Archiv der Kategorie: Stricken

„Zilver“- in Blau

Nach der Gluthitze der letzten Sommerwochen hat der Himmel nun Gnade mit uns; von 34 Grad auf 16 Grad, und es fühlt sich an wie Herbst. Ich bin dankbar für diese kühle Welle. Und für den Regen. Für das Wasser, das unsere leeren Flüsse, Bäche und Seen speist. Es ist ein einziges Aufatmen, das spüre ich. Aber gleichzeitig ahne ich auch, dass der Herbst in diesem Jahr schwierig werden könnte für mich; ich habe mich so gewöhnt an Sonne, Licht und Draussensein unter einem freien, himmelblauen Himmel, dass es sich anfühlt wie eingesperrt zu werden, jetzt, wo es regnet, feiner Dunst den Morgen verdüstert und es scheint, als wäre die Natur über Nacht unwirtlich und abweisend geworden…

Vielleicht wird dieses Tuch mir ein wenig helfen, den Wechsel zur kühleren Jahreszeit mit sanfteren Gefühlen und, ja, vielleicht sogar mit ein wenig Freude anzunehmen… Weil ich Wolle liebe und Tücher und Gestricktes und dieses Garn hier, dieses Muster, dieses Tuch ganz besonders. Dabei ist es im Grunde nicht mein Tuch; Ich habe es für meine 9jährige Tochter gestrickt und bete, dass sie es genauso gerne tragen wird, wie ich es tun würde, tun werde, wenn sie mich lässt. So ab und zu.
„Asia“ von Lang Yarns gehört zu meinen allerliebsten Garnen. Es ist streichelsoft und so seidig wie flauschig und fühlt sich wunderbar an auf der Haut. Auch die einzelnen Stiche werden schön abgezeichnet, obwohl ich denke, dass es für besonders zarte Muster wohl bessere Alternativen gäbe, denn mit der Zeit wird das Gewebe doch irgendwie fluffiger und das Maschenbild wirkt verwaschener, was ich sehr liebe, aber nicht bei hochdetaillierten, zeitaufwändigen Strickstücken. Für das Schaltuch „Zilver“ von Lisa Mutch aber ist es gerade richtig. Dieses Tuch strickt sich einfach, das Muster bleibt simpel und gut zu bewältigen, selbst wenn man (wie ich) beim Stricken Hercule Poirot dabei zusieht, wie er gerade wieder einen seiner kniffligen Fälle löst.


Ich habe hier, ganz genau wie bei meinem ersten „Zilver“-Tuch –damals vor 2 Jahren in Bordeaux-Rot– mit einer Rundstricknadel Nr.4 gearbeitet und bin, ganz im Gegensatz zu damals, sehr zufrieden mit der Nadelstärke; das Tuch fällt weich und besitzt genau die richtige Dichte, um das Muster zur Geltung zu bringen, ohne zu locker oder zu satt auszufallen. Von den ehemals 2 Knäueln Garn habe ich allerdings auf fast ganze 4 Knäuel gewechselt, weil ich es grösser und üppiger wollte diesmal. Zuerst hatte ich einen breiten Kraus rechten Borten–Abschluss ins Auge gefasst, doch zu guter Letzt ging es mir wie immer, und das Garn war früher aufgebraucht als geplant…
Ich denke, es ist gut so, wie es ist. Gross aber nicht zu gross. Passend auch für schmalere Mädchen-Schultern.

Ich weiss nicht… als ich so mit Schal-Drapierungen spielte für die Fotos oben unterm Dachboden, während die Kinder draussen für 5 Minuten halbwegs friedlich spielten, fand ich es eigentlich ganz schön, wieder etwas mehr auf der Haut zu haben. Wolle vor allem. Seide und Yak. Herbstlich kuschelig und angenehm mollig.
Der Herbst hat auch seine schönen Seiten.
Seine wunderschönen.
Stricksachen sind eine davon…

