdem ich mehr als einmal vollkommen erschöpft und entnervt vom Hantieren zwischen Herd und Babykind zum Essen auf meinen Stuhl gesunken bin und kaum essen konnte mit meinem Zappelkind auf dem Schoss, kam mir die Idee, das Kochen vermehrt auf andere, weitaus weniger eingespannte Familienmitglieder zu verteilen. Delegieren, nennt man das, richtig? Eine feine Sache, dieses Delegieren, wirklich.
Jetzt ist Kind2 zweimal die Woche für unser Mittagessen verantwortlich. Kind1, der ja wochentags am PC für seine Informatik-Bude im Home-Office arbeiten muss, kocht plangemäss einmal am Wochenende, mein grosses Mädchen einmal unter der Woche. Und wenn ich Glück hab‘, zaubert der Herr Kirschkernzeit auch noch das eine oder andere für uns auf den Tisch.
Herrlich!
Ich helfe, wo ich gebraucht werde, plane mit, zeige meine Hausfrauentricks und -Kniffe und überschütte meine jungen Chefs de Cuisine überschwänglich mit Lob. Ach ja; und ich schneide bereitwillig Zwiebeln. Den zarten Äuglein der frischen Jugend scheinen Zwiebeln schlecht zu bekommen, hihi.
Das Wochen-Mittags-Menu dieser Woche war übrigens Folgendes: Ebly-Pfanne mit gebratenem Gemüse, Pilzen und Mozarella. Hackfleischbällchen mit Kartoffelstock, Bratensauce, Möhren und grünem Wirz. Pizza diversico. Hawai-Krapfen mit gemischtem Salat. Pommes mit Chicken Nuggets und Röstgemüse. Chili con Carne mit Fladenbrot. Fehlt noch die Sonntags-Küche. Was es geben wird? Keine Ahnung. Das überlasse ich meinem Liebsten.
Ansonsten… geschieht hier nichts. Und doch so viel. Mein Baby lernt robben. Er kullert und robbt quer durchs Zimmer, wo nichts mehr sicher ist vor ihm.
Mein Kindergartenkind übt derweil ein bisschen schreiben und lesen. Aber nur rudimentärst. Sie möchte auch dazu gehören, das spüre ich momentan ganz stark. Ihren Platz ein bisschen neu definieren und verankern in der Familie. Vom Kleinkind zum grossen Mädchen, schätze ich, denn gerade nimmt sie den Spagat von 4 zu 5, und ich finde diesen Altersschritt doch recht gewichtig, vor allem mit der ganzen Kindergartengeschichte im Hintergrund. Jetzt, wo der Stubentisch so oft zum Klassenzimmer wird, bedeutet dazugehören für sie wohl auch; mitlernen, mitschreiben, mitrechnen, mitzeichnen.
