Archiv der Kategorie: Natur

right now in 9

1. Septemberlicht wechselt sich ab mit trüben, klammen Morgen, die mich nur schwer aus dem Bett kommen lassen. Und nicht nur mich, was das betrifft; gerade Nebeltage bringen es an den Tag, wie unsagbar schulmüde ein paar meiner Kinder bereits jetzt schon wieder sind, nach nur wenigen Wochen im neuen Schul-Rythmus. Mein frischbebackenes Kindergartenmädchen wenigstens, findet sich langsam ein in ihrer neuen Realität. Ihr Herz wird ruhiger, die Mittage und Nachmittage wieder entspannter, die Morgen für sie und mit ihr gelassener. Dafür bin ich dankbar. Es nimmt einen Teil des Druckes von uns, der uns die erste Zeit im Schulalltag ein bisschen vergiftet hat. Und ja, dankbar bin ich auch für die Sonne. September-Sonnen sind etwas ganz Besonderes. Warm aber mild. Sanft und besänftigend. Und jeden Tag aufs neue hochwillkommen.

2. Den Gegenpol dieser goldenen Phasen bilden die Schatten. Nebelschwanden und Silberblick. Der Garten ist feucht und vieles schimmelt noch vor der Reife; die Aprikosen sind noch an ihren Ästen verfault, der Holunder bildet Beeren, die bereits gären bevor sie richtig schwarz sind, die Äpfel scheinen über Nacht zu verschwinden. Nur die weissen Himbeeren werden süss und saftig und dick, die Quitten prall, mit kräftig-grüner Schale. Ein Grossteil der Meerschweinchen-Wiese ist hoffnungslos vermoost. Je mehr Bäume und Büsche desto weniger Gras bleibt für unsere Tiere übrig, so dass wir grösstenteils mit Heu und Rüst-Abfällen von Möhren, Peperoni oder Apfelbutzen vom Kinder-Znüni nachfüttern müssen. So war das nicht geplant ursprünglich. Aber es ist wie es ist. Ein Punkt mehr, der mich von mehr Land träumen lässt…

3. Was mein Kräuter-Gartenjahr angeht: Es war bisher recht trostlos. All meine Vorsätze und Pläne von eingemachtem Sirup, Salbeihonig oder Gläsern voller getrockneten Kräutertees verpufften irgendwie im Laufe der Monate. Die Kräuterspirale wurde von zwei, drei dicken, fetten, schwarzen Spinnen annektiert, die mir derart ungeheuer sind, dass ich den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht überschreite, sprich das Zitronenkraut oder den Thymian nicht anrühre aus lauter Angst, es könnte genau dann, wenn ich zupfe und schnipple so ein garstiges Krabbelvieh aus seinem dicken Röhrennetz hervorspähen *schauder*. Allerdings ist sowieso keine meiner Kräuterpflanzen so richtig schön gediehen. Der Salbei vertrocknet, der Thymian ausgeblüht und mager, das Zitronenkraut schmächtig. Nur der Schnittlauch ganz unten im feuchteren Teil der Spirale gab ab und zu genug her, um einen Dipp damit anzurühren oder den Salat, von dem es auch eher wenig zu ernten gab, mit ein paar Röhrchen aufzupeppen.
Gestern habe ich versucht, ein bisschen aufzuräumen. Nach nur einem Beet musste ich allerdings aufgeben, weil mein Becken vom Bücken einfach zu arg schmerzte. Den Grossteil der Pfefferminze habe ich dem Kompost gespendet, aber eine Schüssel voll ist gesäubert und zerpflückt und wartet nun darauf, im Dörrex für den Winter getrocknet zu werden. Meine einzige Ausbeute in diesem Jahr. Aber wir wollen dankbar sein. Die Natur ist nicht nur für uns Menschen da: sie teilt mit allen, und Bienen, Falter und Krabbelgetier fahren ihren Teil der Gartenernte gerne ein, wenn wir sie nur lassen. Dass mein Lavendel von mir völlig ungenutzt verblüht ist, macht mich darum überhaupt nicht traurig: das fröhliche Gesumme und emsige Geschwirr während seiner Blütezeit war eine grosse Freude und mir Ernte genug…

