Archiv der Kategorie: Familienalltag

Oktobergedanken

Es ist eine sonderbare Zeit. Alles scheint unsicher, die Wellen schlagen hoch. Amerika wühlt sich selber auf in seinem Kampf um die richtige Wahl des neuen Präsidenten. Ganze Länder bleiben eingesperrt hinter geschlossenen Türen und Fenstern und hoffen auf ein Ende der Pandemie. Die Schweiz kürzt Freiheiten und hadert mit dem Schulterschluss in einer Gesellschaft, wo die immer drastischer werdenden Massnahmen gegen Corona den einen zu lasch, den anderen zu hart erscheinen… Ich spüre eine wachsende Unsicherheit. Die Enttäuschungen rund um mich herum -weil Märke nicht stattfinden, bereits eifrig geprobte Konzerte abgesagt werde, Familien sich voneinander abkapseln und man sich immer mehr isoliert in seiner eigenen Blubberblase wiederfindet- schlagen sich als trostloses, dumpfes Grundgefühl in mir nieder.
Aber auch so fühle ich mich irgendwie ein wenig verloren. Im Laufe dieses unsteten Jahres haben ein paar der Grundpfeiler, auf denen ich stehe, zu wackeln begonnen. Ich denke, sie waren längst morsch, von innen heraus am Kränkeln, doch nun kommt ihre Instabilität ans Tageslicht. Von Glaube, Liebe, Hoffnung steht vor allem die Liebe, doch der Rest macht mir Sorgen. Ich wünschte, ich könnte besser beten. Aber manchmal weiss ich nicht mehr so recht, zu wem. Und meine ehemaligen Träume vom Landleben und all dem sehe ich zerrinnen und versickern wie Schneemänner im Regen.
Dabei habe ich es eigentlich gut. Meine Familie ist gesund, mein Mann die Liebe meines Lebens, mein Heimat-Hafen steht fest und bleibt standhaft. Ich meine, Herz, was willst du eigentlich noch mehr?

Gestern habe ich frische Wolle aufgewickelt und Blumenzwiebeln gesetzt: Wolle für warme, weiche Wintersocken, Traubenhyazinthen und Krokusse als kleine Hoffnungsschimmer für ferne Zeiten ohne Laub und Grün, wenn das Kahl des Winters einem schlussendlich langsam krank macht.
Und krank will keiner werden, jetzt schon gar nicht.
Es ist schön, Wolle zu einem dicken Ball zu winden. Es tut gut, Zwiebelchen in dunkle, feuchte Erde zu packen und zu wissen, dass sie dort zu bunten Überraschungen werden. Das erste Kistchen „Blumenzwiebeln in Blau“ habe ich gepflanzt, morgen geh‘ ich und kaufe mir ein zweites, diesmal „Blumenzwiebeln in Rot“. Weil Farbe genau das ist, was ich brauchen werde im nächsten Frühjahr. Und weil’s sowieso keine anderen mehr hat im Dorfladen.
Mein Kleiner hilft wacker mit. Immer und überall. Wenn auch auf seine Weise. Er läuft jeweils sofort los mit seinen Stiefelchen an den Füssen und der gestreiften Regenhose, ohne die ich ihn niemals je aus dem Haus lasse, weil all das Wollige, das er sonst so trägt, rein gar nicht geeignet ist für’s Heu und Stroh der Meerschweinchen-Arena (die wird gerade noch grösser, ach herrje!), für den Sand und die Matsche-Erde der Beete und Gehwege. Immer findet er etwas, das ihn fesselt. Er zieht die Wasserspender aus den Gehege-Gittern und nuckelt sie leer, wühlt in der Erde, patscht seine Hände in Pfützen und Schlamm, knabbert ausgiebig an den ausgerissenen Ausläufern der Minze, die mein Kräuterbeet zu überwuchern droht. Neulich fand er unter dem weggeräumten Sandkasten einen grossen Regenwurm, den er äusserst faszinierend fand- nur knapp konnte ich ihn aus seinen Fingern winden, bevor er ihn sich in den Mund steckte. Ich möchte wirklich nicht wissen, was mein Kleiner schon alles an Krabbelzeug probiert hat, in der Zeit, in der ich nicht hingeschaut habe…
Viel Freude hat er an Tieren. Die Meerschweinchen kann er stundenlang anschauen. Er streichelt sie mit einem einzelnen, ausgestreckten Finger, wenn man ihn lässt, und sein Kinderstimmchen wird immer ganz hoch und piesig vor Entzücken, sobald er sie im Garten herumwuseln sieht oder zwischen die Gittertürchen ihrer Ställe schaut. Er liebt alles Pelzige, Weiche, Kleine. Ziegen besonders, die besuchen wir fast jeden Tag, wenn wir auf einem unserer kurzen Spaziergänge beim Hof des Biobauern vorbeikommen. Dann säuseln, flöten und strahlen wir zwei gemeinsam, denn Ziegen mag ich auch unglaublich gerne, da werde ich richtig kitschig, wenn ich sie über ihren festen Mäulchen auf dem Nasenrücken kraule oder zwischen den Hörnern streichle und mir zum hunderttausendsten Mal wünsche, wir hätten genügend Platz für eine eigene kleine Herde.