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7

1. Kochen ist bei mir eine heikle Angelegenheit; Es kommt vor, dass ich wochenlang mit einer eigentlichen Koch-Abneigung hadere- und doch jeden Tag zwei Mahlzeiten und diverse Snacks auf den Tisch bringen muss/möchte. Belegte Brote mit Salat sind dann jeweils mein Notnagel, aber richtig satt und genährt fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich etwas Gekochtes, am besten etwas Warmes esse. Alles andere fühlt sich einfach… nicht energiereich genug an. Bei der aktuellen Hitzewelle, wo das Thermometer Tag für Tag auf über 30 Grad steigt, reizt es mich aber eher wenig, schwitzend vor dem heissen Kochherd zu stehen und über dampfenden Töpfen zu brüten, während sich die Küchentemperatur weiter in feurige Höhen schwingt. Also versuche ich, immerhin so zu kochen, dass der Herd nicht allzu lange eingestellt bleibt und die jeweiligen Gerichte sich auch später noch kalt essen lassen. Der Kartoffel-Gemüse-Salat von heute Mittag war eine gute Entscheidung; mit wachsweichen Eiern, kurz in Olivenöl angebratener Zuchini aus dem Garten, ein paar Cherrytomaten, etwas angedünsteten Zwiebeln und Knoblauch (wenig nur, die Kinder finden Knoblauch durchs Band scheusslich) und ein paar zerkrümelten Feta-Stücken schmeckt er nach Sommer und Landleben. Normalerweise schwimmt mein Kartoffelsalat in einer sämigen Sauce aus Mayo/Quark, Senf und heisser Bouillon, doch diesmal habe ich mich an einem Rezept aus „The Herbalist’s Kitchen“ orientiert und stattdessen Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Basilikum verwendet.

2. Salat aus dem Garten hat mich schon mehr als einmal aus der Koch-Klemme gerettet. Vor allem, als das Grillier-Verbot wegen der aktuellen Dürreperiode noch nicht galt. Eine grosse Schüssel gemischter Salat mit Honig-Apfelessig-Minz-Vinaigrette, mit Kräutern, Apfelspalten oder Tomatenstückchen und die Hälfte der Mahlzeit ist bereits gerettet.
Die Wespen haben auch in diesem Sommer ganze Arbeit geleistet; da ist kaum ein Insekt zwischen den grünen Blättern zu finden, nicht einmal der Kohlrabi wird zerfressen, obwohl es von flatternden Kohlweisslingen nur so wimmelt. Dafür bin ich den kleinen, gestreiften Insekten-Polizisten äusserst dankbar (Ich hasse es, Krabbeltierchen aus meinem Salat zu klauben). Im Gegenzug lasse ich sie abends in Ruhe ihre Beet-Visiten absolvieren, Holz von meiner Gartenbank raspeln und zwischendurch ein paar Schlucke aus dem Kinderbädli schlürfen. Eine Hand wäscht die andere. Oder so. Links im Bild ist übrigens mein Lauch zu sehen. Es ist mein erster Lauch überhaupt und das sieht man ihm wohl auch an; alles, was ich im Netz zu seiner Kultivierung gelesen habe, hat mich eher verunsichert als ermutigt… Muss man da wirklich um jeden einzelnen Stängel immer wieder mit Erde anhäufeln, damit es eine schöne, glatte, helle Lauchstange gibt? Ich habe das bisher recht vernachlässigt und seit dem Einsetzen der Setzlinge erst 1 Mal Erde rundherum aufgehäuft. Ob das noch was wird?…

3. Nicht die Wäsche will ich euch hier zeigen, denn die bekommt ihr irgendwie ständig zu sehen in letzter Zeit (was wohl daran liegt, dass ich auch ständig am Wäscheaufhängen- oder -Abnehmen bin und die Leinen niemals mehr leer werden in diesem Sommer). Blickpunkt sollte vielmehr dieses Ungetüm von Sonneblume links im Bild sein. Ich habe ihren Kern im späten Frühling zusammen mit ein paar anderen in die Erde gesteckt und wurde dann von einem eigentlichen Sonnenblumen-Giganten überrascht. Alle anderen sind Zwerge geblieben, doch sie hat sich wirklich gemausert: Mit stolzen 3.80m schlägt sie wohl alle unsere bisherigen Sonnenblumen-Rekorde. Ich mag Sonnenblumen. Für mich sind sie die wahren Königinnen im Blumenland. Und stellt euch mal vor, was für ein grossartiger, wahrhaft royaler Anblick es erst wäre, ein ganzes Sonnenblumenfeld aus lauter solchen Königinnen-Riesen vor sich zu haben…!