4. Wir hatten Ratten. Im Keller. Was wir zuerst als süsse, kleine Maus zu identifizieren glaubten und uns anfangs, als wir die ersten angeknabberten Lebensmittel im Vorratsraum entdeckten, überhaupt nicht gross erschreckte, entpuppte sich nach einer Weile als ganze Wander-Ratten-Familie. Spätestens als wir die ebenso gewaltige wie angriffslustige Mama-Ratte in der selbstgebauten Lebend-Falle hatten, fanden wir das Ganze dann auch nicht mehr wirklich süss und harmlos. Jedes Tier, das wir fangen konnten, kam raus in den Wald. Die löchrigen Gitter vor den Keller-Lüftungsschächten wurden erneuert. Die Abdeckung zu einer Wasserröhre subito wieder aufgesetzt und mit schweren Steinen beschwert. Manchmal höre ich es nachts daran knabbern. Ich denke an pelzige Meere im Mittelalter und sehe die Geschichte des „Rattenfängers von Hameln“ in einem völlig neuen Licht.

5. Zurück zu erquicklicheren Themen. Meine Socken-Strickerei kommt langsam voran. Im Moment hat sie ein wenig stagniert, weil ich abends gerade zu müde bin zum Aufbleiben und meine Vormittage sich irgendwie mit anderen Dringlichkeiten füllen, aber mein zweiter roter Kinder-Stiefelstrumpf und meine erste Herbst-Socke wachsen langsam ihrer Vollendung entgegen. Besonders schön finde ich das goldene Merino-Yak-Socks-Sockengarn der Spinnwebstube. Es gleitet warm aber leicht seidig durch meine Finger und gefällt mir verstrickt genauso gut wie zum Ball gewunden oder naturbelassen in seinem Strang. Und die wunderschönen Projekt-Bags aus „Mimis Laden“ sind mir zu treuen Begleiterinnen geworden, die ich nicht mehr hergeben würde…

6. Ein bisschen genäht habe ich auch. Allerdings völlig stümperhaft und mehr auf Nutzen als auf Optik ausgerichtet: Aus einem wirklich uralten, nicht mehr ganz lupenreinen Baby-Duvet, das ich zwar hässlich aber schlicht zu praktisch fand zum Wegwerfen, wurde ein spontaner Krabbelquilt, den ich einfach entlang seines Musters und mittels einer abgesteppten Saumnaht rudimentär zusammengequiltet habe. Kein besonders gelungenes Projekt, das sehe ich ganz realistisch. Aber ein Brauchbares. Nicht zu schade für dreckige Böden und Babyspucke. Und das andere da links oben im Bild, das sollen Stilleinlagen sein. Nach einer Anleitung aus dem Netz, mit Vlies-Mittelteil, Baumwollestoff nach aussen und alten Jersey-Resten für auf der Haut. Wie sie aussehen: blöd. Wie sie sich bewähren wird sich wohl bald zeigen…

7. Dafür bin ich rundum zufrieden mit meinem Flickwerk hier: die beiden Lieblingskleidchen meiner zwei jüngsten Mädels bekamen -inspiriert von diesem Buch hier– handgestichelte Flicken aus den alten, zerschlissenen Jersey-Sachen, die ich in meinem Näh-Schrank genau für solche Zwecke horte. Und sehen damit irgendwie gleich nochmals so liebenswert aus, finde ich. Je mehr ich mit einem Kleidungsstück in Berührung komme, es sehe, anfasse, pflege, repariere, desto mehr wächst es mir ans Herz. Desto mehr wird es Teil meines Lebens, ein Gegenstand, zu dem ich eine Beziehung entwickle, anstatt ihn einfach nur zu benutzen. Und ich merke; ich bin ein Beziehungsmensch. Was für mich zählt, ist die Art und Weise, wie ich empfinde gegenüber der Dinge, Menschen, Orte oder Momente.