Gerade schaue ich mir „Anne with an E“ auf Netflix an. Zum zweiten Mal. Die ganze Serie. Und ich finde sie wunderbar.
Auf meinem Nachttisch liegt „The Gentle Art of Domesticity“ von Jane Brocket aus den frühen 2000er-Jahren, und ich bin erstaunt über die ungebrochene Faszination, die dieses Buch (eigentlich eine Sammlung von Blogposts) auch nach Jahren noch auf mich ausübt. Genauso überrascht und überwältigt mich die leise Melancholie, die in mir hochsteigt, während ich Seite um Seite umblättere und mir bewusst werde, wie sehr die Zeiten sich geändert haben. In meinem eigenen Leben genauso wie beim Bloggen, wo die Umbrüche nicht länger zu übersehen sind. Kinder werden geboren. Und wachsen mir davon. Das kleine Bübchen, das gerade mit roten Backen neben mir liegt und leise atmend seelig schläft, wird vielleicht, wahrscheinlich, ich nehme es an, mein letztes Baby sein, und mit ihm entfernt sich in seinem Wachsen und Gedeihen ein ganzes Erwachsenenleben an Mutteridentität jeden Tag ein klitzekleines bisschen mehr von mir, Schrittchen für Schrittchen, Moment um Moment, heute vielleicht nicht sichtbar, aber morgen. Oder übermorgen. Und irgendwann ist das Nest leer.
Genauso werden Blogspost geschrieben. Gelesen. Vergessen. Blogs geöffnet und wieder geschlossen. Auch ich weiss nicht recht, wie es weitergehen soll. Manches hat sich verändert, auch in mir, ich bin vorsichtiger geworden, was Bilder angeht, zurückhaltender mit dem, was ich teile. Das alte Kleid will nicht mehr recht passen. Doch für ein Neues bin ich auch noch nicht bereit.
Es sind Zeiten der Umbrüche, Abbrüche, der Rätsel und Fragen.

Mein Vorhaben mit pflanzengefärbter Wolle und einem kleinen Shop habe ich auf unbestimmt verschoben. Bevor ich mein natürlich gefärbtes Garn verkaufe, will ich wissen, wie es sich verändert, wie die Farben wechseln und ob und wann sie unter welchen Umständen zu welchen Tönen welken. Ich möchte nicht, dass jemand sich über einen Strangen Schilfblüten-Grün freut und dann drei Monate später nur noch Braun in den Händen hält, so wie ich gerade. (Wobei ich das dunkle Taupe, das aus meinem schönen Olivgrün geworden ist, durchaus auch mag.)
Im Augenblick stehen meine Färbetöpfe leer. Die Hexenküche ist geschlossen. In den Schubladen lagern die ersten Wollstrangen in Gelb, Grün und Braun. Sie warten. Wie ich.
Um mich von düsteren Gedanken fernzuhalten, stöbere ich in meinen Bücherstapeln, am liebsten gerade zwischen alten und neuen Ausgaben von „Making“, wo ich jedes einzelne Magazin hüte, als wäre es mein Augapfel.
Es ist nicht so, dass ich massenhaft Zeit hätte. Weder zum Schmökern noch zum Stricken oder Nähen. Doch die Visionen, die mir hinter den Buchdeckeln entgegen springen, tun unwahrscheinlich gut. Sie bewegen meinen Geist und lenken ihn um in Richtung Morgen, Richtung Aktivität, Richtung Optimismus. Niemand, der sich mit Wolle und Nadeln hinsetzt und ein Sockenbündchen anschlägt, kann dabei pessimistisch bleiben. Dafür sorgen Garn und der Zauber eines Neubeginns.
In diesem Sinne… Ich denke, neben meiner violetten „Little Shore Cardigan“, den eben angefangenen Winter-Strümpfen und dem Zwergenmützchen Nr.XY, das ich schon längst für meinen Kleinen plane, gäbe es durchaus noch Platz für ein Projekt Nr.4. Obwohl ich mich meistens zurückhalte und kaum je an mehr als zwei Dingen gleichzeitig arbeite, der Ruhe und Ordnung und Erfolgs-Chancen wegen.
Aber, doch. Ich glaube, ein Projekt Nr. 4 muss jetzt einfach sein.
Ein einfaches Tuch aus Kuschelwolle? Diese wunderbaren fingerlosen Handschuhe? Oder dieser klassische Kinderpulli mit Perlmuster? So oder so; Alles ist schön. Alles, was inspiriert und den Funken zündet. In diesem Fall ist mehr -genau wie bei Wolle und Blumenzwiebeln- eben tatsächlich… mehr.