Aber ich pushe sie nicht. Ich lasse ihr ihr Tempo und versuche, dem Ganzen eine lockere, spielerische Note zu verleihen. Und wenn sie keine Lust auf Buchstaben hat, kommt das Zeichenheft an die Reihe. Keines ist besser als das andere.
Am 11. April wird sie 5, meine Kleine. Immer wieder fragt sie nach ihrem Geburtstag und lässt ihre grosse Schwester ihre heissesten Geburtstags-Wünsche in ein frisch gebundenes Notizbuch notieren. Sie freut sich. Freut sich wie wild. Ob ihr wirklich klar ist, dass dieses Jahr keine Oma oder Tanten, auch keine kleinen Gäste an ihrem Festtags-Tisch sitzen werden, ist mir noch nicht ganz klar, aber ich bin entschlossen, ihr diesen grossen Tag trotz allem so schön und freudvoll zu gestalten, wie ich nur kann.
Im Vorfeld bedeutet das für mich vor allem; stricken. Ihre allerliebste Waldorfpuppe Lilly soll ein paar neue, mama-gemachte Wollsachen zum Anziehen bekommen. Bonnet, Zwergenmütze, Jäckchen und Rock. Vielleicht noch eine Hose oder Unterwäsche?
Leider ist das Bonnet, das ich aus einer wunderschönen, pflaumefarbenen Reste-Wolle gestrickt habe, viel zu winzig ausgefallen. Lilly wird Mühe haben, ihr Köpfchen überhaupt damit zu bedecken, doch vielleicht passt es ja Lieblingspuppe Nr.2, der kleinen, süssen Lotta? Hm…
Das zweite Mützchen, eine ebenfalls sehr kleine, sehr rote Zwergenhaube, kommt von der Grösse her schon besser hin. Aber auch nicht wirklich perfekt. Unten am Hals schlottert es ein wenig, was ich doch gern anders hätte, aber nundenn: nennen wir es eben ein Zwergen-Bonnet. Der richtige Name rettet so manches Malheur, oder? Und Bonnets dürfen schlottern soviel sie wollen.
Beim Puppenjäckchen stecke ich noch in der Tüftel-Phase. Ich möchte es vorne knöpfen können, ansonsten aber ganz schlicht halten. In DK-Stärke oder so. Dank ein paar Babyjäckchen-Strickanleitungen kommt es mir allerdings gar nicht mal so schwierig vor, mir meine eigene Anleitung zusammenzureimen, und ich tarne meine leisen Zweifel mit Zwangsoptimismus, denn schliesslich drängt die Zeit, für zögerliches Hin-und Her ist der Moment schlicht ungünstig.
Ob es noch zu Röckchen, Wäsche oder Hose kommt, bleibt vorerst ein noch zu lüftendes Geheimnis. Sagen wir, ich hoffe es. Doch wenn nicht, ist es auch in Ordnung. Nehmen wir die Dinge, wie sie kommen. Ich denke, das ist der Leitspruch der Stunde.

