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Ausschnitte

Wir haben ein wunderbares Wochenende damit verbracht, Pizzeria-Pizza zu essen, Mascarpone-Cheescake zu backen, Dinge zu verschieben und ein paar kleine Ecken in diesem Haus für uns neu und gemütlich herzurichten. Im hellblauen Zimmer meiner Grossen, in dem sie weder schläft noch Hausaufgaben macht, sich aber ab und zu zurückzieht, wenn sie ganz alleine sein möchte und ein wenig Ruhe braucht, wurde der Staub von den Kanten geblasen, ein stabileres Bett einquartiert und die Lese-Nische unterm Dach kuschelig aufgepolstert. Schön. So still. Friedlich. Hier könnte es mir auch gefallen.

Das antike Schwarzweissbild, das ich ihr zum 10.Geburtstag Ende Juli geschenkt habe, durfte endlich auch an die Wand. Irgendwann im Frühling muss es gewesen sein, als ich es beim Trödler zwischen lauter halb zerfallenen Rahmen entdeckt, und für n’Apfel und n‘ Ei mit nach Hause gebrachte habe. Dass es ihr genauso gut gefällt wie mir, macht mich richtig froh. Aber ich habe nicht wirklich daran gezweifelt. Ich kenn‘ doch mein Mädchen…

Als ich neulich schrieb, ich würde mir etwas Neues, etwas Besonderes wünschen für mein nächstes Strickprojekt, hätte ich wohl kaum mit dem gerechnet, was ich momentan ganz frisch auf meinen Nadeln habe: Nochmals Socken. In Grösse 39. Für mich also. Und hey; sie sind braun. Von Aufregung und Innovation kann also nicht die Rede sein. Aber das muss es auch nicht. Das Garn macht die Musik: herrlisch flauschiges, wunderschön gefärbtes Sockengarn von der Spinnwebstube, mit Merino und Yak und nur einem Bruchteil Nylon, weil ich Naturfasern zwar über alles liebe, mich aber ganz bestimmt nicht in ein paar selbstgemachte Socken vergucke, die dann ratzfatz im Alltagsgefecht durchgescheuert und zerlöchert werden. Ich habe lange überlegt, wie genau ich meine Socken stricken möchte. Ich habe sogar richtig geplant, skizziert, Maschen ausgerechnet und eine erste Socke im Perlmuster begonnen- schliesslich aber alles wieder aufgelassen und beschlossen, diesmal -zum ersten Mal- mehrfarbig zu arbeiten. Braun mit andersfarbeneer Ferse und Spitze und einem kleinen Zierrand gleich nach dem Bündchen. Heute sind weitere Sockenwoll-Strangen hier eingetrudelt. In Goldgelb, Baumgrün, Holz und Asche. Schönheit über Schönheit.

Es gab Brownies heute. Gebacken nach original amerikanischem Rezept. Fudgy und süss und klebrig. Auch wenn ich beim nächsten Mal wahrscheinlich die Zuckermenge um 50-100 gr. reduzieren werde: genau so müssen Brownies sein. Und meine Kleinste und ich hatten unheimlich viel Spass beim Kochsendung-Gucken und Rezepte-Vergleichen auf Youtube… (Dasselbe Rezept findet ihr übrigens auch hier, einfach im Schnelldurchlauf und musikalisch ganz nett untermalt. Und falls jemand sich über eine Übersetzung ins Deutsche freuen würde, hier auf Kirschkernzeit, dann meldet euch ungeniert! So was lässt sich nämlich gut machen, wisst ihr…) Eine süsse Kostprobe unseres nachmittäglichen Backvergnügens wanderte übrigens direkt zu meiner alten Nachbarin. Zum Kaffee. Damit sie auch ein wenig amerikanische Küchenluft schnuppern kann. Die Mädchen freuen sich immer wahnsinnig darauf, bei ihr mit einem Teller homemade Goodies klingeln zu dürfen; sie bekommen nämlich jedes Mal einen Schoko-Riegel, eine süsse Hüppe oder einen Keks zugesteckt…

