Archiv der Kategorie: Jahreszeiten

ein Bild erzählt: painted

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Und manchmal hilft ein Bild auch, Worte zu finden, Dinge neu zu sehen, den Moment besser zu erfassen, den Alltag zu ent-wirren, Alltags-Erinnerungen zu schaffen. So wie hier.
Ein Bild erzählt

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Es herbstet vehement. Draussen wir drinnen. Als ich gestern abend durchs Dorf ging auf dem Weg zum Sommerlager-Rückblick unserer Jugendgruppe (wo Kind1 sich zum allerersten Mal als neuer Jugendleiter vorstellte *atemhol*), sah ich schon ganze Altblattreigen zu meinen Füssen. Und der Holunder im Garten kam mir heute morgen auch mächtig verfärbt vor. Wie gemalt. Alles. Und die Farben wechseln permanent.
Drinnen liegen orange-braune Kürbisse, mein Lieblings-Taprootcover mit den herrlich frischen Farben wird wohl demnächst von der aktuellen Ausgabe abgelöst werden, sobald sie bei mir eintrudelt und das Toskana-Zypressenbild von Kind1, das er für den Kunstunterricht in der Schule gemalt hat, passt so gut zu all den warmen Tönen, dass ich es einfach aufstellen musste. Ausserdem gefällt es mir. Genauso wie die kleine Papierkuh, der mein grosses Mädchen eine frech grüne Zunge verpasst hat “damit sie einfach mal anders aussieht”.
“Der Schuss von der Kanzel” ist natürlich gymnasiale Schullektüre. Kind1 hat sie beim Heimkommen schaudernd hier abgelegt.
“Schon der erste Satz hat mir den Spass verdorben”, sagte er, “also eigentlich schon das erste Wort, genau genommen.”
Ich öffne das Booklet und lese die erste Zeile: “Zween geistliche Männer stiegen in der zweiten Abendstunde eines Oktobertages vom hochgelegenen Uetikon nach dem Landungsplatze Obermeilen hinunter.” Dann lese ich mich querfeldein ein bisschen weiter.
Kind1 hebt die Brauen. “Sag bitte nicht, dass es genauso weiter geht.”
“Nein”, sage ich, “es geht nicht so weiter. Es wird schlimmer.”
Dann muss ich lachen.
Wie himmelweit sich die Literatur doch verändert hat im Laufe der Jahrzehnte. Und mit ihr die ganze Welt.
Trotzdem wird das Buch, das ich mir als nächstes bestellen will, auch ein eher älteres sein: “Der bunte Schleier” von M.S. Maugham -geschrieben immerhin 1925- hat mich in seiner wunderbar zartfühlenden, poetisch-tragischen Verfilmung derart bewegt, dass ich mich dem Zauber (oder Bann?) nochmals für eine Weile stellen werde. Diese Geschichte verdient es, darin zu ertrinken.
Und irgendwie stimmt heute hier alles. In seiner Choreographie, meine ich. Leise Melancholie. Welke Blattecken. Das Haus ist still. Alle ausgeflogen. Ich ahne den Herbst, und zum allerersten Mal in meinem Leben wünschte ich, der Sommer könnte noch etwas länger bleiben. Gleich werde ich den PC ausstellen und mir eine Tasse schwarzen Tee aufgiessen, ein kleines Ritual, das mir geblieben ist von meiner Teehändler-Lektüre. Dieser Herbst wird buchlastig, denke ich. Ein bisschen verträumt vielleicht. Es gibt so viel nachzudenken und nachzuhorchen.
Der Herbst, reicht mir die Hand.