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Woche 1

Ich dachte zuerst, ich müsste den Kindern je ein I-Pad mit Knobelaufgaben oder „Malen nach Zahlen“ vor die Nase setzen, um ein paar einigermassen ruhige Minuten für mich zu gewinnen, während das Baby so gnädig schläft. Aber wie es scheint, spielen sie gerade recht friedlich mit ihren Puppen, was hoffentlich (!) eine Viertelstunde hinhalten wird.
Wir haben neu I-Pads im Haus. Herr Kirschkernzeit hat sie aus seinem Informatik-Geschäft mitgebracht, das momentan ohnehin leer steht, weil sie alle, von Betreuern bis Lehrlingen, auf Homeoffice umgestellt haben. I-Pads für alle also. Vom Kindergartenkind bis zum Sekundarschüler. Kind1 arbeitet ohnehin auch in der Informatikbranche (Azubi-Status bzw. noch im Praktium) und hat sich rundum digital verkabelt in seinem Zimmer. Auch er macht Home-Office. Und ich nun also Homeschooling. Was auch der Grund ist für die vielen elektronischen Geräte, die so, in diesem Umfang sonst niemals den Weg in mein Haus gefunden hätten (wobei; sag niemals nie).


Die ersten 4 Tage Homeschooling waren hektisch, anstrengend, aber fruchttragend. Mein Mann und ich haben uns alle Mühe gegeben, soviel Struktur und Rhythmus in unser Familienleben zu bringen, wie nur irgend möglich. Ganze Tagespläne haben wir erstellt, durchgetaktet vom Wecken der Kinder (9:00) über die Schul-Lektionen (10:00 bis 11:00) bis hin zu Essenszeiten, Nachmittags-Lektionen, Abendprogramm (19:30 bis ca 20:30). Und dazwischen versuche ich, all das zu erledigen, was es zu erledigen gibt. Oder die Kinder dazu zu bringen, das zu tun, was zu ihren Jobs gehört.
Ich komme mir vor, als wäre ich Vollzeit-Managerin von allem und jedem, und manchmal fühlt es sich recht eng an in meiner Brust, denn irgendwie kommt das Karussell gar nie zum Stillstand. Abends bringe ich es nicht mehr über mich, mich nochmals aus dem Dämmerschlaf neben meinen endlich (!) schlummernden drei Kleinsten hochzuhieven, sondern tappe -das Baby im Arm- bloss noch rüber in mein eigenes lila Zimmer und rolle mich zusammen für ein paar Stunden unterbrochenen Schlafes. Der Kleinste schläft recht unruhig dieser Tage und erwacht zwischen 5:15 und 6:30 wimmernd und sich windend. Ich habe keine Ahnung, woran das liegen könnte. Er zappelt immer, nuckelt wie wild an seinem Schnuller, verweigert aber die Brust. Kaum fällt er wieder in den Schlaf, schreckt er auch schon wieder auf. Meistens bleibt mir nichts anderes übrig, als mit ihm aufzustehen und runter in den unteren Stock zu pilgern, weil ich auf keinen Fall möchte, dass die Mädchen vorzeitig aufgeweckt werden und dann den ganzen Tag über grantig und empfindlich sind. Im Augenblick kann ich einfach nicht noch mehr Drama ertragen.
Was fehlt: Zeit. Ruhe. Musse.
Ich habe letzte Woche buchtsäblich lauthals jubilierend die 7. Staffel „Father Brown“ aus einem Amazon-Couvert gezogen und mir fest vorgenommen, mir meine Lieblings-Serie wohl dosiert zu Gemüte zu fügen und jede Episode in vollen Zügen zu geniessen, anstatt sie gierig zu verschlingen. Klasse statt Masse. Oder so. Nun, das mit dem Dosieren fällt mir zur Zeit alles andere als schwer: meistens komme ich abends ohnehin nicht mehr dazu, mir irgendwas anderes zu gönnen als Schlaf. Mit dem Gutenacht-Geschichtchen meiner Kinder endet der Tag für mich. („Bobo Siebenschläfer“ oder eine der Lindgren-Erzählungen. Soviel Kultur muss sein.)
Mit dem blauen Merino-Seide-Yak-Pulli für mein Kindergartenmädchen bin ich beinahe fertig. Es fehlen nur noch das letzte Armbündchen und das Vernähen aller Fäden. Das klingt zwar toll, nur; soweit bin ich schon seit gut einer Woche. Ich zweifle ernsthaft daran, dass ich und mein Pullover das Wettrennen gegen den immer wunderbarer werdenden Frühling noch gewinnen werden.
Ein Herbst-Pulli soll es wohl sein. Für die Zeit nach Corona.