4. Mein letztes Pflanzenbild für heute: Der grosse Holunderbusch in der Gartenecke hat diesen Frühling ja wacker die tollsten Blüten gebildet und den ganzen Garten mit seinem Anblick und seinem Duft verzaubert. Verwöhnt von dieser Fülle hatte ich eigentlich auch mit einer Beeren-Schwemme gerechnet- aber Pustekuchen! Die Beeren vertrocknen gerade vor meinen Augen, Beere für Beere, noch bevor sie richtig reif sind. Oder die Vögel fressen sie. Was auch ok. ist für mich, denn im Gegenteil zu den Tieren bin ich nicht auf Beeren und wildes Obst angewiesen, und teile alles, was gerade hier wächst, blüht und reift nur zu gerne mit ihnen. (Ok. ich geb’s zu, mit Schnecken und Läusen nun nicht unbedingt so gerne). Überhaupt überlasse ich insbesondere Wildbeeren und andere Wildpflanzen lieber der hungrigen Schöpfung da draussen, als selber grosse Mengen davon abzuernten. Vogelbeeren und Hagebutten zum Beispiel sind für manche Vogelarten so eine Art Notration im Winter, wenn unter Eis und Schnee kaum noch Körner oder Insekten zu finden sind- wie könnte ich sie ihnen also streitig machen…? Ein klein wenig Wildobst- oder -Kraut darf man sich -mit Mass und Bedacht- aber wohl trotzdem gönnen, oder? Vielleicht ergeht es unserem Holunder-Neuling, den wir im vorletzen Sommer in einer anderen Ecke gesetzt haben, ja anders, und er findet mehr Wasser und weniger Anklang beim gefiederten Volk. Dann würde ich gerne ein wenig Sirup daraus machen. So wie Mamaniflora das immer tut…

5. Dass meine Mädchen fanatische Plüschtierfans sind, ist kein Geheimnis. Dass wir unser Zuhause und unser Leben mit einem übertrieben umfangreichen Kuscheltier-Zoo teilen auch nicht. Den Umstand, dass ich als alte Trödel-Tante mich seit ein, zwei Jahren nur noch sporadisch ins Brockenhaus wage, habe ich auch genau dieser Tatsache zu verdanken: Brockenhäuser sind Plüschtier-Paradiese. Dort findet sich alles. Und alles kostet so gut wie gar nichts. Selbst mit dem knausrigsten Kindersackgeld lässt sich noch gute Beute machen, und obwohl ich ansonsten in Sachen Neu-Anschaffungen gerade bei meinen Kindern eher strikt bin, fällt es mir schwer, im Brockenhaus Nein zu sagen. Als positiver Nebeneffekt hat sich natürlich auch mein eigenes Kram-Kaufverhalten eingedämmt, aber irgendwie ist es doch ein wenig schade, wenn ich es mir so recht überlege…
Was ich aber eigentlich sagen wollte; seit einer Weile schon haben wir angefangen, Spielsachen bei meiner Mutter auszuleihen. Nach 8 gross gewordenen Kindern ist ihr Haus heute das reinste Warenhaus, Tosy-R-Us ist ein Klacks dagegen. Von der Briobahn übers Schaukeltier zu Lego-Hogwarts ist alles vorhanden, und selbstredlich findet sich auch praktisch alles, was das Kuscheltier-Universum zu bieten hat irgendwo auf ihrem Dachboden oder in irgendwelchen Kisten und Tüten. Jedes Mal, wenn meine Kleinen bei Oma zu Besuch waren, bringen sie eine grosse Tasche voller Zeug mit. „Nur zum Uusleehnä, weisch.“ Dass dann alles bei einem der nächsten Besuche wieder zurück zu meiner Mutter kommt, ist natürlich Ehrensache. Ich habe ein wachsames Auge darauf, denn noch mehr „Zoo“ könnte klaustrophobische Zustände bei mir auslösen…