8. Und wo wir gerade von Empfindungen sprechen: im Augenblick fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen haltlosem Aktivismus und fauler Trägheit. Das Chaos um mich herum nimmt permanent zu. Die fleissige Biene in mir summt darum umso hektischer. Aber mein runder werdender, nicht mehr wirklich leistungsfähiger Körper bremst mich aus. Ich versuche, gelassen zu bleiben und die Balance zu finden zwischen gemütlichen Ruhephasen mit meinen Stricksocken auf dem Sofa und geschäftigem Hantieren mit Mülltüten, Brocki-Boxen und Staubsauger. Aber eigentlich ist das nichts neues. Dieser Spagat gehört zu meinem Leben, soviel habe ich immerhin gelernt. Mit Baby dann umso mehr.

9. Ja, das Baby… Ich habe alle meine 5 Kinder bisher normal und spontan zur Welt bringen dürfen, absolut komplikationslos und relativ rasch bis rasend schnell. Trotzdem bin ich ungeheuer nervös, wenn ich an die bevorstehende Geburts dieses 6. Kindes denke. Alles ist irgendwie anders diesmal. Diese Schwangerschaft war noch happiger als die letzte, die Vor- und Senkwehen für mich ungewöhnlich stark und anhaltend und für mich überhaupt eine neue Erfahrung, und dank der Schwangerschafts-Diabetes, in der ich mir zweimal täglich Insulin spritzen muss, um meinen Blutzuckerspiegel so einigermassen im grünen Bereich zu halten, gibt es nun auch eine Deadline, was meine Kugelzeit betrifft. Die Geburt wird am errechneten Geburts-Termin eingeleitet. An meinem Kühlschrank hängt bereits ein Zettelchen mit Zeit und Datum und ich kann kaum sagen, wie sonderbar sich das Ganze anfühlt. Aber nun denn. So sei es. Hauptsache, es kommt alles gut. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch…

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Ausschnitte

Wir haben ein wunderbares Wochenende damit verbracht, Pizzeria-Pizza zu essen, Mascarpone-Cheescake zu backen, Dinge zu verschieben und ein paar kleine Ecken in diesem Haus für uns neu und gemütlich herzurichten. Im hellblauen Zimmer meiner Grossen, in dem sie weder schläft noch Hausaufgaben macht, sich aber ab und zu zurückzieht, wenn sie ganz alleine sein möchte und ein wenig Ruhe braucht, wurde der Staub von den Kanten geblasen, ein stabileres Bett einquartiert und die Lese-Nische unterm Dach kuschelig aufgepolstert. Schön. So still. Friedlich. Hier könnte es mir auch gefallen.

Das antike Schwarzweissbild, das ich ihr zum 10.Geburtstag Ende Juli geschenkt habe, durfte endlich auch an die Wand. Irgendwann im Frühling muss es gewesen sein, als ich es beim Trödler zwischen lauter halb zerfallenen Rahmen entdeckt, und für n’Apfel und n‘ Ei mit nach Hause gebrachte habe. Dass es ihr genauso gut gefällt wie mir, macht mich richtig froh. Aber ich habe nicht wirklich daran gezweifelt. Ich kenn‘ doch mein Mädchen…