Noch ein Wort zum Homeschooling. Ich muss das jetzt vielleicht noch kurz relativieren. Wir machen eigentlich ja nicht echtes Homeschooling, mehr so eine Art Home-Learning. Repetition bereits gelernter Unterrichtseinheiten. Denn neuen Stoff vermitteln dürfen wie nicht. Das erledigen nach wie vor die Lehrer unserer Kinder, die Wochentags mehr oder weniger alleine in ihren Schulzimmern sitzen und ganze Wochenpläne für uns ausarbeiten. Darin sind sie wirklich grandios, man muss ihnen direkt ein Kränzchen winden. Wie vielen anderen Menschen auch, die sich derzeit einsetzen wie wild, um anderen das Leben ein wenig zu erleichtern, zu bewahren, zu retten, was zu retten ist. Meine Ehrfurcht vor dem Personal in den von Covid-19 betroffenen Spitälern und Spital-Abteilungen ist immens; so lange, so hart und hektisch zu schuften, ohne sehen zu können, dass die eigene Arbeit wirklich etwas bewirkt- das ist schwer. Zuschauen, miterleben zu müssen, wie kranke Menschen elend und unter Schmerzen und Angst sterben- das ist grausam. Dann noch irgendein blödes Video aus dem Netz mit Verschwörungstheorien oder verharmlosenden Statements irgendwelcher Typen aus weiss-der-Kuckuck-welchen-„Heil“-Branchen, und man könnte echt verzweifeln.
Ehrlich.
Ich bin doch ziemlich konsterniert, wenn ich am Telefon von meiner 85jährigen Oma hören muss, dass sie es ganz natürlich findet, noch rasch in den Coop zum Einkaufen zu gehen („Man kann ja doch nicht immer bloss drinnen sitzen“). Oder wenn wie die weit über 90 Jahre alte Dame aus der Nachbarschaft, nichts dabei findet, dass ihre ebenfalls nicht mehr ganz junge Tochter ihr die Haare machen kommt, der eine pensionierte Sohn bei ihr zum Kaffee trinken einkehrt, während der nächste gleich noch zum Mittagessen bleibt. Ich meine; Echt jetzt?
Derweil bleiben wir seit Tagen brav zuhause, legen uns ins Zeug, um Job und Familie und den ganzen Schulkram einigermassen mit Würde unter einen Hut zu bringen und streiten gnadenlos mit einem Teenager, der nur schwer einsehen kann, warum die Sache mit dem gestrichenen Ausgang und der restriktiven Handhabung jeglicher sozialer Kontakte auch bei ihm nicht Halt macht.
Dabei gehören wir ja alle nicht -bis überhaupt rein ganz und gar nicht- zur Risiko-Gruppe.
Aber wir sind nette Leute. Brave Bürger. Wir nehmen das ernst.
Ich will nicht, dass Menschen sterben müssen, nur weil ich alle Warnungen in den Wind geschlagen habe.
Und die Warnungen sind dringlich. Unüberhör- unübersehbar.


Manchmal überwältigt mich die Düsterkeit dieser Zeit. Corona ist dunkel und bedrückend. Aber auch mit Lichtblicken gespickt. Wie die Leute um Punkt 12:30 in landesweiten Applaus ausbrechen für all jene, die helfen, pflegen, retten. Das wilde Musizieren in Italien von Balkonen, Terassen, Fenstern. Gemeinsam. Schulter an Schulter. Das klingt so schön. Und tut so gut.
Ich wünsche mir und euch, dass jeder seine Nischen findet, um Gutes zu tun- und Gutes zu empfangen. Sich selber zu umsorgen ist nicht unwichtig. Im Gegenteil. Wer sich selbst verhungern lässt, kriegt niemanden mehr satt. Das sage ich, die ich so langsam aber sicher wieder in meine alten Jeans passe, ungewollt zu grossen Teilen, aber das Essen fällt mir gerade recht schwer, wegen dem Baby vor allem, das immer weint und quengelt, wenn ich mich an den Tisch setzen will. Überhaupt weint und quengelt er oft. Heute ganz besonders schlimm. Ich glaube, er hat, bevor er eingeschlafen ist, fast eine Stunde lang in meinen Armen geweint, richtige Tränchen sind ihm aus den Augenwinkeln gerollt und das klang so traurig, dass ich ein bisschen mitweinen musste…

