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Eine Endsommer-Baby-Latzhose

Drei Schultage liegen hinter mir.
Gerade ist der 4. angebrochen.
Wahrscheinlich ist es noch zu früh, für ein erstes Fazit dieser so besonderen Zeit, aber wenn ich etwas sagen kann, dann dies: Wir sind alle, wirklich alle, vom Jüngsten bis zum Ältesten, jetzt schon völlig durch den Wind. Der allererste Morgen hatte noch einen gewissen Drive, die Euphorie des Neustartes, die uns Flügel verlieh. Am zweiten Morgen berührten unsere Zehenspitzen bereits wieder Boden. Gestern gingen wir recht nüchtern unserer Wege und heut früh war es schon eher ein Schlurfen…
Aber ich weiss. Das ist ganz normal. Wie könnte es auch anders sein, nachdem wir 5 Wochen lang in den Tag hineingelebt haben, mit verschlafenen Morgen und späten Zimmerstunden, mit Essenszeiten nach unserem eigenen Rhytmus und so viel Herumgelümmel oder Abenteuer -am Fluss, in der Stadt, wo auch immer- wie es gerade passte für uns. Jetzt herrscht wieder Ordnung in unserem Tag. Aber die muss von neuem hart erlernt werden.
Was mich betrifft: Ich vermisse den Sommer. Den richtigen Sommer. Diese Phase, in der mich der Morgen mit einem warmen Strahlen begrüsste und die Badesachen meiner Kinder kaum zum Trocknen kamen. Das Grün hat bereits seinen Biss verloren. Ich erahne den Goldschimmer des Herbstes in jedem Blatt, jedem Grashalm, und obwohl noch immer Sommer ist, keine Frage, zieht es wehmütig in meinem Herzen, wenn ich morgens den Grauschleier auf der Strasse liegen sehe, Dunst zwischen den Häusern, eine Ahnung des Nebelgewands, in das uns das Jahr bald für viele Monate hüllen wird…
Die Mädchen spielen draussen, wann immer sie können. (Heute regnet es. Ein Drinnentag steht wohl bevor.) Sie haben ihre Stoffpuppen wiederentdeckt, alles liebevolle Geschenke von wunderbaren Frauen aus der Bloggerwelt, die ich hüte wie Schätze, denn das sind sie auch. Die Meerschweinchen scheinen die langen Schatten zu geniessen; sie mögen ihren Garten dann am liebsten, wenn er dämmerig und still wird und wahrscheinlich können sie den heissen, gleissenden Tagen, die ich mittlerweile lieben gelernt habe, kaum etwas abgewinnen. Der August ist ihre Zeit. Der September nicht minder. Der Oktober…? Nun wir werden sehen. Noch mag ich gar nicht an ihn denken.
Ich habe viel gekocht, die letzten Tage. Schulkinder haben immer Hunger. Und weil ich spüre, wie erschöpft und emotional beansprucht meine Bande gerade ist, versuche ich, kochend und backend im Schweisse meines Angesichts (wie heroisch!) so viele Wünsche als möglich zu erfüllen: Cookies zum nachgefeierten Schulgeburtstag meiner Grossen? Zwischen 70 und 80 Stück? Am 2. Schulmorgen? Klar doch. Schokoladenpudding satt für ein zünftiges Sonntagsdessert? Eye eye Sir, da machen wir doch gleich 2 Liter davon. Ich notiere Menüwünsche und stehe extra früh auf, um allen ein Znüni zu packen.
Aber alles verlangt seinen Tribut: Diese Woche gab es keinen einzigen Abend für mich. Dafür Schlaf. Viel Schlaf. Der mir trotzdem nicht reicht.
Was ich aber habe: jeden Morgen ein, zwei Stunden kinderfreie Zeit! Aus organisatorischen Gründen, weil ich mittages 2 Kinder an verschiedenen Orten abholen und das Essen trotzdem superpünktlich für meinen heim- und gleich wieder zur Schule hetztenden Sekundarschüler auf dem Tisch stehen muss, beginne ich schon um 10:15 mit dem Kochen, doch zwischen 8:30 und 10:15 herrscht gähnende Leere in meiner Agenda. Und das ist wunderbar.
Ein Moment, der mir gehört, mir und meinem Kaffee und den Dingen, die ich auf meine To-do-Liste lasse, doch die beherbergt gerade eine Art Sperrzone zu dieser Zeit, Zutritt nur für VIPs…