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ein Hauch von Afrika

Gerade ist es viertel vor sieben abends, wir haben gegessen (Nudelsalat mit Bohnen und Tomaten) und die Mädchen spielen alle zusammen oben im gelben Zimmer mit der hölzernen Brio Bahn, während die Jungs unten im Keller lautstark Goals beim Tischfussball schiessen. Es ist einer dieser selten gewordenen stillen Momente, in denen ich Atem holen kann- und dank Scheuklappen, die das Chaos auf dem noch immer nicht abgeräumten Küchentisch einfach ausblenden, einer der Augenblicke, in denen ich mich hierher schleichen kann, in meine kleine Ecke virtuelle Welt, um zu schreiben und etwas von dem festzuhalten, das meinen Alltag gerade prägt.
Es ist viel los im Moment. Aber das ist es ja eigentlich immer, oder?
Müsste ich alles, was mich so umtreibt und gerade beschäftigt auf einen einzigen klaren Nenner bringen, ich würde… “Sich-einfinden” wählen. Dieser Sommer war unheimlich schön, finde ich. Es gab Hotspot-Phase, klar, aber alles in allem war es ein Sommer, der mich wieder ein wenig zu mir selbst zurückfinden liess und nicht nur meinem Körper, sondern auch meinem Seelenleben so was wie Heilung schenkte. Manches, das ein bisschen gar schief verruscht war in meiner Familie in den Monaten davor, wanderte wieder zurück an sein Plätzchen, Spannungen legten sich, Probleme lösten sich in Luft auf, und ich kam soweit zu Kräften, dass es sich wieder ganz leicht und natürlich anfühlt, rund um die Uhr Mutter zu sein und Augen, Herz und Ohren offen zu halten für die Geschichten, Nöte und Gespräche rund um mich herum.
Und nun ist dieser Sommer vorbei.
Die Schule hat uns wieder. Und mit ihr straffe Stundenpläne, das emotionale Miteingebundensein mit meinem Ältesten am  Gymnasium, wo vieles nicht unbedingt so läuft, wie ich es erwartet hatte und mich der enorme Leistungsdruck manchmal regelrecht schockiert, mit dem diese noch so jungen Menschen heute klar kommen müssen (und das in einer Zeit ihres Lebens, in der rein biologisch doch eigentlich ganz andere Dinge wichtig wären für sie…). Er macht es nicht schlecht, mein Junge, das nicht. Aber ich sorge mich manchmal doch um ihn, sehe seine Augenringe und die Herausforderung, die es bedeutet, den eigenen Platz im Leben zu finden.

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Auch mein fünfjähriges Pausbackenkind (das ihr oben auf dem Kindsgi-Lesesofa seht) läuft nun mit in dieser Tretmühle names Schule, und auch wenn es bei ihr nur der Kindergarten ist, ein Stückchen heile Welt noch, in der so viel Schönes und Märchenhaftes auf sie wartet, habe ich Mühe, zuzusehen, wie sie immer wieder strauchelt und sich aufraffen muss, um weiter zu gehen: Die ersten beiden Kindergartenmorgen waren keine grosse Sache, doch schon am Tag 3 flossen Tränen beim Abschied und ich musste mich regelrecht losreissen, um überhaupt wieder aus dem Kindergarten hinaus zu kommen. Damit hatte ich vielleicht gerechnet, vielleicht auch nicht, aber so richtig vorbereitet war ich nicht auf ihre Traurigkeit und ihre Angst vor dem Weggehen. Ich begleite sie nach wie vor bis zur Kindergartentüre und warte mit ihr, bis die Kinder von der Kindergärtnerin begrüsst werden. Aber dann muss ich gehen, klar. So ist das nun mal, da gibt es kein zurück mehr.
Es ist ja nicht immer so schwer für sie. An manchen Tagen geht der Abschied leicht und schnell, an anderen weint sie schon den ganzen Weg zum Kindergarten.
Was mich aber beruhigt: Ihre Tränen scheinen jedes Mal rasch zu versiegen, kaum bin ich wieder auf dem Heimweg. “Heute habe ich gar nicht geweint im Kindergarten”, erzählte sie mir heute mittag ganz stolz, “nur am Anfang, aber dann hatte ich sogar Spass!”
Ich denke, sie wird ihren Weg machen. Und an den Schwierigkeiten wachsen. Sie war immer sehr verbunden mit mir und stets die zurückgezogene, kleine Träumerin, als die sie geboren ist. Nun gibt es Neuland für sie, in dem sie sich umsehen und zurechtfinden muss- und wo sich alles mögliche Neue entdecken lässt, sobald sie bereit ist, sich darauf einzulassen.

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Irgendwie war klar, dass ich sie nicht ganz ohne ein wenig vernähte Mama-Liebe ziehen lassen wollte. Oder konnte. Ich hatte es lange hinausgeschoben, doch kaum stand der erste Kindergartentag vor der Tür, musste ich mich einfach hinsetzen und ein wenig nähen- zum ersten Mal seit Monaten, und mit einer gehörigen Portion Unsicherheit. Es kam mir alles fremd vor, das Stoffeschneiden, das Nähen, das Stecken und das ewige Hin und Her zwischen Bügelbrett, Tisch und Nähmaschine. Stricken hingegen fühlt sich mittlerweile an wie eine zweite Haut, bequem und ohne grosse Umstände.
Der kleine Turnbeutel, den ich meinem Mädchen dann zusammengeschustert habe (und den das kleine Schwesterchen unerlaubterweise immer wieder stibitzt), passt prima. Er ist rot und stabil, passt bestens zum Znünitäschli, das sie von ihrer grossen Schwester übernommen hat, und der alte Gardinenstoff, den ich hier vernäht habe, steckt voller netter Tiere, Giraffen, Zebras, ein paar Elefanten, ein Hauch von Afrika, der sie nun jedes Mal zum Kindergartenturnen begleiten wird.