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Verrückt

Verrückt! Ich meine… was gerade geschieht. Mit uns. Um uns herum. Was abläuft und wie und vor allem- wie schnell. Seit gestern nachmittag die Bombe geplatzt ist, mitten in meinen Alltag, in mein relatives Unvorbereitetsein, und mich, ja, ich gebe es zu, in meiner ganzen Naivität erwischte, fühle ich mich merkwürdig schief und zittrig. Es ist so eine Art Mini-Schock. Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass meine kleine Welt derart überrumpelt werden könnte von einem Virus, der offensichtlich die Macht hat, ganze Weltlandschaften ins Chaos stürzen. Beim Wort Corona-Virus kamen bisher mehr so Assoziationen wie „weit weg“, „aufgebauscht“, Medienrummel“ und „Massenhysterie“ in mir hoch. Ich war ziemlich sicher, das Ganze wäre nach kurzem, wenn auch heftigem Intermezzo überstanden oder -noch besser- dieser Kelch würde an uns vorübergehen.
Ich war blauäugig und dumm.
Obwohl ich ansonsten eher zu den sorgenvollen Menschen gehöre, die leicht in Panik geraten,  bin ich überrumpelt von der Plötzlichkeit der Dramatik. Das hat sicher auch mit der politischen Taktik der Schweizer Regierung zu tun; die Pressekonferenzen des BAG, die ich mitbekommen habe, waren immer recht… cool. Ich hatte den Eindruck, die Regierung wollte vor allem eins: Ruhe bewahren. Das Thema entschärfen, vielleicht sogar ein bisschen herunter spielen (als das Virus in Italien ankam, fand man das zB. -scheinbar- wenig alarmierend für die Schweiz), die Leute beruhigen. Aber im Hintergrund wurde an Notfallplänen, an Wenn’s und Aber’s gearbeitet, auf Hochtouren gedacht, geplant, vorbereitet.
Eigentlich finde ich das richtig so. Keep calm and carry on.
Aber manches verstehe ich auch nicht. Ich wäre schon froh gewesen um ein bisschen mehr konkrete Vorwarnung zum Beispiel bezüglich des nun definitiven Schulausfalls. Das kam wie eine Bombe
. Auf leisen Sohlen aber mit Rieseneffekt. Knall, Peng. Heute wäre ich der Schweizer Regierung vor allem dankbar um konkretere Angaben, wie genau sie sich das Sozialleben vorstellt in den nächsten Wochen. Sollen die Kinder sich überhaupt noch ab und zu zum Spielen treffen? Darf ich meine Mama noch zum Tee einladen? Was ist noch möglich? Was ein No-Go?
Fragen über Fragen.
Die Antworten sickern langsam und müssen zuerst lange und gründlich durchdacht, hin- und hergewälzt werden. Alles verändert sich. Entwickelt sich. In alle möglichen Richtungen. Abwarten. Geduld haben. Vorbereitet sein.


Auf der anderen Seite fühle ich mich sicher. Und bin wahnsinnig dankbar für dieses Gefühl. Ich habe gesunde Kinder, einen Mann und einen Sohn, die beide von zuhause aus arbeiten können, jetzt in dieser angespannten Situation. Ich habe ein Daheim. Das keiner verlassen muss, wenn er nicht möchte. Ich habe Türen zum Schliessen, Essen, um meine Liebsten satt zu machen, Decken und Kleidung, damit keiner frieren muss, Platz und Liebe zum Verschwenden.
Und wir sind gesund. Das muss ich mir wieder und wieder sagen. Wir sind gesund. Bis auf das Baby, das noch mehr hustet und schnieft und noch immer schlecht schläft, doch Dienstag sehe ich sowieso den Kinderarzt für die Halbjahreskontrolle, und wie gesagt; wir sind gesund. Das können nicht alle von sich sagen, also sollte ich wertschätzend mit diesen Worten umgehen.
Ich sass vor dem Haus, als ich die Neuigkeiten hörte. Meine Tochter kam von der Schule nach Hause und rief schon von weitem: „Vielleicht fällt ab Montag die Schule ganz aus! Sie beraten jetzt darüber im Bundesrat oder wie das heisst. Meine Lehrerin hat das gesagt, sowas hat sie noch nie erlebt…“ Es sprudelte und sprudelte und ich hörte zu mit offenem Mund. Mein allererster Impuls war (ihr dürft ruhig lachen): Ich muss unbedingt einkaufen gehen. *lach* Ausgerechnet! Am Tag zuvor hatte ich im Familien-Chat noch mit Scherzchen über hamsternde Kunden um mich geworfen, und jetzt…? Das mit dem Glashaus und den Steinen sollte ich mir definitiv zu Herzen nehmen.

Gerade räumen wir ein bisschen zuhause auf. Wir richten uns ein, könnte man sagen, ziehen die Decke enger um uns und machen es uns behaglich. Ich kann einen gewissen Kuschelfaktor nicht leugnen im Moment.