6. Dieser blaue Knäuel „Lang Yarns Asia“ ist meiner vierter und letzter Knäuel dieser Farbrichtung. Was bedeutet, dass das „Zilver“-Wolltuch meines Mädchens demnächst fertig sein wird. Ich bin ein wenig stecken geblieben bei den w.a.h.n.s.i.n.n.i.g laaaaaangen Musterreihen der Endphase, wo so viele Maschen auf den Nadeln liegen, dass ich sie gar nicht mehr zählen möchte. Irgendwann wird so ein Dreiecks-Tuch anstrengend. Das Muster kann noch so spannend sein, mit wachsendem Umfang zieht es sich einfach gefühlt endlos in die Länge, das Stricken… Darum gebe ich es gerne zu: Ich freue mich, sagen zu dürfen, dass ich heute bei der 2.-letzen Reihe des letzten Muster-Rapports (7fach!)angekommen bin und heute abend dann endlich (uff!) zur kraus rechten Schlussborte wechseln darf. Das bedeutet; Land in Sicht!

7. Wann punkto Sommerhitze „Land in Sicht“ kommen wird, weiss ich allerdings noch nicht. Wie gesagt, ich geniesse ihn, diesen heissen, überdrehten Sommer, so wie ich noch nie einen Sommer genossen habe, aber ich sehe doch auch mit wachsender Unruhe, was er für mein Land bedeutet, für die Bauern hier und vor allem für all das grosse und kleine Leben in der Natur, das Hitze und Dürre auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Verendende Fische in Algen-überwucherten Rest-Wasser-Seelein, Blumenwiesen, die mehr nach Strohstoppelfeldern aussehen… Auch die Meerschweinchen hecheln zeitweise regelrecht, dabei sorgen wir dafür, dass sie immer Schattenplätze finden, wo die Luft gut zirkulieren kann und achten darauf, dass sie an mehreren Orten Wasser-Schälchen finden (aus denen auch die Vögel und Insekten trinken können). Manchmal baue ich ihnen einen Unterschlupf aus feuchten Tüchern, die ich immer mal wieder benetze, in der Hoffnung, die Verdunstungs-Kälte würde ihnen gut tun, vor allem aber lasse ich sie frei laufen; so können sie der Sonne entkommen und selber entscheiden, wo es ihnen am wohlsten ist. Allerdings erscheint mir ihr Urteilsvermögen nur begrenzt vertrauenswürdig; Ich musste sie auch schon aus stickigen Häuschen inmitten des prallsten Sonnenbereiches, wo sie sich erst noch zu mehrt aneinander kuschelten und so noch zusätzlich wärmten, in den Schatten bugsieren *hüstel*. Der Stall selber bekommt keine direkte Sonne ab. Und durch die riesengrossen Gittertüren kommt ungehindert Luft. So bleibt den Tieren selbst bei grosser Hitze immerhin dieser Hafen, auch wenn natürlich auch im Schatten die Temperaturen wüstenmässig hoch sind zur Zeit.
Die Wetter-Prognose von Meteo Schweiz lässt kaum auf gnädigere Tage hoffen; bis Freitag wird Sonne, Sonne und nochmals Sonne bei 33-34 Grad vorhergesagt. Regen -wenn wir sehr viel Glück haben- erst Freitag ein paar Tropfen. Prognosen über mehreren Tagen traue ich aber prinzipiell nicht über den Weg und so stelle ich mich weiter auf einen wahnsinnigen Wahnsinnis-Sommer ohne Ende ein…

Veröffentlicht unter besondere Tage, Familienalltag, Jahreszeiten, Kinder, Kochen und Backen, Natur, Stricken, Zuhause | 4 Kommentare