Dieses Strickmagazin kam neulich bei mir an. Ebenfalls in englisch. Weil ich diese Sprache einfach wahnsinnig gerne mag. Und weil ich Strickmuster liebe und niemals nie genug davon kriegen kann. Allerdings wird diese Ausgabe von „Pompom“ wahrscheinlich zugleich meine Erste und Letzte sein, denn ich bin ein wenig enttäuscht vom Umfang dieses Heftes, obwohl die Bilder fantastisch aussehen und man merkt, dass viel Aufwand um die einzelnen Inhalte betrieben wurde. Aber ausser ein paar zugegeben äusserst hübschen, eher aufwändigen Strickdesigns beinhaltet es… so gut wie gar nichts. Eine reine Strickmustersammlung. Und das bin ich irgendwie nicht gewohnt. „Taproot“ und „Making“ haben mich wohl ein bisschen verwöhnt, denn die wiederum sind für mich Seelen-Nahrung pur.

Das kleine Strampelkind in meinem Bauch erfährt nicht unbedingt viel pränatale Aufmerksamkeit. Meist bin ich einfach nur dankbar, wenn sich mein Bauch und das ganze Thema nicht gross bemerkbar machen und mir genug Energie bleibt, um meinen Alltag einigermassen souverän zu stemmen. Ich finde das Leben ziemlich anspruchsvoll gerade und alles, was sich quer stellt, bringt das Fass zum Überlaufen. Aus Mäusen werden Elefanten, kein Wunder geht das Baby ständig vergessen in all dem Durcheinander.
Diese Woche aber hatte ich phasenweise derart starke Vorwehen, dass ich meine Augen nicht länger davor verschliessen kann: Der Countdown läuft. Die Zeit verrinnt nicht länger, sie strömt bereits ziemlich kraftvoll davon und bringt den Geburtstermin dieses Kindes näher und näher. Und ja, vielleicht kommt es auch früher als erwartet, obwohl das sehr untypisch wäre für mich, aber mit Vorwehen hatte ich bisher ja auch noch nie zu tun, auf keinen Fall mit jenen dieser Art… Nun, das Köfferchen ist jetzt jedenfalls gepackt. Oder vielmehr die Spital-Tasche. (Ich nehme diese hier mit.) Meine Schwester bringt mir ihren Maxicosy für die erste Fahrt im Auto und das, was ich überhaupt noch übrig habe an Säuglingskleidung, ist vom Speicher geholt, gewaschen und einsatzbereit. Keine Ahnung, wann es tatsächlich soweit ist. Es kann im Grunde noch Wochen dauern. Aber es ist ein gutes Gefühl, vorbereitet zu sein.

Jeden Morgen wird mir aufs neue klar; der Sommer liegt im Sterben. Der Hochnebel drückt nach unten, hüllt Häuser und Bäume, den Himmel, den Horizont, alles Leben, alles Sein grau in grau. „Trostlos“ ist das Wort, das mir in den Sinn kommt. Und weil wir alle irgendwie ein bisschen bedrückt und nur zögernd und wehmütig unser warmes Heim verlassen und ich mich völlig unfähig anstelle, die Kinder für die Schule, für ihren Alltag generell zu motiviere, kommt dieses Wort buchstäblich aus tiefster Seele. Trost-los. Da hängt so viel Schwermut in der Luft.

Gestern Abend nach dem Abendbrot ging ich nochmals kurz in den Garten. Abende sind die späten Morgen zu dieser Jahreszeit. Das Bild und die nebelfeuchte Luft sind dieselben. Der letzte Sturm hat zwei unserer Riesen-Sonnenblumen gestürzt und die restlichen haben so schwer an ihren Köpfen zu tragen, dass sie teilweise knicken. Ein trauriges Bild. Und doch so voller Schönheit. Diese tapferen, prallen Sonnen im kalten, milchigen Herbstdunst. Ich stand eine Weile vor dem welkenden Beet. Dann musste ich schreiben. Es gibt Anblicke, die füllen mein Herz mit Worten:

Leise aber vehement und unüberseh-, schlicht nicht länger ignorierbar schleicht sich der Herbst ein. Die wonnigen Freiheitsgefühle des Sommers bekommen einen dünnen Trauerrand. Welke Blätter kräuseln sich, noch halb versteckt zwar. Sie wissen sich zu tarnen, aber ich weiss, dass sie da sind.
Bereit bin ich nicht.
Das bin ich nie.
Doch mein Widerstand bildet Risse angesichts der wilden Schönheit einer üppig gereiften Natur. Ich muss nicht bereit sein, den Sommer ziehen zu lassen.
Ich muss nur annehmen, was ist. Akzeptanz ist eine Kunst, die das Stundenglas der Zeit mich lehrt.