Als ich neulich schrieb, ich würde mir etwas Neues, etwas Besonderes wünschen für mein nächstes Strickprojekt, hätte ich wohl kaum mit dem gerechnet, was ich momentan ganz frisch auf meinen Nadeln habe: Nochmals Socken. In Grösse 39. Für mich also. Und hey; sie sind braun. Von Aufregung und Innovation kann also nicht die Rede sein. Aber das muss es auch nicht. Das Garn macht die Musik: herrlisch flauschiges, wunderschön gefärbtes Sockengarn von der Spinnwebstube, mit Merino und Yak und nur einem Bruchteil Nylon, weil ich Naturfasern zwar über alles liebe, mich aber ganz bestimmt nicht in ein paar selbstgemachte Socken vergucke, die dann ratzfatz im Alltagsgefecht durchgescheuert und zerlöchert werden. Ich habe lange überlegt, wie genau ich meine Socken stricken möchte. Ich habe sogar richtig geplant, skizziert, Maschen ausgerechnet und eine erste Socke im Perlmuster begonnen- schliesslich aber alles wieder aufgelassen und beschlossen, diesmal -zum ersten Mal- mehrfarbig zu arbeiten. Braun mit andersfarbeneer Ferse und Spitze und einem kleinen Zierrand gleich nach dem Bündchen. Heute sind weitere Sockenwoll-Strangen hier eingetrudelt. In Goldgelb, Baumgrün, Holz und Asche. Schönheit über Schönheit.

Es gab Brownies heute. Gebacken nach original amerikanischem Rezept. Fudgy und süss und klebrig. Auch wenn ich beim nächsten Mal wahrscheinlich die Zuckermenge um 50-100 gr. reduzieren werde: genau so müssen Brownies sein. Und meine Kleinste und ich hatten unheimlich viel Spass beim Kochsendung-Gucken und Rezepte-Vergleichen auf Youtube… (Dasselbe Rezept findet ihr übrigens auch hier, einfach im Schnelldurchlauf und musikalisch ganz nett untermalt. Und falls jemand sich über eine Übersetzung ins Deutsche freuen würde, hier auf Kirschkernzeit, dann meldet euch ungeniert! So was lässt sich nämlich gut machen, wisst ihr…) Eine süsse Kostprobe unseres nachmittäglichen Backvergnügens wanderte übrigens direkt zu meiner alten Nachbarin. Zum Kaffee. Damit sie auch ein wenig amerikanische Küchenluft schnuppern kann. Die Mädchen freuen sich immer wahnsinnig darauf, bei ihr mit einem Teller homemade Goodies klingeln zu dürfen; sie bekommen nämlich jedes Mal einen Schoko-Riegel, eine süsse Hüppe oder einen Keks zugesteckt…

Dieses Strickmagazin kam neulich bei mir an. Ebenfalls in englisch. Weil ich diese Sprache einfach wahnsinnig gerne mag. Und weil ich Strickmuster liebe und niemals nie genug davon kriegen kann. Allerdings wird diese Ausgabe von „Pompom“ wahrscheinlich zugleich meine Erste und Letzte sein, denn ich bin ein wenig enttäuscht vom Umfang dieses Heftes, obwohl die Bilder fantastisch aussehen und man merkt, dass viel Aufwand um die einzelnen Inhalte betrieben wurde. Aber ausser ein paar zugegeben äusserst hübschen, eher aufwändigen Strickdesigns beinhaltet es… so gut wie gar nichts. Eine reine Strickmustersammlung. Und das bin ich irgendwie nicht gewohnt. „Taproot“ und „Making“ haben mich wohl ein bisschen verwöhnt, denn die wiederum sind für mich Seelen-Nahrung pur.

Das kleine Strampelkind in meinem Bauch erfährt nicht unbedingt viel pränatale Aufmerksamkeit. Meist bin ich einfach nur dankbar, wenn sich mein Bauch und das ganze Thema nicht gross bemerkbar machen und mir genug Energie bleibt, um meinen Alltag einigermassen souverän zu stemmen. Ich finde das Leben ziemlich anspruchsvoll gerade und alles, was sich quer stellt, bringt das Fass zum Überlaufen. Aus Mäusen werden Elefanten, kein Wunder geht das Baby ständig vergessen in all dem Durcheinander.
Diese Woche aber hatte ich phasenweise derart starke Vorwehen, dass ich meine Augen nicht länger davor verschliessen kann: Der Countdown läuft. Die Zeit verrinnt nicht länger, sie strömt bereits ziemlich kraftvoll davon und bringt den Geburtstermin dieses Kindes näher und näher. Und ja, vielleicht kommt es auch früher als erwartet, obwohl das sehr untypisch wäre für mich, aber mit Vorwehen hatte ich bisher ja auch noch nie zu tun, auf keinen Fall mit jenen dieser Art… Nun, das Köfferchen ist jetzt jedenfalls gepackt. Oder vielmehr die Spital-Tasche. (Ich nehme diese hier mit.) Meine Schwester bringt mir ihren Maxicosy für die erste Fahrt im Auto und das, was ich überhaupt noch übrig habe an Säuglingskleidung, ist vom Speicher geholt, gewaschen und einsatzbereit. Keine Ahnung, wann es tatsächlich soweit ist. Es kann im Grunde noch Wochen dauern. Aber es ist ein gutes Gefühl, vorbereitet zu sein.