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Färben mit Rosmarin und ein Peret

Auf meinem Laptop lag Staub. Ich werde langsamer und langsamer, träger und träger. Aber das ist in Ordung, habe ich beschlossen. Es ist in Ordung, auch beim Bloggen und in der Kreativität Jahreszeiten zu haben. Einen Frühling, wo alles neu wird und frisch gedeiht. Einen Sommer, der mit Schwung vor sich hin läuft, wo die Nacht zum Tag wird und umgekehrt. Den Herbst, der sich auf die Dinge fokusiert, die sein müssen, der sich kümmert und vorsieht und wenig Platz kennt für Spielereien. Und dann ist da noch der Winter. Hibernation. Eine kühle, stille, wenig fruchtbare Zeit, die einfach ausgehalten werden will. Und auf der auch ihr Segen liegt.

Momentan pendle ich zwischen Herbst und Winter. Es gibt dunkle Phasen, es gibt hellere, alles dreht sich um Geduld, Zärtlichkeit und Akzeptanz, darum auch in den Turbulenzen eines Lebens mit Kleinkind (wo ist nur mein Baby geblieben?!) verlässlich zu bleiben und das Rad am Laufen zu halten, ohne zur Maschine zu werden. Alles ist spontan- und braucht gleichzeitig enorm viel Struktur und Organisation.
Für Sachen wie unbeschwertes Schreiben, mal eben ein paar Runden Stricken oder so scheint der Zeitpunkt einfach nicht richtig.
Darum stehe ich zu meinen Pausen. Hier. Bei Instagram. Auch im fassbaren Leben. Das Rad dreht sich. Aber langsamer. Weil alles andere saust und wirbelt und nur zu leicht in alle Winde verweht…
Die Farbe der grüne Wolle oben stammt übrigens aus dem Gartenbeet meiner Nachbarin. Ihr üppiger Rosmarinstrauch beeindruckt mit jeden Sommer aufs Neue mit seinen dicken, knorrigen Ästen und dem wilden Grün seiner Nadeln. Er scheint windschief und uralt. Auf seine Weise erfahren, nichts kann ihm etwas anhaben, weder Biese noch Hagel noch Frost oder die Unbarmherzigkeit der Julisonne.
Auf Instagram habe ich folgendes dazu geschrieben:

Kuschelwolle in einer ersten und zweiten Färbung mit dem üppigen Rosmarin meiner alten Nachbarin. Damit ich nicht vergesse. Wie schön der Sommer war, wie reich das Leben und die Freundschaft. Die Frau ist über 90. Jeden Herbst, wenn die Stare sich in den Baumwipfeln über unseren nebeneinander liegenden Gärten sammeln und ihr Reisegeplapper über die Dächer schallt, stehe ich mit ihr draußen auf dem Hof und schaue in den Himmel. Ich denke an die Flüchtigkeit der Zeit und hoffe auf ein Dejavue im nächsten Jahr. Wenn sich alles wiederholt. Wer weiss. Wer weiß wie viele Jahreszeiten nach über 90 noch möglich sind? Wer weiß wie oft sie noch im Garten stehen und ihren Rosmarin schneiden wird? Darum ist diese Wolle hier für mich etwas ganz Besonderes. Ich nenne sie „Queen Anne“.