Ja, es wird sich alles finden. Einspielen. An Routine gewinnen und irgendwann zur Selbstberständlichkeit werden. Ich bin dankbar, dass ich wieder ich genug bin, um wirklich da zu sein, wenn sie mich brauchen. Auch jetzt. Jetzt besonders.

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aus dem Leben

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Wenn ich nicht genau wüsste, dass wir Juli haben und so gut wie mitten in den Hundstagen stehen, ich würde kaum glaube, dass Sommer ist. Draussen klöpfelt der Regen gegen die Fensterscheiben und die regenscheuen Meerschweinchen rennen von Häuschen zu Häuschen, um das frisch gesprossene Gras der Wiese zu knabbern. Es ist kühl. Mich zieht es zu Wollsocken und heissem Tee und ich lege einen Zahn zu beim Stricken meiner blauen Wolljacke.
Gestern abend überfiel mich eine leise Melancholie. Eine Ahnung von Herbst.
Herr Kirschkernzeit ist zu einem Lager aufgebrochen und hat zwei unserer Kinder mitgenommen. Das Haus ist unvertraut still und wirkt viel zu gross für mich und das Übrigbleibsel meiner Schar. Dankbar registriere ich die eingespielten Spätabendschwätzchen mit Kind1 auf dem Sofa, wo wir uns alles mögliche zu Knabbern in der Küche zusammensuchen und zusammen auf den Polstern fläzen und plaudern und Sprüche klopfen (eine Eigenart von uns beiden, der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm.) Diese Zeit ist mir heilig. Sie kommt vor allem anderen. Auch vor dem Stricken (Multitasking ist nicht so meine Stärke). Und vor dem Schreiben.
Trotzdem fehlt mir die stille Zeit fürs Texten. Ich habe Fotos geknipst von meiner blauen “Quill”, die längst schon fertig geworden ist (aus diesem traumhaften Garn hier). Ein Mützenpost steht auf meiner wie immer ellenlangen Todo-Liste, von dem ich nicht weiss, wann ich ihn fertig bringen soll. Die Fotos sind keine Kunstwerke. Genausowenig wie meine Posts in letzter Zeit. Sie bleiben klein und spontan und ein wenig unfokusiert, eingequetscht zwischen den turbulenten Lebensmomenten, die diesem Lebensabschnitt wohl eigen sind.
Aber nun zurück zum Alltag. Meine beiden daheimgebliebenen kleinen Mädchen spielen gerade recht friedlich mit ihren Kuscheltieren und einem grossen Korb Puppenwäsche. Ein rarer Moment der Einingkeit, denn sie zanken sich sonst meistens wie Waschweiber *grins*. Ich bin also auf der Hut. Und heute erwarte ich Besuch. Von einer alten Dame, die sich saubere Böden und ein tadelloses Bad wohl gewöhnt ist. Es gibt also noch viel zu tun…

