Archiv der Kategorie: Stricken

Wolliges

Die letzten Tage waren nicht unbedingt das, was man produktiv nennen könnte. Kopf, Körper und Seele wollten nicht mehr so recht und mir war mehr nach ein paar ausgiebigen Nickerchen (zu denen es nicht kam) oder ein ganz klein wenig dieser ollen, deutschen Fernsehserie auf YouTube -„Hotel Paradies“ aus den frühen 90ern- die ich dermassen kitschig und klischeehaft finde, dass sie mir bereits wieder sympathisch ist. Manchmal braucht der Mensch eben einfach ein bisschen „Heile Welt“ und einen Abstecher in frühere Tage, wo alles noch so anders, so altbacken, so simpel und reduziert war. Bloss die Mode… ja also die Mode der 90er, die war wirklich schlimm. Zumindest in ihren frühen Jahren. Fast so schlimm wie die der 80er, aber die lässt sich schlichtweg nicht mehr toppen in Sachen Grausligkeit.

Na, jedenfalls scheint meine fitte, hochmotivierte Phase vorbei zu sein. Heute brummt mir wieder öfters der Kopf, ich habe zu nichts Lust (deutschen Filmschmus oder ein Schläfchen mal abgesehen) und plötzlich scheint mir auch der Haushalt wieder völlig zu entgleiten, obwohl ich letzte Woche noch das Gefühl hatte, jetzt mit meinem Wochenplan und eisernem Willen den ultimativen Weg zum gemütlich-aufgeräumten Zuhause gefunden zu haben. Der Plan steht zwar noch immer, bzw. er liegt irgendwo zerknittert zwischen meinen anderen, losen Notizblättern auf der Ablage neben dem Kühlschrank in der Küche, aber das mit dem eisernen Willen, das ist gerade irgendwie schwierig. Ich weiss noch nicht mal, was ich heute kochen soll. Salat und Zuchetti gäbe es noch. Draussen im Garten. Da wo die vor bald 2 Wochen gekauften Lauch-Setzlinge vor sich hin dämmern und darauf hoffen, eingepflanzt zu werden, bevor die Sonne sie versengt oder Raupen und Schnecken sich an ihnen gütlich tun…
Aber ich wollte ja eigentlich von Wolle sprechen.
Wolle.
Als ich meine Nähmaschine nach langer, langer, langer Zeit in der Fremde wieder bei mir zuhause hatte, glaubte ich ja, niemals mehr nach Wolle zu verlangen. Mir wurde die Aufregung und Freude, die aufgeregte Freude sozusagen, die in einer intensiven Näh-Session liegt, wieder ganz neu bewusst, und ich staunte, wie schnell und akkurat gemacht ein kleines Näh-Projekt plötzlich vor einem liegt, verglichen mit den langen, monotonen Stunden Strickarbeit, die so gemächlich sind und besänftigend und erdend wirken auf den ganzen Menschen hinter den geschäftigen Menschen.
Meine Stoff-Vorräte sind gut aufgestockt und locken mich auch heute noch mit wunderbaren Prints… doch mittlerweile tun das auch wieder die vielen blauen und braunen und violett-getönten Strangen Wolle, die mir aus Regalen, Kisten und Körben entgegen blinzeln. Es gibt nicht Nähen oder Stricken für mich. Beides ist schön und gut und vermag dösige Lebensgeister zu wecken.