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mein Eden

Der frühe Morgen ist längst vorbei, es geht gegen Vormittag und die Sonne lacht mir vom Himmel entgegen. Es ist so warm, dass man an Mittsommer denkt und die heissen, trockenen Tage wecken Erinnerungen an vergangenen Sommer, einen Sommer, der die Wüste in die Schweiz brachte, ein beinahe landesweites Feuerverbot und Wasserknappheit rundherum, aber auch herrliche Zeiten der Freiheit unter blauem Himmel, plantschend und lümmelnd faul und einfach nur herrlich, herrlich, herrlich
Genau so habe ich mich auch gestern gefühlt.
Und vorgestern.
Befreit.
Wieder mit weiter Lunge atmend.
Belebt, erfrischt durch eine ungefilterte, kräftig-optimistische Natur, die nichts weiter will als wachsen, gedeihen, grösser, weiter, unbändiger werden, neue Wurzeln setzen und alle Äste strecken. Was ich tief in mir drin nachfühlen kann und irgendwie, ganz ohne es zu wollen, sofort imitiere. Der Sommer macht mich kräftiger. Es ist die ganz unmittelbare Sinnlichkeit, diese geballte Ladung an Licht, Wärme, der eindringliche Wechsel an Empfindungen, die an einem einzigen warmen Sommertag im Freien (in Freiheit!) auf mich einströmen und gefühlt werden wollen: Sonnenglut, Hitze auf meiner Haut, der erste Schock an Kälte, wenn ich ins kühle Wasser steige (ein Kinderplantschbecken reicht mir ja schon aus im Moment), das Kribbeln, während alle Feuchtigkeit von der Sonne aufgesogen wird, Kontraste, süsse, kalte Eiscreme, geeister Kräutertee aus Minze und Zitronenverbene, das Platschen meiner Füsse auf den brennenden Steinplatten der Gartenwege, kitzelndes Gras auf meinen Fusssohlen, das Lachen der Menschen, der Frieden äsender Tiere, die Stille eines frühen Morgens, wo die Wiesen feucht sind und frisch, die Luft aber von Minute zu Minute mehr von der kommenden Mittagshitze spricht. Die Hitze lässt keinen Platz für grosse Gedanken, Sorgen verpuffen sofort. Alles was möglich ist, ist zu fühlen, das Aufnehmen dessen, was der Moment an mich heranträgt, ganz unmittelbar, mit hellwachen Sinnen.
Ich öffne mich wie eine Blüte.
Und alles ist gut.
Vollkommen für den Moment.

Augenblicke wie dieser, ich in der Hängematte unter einem blühenden Holunder, der dann und wann seinen süssen, betörend heimeligen Duft zu mir hinüberweht, leise schaukelnd, die Hände auf dem prallen Bauch, in dem es strampelt und lebt und rundherum das blanke Glück der Menschen- und Tierwesen, summende Bienen auf Thymian, pelzige Gesellen vor dem Stall, Kinder, die mit Gejauchze und Geplatsche ins Wasserbädli springen… Zeit die stillstehen sollte. In meinem Kopf bilden sich Visionen. Zukunftsträume werden wieder wach, Träume vom Hof, von Färbe- und Heilpflanzen in einem üppigen Garten, von Ziegen und Schafen und handgesponnener Wolle und wie ich mit meinen Töchtern und meiner Mutter an einem sonnigen Nachmittag Garne färbe oder Kursgästen selbstgemachten Eistee und Beerenmuffins serviere. Ein bisschen glaube ich fast, dass sie wahr werden können, diese Träume, aber nur ein bisschen. Und das ist mir genug. Was ich bin und habe, scheint gross genug zu sein in diesem Moment. Gross genug, um mich auszufüllen mit Freude, Dankbarkeit, Zuversicht.
Wunschlos.
Oder so gut wie.
Sonderbar wie viel die Magie des Sommers auszurichten vermag. Sie wischt alle Dunkelheit fort. Alles Hadern und Klammern. Löst Starrheit und Sturheit und lässt die Dinge neu fliessen.