Puerperium Cardigan

Meine „Puerperiam Cardigan“. Fertig gestrickt vor einer Weile schon, beknopft letzten Sonntagnachmittag, fotografiert erst gestern- und heute endlich, endlich, endlich blogtauglich hier präsentiert. Die Dinge dauern mittlerweile länger bei mir, bis sie werden, das merke ich selber nur zu gut. Aber alles hat seine Zeit. Und genau das –mein Tempo– ist ein dehnbarer, sich stetig wandelndes Etwas, das viel zu oft mit belastenden Gefühlen der Unzulänglichkeit und des Gehetztseins behaftet ist.
Aber es ist okay. Mit bald 40 fällt es mir ein klein wenig leichter, nicht mehr ständig etwas zu produzieren, sondern mir auch einmal Pausen zu gönnen und mir auch beim Schaffen, Werken und Arbeiten die Zeit zu lassen, die ich brauche. Ich lerne mehr auf die wohlwollende Stimme in meinem Kopf zu hören, die mir verrät, was ich wirklich brauche im Moment, und diejenige andere, die mir anordnet, was jetzt getan werden sollte, angeblich, auf ein wenig später zu vertrösten. So lese ich vielleicht dann einfach weiter im Buch, das mich gerade so fesselt, statt den längst fälligen Blogpost zu schreiben. Genau wie gestern und vorgestern, als ich „Sommerlilien“ von Kate Lord Brown einfach nicht zur Seite legen konnte, und am liebsten die Nächte durchgelesen hätte, inspiriert vom Roman-Setting mit einer schönen heissen Tasse Earl Grey Grüntee und einem Stück hausgemachtem Kuchen auf meinem Schoss.
Ich verdöse einen stillen Augenblick, wenn die Kinder mit meinem Mann bei der Oma im Pool plantschen und lasse die Knöpfe, die bereits darauf warten, an ihr Jäckchen genäht zu werden, einfach Knöpfe sein. Vorerst ohne Jäckchen.
Oder ich gönne mir das Vergnügen, mich abends voll und ganz auf meinen Hercule Poirot Krimi zu konzentrieren, statt den Grossteil der Zeit mit meinen Augen bei Strickmuster, Maschen und Faden zu stecken. (Ich bin sowas von süchtig nach Agatha-Christie-Geschichten, egal ob in Buchform, Hörbuch, Hörspiel oder Filmadaption! Gerade bin ich ganz versessen auf meine dritte Staffel der guten, alten, ziemlich altmodischen englischen Serie-Verfilmungen mit einem entzückenden David Suchet in der Rolle des Poirot!)
Es fällt mir leichter, nicht wirklich gut zu sein. Sonder einfach… gut genug.
Allerdings muss ich das mit dem „leichter“ betonen; leichter, vielleicht, ja.
Aber noch nicht leicht.
Egal. Dieses winzige Babyjäckchen für das Babykind meiner Schwester immerhin war leicht. Von der allerersten Masche an. Leicht im Sinne von einfach, leicht auch gefühlsmässig, weil da rein gar kein Druck war und nur schon der Strickumfang -klein, schnell, ein Klacks irgendwie- sich mehr wie Urlaub anfühlte und weniger wie ein „richtiges“ Strick-Projekt, an dem man dranbleiben, sich vielleicht sogar nach der ersten Euphorie ein wenig durchbeissen muss… Auch das Garn machte es mir leicht, dieses Projekt von Herzen gern zu haben; „Bio Merino Cablé“ von der Spinnwebstube gehört zu meinen Favoriten unter den Wollgarnen, weil es so schön bio ist und so schön schweizerisch. Es wird in der Schweiz versponnen und verzwirnt und dann von der Spinnwebstuben-Rita selber in wunderschönen, individuellen Farbnuancen gefärbt. Es ist weich, aber auch sehr urchig und natürlich, finde ich, das Maschenbild zwar ebenmässig aber dennoch lebendig. (Ich habe übrigens Nadelstärke 4 für meine „Puerperium“ gewählt).