Der goldgelbe Strang „Mad Tosh Liquid Gold“ zum Beispiel, den ich mir mit einer Ladung blauer „Jim Knopf“-Knöpfe bestellt habe, lässt mich nicht mehr los, seit ich ihn vorgestern aus dem Paket vom Strickcafé gezogen habe. An sich habe ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr so oft von Madelinetosh verführen zu lassen, sondern ganz bewusst Bio-Qualitäten und kleinere Labels zu wählen, aber dieser eine Strang, der musste einfach sein. Das Gold hat mich verführt. Ich meine, schaut nur, wie es glänzt und schimmert, da musste ich doch schwach werden, oder…?
Im Grunde ist war es wohl genau dieses glänzende, intensive Sonnengoldgelb, das mir dafür bei meinem aktuellen Strickprojekt -eine Puerperium Cardigan für das Baby meiner Schwester- irgendwie fehlt: das Garn, das mir anfangs als Wollstrang so golden und warm vorkam, entpuppt sich nun beim Stricken als eher gedecktes und gleichzeitig fast ein bisschen wässriges gelbliches Beige, das mich an die Farbe des kalten Minze-Himbeerblätter-Tees erinnert, den ich die letzten Tage über oft getrunken habe. Nicht, dass ich die Farbe nicht schön fände so, wie sie ist… aber ich hatte sie anders in Erinnerung, anders erwartet… Aber vielleicht ist es auch einfach nur der kleine, innere Kampf, den ich kämpfe, wenn ich Masche für Masche von einer Nadel auf die andere gleiten lasse: Es ist das erste Mal, glaube ich, dass ich etwas so Kleines und Süsses stricke, ohne selbst ein Baby auf dem Schoss oder in meinem Bauch zu tragen. Damit hadere ich ein wenig. Mit der Bittersüsse dieses Momentes. Vorfreude auf ein kleines Menschlein in der Sippe. Gepaart mit dem Gefühl der Leere und des Verlustes, weil in meinem eigenen Leben Babyduft und kleine, knubbelige Füsschen und Hände einfach ein bisschen fehlen…
Aber zurück zur Wolle. Das Blau. Jawohl, das Blau stammt von der „Sunday Sweater“-Wolljacke, die ich meinem Kindergartenkind so lange schon versprochen habe. Ursprünglich hatte ich sie ja in Goldgelb geplant (aha) und die Wolle dafür auch schon gekauft, doch als ich dann endlich Nägel mit Köpfen machte, war das Kind natürlich gewachsen und das Garn zu knapp für ihre Grösse. Das leuchtende Blau der „Madelinetosh DK Cobald“, das mein Mädchen sich ausgesucht hatte, kam mir lange Zeit zu knallig vor und dämpfte meine Stricklust erheblich, aber jetzt, wo ich fertig bin (ja, fertig!), finde ich die Farbe eigentlich sehr hübsch, schön dunkel und satt und ziemlich passend für mein Tochterkind, das sowieso hauptsächlich Blau trägt und viel öfter dunkel als hell oder pastell. Fehlen nur noch die Knöpfe. Und der Geburtstag kann kommen.

Diesen Sonntag erwartet mich ein kleines Abenteuer: Zum ersten Mal nach bald 15 Jahren werde ich mutterseelenalleine hier davonrauschen und mir einen Tag lang die Freiheit nehmen, Neues zu entdecken. Neue Menschen. Neue Dinge. Neuen Mut, denn ich habe schon Ewigkeiten nicht mehr die Courage aufgebracht, einen Kurs zu besuchen -Neuland in so vielen Dingen für ein Heimchen am Herd wie ich es bin-, doch genau das werde ich nun tun; ein wenig Kursluft schnuppern zum Thema Kraut und Kräutchen und wie das so zusammenspielt mit dem Menschen.
Ich muss gestehen: ich bin furchtbar aufgeregt. Wirklich. Für die lange Bahnfahrt habe ich mir darum heute schon Wolle ausgesucht, ein warmes, weiches, griffiges Alpaca-Garn direkt vom Spinnrad einer alten Frau aus der Region. Es ist naturbelassen braun. Und wahnsinnig schön. Wolle, aus der man Seelenschmeichler machen möchte. Vielleicht tue ich das auch, wer weiss. Auf jeden Fall soll sie mich begleiten. Auf meinem Weg ins Abenteuerland. Mir Mut machen und Wärme schenken. Woll-Zauber pur.