Bei Instagram habe ich geschrieben:
„Hundstage Anfang Juni. Und ich liebe sie! Ich finde kaum Worte, um zu beschreiben, wie glücklich mich die Sonne, die Pflanzen, dieser wunderbare, kleine, unvollkommene Garten, die Insekten- und Tierwelt gerade machen… Das alles ist meine Medizin. Nach all den harten Monaten voller Übelkeit und Hadern mit mir, den Umständen und meinem überforderten Körper, nährt mich nun der Frühling, der erste Hauch von Sommer, und dieses Heilmittel ist hochpotent, ich spüre es mit jeder Faser meines Seins.
Vielleicht werde ich heute doch noch einen kleinen Blogpost schreiben… Die Worte kommen immer. Irgendwie. Ich muss bloss den ersten Buchstaben setzen…“

Und genauso ist es auch. Die Worte kommen. Ich muss sie nicht rufen, sie rufen mich und ich gebe ihnen Raum, weil ich sonst berste vor überfliessender Liebe, der Liebe zu meinen Pflanzen, den Bäumen und Büschen und Blumen in meinem Garten, die ich jeden Morgen aufs Neue mit hüpfendem Herzen begrüsse, so als wären es Freunde, die mich in ihrem?… meinem?… unserem Reich willkommen heissen. Mein Garten bildet die Oase, in der ich Zuflucht finde. Vor allem Übel dieser Welt. Wo ich heil werde und satt. Mein kleiner Garten Eden.
Eden.
Ein wunderschöner Name…

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Zur Zeit…

… ist es fürchterlich grau und oftmals auch mitten am Tag so dunkel, dass ich auf die Uhr schauen muss, um mich zu vergewissern, dass nicht bereits der Abend anbricht. Es ist intensiv dezemberlich, dezemberlich in dem Sinne, dass das Licht tatsächlich an allen Ecken und Enden fehlt und die Natur sich -sogar ganz ohne Frost und Schneedecke- still und regungslos zum Winterschlaf niedergelassen hat. Alles ist langsam. Nichts wuselt oder hetzt oder spriesst oder wächst oder schlägt sonstwie Kapriolen.
Gerade habe ich eine Lampe auf meinen kleinen, alten Schreibtisch im lila Zimmer gestellt und ein langes Kabel gezogen, damit ihr Licht auch brennen kann (im mittleren Stock gibt es nur wenige Steckdosen). Jetzt schreibe ich in ihrem wunderbar warmen Schein und finde das wahnsinnig behaglich…

Zur Zeit … lese ich auch wieder. Ein neu erschienenes Buch, das mir meine Schwester A. zum Abschluss ihres „Book-and-Food 2018“- Geburtstagsgeschenkes vom letzten Jahr gegeben hat; jeden Monat habe ich heuer jeweils ein Buch und zum Beispiel selbst gebackene Kekse oder Pralinen oder Tee oder einmal sogar einen hausgemachten Dreikönigskuchen von ihr gekriegt, meist passend zum Thema und immer total delikat. Es war ein absolut grossartiges Geschenk, Bücher und Essen, auf das ich mich jeden Monat vorfreuen konnte- und sie gleich mit, denn die meisten Bücher habe ich ihr dann ausgelesen wieder zurück gegeben, damit sie sich auch noch durchlesen konnte *zwinker* Das Besondere an dieser Art von Geschenk ist ja auch, dass man mindestens einmal im Monat irgendwie in Kontakt kommt. Vielleicht via Paketpost, vielleicht persönlich oder über einen Zwischenkontakt, der Buch und Co. überbringt, so oder so schafft es eine wunderbare Verbindung und gibt erst noch Gesprächsstoff, weil man sich nachher ausführlich über Rezepte oder die (gemeinsame) Lektüre austauschen kann. Man muss auch gar nicht unbedingt neue Bücher wählen: meine Schwester hat mir zwischendurch auch Bücher eingepackt, die sie gratis in der Bücherkiste ihres Hausblockes fand. Oder einfach ein Buch, auf das sie selbst schon schrecklich neugierig war und es unbedingt haben musste. Manchmal wurde dazu gebacken und gekocht, dann wieder war die Zeit einfach zu knapp und es kam ein süsses Mitbringsel aus ihrem Kurzurlaub dazu…
Bei diesem letzten Buch hier, „Die Reise der Amy Snow“, bin ich erst ganz am Anfang, aber der Schreibstil ist wirklich schön, so elegant und überlegt und zurückhaltend und fast gar nicht kitschig, was mich sehr freut. Die perfekte Winterabend-Lektüre zwischen Strickzeug und Tee und einer Extraschicht Bettdecken. Ich freue mich drauf!
Auch wenn es schade ist, dass mein „Jahres-Abo“ damit bereits wieder vorbei ist… *snif*