Hach, Babysachen sind einfach wunderbar. Zauberhaft. Ein Wunder und ein Geschenk. Genau wie die kleinen Menschlein, die wir dann darin einmummeln.
Ich freue mich…

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Canvas Cardigan

Ich war lange weg hier. Ein bisschen weggeschwebt. Entrückt. In einer Art Wolke.
Da waren viele neue Eindrücke und kleine, emotionale Momente an meinem Kräuter-Kurs-Tag im Emmental, die es zu verarbeiten galt, Migräne und die Magengrippe meiner Kinder, die mir dazwischenrasselten, und ein Abtaucher in die Welt des Ballett und all die Erinnerungen an längst vergessen geglaubte, unerfüllte Träume und vergangene Zeiten, die mich innerlich aufwühlten. Da war einfach… vieles, vieles was mich umtrieb und Stimmen in mir reagieren liess, die sonst meistens schweigen. Und immer noch schwingt und bebt es in mir. Es ist schwierig, Worte dafür zu finden.

Mein Tag mit Mamaniflora und ihren Kräutern war ein sehr besonderer Tag für mich. Allein die Reise fast quer durch die Schweiz fühlte sich wahnsinnig bedeutungsvoll an für mich, denn ich reise nie, und schon gar nicht alleine und nur für mich selbst. Ich war fürchterlich nervös und bangte um allerlei Unnötigkeiten; Werde ich mich auch bestimmt nicht unterwegs verirren? Oder irgendwo stranden wegen Streiks oder Unfall oder sonstwelchen Eventualitäten? Werden die Leute mich wohl mögen? Oder einfach nur doof finden? Und wie kann ich meinen christlichen Glauben und das Neuland-Thema „intuitive Pflanzenmedizin“ miteinander in Einklang bringen? Für die Reise hatte ich mir noch in der Nacht zuvor den Kopf darüber zerbrochen, um das perfekte Strickprojekt für unterwegs zu finden (die braune, handgesponnenen Alpaca-Wolle blieb dann auch zuhause, abgelöst durch leuchtend blaues Garn für ein „Zilver“-Tuch für meine grosse Tochter), aber schlussendlich sass ich doch fast die ganze Zeit über nur bibbernd, nachdenklich und gleichzeitig überaus beschwingt in meinem Abteil und betrachtete, wie die Landschaft an mir vorbeiflog.
Ich-Momente.
Geballt.
Ich habe sie genossen. Auch all die Gefühle, die in mir hochstiegen und einfach sein durften, ungebremst durch Kinderstimmen und meine Aufgabe, jederzeit für andere dasein zu müssen. Und Mamaniflora…? Ist absolut umwerfend! Eine wunderschöne, wahnsinnig herzliche Frau, die man einfach gern haben muss. Und die einen wahnsinnig tollen Job gemacht hat an ihrem allerersten Kräuterkurs. (Chapeau, Nicole!)
Ich werde anders Tee trinken in Zukunft. Bewusster und mit mehr Sinnlichkeit. Jedenfalls dann, wenn ich mich innerlich kurz abkoppeln kann vom Hamsterrad Zuhause.

Ich glaube, das Thema Sinnlichkeit und Sinn-Haftigkeit ist momentan überhaupt sehr bedeutend für mich. Dinge tun, die man liebt, für die man brennt, die einem leidenschaftlich interessieren und bewegen. Träumen nachgehen und nachgeben. Sie für wichtig erklären. Sich selbst sein, ohne in Reihen von Kompromissen alle Rechte an sich selbst zu verschenken.