 

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Wie eine Adlerfeder

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Voilà.
Hier ist es.
Mein Blockstreifen-Schaltuch.
Ganz schlicht und erdig ist es geworden, in lauter Naturtönen und auch von der Struktur her sehr reduziert. Es war eines der schönsten Strickprojekte, das ich je hatte, also nur schon rein vom Arbeitsprozess her, wo mir alles wunderbar leicht von der Hand ging und mir das an „Zilver“ angelehnte Dreickes-Tuch-Prinzip -nach den Randmaschen in jeder 2. Reihe je 1 Masche zunehmen, genauso wie auch vor und nach der Mittelmasche, die ich glatt rechts gearbeitet habe für ein klareres Bild- sofort in Fleisch und Blut überging. Meditationsstricken war das. Völlig entspannt und legère und mit viel Freude.
Spannend war dagegen das Garngefühl in meinen Händen; Die „Seta Tweed“ von Lang Yarns war anfangs so ganz und gar nicht mein Garn. Viel zu griffig und zu knubbelig und völlig anders als die glatten, fliessenden Wolltypen, zu denen ich mich normalerweise hingezogen fühle. Nach den ersten paar Reihen wollte ich schon fast aufgeben, denn die Maschen glitten nur mühsam und zögerlich von meinen Nadeln und ich bangte um mein Maschenbild. Doch nach einer Weile tapferen Weiterstrickens wuchs mir dieses Garn mehr und mehr ans Herz und ich verliebte mich in die schönen Sprenkel und die natürliche Unebenheit, die mich an echten Tweed erinnert und besonders in grossen Flächen ganz bezaubernd aussieht. Die Farbverläufe habe ich von hell nach dunkel fliessen lassen und für die ersten 3 Streifen in Sand, Haselnuss und Dunkelbraun immer jeweils einen Knäuel Garn verstrickt, bevor ich mit der nächsten Farbe weiterfuhr. Allerdings wächst der Garnverbrauch mit dem Weiterwerden des Schals rapide an, und das muss man wirklich bedenken beim Garnkauf; für den allerletzten schwarzen Streifen musste ich extra nochmals ein Knäuel beim Strickcafé bestellen, weil das Ganze sonst ziemlich unausgewogen ausgefallen wäre. Auch beim kraus rechten Abschluss hatte ich den Materialverbrauch unterschätzt; Ich musste mehrmals wieder auflassen, weil mein Garn entweder nur noch für zu wenig krauses Gewebe reichte oder mir beim Abketten vorzeitig ausging (das sogar 2 Mal!). Alles in allem finde ich das Resultat aber sehr hübsch. Besonders auch die Farbkombination, mit der ich zwischenzeitlich ganz und gar nicht mehr zurecht kam. Heute mag ich die Spannung zwischen den wärmeren Tönen und dem kühlen, matten Dunkelbraun total gerne. Sie erinnert mich irgendwie an eine Adlerfeder…

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Was meinem Tochterkind als eingefleischter Raubvogel-Liebhaberin natürlich augenblicklich ins Auge fiel. Beim Fotoshooting schnappte sie sich dann das Tuch auch ganz spontan und wickelte sich darin ein, als wäre es eine zweite Haut oder ein exzentrisches Kleidungsstück irgendwo zwischen Poncho, Top und Toga.
Wäre mein Adlerfedernblockstreifentuch nicht schon anderweitig reserviert, ich glaube, ich würde es ihr schenken, die Kombi von Kind und Schal gefällt mir nämlich ausgenommen gut.
Jetzt hoffe ich aber einfach mal, dass mein Tuch der baldigen Empfängerin (einer Woll-Allergikerin, darum Seide und Baumwolle) genauso gut gefällt und ihr lange Zeit Freude macht. So viel Freude wie ich hatte beim Stricken, Garnfarben-Auswählen und beim Fotos knipsen mit meinem Mädchen. So viel Freude. Mindestens.

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like Insta 214

Manchmal möchte ich Dinge mit-teilen, ohne allzu viel Lebenszeit vor dem Bildschirm verstreichen zu lassen…
Kurz und bündig und spontan. Ohne Umweg direkt aus dem wahren Leben.
Fast wie bei Instagram.