Zur Zeit… ringe ich Tag für Tag aufs Neue mit mir und meiner Trägheit und gebe mein Bestes, mich wenigstens für ein halbes Stündchen an die Nähmaschine zu setzen: Seit Ewigkeiten hängen hier nämlich keine Gardinen an den Badezimmerfenstern. Sondern bloss mit Wäscheklammern angepinnte bunte Seidentücher, die es einem unmöglich machen, die Fenster zu öffnen, ohne sie gleichzeitig zu enthüllen.
Das. muss. sich. endlich. ändern.
Ende letzter Woche habe ich darum Stoff bestellt. Double Gauze. Damit Licht durchkommt, aber kein Blick rein, selbst nachts nicht, wenn innen drin Licht brennt und draussen vor dem Fenster die Autos mit Scheinwerferstrahl an uns vorüberfahren. Diesen Print hier, „En Garden“ von „Nano Iro“ finde ich traumhaft romantisch, und sein Cremeweiss harmoniert fantastisch mit den eierschalefarbenen Plättchen im Bad *schmacht*. Einen Vorhang hab ich jetzt immerhin. Mein Tagessoll für heute ist getan.

Zur Zeit… könnte ich permanent essen. Suppe am liebsten, ganz dick, mit Hafer und Lauch und Spinat und Zwiebeln und Grünzeug aller Art drin. Oder Plätzchen. Die gehen immer, zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Ganz so bunt und glitzersüss wie auf dem Foto werden diejenigen, die ich mit den Kindern mache, bzw machen will, aber nicht. Ich bin weniger der Streuseltyp, mehr so ein… Plätzchen-Purist, würde ich sagen. Aber trotzdem war es wunderbar, wie meine Mama neulich hier die Küche in die reinste Weihnachtsbäckerei verwandelte und mit meinen drei Mädchen Stunde um Stunde Teig knetend und Guetzli verzierend in Erinnerungsgold verwandelte.
Omas sind so wertvoll. Unbezahlbar.
Darum sind auch diese bunten Mailänderli -die allerersten Weihnachtskekse der Saison- in meinen Augen einfach unschlagbar gut und schön geworden. Nicht nur das Auge isst mit. Das Herz tut es auch.