Aus einer meiner ersteren Färbungen auf einem überfälligen Strangen „Cumbria Fingering“ ist ein Peret geworden; die Baskenmütze aus Elas Buch „Stricken durchs Jahr“, das schon viel zu lange fast unbenutzt in meinem Regal steht und mehr Staub ansetzt als mein Laptop. Obwohl es so schöne Projekte hätte. Für mich. Gerade für mich. Jäckchen und Mützen und Schals und Tücher. Wolliges in Reinform, schön und schlicht und kuschelig. Seit ich diese voluminöse, aber herrlich leichte Baskenmütze abgekettet habe, trage ich sie praktisch ununterbrochen. Sobald ich aus dem Haus trete. Mein braunes Homestead-Tuch, die jägergrüne, dicke Jacke, aus der Kind1 hoffungslos herausgewachsen ist, Alpaca-Handschuhe vom letztjährigen Kunsthandwerks-Markt, abgewetzte dunkle Lederstiefel. Und diese Mütze. In der alle meine Haare Platz finden, ob zum Dutt hochgedreht oder in vollen Zöpfen. Eine wunderbare Passform, so ein Peret. Ich fühle mich vorbereitet und wohl darin. Ganz ich, irgendwie.

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für meinen Kleinen: Playdate Cardigan

Ich bin wieder da!
Irgendwie freue ich mich selber, diese vier Worte zu lesen. Und das Ausrufezeichen. Ausrufezeichen sind fein. So emotional und spontan. Ich benutze sie öfter als mir lieb ist, aber warum auch nicht, wenn’s von Herzen kommt?
Jedenfalls fühlt es sich gut an, wieder hier am Laptop zu sitzen und in die Tasten zu hauen, dass es nur so knallt und klimpert. Virtuos sozusagen. Wenn ich schon nicht musikalisch bin.
Aber ein bisschen erleichtert bin ich trotzdem, dass neben mir eine Kamera voller neuer Fotos liegt, Bilder von Wolle hauptsächlich, von natürlich gefärbter Merinowolle und von Wolligem, das mein kleiner Spatz gerade spazieren führt, jetzt wo der Herbst seine Füsse felsenfest in die dunkle, kühle Erde krallt, nicht mehr loslässt, was ohnehin der Vergänglichkeit preisgegeben wird. Die Sonnenblumen bleiben tapfer, der Holunder hingegen hat aufgegeben und beim Wochenend-Herbststurm fast sein gesamtes Laub verloren. Durch die Lücken in den Ästen sehe ich den nahen Wohnblock. Mein Garten scheint so viel kleiner, wenn das natürliche Blättergehege drum herum in alle Richtungen verweht. Grenzen, die fallen. Schutz, der plötzlich fehlt. Geborgenheit, die sich auflöst. Dann möchte ich wegziehen, raus aufs Land, hinein in ein anderes Leben, fernab von Hauptstrasse und Wohnblock-Pilzen.
Vielleicht ein andermal.

Die Natur-Idylle vom Leben abseits von allem stelle ich mir immer so vor: Ich in einem handgenähten Leinenkleid, wie ich mir die mehligen Hände an der Schürze abwische. Ich habe Kuchen gebacken oder Brot.
Meine Grosse füttert die Ziegen mit Armladungen von Heu, sie krault die pelzige Stelle zwischen den Hörnern und nennt jede beim Namen. Die jüngeren Kinder spielen. Mit Puppen- und Katzenkindern, und der Wind streicht sacht durch ihre lose gewordenen Zöpfe. Die Jungs lesen, verbummeln die Zeit, treffen Freunde zum Fussball oder zum Reden und Nichtstun irgendwann irgendwo, vielleicht lernen sie auch, brüten über Hausaufgaben oder in Vorlesungen oder hantieren mit Werkzeug und nennen es Arbeit. Mein Kleinster steht neben mir. Wahrscheinlich hält er einen Teddy in der einen, meinen Rockzipfel in der anderen Hand. Das muss so sein. Auch wenn es einem erschöpft, diese Nähe und Verbundenheit zu und mit einem so süssen kleinen Wesen gehört zu den schönsten Geschenken eines Menschenlebens, wenn es mein Menschenleben ist.
Die Sonne scheint, aber zarte Wolkenschleier dämpfen ihre Kraft, machen sie weich und sanft und willkommen. Es riecht nach Freiheit, nach Reinheit und Geborgensein, nach einem Fenster, das immer offensteht, es sei denn die Nacht bricht an.
Und meine Kinder tragen Wolle. Ganz klar. Kinder auf dem Land tragen immer Wolliges, je kleiner desto ausschliesslicher, bis auf den Sommer, da sind es Leinenkleidchen und lockere Shorts, ein Sonnenhut vielleicht, aber niemals Schuhe.