In den letzten zwei Tagen habe ich so viele Ballett-Sequenzen gesehen wie schon ewig nicht mehr. Allein das „Adagio“ zwischen Spartakus und Phrygia aus „Spartakus“ sicher zehn Mal, in vier verschiedenen Tänzer-Konstellationen und mit zunehmend feuchteren Augen und schwererem Herzen: In meiner Jugend war das Tanzen meine Welt. Ich tanzte drei Mal die Woche, spielte leidenschaftlich Theater und nahm klassischen Gesangsunterricht an meiner Schule. Die Bretter, die die Welt bedeuteten, waren eine Oase für mich, ein Ort, wo ich wirklich und zutiefst ich selbst sein konnte, wo meine starken Emotionen und meine Tendenz mich darin zu verlieren endlich Sinn machten und alles, was mich ausmachte irgendwie passte.
Doch die Realität holte mich ein und entriss mich den Spitzenschuhen und bald darauf auch der Theatergruppe: Mein Talent war zu gering, mein Selbstvertrauen zu kläglich,  und weil ich ein wehmütiger Mensch bin, entschied ich mich sofort für ein Ende mit Schrecken statt umgekehrt und schloss das Thema gnadenlos ab, möglichst ohne zurück zu sehen. Hobbytanzen war einfach zu schmerzhaft. Ballett habe ich keines mehr gesehen, seit ich 17 war, um Musicals einen grossen Bogen gemacht und Theater-Plakete aus meinem Blickfeld verbannt.
Spartakus und Phrygia haben abgelegte Gefühle wieder neu aufgewühlt und mich emotional ein bisschen aus der Bahn geworfen…

Zeit für mich, wieder Boden unter die Füsse zu bekommen.
Ich merke, dass ich Nervennahrung brauche und den Anker werfen muss, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Tagträume und Erinnerungen mögen schön sein und zu uns gehören, aber sie brauchen einen Punkt, damit unser Lebenslied weiterspielt und die Nadel nicht permanent in der Rille hängt wie bei einem kaputten Plattenspieler.
Wie genau ich jetzt auf meine blaue „Canvas“-Wolljacke gekommen bin, weiss ich eigentlich auch nicht recht. Vielleicht weil es sich sehr erdend anfühlt, ein Projekt zu Ende zu bringen? Oder weil Wolle (in diesem Fall 5 Strangen „Tosh DK Stargazing“) mir überhaupt angenehm realitätsbezogen und wahrhaftig vorkommt, so ehrlich und trotzig urchig wie ein Urner Stier. Sie erinnert mich ans Landleben und daran, dass es gut tut, die Wurzeln im einfachen Leben zu vergraben, unaufgeregt zwar, aber wohltuend menschlich.

Ich habe sie schon oft getragen, diese Jacke. Seit sie im letzten Winter von den Nadeln gerutscht ist, hat sie sich zu einem wolligen Favoriten gemausert, in dem ich mich wohl fühle und irgendwie… angezogen (was nicht bei allen Dingen, die ich selber stricke oder nähe wirklich der Fall ist). Es ist ihre Wärme und der klare, stimmige Schnitt, die mir so wohltun. Keine Fehler, nur das schöne, leicht grünlich gesprenkelte Blau, schlanke Ärmel, gerade Linien. Nichts, in dem ich mich schämen muss.
Mir ist aufgefallen, dass ich besonders häufig nach meiner „Canvas“-Cardigan greife, wenn mir ein wichtiger Termin bevorsteht. Oder ein Anlass, dem ich mit Nervosität und grossen Gefühlen, wie Freude oder Angst entgegenblicke.
Arzttermine sind so ein Fall. Elterngespräche in der Schule. Grosse Familientreffen. Ein Meeting in der Stadt.
Wisst ihr, was ich wirklich und ehrlich vermisst habe, an meinem Kräuter-Kurs-Abenteuer-Tag letzten Sonntag?
Diese Jacke.
Genau diese Jacke.
Sie ist ein Zuversichts-Werk. Klar und einfach und mit Bodenhaftung. Genau, was ich brauche im Moment. Ich glaube, ich weiss, was ich gleich aus meinem Schrank ziehen werde…

Ein paar Strickdetails zum Schluss:

Anleitung: „Canvas Cardigan“ von Carrie Bostick Hoge, veröffentlicht im Magazin „Making“, nun auch erhältlich via Ravelry
Garn: 5 Strangen „Madelinetosh DK“ der Farbe „Stargazing“
Nadeln: 3.5 für die Bündchen 4 für den Rest
MP mit Nadeln Nr 4: 21M =10 cm (nach dem Waschen)
gewählte Grösse (habe sonst Grösse 38): 99cm Brustumfang
Änderung: lange Ärmel und längerer Körperteil als in der Anleitung

 

 

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