Wie meistens, wenn es drunter und drüber geht in meinem Leben, greife ich mir Wolle als Strohhalm. Gerade jetzt dieses wunderbare Altrosa, ein natürlich gefärbtes, achtsam hergestelltes DK-Garn von Woollentwine. Ich musste es einfach anstricken, kaum hielt ich es in den Händen. Und es ist soft, sage ich euch! Soft und leicht wie eine Feder! Ich wünsche mir einen Pullover daraus, einen Federleichtpullover, der wärmt ohne zu erdrücken. Einen sanften Woll-Knuddel sozusagen. Aber weniger in Rosa. Mehr in… Tannengrün vielleicht? Oder in Schokolade? Beides käme mir sehr, sehr gelegen, denn Tannen und Schokolade trösten auch und vermitteln mir ein Gefühl von Geborgenheit und „alles wird gut“.
Weil ich aber noch nicht ganz soweit bin -und Woollentwines Färbertöpfe auch noch nicht, sie ist erst dabei, wieder aufzustocken- habe ich mich anderweitig ein bisschen getröstet. Und selber gefärbt. Wolle gefärbt. Das habe ich noch nie gemacht, jedenfalls nicht im grossen Topf und mit siedendem Wasser und all dem. Doch es hat prima geklappt, richtig hexenhaft kam ich mir vor zwischendurch, wie ich so mit meinem Holzstecken in der dunklen Brühe gerührt und den braunen Blubberblasen beim Aufsteigen zugesehen habe… Drei Babysachen kamen ins eine Bad, ins andere eines meiner älteren Strickprojekte, die helllila „Shalom-„Cardigan, die ich vor 8 Jahren für meinen Kugelbauch gestrickt, nach der Geburt meines Pausbackenkindes aber immer seltener getragen habe. Warum? Ich weiss nicht genau… wegen der Farbe vielleicht? Ich fühle mich nicht pastell. Ich fühle mich erdig und gedeckt und ein bisschen verwunschen. Und mein Körper hat sich verändert. Mein Becken ist breiter, meine ganze Gestalt -bis auf die Hände- irgendwie stämmiger, habe ich den Eindruck.

Heute trage ich meine ehemals zartlila Weste also warm braun und mehrheitlich locker geöffnet über luftigen Kleidern. Ich mag es so, mag sie so, meine gute alte Shalom in ihrem zweiten Leben.
Shalom. Frieden. Auch ein gutes Stichwort. Gerade jetzt.

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in der Vergangenheit

Ich wollte zuerst „gewöhnlich“ über diesen Post schreiben. Und auch davon berichten. Dass nichts geschieht. Im Moment. Alles ist so normal und langweilig wie eh und je. Aber gleichzeitig stimmt es nicht, das mit dem „gewöhnlich“, denn irgendwie geschieht gerade auch sehr viel, einfach innerlich, nicht aussen.
In den letzten Tagen war ich immer ein wenig… abwesend. Mental und emotional. Nicht so recht bei der Sache und auch öfters am Handy als sonst, als normalerweise, wo ich nicht wirklich oft darauf herumtippse, sondern versuche, den Fokus auf das zu legen, was vor mir liegt und wirklich wichtig ist im Augenblick, also auf die Kinder hauptsächlich und auf so ordinäre Dinge wie eine Mahlzeit, die gekocht werden will und ein Bett das noch rasch in allerletzter Minute vor dem Schlafengehen bezogen werden sollte, während die Bettwäsche noch immer draussen in der Dämmerung flattert (oh ja, es wird früher dunkel, ich sehe es und ja, ich fange allerlei an und vergesse es dann).
Ich kenne solche Phasen. Seifenblasentage. Sie haben keinen offensichtlichen Grund, nur Auslöser. Ich verschwinde ein wenig in mir selbst. Denke nach und werde still dabei, versunken in einer sonderbaren Welt, die sich in sich selbst einigelt, ohne einsam zu sein dabei. Meistens begleitet mich ein Grundgefühl von träger Sinnlichkeit, entrückt, sensitiv und beobachtend und empfänglich für alles, was emotional stärker schwingt. Und fast immer muss ich über irgendwas sinnieren. Übers Landleben. Über das Muttersein. Über den Mut historischer Figuren, anders zu sein, ihr Leben gegen alle Konventionen nach ihrem Herzen zu leben. Über fremde, mir schier unvorstellbare Möglichkeiten, zu leben und zu werden und der Realität völlig neue Wendungen zu geben.