Jeden Morgen wird mir aufs neue klar; der Sommer liegt im Sterben. Der Hochnebel drückt nach unten, hüllt Häuser und Bäume, den Himmel, den Horizont, alles Leben, alles Sein grau in grau. „Trostlos“ ist das Wort, das mir in den Sinn kommt. Und weil wir alle irgendwie ein bisschen bedrückt und nur zögernd und wehmütig unser warmes Heim verlassen und ich mich völlig unfähig anstelle, die Kinder für die Schule, für ihren Alltag generell zu motiviere, kommt dieses Wort buchstäblich aus tiefster Seele. Trost-los. Da hängt so viel Schwermut in der Luft.

Gestern Abend nach dem Abendbrot ging ich nochmals kurz in den Garten. Abende sind die späten Morgen zu dieser Jahreszeit. Das Bild und die nebelfeuchte Luft sind dieselben. Der letzte Sturm hat zwei unserer Riesen-Sonnenblumen gestürzt und die restlichen haben so schwer an ihren Köpfen zu tragen, dass sie teilweise knicken. Ein trauriges Bild. Und doch so voller Schönheit. Diese tapferen, prallen Sonnen im kalten, milchigen Herbstdunst. Ich stand eine Weile vor dem welkenden Beet. Dann musste ich schreiben. Es gibt Anblicke, die füllen mein Herz mit Worten:

Leise aber vehement und unüberseh-, schlicht nicht länger ignorierbar schleicht sich der Herbst ein. Die wonnigen Freiheitsgefühle des Sommers bekommen einen dünnen Trauerrand. Welke Blätter kräuseln sich, noch halb versteckt zwar. Sie wissen sich zu tarnen, aber ich weiss, dass sie da sind.
Bereit bin ich nicht.
Das bin ich nie.
Doch mein Widerstand bildet Risse angesichts der wilden Schönheit einer üppig gereiften Natur. Ich muss nicht bereit sein, den Sommer ziehen zu lassen.
Ich muss nur annehmen, was ist. Akzeptanz ist eine Kunst, die das Stundenglas der Zeit mich lehrt.

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Gartengrüsse

Eine Flut an Fotos lasse ich heute über euch hereinprasseln. Regenwolken, die sich leeren, und es hüpfen grüne Bildertropfen.
Es ist nicht übermässig viel Zeit, die ich im Garten verbringe. Zu wenig Zeit eigentlich sogar. Aber die Arbeit im Haus will und will kein Ende nehmen, und wenn ich es dann schaffe, mir ein paar freie Minuten zurecht zu büscheln, in denen ich ein klein wenig in der Laube sitze, um zu stricken, dann geht es wimpernschlagschnell- und alles ist wieder vorüber; die Kinder verlangen nach mir, das Abendbrot will gekocht werden, eine neue Ladung Wäsche braucht eine ordnende Hand, das Hamsterrad dreht sich weiter.
Aber nicht immer ist Quantität alles. Auch wie etwas sich anfühlt, zählt. Für mich ganz besonders. Und die Augenblicke draussen im Garten -mögen sie noch so kurz sein und noch so unspektakulär- sind wirkliche Oasen-Momente. Voller Licht und Frieden und mit einem Hauch der Freiheit, nach der ich mich immerzu sehne.