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Wie ihr seht, scheint die Sonne ganz famos zu mir ins Zimmer. Die Spatzen tschilpen draussen, es blühen die Narzissen im Vorgarten und ich freue mich an ein paar freien Minuten, die ich ausnahmsweise nicht dazu benutze, meinem gerade sehr ausufernden Putzdrang nachzugeben- der übrigens auch mit ein Grund dafür wäre, dass es so still ist hier im Blog; Frühlingsputzgefühle drängen mich mit Putzlappen und Essigwasser bewaffnet momentan eher in Richtung Kühlschrank und Küchenschafte als vor den Laptop…
Nachdem mein letztes Projekt, der Blockstreifen-Dreiecksschal, glücklich von den Nadeln rutschte (ich weiss, ihr wollt Fotos!), wird ein neues angeschlagen; der „Sunday Sweater“ meines Kindergartenkindes wird endlich Realität. Versprochen ist er ja schon lange und der Winter nun definitiv auch wieder vorbei. Vorsichtshalber habe ich ihr Jäckchen in der Grösse 10 geplant, obwohl sie erst 6 Jahre alt wird im Sommer, aber zum einen stricke ich mit DK-Wolle statt mit der dickeren Worsted-Stärke und zum anderen fielen viele meiner letzten Strickstücke bei ihr eher zu knapp aus, also greife ich diesmal lieber ein wenig vor.
Ich weiss noch nicht, ob mir gerade nach so viel Blau ist, ich glaube, lieber würde ich jetzt in sanfteren Tönen stricken, in Erdfarben oder einem Hauch von Rosé. Aber diese Wolle (Tosh DK „Cobalt“) ist nunmal ihre Wahl, und auch die muss weg, keine Frage, mein Wollregal ächzt und stöhnt bereits unter seiner Last, also Augen zu und durch…

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Viola-Socken

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Wie wunderbar es zu blühen beginnt da draussen! Nach dem letzten Schnee, der vor noch gar nicht so langer Zeit erst weggeschmolzen ist, ging es Knall auf Fall und der Frühling eroberte sich die Welt mit voller Wucht; jetzt strahlen Osterglocken und Primelchen um die Wette und unsere kleinen Aprikosenbäumchen tragen duftende, weisse Blüten an ihren kahlen Ästchen. Ich freue mich wie verrückt an den mutigen Farben dieses Frühjahrs. Und an den süssen Düften, die sich entrollen; Aprikosenblüten, Primelchen, Hyazithen, Buschwindröschen… jedes trägt sein eigenes Parfum und eins riecht besser als das andere…
Pünktlich zur Duftblumensaison sind auch diese tief violetten Strümpfe fertig geworden. Viola-Socken. Wegen dem Veilchenblauviolett.
Es sind supersimple Stricksocken, nach einem Grundprinzip von einer Aldi-Sockenwolle-Banderole (obwohl ich keine Wolle kaufe bei Aldi fand ich die Anleitung einfach spitze und hab sie mir x mal kopiert und jahrelang aufgehoben. Ich würde mal sagen, sie ähnelt in etwa dieser Anleitung hier). Für die wichtigen Eckdaten wie die richtige Maschenanzahl fürs Bündchen, die Ferse, den Zwickel und so konnte ich Gottseidank auf diese grossartige Website hier zurück greifen, die etwas ganz, ganz Tolles zu bieten hat, wonach ich eine Ewigkeit suchen musste: Detaillierte Grössentabellen zum Sockenstricken nicht nur mit 4ply- sondern auch mit 6ply-Garnen, die dicker sind als die gewöhnliche Sockenstrickwolle.
Da ich mir ein paar wundervolle handgefärbte 6ply-Strangen bei der Spinnwebstube bestellt hatte, wollte ich sie natürlich auch sobald wie möglich irgendwie verwenden, und nachdem mich diese Anleitung hier masslos enttäuscht und verwirrt zurückgelassen hatte, stöberte ich so lange im Netz, bis ich alle Angaben beisammen hatte, um sorglos meine stinknormalen Wollstrumpftechniken auf dieses für mich neue, dickere Garn zu übertragen. Supersimple ungetrübte Strickstunden waren die Folge, das kleine Glück des Vertrauten für gerade jene Momente, in denen ich das Gefühl nicht los wurde, irgendwie mit meiner Nussschlale auf offener See in einen Orkan geraten zu sein…

Abgekettet wurden sie gestern, meine Viola-Socken, heute gewaschen und getrocknet und -Trommelwirbel!- sogar fotografiert. Morgen dann werden sie verpackt und mit einem Briefchen versehen auf Reisen gehen… zu einem Geburtstagskind, mit etwas Verspätung zwar (diese doofe Grippe!), aber mit vielen lieben Grüssen und einem dicken Schmatzer unter der Briefmarke…

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