Zur Zeit… fühle ich mich richtig wohl in dieser ruhigen, unaufgeregten Blase, in der wir uns befinden. Wir haben das Weihnachtswichteln einmal mehr ausfallen lassen. Planen nichts, müssen nichts, kennen keine Hektik (ausser morgens, wenn alle zur Schule sollen und keiner es will und alles aus dem Takt gerät). Es kommt mir völlig richtig vor so. Rund und natürlich. Irgendwie scheinen alle gerade vor allem eines zu brauchen: Gelassenheit. Pausen. Geborgenheit. Und ich spüre, dass sich genau diese Dinge momentan recht fliessend und ganz von selbst einfinden, solange ich selber mehr als nur einen Gang zurück schalte und mich nicht unter Druck setze mit einem kreativen Projekte-Rausch oder dem unsinnigen Gedanken, unser Haus und unseren Alltag unbedingt „weihnachtlich“ gestalten zu müssen.
Mir ist es weihnachtlich genug: Die Bienenwachskerze auf unserem Küchentisch brennt praktisch ununterbrochen. Jeden Tag hänge ich einen Strohstern mehr an das feine Leinenband über dem Buffet (ein Kalender von meiner Freundin Susi aus dem Dorf). Wir essen Weihnachtsguetzli (ich sollte mich wohl dringendst um Nachschub kümmern, das Kind auf dem Foto isst übrigens auch gerade so einen rosa Keks) und winterliche Dinge wie Datteln, Mandarinen, Haferkern-Suppe und Rosenkohl. Es wird viel gelesen. Hörspiele werden gehört, ab und zu ein Spiel gespielt (noch immer zu selten, ich gebe es zu), und die Kinder spielen oder zeichnen oder machen Hausaufgaben, während ich wieder ein Zimmer aufräume. Es klingt alles sehr idyllisch. Und obwohl wir ganz ehrlich meistens alles andere sind als eine idyllische, ruhige, gesittete Familie, stimmt es für einmal sogar: im Augenblick scheint die Idylle wirklich zum Greifen nah, sogar bereit den einen oder anderen Moment zu verweilen…

 

 

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Ende Oktober

Ende Oktober ist es von einem Tag auf den anderen richtig bitterkalt geworden. Die Meerschweinchen kriegten eine Wolldecke. Handschuhe mussten raus. Und Wollmützen. Das finde ich jeweils eigentlich ganz schön, denn ich begrüsse all die wollenen Schätze wie gute, alte Freunde und verstaue sie im Frühling nur deshalb wieder gerne, weil der Frühlings dann bereits seinen Zauber über mich gelegt hat und meine Sinne mit Blattgrün und überbordendem Lebenshunger benebelt.
Jetzt, Ende Oktober ist es ganz anders. Ich verspüre zwar auch diesen Hunger… Hunger nach Leben, aber anders. Mehr so… wattiert. Am liebsten würde ich all diese grauen Tage verschlafen und erst spätnachts wieder aufwachen und in irgendwelchen kristallhell erleuchteten Ballsälen Champagner trinken und Walzer tanzen, dass die Rockvolants flattern. Ihr seht; ich schaue mir gerade zu viele Historienfilme an. Neben „Call the Midwife“ bin ich nun auch „Versailles“  hoffnungslos verfallen (ich sehe beides auf Netflix), wobei ich klar sagen muss, dass das eine sich nicht mit dem anderen vergleichen lässt: „Call the Midwife“ ist schön und schlicht und würdevoll, während „Verseilles“ alles mögliche ist, nur nicht schön und schlicht und würdevoll. Aber ich mag auch Prunk und Protz und konnte schönen Königen und Männern mit Bart und Musketier-Gewand noch nie widerstehen. Dass die Filmleute es bei „Versailles“ ganz gerne und gerne gewaltig übertreiben mit den Dingen, mit denen man bekanntlich alles besonders gut verkauft, kann ich verkraften; ich weiss ja mittlerweile, wie man vorspult. Egal ob Schlachtfeld-Blutbad oder allzu anschauliche Schlafzimmer-Szenen.
Bei „Versailles“ gefallen mir vor allem die Charaktere. Wie sie sich ständig wandeln. Und immer tiefer durchleuchtet werden. Besonders beim Königsbruder Philippe d’Orléons merke ich, wie sehr einem eine Figur ans Herz wachsen kann, wenn man sie nur lange genug in ihrer Geschichte begleitet, um die Feinheiten und Weichheiten ihres Wesens zu erkennen. Ich mag vielschichtige Menschen. Und wahrscheinlich ist jeder Mensch vielschichtig. Man muss nur die Zeit und das Interesse haben, ihn zu entblättern. Das ist im Film genauso wie im wahren Leben, nicht wahr?