Wir haben nicht sonderlich viel angepflanzt in diesem Jahr. Bloss dies und das und eigentlich nur, was wir gerne essen und problemlos auch in unserem kleinen Fleckchen Erde wächst und gedeiht. Da ist (nie genug) Basilikum. Für Pesto (ich liebe dieses hier!), Tomate-Mozarella-Salat und Pizza Margeritha. Zuchetti-Pflanzen, um die ich mir die ersten paar Wochen nach dem Einpflanzen so meine Gedanken machte, weil sie überhaupt nicht zu wachsen schienen, sondern im Gegenteil immer mickriger wurden, genauso wie die Sonnenblumen, die heute zwischen ihnen emporschiessen wie grüne Speere, in ihrer ersten Zeit draussen im Freien aber geradezu jämmerlich aussahen. Zuchetti und Sonnenblumen gehören für mich zum Sommer wie Wassermelonen, saftig-süsse Pfirsiche oder die kleinen, weichen Aprikosen aus dem Wallis, von denen ich körbeweise vom Dorfladen nach Hause schleppe und mich kaum satt essen kann daran. Mein Blutzuckerspielgel freut sich bestimmt sehr viel weniger darüber als mein Gaumen, aber dem konnte ich ohnehin nicht mehr Herr werden die letzten ein, zwei Wochen über, egal wie sehr ich mich auch bemüht, gleichgültig wie tapfer ich morgens meinen Joghurt-Quark nature „mit ein paar Beerchen für den Geschmack“ in mich hinein geflöffelt habe, während der Rest der Familie sich an Schokomilch labte und Honigbrötchen serviert bekam. Nicht dass ich mich auf das Insulin-Spritzen freue. Aber wenn mir das erlaubt, mich an den Dingen satt zu essen, nach denen mein Körper wirklich und lautstark verlangt, an Sommerfrüchten, lichtgetränkten Beeren und süsssaftigem Juli-Obst, dann, nun gut, so sei es.
Ich möchte wieder an den Himbeersträuchern vorübergehen dürfen und mir sorglos Beeren frisch vom Strauch in den Mund schieben. „Aprikosen satt“ anstelle von der „kleinen Handvoll“, wie die Ernähungsberaterin es mir verschrieben hat.
Und ganz, ganz ehrlich; ich freue mich auch auf Eiscreme und Geburtstagstorte, wenn dann meine Grosse Ende Juli ihren 10.Geburtstag feiert…