Im Augenblick ist es gerade der englische Bürgerkrieg der 1640er Jahre, der mich regelrecht fesselt. Ich bin wie besessen, lese alles dazu, was ich finden kann, Internetseiten hauptsächlich, deshalb auch meine exzessivere Handynutzung. Die Ideen dieser Zeit, unglaublich grosse und bahnbrechende, ja irrsinnige Ideen für diese Phase der Geschichte, bewegen mich, auch wenn Themen wie persönliche Freiheit, Rechtsschutz und Gleichheit vor dem Gesetz und den Menschen für mich ja heutzutage selbstverständlich sind und mich nicht mehr gross in Begeisterung versetzen können.
Aber wenn ich mir vorstelle, was damals in England vorgegangen sein muss… bekomme ich Gänsehaut. Dieses radikale Umkrempeln in den Köpfen und Tagen der Menschen, für die ein König Gott sein konnte, abgekoppelt von Gut und Böse, das eigene Leben winzig und vergänglich wie ein Regenbogen. Plötzliche Möglichkeiten in buchstäblich alle Richtungen. Und keiner weiss, wann der Wind umschlägt, wer das Rennen macht,  ob bald die ganze Welt in Flammen steht. Ich möchte nicht tauschen, auf keinen Fall, aber der Tumult dieser Revolution vor der eigentlichen Revolution (die in Frankreich, meine ich), fasziniert mich zutiefst. So wie die 68er Bewegung es tut. Woodstock. Die Studentenbewegung. Der Exodus in die „Neue Welt“.

Der Film „The Devil’s Whore“, in dem es gar nicht um Huren geht und an sich auch nicht um den Teufel, obwohl er darin vorkommt, hat genau dieses Gewichtige, dieses Alles-oder-Nichts beeindruckend in Bilder und Lebens-Geschichten gefasst und dem Thema „English Civil War“ für mich ein Gesicht gegeben. Er ist extrem blutrünstig, dieser Film, keine Frage, wirklich zu grausam und anschaulich für eine Frau wie mich… aber das Gefühl stimmt. Und fliesst. Macht Hunger nach mehr. Wissensdurst.
Historische Filme wie dieser sind zwar eigentlich too much für mich. Aber nicht ganz unmöglich.
Wenn, dann schaue ich sie mir übrigens folgendermassen an: Ich klicke mich zuerst in grossen Steppstich-Schritten voran, springe sofort weiter, wenn es zu viel wird für mich. Bis ich in etwa weiss, ob ich es wagen kann, genauer hinzuschauen und ob es sich überhaupt lohnt. Manchmal lasse ich es ganz sein. Manchmal sehe ich mir auch bewusst das Ende zuerst an, nur um vorgewarnt zu sein. (Ich brauche zumindest einen Hauch von Happy End! „The Devil’s Whore“ hat keines.). Manchmal habe ich aber auch Feuer gefangen und muss es unbedingt wissen. Dann spuhle ich den Film behutsam voran, in kleineren Schritten und versuche, mir zu merken, wo es schlimm wird oder unheimlich oder Bilder kommen, die ich gar nicht sehen will. Vielleicht habe ich jetzt bereits genug Informationen bekommen und mein gefilterter Einblick reicht aus. Vielleicht aber auch nicht. Dann setze ich mich nochmals hin und sehe mir den Film richtig an, überspringe aber dabei aber all meine persönlichen Delete-Szenen und hoffe, nichts Gravierendes dabei zu verpassen. Wenn ich Pech habe, klappt das allerdings nur mässig und ich rätsle nachher wie wild an nun doch irgendwie schleierhaften Windungen herum oder an Anspielungen auf Momente oder Dialoge, die ich ausgelassen habe. Es kommt tatsächlich vor, dass ich mir den Film deswegen nochmals anschaue (Himmel, ja ehrlich! Auch ich finde das krass) oder dass ich wie vergiftet in Rezensionen oder Summaries nach den Auflösungen suche (ich kann sehr verbissen sein).
Bei „The Devils‘ Whore“ kam ich echt ins Rotieren; zu viele Kriegs- und Kampf- und Hinrichtungsszenen, bei denen ich mit geschlossenen Augen und den Händen auf den Ohren dasass, hinterliessen schlussendlich mehr Fragen als Antworten, und da mir das englische Fach-Vokabular zu geschichtlich-politischen Dingen nahezu völlig fehlt, bekam ich zuerst wirklich nur einen Bruchteil der Handlungen mit, obwohl ich mich bereits ein wenig eingelesen hatte ins Thema und nun auch in etwa wusste, was ein „Leveller“ war oder ein „Roundhead“ oder so. Aber egal; Noch mehr Nachlesen, Schmökern, Nachdenken, Vergleichen, die Lücken füllen.
Ich brauche das gerade.
In fremde Zeiten entschlüpfen.
Manchmal bin ich recht extrem.