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Vom Frühling zum Sommer

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Ja, der Wechsel war recht hart, in diesem Jahr; Der Mai war lange Zeit so kalt und zurückhaltend in seinem Frühlingsein, dass an Sommer eigentlich kaum zu denken war… und dann, urplötzlich, entschloss er sich, Nägel mit Köpfen zu machen und stellte gegen Ende ruckzuck um, auf volles Sommerfeeling. Schon seit Tagen schlafen wir nur noch mit rotierenden Ventilatoren nebem dem Bett. Ich schliesse alle Fensterläden, die gegen Süden zeigen, um die Sonne wenigstens ansatzweise auszusperren, doch gerade im mittleren Stock, wo mein Schlafzimmer liegt, das wir immerhin zu viert teilen, klebt die Hitze den ganzen Tag und die halbe Nacht lang wie zäher, heisser Teer.
Trotzdem bin ich glücklich, so glücklich wie man es eben sein kann, in einer Zeit, in der eine Schreckensmeldung die andere ablöst und keine Woche vergeht, ohne dass irgendwo auf der Welt Menschenleben grotesk-radikalen Ideologien geopfert werden. Genau in diesen Zeiten, ist es ein kleines Wunder, ein Stückchen Frieden, dieses Leben zu sehen da draussen vor meiner Tür, all das Grün, die Vogelchöre von den Baumwipfeln der umliegenden Bäume, die Bienen und Falter, die ab und zu einen Halt einlegen an den Beerenblüten oder den wunderbar duftenden, schneeballenweissen Holunderdolden. Ich hatte, gerade zu Anfang dieses… Sommererwachens eine fast schon manische Phase, in der ich glaubte, alles schaffen zu können, was ich mir nur vornahm. Ich putze wie verrückt, stellte mir haufenweise Strickprojekte zusammen und freute mich unsagbar über die beiden umwerfend schönen Strangen Wolle (“The Yarn Collective DK”) in Waldgrün (“Moss” 107) und Meerblau (“Oz” 106), die von “Love Knitting” aus Deutschland zu mir geschippert kamen, und ich hätte Bäume ausreissen können mit nur einer Hand.

An der Wolle freue ich mich immer noch. Sie ist zauberhaft, schlichtweg ein Traum, so weich und leuchtend, und ich hoffe, meine Strickträume werden irgendwann in naher Zukunft damit Gestalt annehmen. Ein frisches, mossgrünes und, wie ich finde, sehr spezielles “Mimi-Zwergenmützchen” für meine Kleinste wäre schön. Und eine neue Mütze (vielleicht nochmals die hier?), aus dem blauen Strang natürlich, für meine Grosse, die es geschafft hat, in nur einer Wintersaison zwei mamagestrickte Kappen und eine Jerseyjacke zu verlieren… Die Wolle lockt mich. Magisch. Wie immer. Aber gleichzeitig fühle ich die Erschöpfung auf mir liegen wie ein Sack voller Steine. Ich schaffe kaum noch, was ich mir vornehme, bin nach 17 Uhr schon so schlapp und nervlich am Ende, dass ich jeden Versuch, wenigstens die Kinder zum Aufräumen ihrer Sachen zu bewegen, fast schon gleichgültig fallen lasse…
Jede Bergfahrt hat ihren Talgang. Nach der Euphorie des So-was-wie-Sommer-Startes holt mich nun die Realität meines Körpers ein, und die lautet: Ich bin niemals unerschöpflich. Ganz im Gegenteil.
Das merkwürdige ist allerdings, dass ich nachts oftmals nicht recht zur Ruhe komme, obwohl ich den halben Tag schon müde vor mich hinplänkle.

Gestern verbrachten wir mit den Kindern herrlich sonnige Stunden am Fluss, mit nackten Füssen auf sonnenwarmen Steinen und so viel Grün und Wildnis um mich herum, dass ich eins ums andere Mal nur denken konnte: Wie schön! Wie konnte ich nur vergessen, wie unglaublich schön es hier ist!
Es muss Jahre her sein, dass ich das letzte Mal am Wasser war. Und obwohl ich spürte, wie wohl es mir tat, das viele Licht, die laue Luft, das Wasser, die ganze geballte Urkraft der Natur… als wir am späte Nachmittag heimkehrten fühlte ich mich schlapp und ausgelaugt, wie ein Pflantschbädli mit weit offenen Ventilen, auf dem ein ganzes Rudel Nilpferde Samba getanzt hat. Ich konnte nur noch essen (dieser Hunger!), die Kinder zu Bett bringen (während Herr Kirschkernzeit, dieser Jungspund, sogar noch fit genug war für einen Einkaufsbummel bei IKEA) und ein bisschen lesen (in einem Buch aus den 50ern, das ich schon einmal gelesen und aus lauter Liebe über schon viele Jahre behalten habe). Überhaupt lese ich im Moment ungewöhnlich viel. Ja, ich ertappe mich dabei, wie ich, kaum schlafen die Kleinen, ganz selbstverständlich zu meiner Nachttischlektüre greife und einfach liegen bleibe, obwohl unten neben dem Sofa doch das lilamelierte Sommerjäckchen meiner Tochter im Strickkörbchen liegt und darauf wartet, bis Anfang Juli zuende gestrickt zu werden…

Es sind faule Tage. Gewissermassen. Im-Bett-lieg-Tage mit Badefragmenten und einem wahren Heisshunger auf alles, was Energie schenkt. Sommertage nehme ich an.

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