Was wächst sonst noch im Gärtchen diesen Sommer?
Hm…
Der Aprikosen-Spalier trägt grüne Früchte. Sie sind dick und unversehrt und sehen vielversprechend aus. Genauso wie die Quitte in der Mitte der Meerschweinchen-Wiese. Oder der Feigenbaum vor der Laube. Nachdem wir aber von all den einstmals im grünen Stadium noch prall und fest aussehenden Miniatur-Kirschchen keine einzige ernten konnten, halte ich nicht fest an meinen Hoffnungen; es reift, was reift. Und was verschwindet (wie die Kirschen) oder Vögeln, Käfern, Raupen zum Opfer fällt, das… geht eben zurück zur Natur. Eine Opfergabe an die Kräfte dieses wunderbaren Grünens und Reifens, ein Geschenk an all ihre winzigen, gefiederten oder pelzigen Mitarbeiter, die in diesem Kreislauf ihren Teil beisteuern.
Es ist auch irgendwie ein Glück, nicht von dem leben zu müssen, was wir hier anpflanzen, was wir hegen und pflegen oder auch einfach wild vor sich hinwachsen lassen. Gelassenheit und ein Stück weit frei zu sein von jeglichen Gärtnerinnen-Sorgen, das ist etwas, wofür ich extrem dankbar bin im Moment. Alles, was ich als Segen empfinden darf ohne gleichzeitig Gefahr zu laufen, eines Tages über seinen Verlust trauern zu müssen, ist gut.
Ach ja; wir haben auch Fenchel. Zum ersten Mal überhaupt. Der gehört den Meerschweinchen und Schwalbenschwanz-Raupen, von denen gerade prächtige 8 Kokons im Schmetterlings-Hotel metamorphosieren. Fenchel mögen wir nicht sonderlich. Die Raupen und Meerschweinchen schon. Und er sieht entzückend aus in den Beeten.
Gleich daneben wachsen Salate für unsere Sommermahlzeiten. Kohlrabi zum Dünsten und Dippen. Ringelblumen und Horteniesn für Auge und Herz. Pfefferminze, Thymian, Rosmarin und Zitronenverveine als Kraftspender und Naturmedizin. Winzige Äpfelchen, Birnen, üppige Holunderbeerendolden, Zwetschgen, Cassis. Es wächst so vieles… aber von allem nur wenig. Ob wir im Herbst überhaupt in einen Apfel, eine Birne, eine Zwetschge beissen werden, bleibt eine momentan noch unbeantwortbare Frage; manches gedeiht prächtig, anderes nur zögerlich oder gar nicht. Und selbst das, was wächst, reicht kaum je aus, um zu Vorräten zu werden. Ein paar frische Sommer-Herbst-Mahlzeiten, und alles ist weg. Bis auf die Johannisbeeren vielleicht. Oder die Quitten. Zuverlässig jedes Jahr füllen sich die Regale im Keller mit hausgemachtem rubinrotem oder honiggelbem Gelée. Gerade steht eine Schüssel neben mir voller kleiner, leuchtend roter Beerchen, aus denen ich Beeren-Muffins machen möchte, um meinen Erstgeborenen heute abend von einer Camping-Woche wieder zuhause willkommen zu heissen…

Mein Garten ist alles für mich. Zufluchtsort. Naschparadies. Heilmittelstätte. Lebens- und Lebendigkeits-Raum. Berührungspunkt zwischen mir und Mutter Erde. Meerschweinchen-Streichelzoo, Spielwiese, Ort, an dem sie Seele baumelt und kleine Piratenkinder schaukeln. Lehr- und Lernreich. Grünes Märchenschloss. Blühendes Versprechen. Manifestierter Sehnsuchtsgedanke. Hunger nach mehr.

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mein Eden

Der frühe Morgen ist längst vorbei, es geht gegen Vormittag und die Sonne lacht mir vom Himmel entgegen. Es ist so warm, dass man an Mittsommer denkt und die heissen, trockenen Tage wecken Erinnerungen an vergangenen Sommer, einen Sommer, der die Wüste in die Schweiz brachte, ein beinahe landesweites Feuerverbot und Wasserknappheit rundherum, aber auch herrliche Zeiten der Freiheit unter blauem Himmel, plantschend und lümmelnd faul und einfach nur herrlich, herrlich, herrlich
Genau so habe ich mich auch gestern gefühlt.
Und vorgestern.
Befreit.
Wieder mit weiter Lunge atmend.
Belebt, erfrischt durch eine ungefilterte, kräftig-optimistische Natur, die nichts weiter will als wachsen, gedeihen, grösser, weiter, unbändiger werden, neue Wurzeln setzen und alle Äste strecken. Was ich tief in mir drin nachfühlen kann und irgendwie, ganz ohne es zu wollen, sofort imitiere. Der Sommer macht mich kräftiger. Es ist die ganz unmittelbare Sinnlichkeit, diese geballte Ladung an Licht, Wärme, der eindringliche Wechsel an Empfindungen, die an einem einzigen warmen Sommertag im Freien (in Freiheit!) auf mich einströmen und gefühlt werden wollen: Sonnenglut, Hitze auf meiner Haut, der erste Schock an Kälte, wenn ich ins kühle Wasser steige (ein Kinderplantschbecken reicht mir ja schon aus im Moment), das Kribbeln, während alle Feuchtigkeit von der Sonne aufgesogen wird, Kontraste, süsse, kalte Eiscreme, geeister Kräutertee aus Minze und Zitronenverbene, das Platschen meiner Füsse auf den brennenden Steinplatten der Gartenwege, kitzelndes Gras auf meinen Fusssohlen, das Lachen der Menschen, der Frieden äsender Tiere, die Stille eines frühen Morgens, wo die Wiesen feucht sind und frisch, die Luft aber von Minute zu Minute mehr von der kommenden Mittagshitze spricht. Die Hitze lässt keinen Platz für grosse Gedanken, Sorgen verpuffen sofort. Alles was möglich ist, ist zu fühlen, das Aufnehmen dessen, was der Moment an mich heranträgt, ganz unmittelbar, mit hellwachen Sinnen.
Ich öffne mich wie eine Blüte.
Und alles ist gut.
Vollkommen für den Moment.