Nun… mit der Familienidylle hinter den Sieben Bergen wird es wohl nichts mehr in diesem Leben (wobei man ja nie weiss, nicht wahr?). Doch Wolle findet heute schon Platz. Je kleiner desto ausschliesslicher, ich wiederhole mich. Darum stricke ich wacker und lasse nicht locker, bis jedes meiner jüngeren Kinder sein Jäckchen hat, seine mamagemachte Mummelschicht gegen den Herbst und seine Launen. Mein Kleiner macht den Anfang. Seine dunkle „Playdate Cardigan“ (von Tincanknits) ist so leicht, weich und zart, dass sie auch zum Sommerjäckchen taugen würde. Doch so lange kann ich nicht warten, das Kind wächst zu schnell, das Jäckchen nicht. Obwohl ich Grösse 1-2 Jahre gewählt habe, sitzt jetzt schon alles recht körpernah, die kleinen Glasknöpfchen (von dir, liebe Lisa!) spannen über dem runden Bäuchlein, während er turnend, rennend, kletternd wie ein Wirbelwind durch seine Kindertage fegt. Ich habe unten am Saum etwa 5 cm länger gestrickt als angegeben. Babys brauchen Wärme, keine rutschenden Pullis oder Jäckchen. Die Ärmel hingegen musste ich nochmals auflassen und präzise nach der Anleitung gehen, nachdem ich zuerst dachte, auch hier wären ein paar Runden mehr sicher nicht falsch.


Es ist ein feines Jäckchen geworden. Zart und luftig und vielleicht nicht ganz das Richtige für so ein wildes Rabauken-Kind wie meinen kleinen Knubbel, der vor nichts zurück schreckt (ausser vor Fremden) und das Abenteuer herausfordert.
Auf der anderen Seite… ich will diese Zeit nutzen. Geniessen. Vielleicht erschöpft dann und wann, vielleicht manchmal sehnsüchtig und mit zu vielen Blicken nach links und rechts, aber trotzdem aufrichtig und ehrlich bei dem, was ist.
Mein Baby soll ruhig feine Sachen tragen, egal was er anstellt darin. In weiche Kuschelfasern schlüpfen, in Seide, Merino, Seacell, so wie hier, wo ich einen Strangen des längst verschwundenen Edel-Labels „Siidegarte“ verstrickt habe. Ich möchte, dass er dieses wunderbare Gefühl auf der Haut spürt. Wärme ohne Kratzen. Umhülltwerden ohne Nähte. Er soll sich rundum wohlfühlen. In Mamas Sachen. Ich meine, wenn nicht jetzt, wann dann?
Pflücken wir den Tag. Ohne Reue, mit beiden Händen.

PS. Eure letzten Kommentare…. so wohltuend, so wunderschön… Ich hoffe, ich kann sie alle noch beantworten…