Aber nun ja. Winterschlaf ist natürlich unmöglich.
Walzer-Nächte ebenso.
Stattdessen kämpfe ich weiter mit meiner Masse an Besitz, verschenke mit warmen Händen und immer leichterem Herzen. Gerade heute ist mir aufgefallen, wie viel bewusster ich im Augenblick lebe. Das klingt jetzt nach Erleuchtung und Yoga und all sowas, aber ich meine das ganz banal: Ich denke einfach sehr viel weniger zurück, an Vergangenes und Verflossenes. Und auch nicht mehr so oft nach vorne. Ich bin nicht mehr so zerfressen wie früher. Mein Bauernhaus-Traum zum Beispiel. Es ist still geworden um ihn. Still in mir selbst. Gerade ist mir alles genug. Was ich habe. Was ich tue. Was ich bin. Vielleicht sind meine Gedanken einfach zu müde für Wolkenschlösser und Sentimentalitäten. Vielleicht habe ich resigniert, aber wenn, dann tut es nicht weh im Moment, es fühlt sich vielmehr ruhig an und weich und bequem. Ein bisschen wie ein stilles, braunes Blumenbeet, das bereit ist für den Winter und nur darauf wartet, dass sich eine weisse Decke darüber legt.

Ich trinke wieder mehr Tee. Nach einer Phase intensiver Kaffee-Tage bin ich wieder zur Vernunft gekommen und kümmere mich besser um meinen Körper. Die Zeit der frischen Gartenkräuter ist zwar leider vorbei (frischer Tee schmeckt so viel besser!), aber mein Vorrat an Zitronenverbene, Brennessel und Pfefferminze lässt sich durchaus sehen und wird diesen Winter wohl keinen Mangel aufkommen lassen. Heute duftet Minze in meiner Tasse, Minze, Brennessel, Rosmarin und Salbei und ein klein wenig Kamille, eine schwere Mischung, die ich mir gestern zusammen gestellt habe, um ein wenig Kraft zu tanken, meinem Magen etwas Gutes zu tun, meinen Geist zu klären und zu stärken.
Ich lasse vieles fallen im Moment. Allein mein Handy ist mir diese Woche schon zwei Mal runter gefallen, Gottlob unbeschadet, aber das sollte natürlich nicht sein. Wahrscheinlich schlafe ich auch einfach viel zu wenig. Aber wie gesagt; tagsüber verfalle ich in dumpfe Trägheit. Abends erwacht der Tiger in mir. Dass der Morgen trotzdem genauso früh anbricht wie immer, entfällt mir jeden Abend aufs Neue.

Manchmal habe ich urplötzlich Lust darauf, mich an meine Nähmaschine zu setzen und… einfach bloss drauflos zu nähen. Das ist eher ungewöhnlich für mich, aber ich denke, es ist eine Art Sehnsucht nach raschen Resultaten und grösstmöglicher Ausbeute in minimalem Zeitrahmen. Der kleine Table-Runner, der mehr eine Art textile Tisch-Oase ist, entstand in so einer Anwandlung unwiderstehlicher Nählust. In meinem Flick-Korb lag schon lange ein hoffnungslos zerschlissenes Patchwork-Kissen (das hier) und obwohl mir klar war, dass Reparieren sinnlos war, konnte ich mich einfach nicht davon trennen. Musste ich auch nicht. Wenn sich etwas nicht retten lässt, dann braucht es vielleicht einfach ein zweites Leben. Oder ein drittes. Mit Stoff und Quilting und einem halben Morgen fröhlich ratternd verbrachter Zeit, wurde eine Patchwork-Insel daraus, wo all jene Dinge des Tisches ihren Platz finden, die entweder immer irgendwie da stehen bleiben (also Wasserkaraffe, Teekrug, Trinkgläser und Blumen oder Blätter oder Steine oder Wetter-Wichtel) oder nur mal eben rasch einmal beiseite geschoben werden müssen, weil Brotteig geknetet werden will oder die Zeit eben doch nicht mehr reicht für ein paar Zeilen ins Notizbuch. Es ist schön, dass dieses Kissen nicht wirklich gehen musste. Sondern in Form dieses Mini-Tisch-Quilts bleiben durfte. Manche Dinge gewinnt mein einfach zu lieb, um sie so mir nichts dir nichts loszuwerden… Und ich spüre immer mehr, dass ich mich eigentlich nur noch mit genau solchen Dingen umgeben möchte; mit Dingen, Momenten, Gedanken… die man nicht mehr gehen lassen will.

 

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