Augenblicke wie dieser, ich in der Hängematte unter einem blühenden Holunder, der dann und wann seinen süssen, betörend heimeligen Duft zu mir hinüberweht, leise schaukelnd, die Hände auf dem prallen Bauch, in dem es strampelt und lebt und rundherum das blanke Glück der Menschen- und Tierwesen, summende Bienen auf Thymian, pelzige Gesellen vor dem Stall, Kinder, die mit Gejauchze und Geplatsche ins Wasserbädli springen… Zeit die stillstehen sollte. In meinem Kopf bilden sich Visionen. Zukunftsträume werden wieder wach, Träume vom Hof, von Färbe- und Heilpflanzen in einem üppigen Garten, von Ziegen und Schafen und handgesponnener Wolle und wie ich mit meinen Töchtern und meiner Mutter an einem sonnigen Nachmittag Garne färbe oder Kursgästen selbstgemachten Eistee und Beerenmuffins serviere. Ein bisschen glaube ich fast, dass sie wahr werden können, diese Träume, aber nur ein bisschen. Und das ist mir genug. Was ich bin und habe, scheint gross genug zu sein in diesem Moment. Gross genug, um mich auszufüllen mit Freude, Dankbarkeit, Zuversicht.
Wunschlos.
Oder so gut wie.
Sonderbar wie viel die Magie des Sommers auszurichten vermag. Sie wischt alle Dunkelheit fort. Alles Hadern und Klammern. Löst Starrheit und Sturheit und lässt die Dinge neu fliessen.

Bei Instagram habe ich geschrieben:
„Hundstage Anfang Juni. Und ich liebe sie! Ich finde kaum Worte, um zu beschreiben, wie glücklich mich die Sonne, die Pflanzen, dieser wunderbare, kleine, unvollkommene Garten, die Insekten- und Tierwelt gerade machen… Das alles ist meine Medizin. Nach all den harten Monaten voller Übelkeit und Hadern mit mir, den Umständen und meinem überforderten Körper, nährt mich nun der Frühling, der erste Hauch von Sommer, und dieses Heilmittel ist hochpotent, ich spüre es mit jeder Faser meines Seins.
Vielleicht werde ich heute doch noch einen kleinen Blogpost schreiben… Die Worte kommen immer. Irgendwie. Ich muss bloss den ersten Buchstaben setzen…“

Und genauso ist es auch. Die Worte kommen. Ich muss sie nicht rufen, sie rufen mich und ich gebe ihnen Raum, weil ich sonst berste vor überfliessender Liebe, der Liebe zu meinen Pflanzen, den Bäumen und Büschen und Blumen in meinem Garten, die ich jeden Morgen aufs Neue mit hüpfendem Herzen begrüsse, so als wären es Freunde, die mich in ihrem?… meinem?… unserem Reich willkommen heissen. Mein Garten bildet die Oase, in der ich Zuflucht finde. Vor allem Übel dieser Welt. Wo ich heil werde und satt. Mein kleiner Garten Eden.
Eden.
Ein wunderschöner Name…

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