Vor einer Weile fand ich irgendwo in der hintersten Ecke meiner Gerümpelkammer eine lindgrünes, gehäkeltes Knäuel, ziemlich zerknautscht und lieblos in die Versenkung gepfeffert. Ich nahm es zur Hand und faltete es auseinander: meine “alte”, niemals getragene, niemals hier gezeigte aber eigentlich längst fixfertige Häkelweste (die in ein paar alten Posts ein bisschen hervorblitzt, zB. hier, hier und hier) …

Ich weiss noch, wie euphorisch ich sie angefangen habe, damals… Ist es wirklich schon bald ein Jahr her? Das wunderschöne Bild dieser Weste bei Drops versetzte mich in einen regelrechten Häkel-Rausch, und obwohl ich nun wirklich nicht sonderlich gut häkeln kann (was sich dann auch zeigte ein bisschen später), stürzte ich mich hinein in feste Maschen, dreifache Stäbchen und all die Freuden und Tücken dieser Art von Handarbeit. Im festen Glauben daran, alles schaffen zu können, mit ein bisschen Hilfe vielleicht und etwas Zeit. Jaja, Sturm und Drang und ihre Flügel…

Ich weiss aber auch noch, wie sich erste Fehler einschlichen und ich Dutzende von Reihen wieder auflassen musste. Und wie die Euphorie so langsam einem nagenden Zweifel wich. “Kann ich das überhaupt? Stimmt das Häkelmuster wirklich so? Wird mir diese Weste denn auch passen?”

Tja, und schlussendlich, nach scheinbar endlosen Abenden mit der “Bill Crosby Show”, einer hin und her flitzenden Nadel zwischen einem Gewirr aus grünem Garn (“Safran” von Drops übrigens) und einem immer flauer werdenden Magen – denn ich war inzwischen schwanger geworden- hielt ich sie in den Händen, meine fertige, lindgrüne Häkel-Weste.
Ich probierte sie sofort an.
Und war alles andere als begeistert. Nichts passte. Nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. (Bis auf die Farbe vielleicht).
In einem Anflug von Optimismus gab ich dem Ganzen eine neue und letzte Chance und häkelte Ärmel daran…

Aber nicht einmal das machte die Sache besser: Weil ich die Arm-Ausschnitte tiefer gesetzt hatte, damit mich die untere Armnaht nicht einengt unter den Achseln, schimmerten beim Ärmel die Achselhöhlen zwischen dem Passenmuster durch, was einfach irgendwie vollkommen falsch aussah…
Ich liess den Ärmel wieder auf, nähte, aller Enttäuschung zum Trotz, noch die kleinen Holzknöpfe an, die ich mir extra gekauft hatte und schmiss dann frustriert das Handtuch. Und diese kleine Weste in jene Ecke, wo ich sie vor Kurzem erst wiederfinden sollte.
Aber… nun ja… was soll ich sagen?
Ich zog sie mir, mehr aus Neugierde, noch einmal über, diesmal mit nicht mehr ganz so flauem Magen, dafür mit einem schwellenden Bauch, in dem das Leben strampelte …

Und seither habe ich sie kaum mehr ausgezogen!
Denn jetzt passt sie! Wie durch ein Wunder! Sie passt hinten und vorne und überall, vor allem rund um meinen Babybauch, den sie wunderbar weich umspielt und sanft einpackt, wenn ich die unteren Knöpfe auch noch schliesse. Als hätte sie nur auf meine neuen Rundungen gewartet… Eine Babybauch-Weste. (Und darunter, mein geliebtes, neues Babybauch-Kleid, das mir Sanne Fliedermütterchen geschickt hat, dieser Engel, und das ich nun auch fast Tag und Nacht trage.)

Ich weiss nicht… irgendwie macht sie mich glücklich, diese Weste. Auf eine ganz sonderbare Art und Weise. Vielleicht, weil ich durch so viele Emotionen gehen musste, bei ihrer Entstehung. Durch Euphorie, leise Verzweiflung, Hoffnungsschimmer und all die anderen, ganz schrecklich intensiven Gefühle, die mich durchschüttelten im letzten Herbst und jener ersten Zeit der Schwangerschaft, in der es mir körperlich wie seelisch wirklich nicht gut ging und wo sich plötzlich auch ganz andere, ein wenig verdrängte innere Kämpfe wieder meldeten…
Es gab manche Momente, wo ich nicht mehr weiter wusste, wo ich mir schlichtweg das Licht am Ende des Tunnels fehlte. Und manchmal hätte ich am liebsten alles hingeschmissen. So wie meine Weste, an der mir alles krumm und schief und vergeblich erschien.
Und heute?

Heute sehe ich die Welt mit anderen Augen.
Da ist dieses kleine Wesen in meinem Bauch, da sind zwei Jungens und ein kleines Mädchen, die zu mir gehören wie meine eigenen Hände und ein unglaublicher Mann an meiner Seite, den ich liebe und der mich liebt, immer. Da ist ein lila Zimmer, in dem ich mich so wohl fühle und ein Leben, das erst anzufangen scheint, das jeden Morgen neu beginnt und es sich nicht nehmen lässt, sich trotzig immer wieder alles zu wünschen und ein bisschen zu träumen…
Und das ist eine kleine, nicht sonderlich spektakuläre Häkelweste, die mir einmal mehr gezeigt hat, dass es stimmt, was die Leute manchmal sagen: Alles wird gut. Bestimmt.




