Ich glaube, es ist die Aufbruchstimmung an sich, die mich anzieht in all dem. Leidenschaften, hehre Ziele und der Mut zur Tat. Zu wissen, dass Unmengen an Menschen die Geschichte dieser Welt, meiner Welt, zu dem gemacht haben, was sie heute ist, manche unwissentlich, rein durch ihr kleines, scheinbar bedeutungsloses Leben, andere mit voller Hingabe einer Idee verpflichtet, die sie für das Beste hielten, was uns allen geschehen konnte. Ich meine… alles, was heute ist, was wir haben oder sind, hat seine ureigene, lange, lange, lange Geschichte. Und für jede Freiheit, jede Wahrheit, jeden Neu-Anfang wurden Opfer gebracht. Opfer verlangt auch, was ich nicht verherrlichen möchte, denn Krieg ist immer schrecklich, und Revolution nichts anderes als Krieg, eine Macht, die das unterste zuoberst kehrt und Veränderungen erzwingt, für die niemals alle bereit sind. Und doch folgen alle nach. Oder gehen unter. „Was sich nicht beugt, wird brechen.“
Das stimmt mich nachdenklich.
Aber auch dankbar in gewisser Weise. Dankbar für alle jene Menschen, die für mehr Gerechtigkeit, für die Befreiung und den Schutz der Schwachen gekämpft haben, für das Gute (nur was ist es, das Gute?) Gerade für mich als Frau wäre das Leben ein vollkommen anderes, ein engeres und leidvolleres, würde ich die Uhr zurückdrehen bis ins Jahr 1642… Und doch; wieviel Blut geflossen ist, selbst für jeden „guten“ Sieg, kann man sich wohl kaum vorstellen. Und will es auch nicht. „So many blood for so little.“

Die Fotos oben sind übrigens absolut nicht verlinkt mit diesem Text hier. Wie denn auch? Es gibt keine Bilder zu den drehenden Rädchen in meinem Kopf oder zu der Seifenblase, die mich gerade umgibt. Aber es sind Einblicke in das Leben, das ausserhalb von alldem weiterläuft, rings um mich herum, die Kinderspiele, die welkenden Blumen und das Licht der Sonne, das nachmittags warm ist und abends so schnell blass und blau. Langsam tröpfle ich zurück. In meinen Alltag. Seifenblasentage sind nicht dafür gemacht, lange zu bleiben. Sie bewegen sich ständig entlang ihrer Hülle, fliessen an sich selbst hinunter, werden dünn und dünner, bis sie zerplatzen.
Und alles wieder so ist.
Wie immer.

 

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