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schleppend

Ich möchte gerne einen Färbe-Post schreiben. Von Rhabarber, Birke, Brennessel und Avocado. Noch ein bisschen weiter in meiner Passion schwelgen. Notieren, was genau wie hier vor sich geht, welche Masse und Zutaten bei mir mit welcher Wolle welchen Ton ergeben…
Aber heut‘ ist mir nicht wirklich danach zumute. Ich bin so müd, dass ich die Unordnung im Haus noch weniger ertrage als sonst, und ein bisschen Langsamkeit und Pause brauche, Pause für Körper und Geist. Ich mag kaum denken, so schleppend drehen sich die Rädchen in meinem Kopf.
Der schwungvolle Post neulich, entpuppte sich übrigens als Trugschluss; kaum kamen die Kinder an Tag 2 nach Ferienende mittags nach Hause, flossen die Tränen in Strömen, flogen uns Überdruss und lauthals geäusserter Schulkoller um die Ohren. Keins meiner Kinder konnte sich mehr freuen an Unterricht, Gspänli und „dem eigenen kleinen Leben“ da draussen… Und ich muss sagen; ich bin auch schon wieder ganz schön erschöpft. Allein die Schulmorgen schaffen mich jeweils so ziemlich. Und mein Baby schläft schon wieder schlecht und unruhig, was die Situation noch verschärft.
Wie gut, dass ich das Färben habe. Diese wunderbare neuentdeckte Oase des Hand-Werks, in der ich mich unglaublich wohl, geborgen und gleichzeitig belebt fühle. Habe ich abends einen Topf Wolle angesetzt, komme ich frühmorgens viel leichter aus dem Bett. Weil ich mich freue und unglaublich neugierig bin, welche Färbung mich wohl erwartet. Mein Espresso für die Seele, glaube ich.
Und dann ist da mein Garten. Mein Gärtchen. Wo das Gemüse mich langweilt und schlecht wächst, die Bäumchen, Kräuter und Blumen aber ihren Platz verteidigen gegen Wind, Wetter und Ganoven. Und mir so viel Freude machen. Einfach damit, dass sie da sind. Ich habe einen Armvoll Rosmarin geerntet, von dem ich ja eigentlich dachte, er würde an seinem Schattenplatz zwischen den Himbeeren eingehen. Sein Duft war berauschend; noch nie habe ich etwas so intensiv Harziges, Ätherisches gerochen, ein Geruch wie der Weihrauch, der an Weihnachten in der Kirche verbrannt wird.
Rosmarin. Eine meiner allerliebsten Kräuterpflanzen. Vielleicht weil ich selber wenig robust bin, wenig Bodenhaftung und Rückgrat habe und immer ein bisschen im Wind mitflattere. Rosmarin…das bedeutet Ruhe für mich. Eine stabile, kraftvolle, selbstbewusste und unaufgeregte Ruhe. Ich empfinde ihn als recht maskulin. Oder gestanden weiblich. Wie eine Mutter mit Schürze, die Brottteig knetet oder ihre Hühner füttert. Wenn ich Rosmarin rieche, wirkt das sehr kräftigend auf mich, belebend, ohne aufzuputschen, tröstlich ohne Selbstmitleid. Kurz kam mir der Gedanke, mit Rosmarin zu färben (in Rebecca Desnos Magazin „Plants are magic“ ergab das einmal ein recht hünsches Violett), aber dann verwarf ich den Gedanken wieder, weil mir meine Kräuter einfach zu schade sind, um in einem Zug verkocht zu werden. Ich möchte sie lieber trocknen und trinken. Oder essen. Mein Körper muss seit einer Weile eine ziemliche Durststrecke durchwandern, was Nährstoffe und Vitamine angeht, denn ich komme kaum zum Essen, geschweige denn Kochen. Alles muss schnell und einfach gehen und Kohlenhydrate wie Brot oder Spathetti sind natürlich Trumpf. Würde mein Babykind mir die Musse lassen zu backen, wäre meine Ernährung wahrscheinlich eine fröhlicher Mix aus Kuchen und Keksen.
Nun denn. Koche ich eben Wolle. Und Färbeflotten. Das braucht weniger Arbeits-Zeit und kaum Konzentration.
Neulich habe ich mir übrigens Löwenzahnwurzeln von meiner Mama gewünscht. Ein paar bloss, und sie hat ungeheuer viele, eine ganze Wiese voll, würde ich mal sagen. Jetzt trocknen sie, der Länge nach halbiert, im Gartenhäuschen im Schatten, und ich hoffe, ich kann Tinktur aus ihnen machen. Was ich noch nie gemacht habe. Kombiniert mit anderen heilsamen Pflanzen, die den Magen stärken. Das würde mir bestimmt gut tun…
Und bevor ich euch jetzt „tschüssi macht’s gut“ zurufe und in Richtung Stube zum Turbo-Aufräumen verschwinde, verrat‘ ich euch noch kurz, was es mit dem letzten der drei Fotos auf sich hat: Ein misslungenes Färbe-Projekt ist das. Das ich gerade zu retten versuche. Im Metalleimer ganz links sind ausgekochte Schilf-Blüten vom Dorfbach. Mit denen wollte ich Grün färben. Weil ich Grün so gerne mag.
Leider wurde Beige daraus.
Ohne Beize kein Grün, denke ich, und ich hab‘ mich bisher gescheut, Sachen wie Alaun oder Kaltbeize und all das ins Haus zu holen. Natur pur, hab‘ ich gedacht, aber eben…
Jetzt köchelt ein weiterer Topf auf dem Herd, während die Wolle noch ein wenig in ihrem Schilfblüten-Sud liegen darf, und in diesem Topf sind Rhabarberblätter, von denen ich mir hab‘ sagen lassen, dass sie auch als Beize wirken könnten.
Vielleicht.
Wenn man den einen Stimmen glauben will und anderen wiederum nicht.
Das Netz steckt voll von Stimmen, wisst ihr. Und alle sagen sie was anderes. Da bleibt bloss; ausprobieren.
Mal sehen, was passiert, wenn ich mit Rhabarber-Tannin „vorgebeizte“ Wolle in den Schilfblüten köchel…

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