Wie diese grüne Latzhose aus herrlich weichen, absolut unkomplizierten 50%Baumwolle und 50%Schurwolle („Cotton Merino“ von Drops).
Sie wurde gestern fertig.
Das Garn spricht auch für den Schnitt: Leger, etwas für buchstäblich jeden Tag, sommers direkt auf der Haut (sofern dann überhaupt eine Hose gewünscht ist), mit Strumpfhosen darunter in der kühleren Jahreszeit. Bei dieser Latzhose habe ich ein gutes Gefühl. Sie ist nicht zu schade für irgendwelches Geklecker oder beim Tragen gezogene Fäden, verzeiht jede Wäsche und darf ruhig irgendwann gebraucht aussehen.
Das mag ich.
Alles, was entlastet und entspannt, mag ich.
Das Strickmuster stammt einmal mehr aus dem „Mama-Baby-Strickbuch“ von Gabriela Widmer-Hanke, enthält aber ein paar kleine Fehler in der Anleitung, über die ich hier in diesem Post betrichtet habe. Sind die aber erst einmal notiert, steht dem absoluten Strickvergnügen nichts mehr im Wege, denn diese Hose ist so raffiniert wie einfach und jeder Schritt der Entstehung nachvollziehbar und genau angegeben. Ausserdem finde ich die Passform wirklich gut, wie ich aus Erfahrung sagen kann. Wahrscheinlich werde ich aber noch eine 2.Reihe Knöpfe annähen oder die beiden Knöpfe einfach nach Bedarf versetzen, damit sie von 3 Monaten (oder früher) bis am liebsten ewig getragen werden kann, aber damit muss ich wohl noch zuwarten, bis das Baby erst mal da ist…
Was die Stricknadel-Stärke angeht: Ich stricke jeweils die Bündchen mit dünneren Nadeln als den glatt rechten Teil, obwohl die Anleitung nicht explizit danach verlangt. Hier habe ich für die „Cotton Merino“ die eher dünnen Nadeln 3.5 für die Beinbündchen genommen und Nadelstärke 4 für den Rest der Hose, wobei ich überlege, ob es nicht vielleicht schlau wäre, auch die Träger mit feineren Nadeln zu stricken, um sie noch stabiler und vom Maschenbild her satter werden zu lassen…

Auf jeden Fall bin ich sehr glücklich, dass diese Hose meinen Strickbeutel wieder frei gibt. So gerne ich sie mag; das viele einsilbige Grün empfand ich mit der Zeit als wenig prickelnd und das an sich schöne, smoothe Gefühl des dahingleitenden Baumwoll-Woll-Fadens ebensowenig. Mich verlangt gerade nach mehr haptischer Struktur und etwas mehr farblicher Variation, wobei ich zugeben muss, dass die rot-violetten Stricksocken, die ich gerade für meine Kleinste auf den Nadeln habe, mich auch nicht unbedingt zu begeistern vermögen… Da muss etwas anderes her. Etwas Neues, Besonderes. Für mich vielleicht sogar…?

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Fiebrig

Babykleider auf meinen Nadeln; zusätzlich zur letzten „Pebble“ liegt gerade ein lagunenblaues Westchen für das September-Baby einer Freundin auf meinem kleinen Schlafzimmertisch und wartet auf seine Knöpfe. Bunt. Farbstark. Lebendig. So wie die Bio-Bauern-Familie, zu der es baldbald gebracht werden soll.

Auch das kleine Zappelwesen in meinem eigenen Bauch, das sich an manchen Tagen windet und Puffe verteilt, dass es schmerzt, bekommt nochmals eine Schicht Wärme von mir gestrickt: Jeden Abend arbeite ich an dieser etwas langweilig grünen Strampelhose hier, am allerliebsten zu einer Episode „Father Brown“ (Staffel 4 ist auf dem Weg zu mir, jupi!!!) oder „Anne with an E“. Sofern ich nicht bereits beim Insbettbringen der Mädchen eingeschlafen bin.

Ich habe meine Nähkommode zu grossen Teilen entrümpelt und aufgeräumt und dabei gleich noch ein Last-Minute-Einweihungsgeschenk für das neue Häuschen einer meiner Schwestern geschneidert. Einfach und lustvoll. Perfekt. Manchmal kann alles so einfach sein… Das Foto ist verschwommen? Stimmt. Es gibt bessere, klarere Bilder dieses spontanen Freuden-Projektes, und die tauchen auch noch hier auf, versprochen…

Nach Jahren der Verbannung kam auch dieses Teil hier ans Tageslicht: Ein fixfertig zugeschnittenes Kindershirt aus einem meiner Lieblings-Näh-Bücher („Das Mama-Baby-Nähbuch“). Klar, dass ich es nicht mehr zurück in die Schublade legen konnte. Ich musste an die Nähmaschine damit. Die Alternative wäre der Abfallsack gewesen. Aber wer macht denn so was…? (Ähm… ich! In gewissen Fällen…)

Mein Bastelschrank wird praktisch täglich unter die Lupe genommen und um ein, zwei Stücke reduziert. Alte Pinsel? Fort damit! Die grossen Holzsterne, die ich doch nie aufstelle? Feuerholz! Und brauche ich wirklich 8 antike, weisse Laken mit Stickereien für irgendwelche zukünftigen Nähprojekte? Kilometerweise alte Klöppelspitze? St.Galler-Stickereien aus einer mittlerweile geschlossenen Spitzenfabrik? Hm… Ja… doch… ich glaube schon…Irgendwie…

Herr Kirschkernzeit renoviert wacker weiter an unserer Treppe herum. Und ich putze tapfer hinterher. Und lasse es mir nicht nehmen, unserem improvisierten Garderoben-Regal einen neuen Vorhand zu nähen, wenn ich schon mal dabei bin. Ganz schlicht und in weiss und aus meinen Vorräten. Ein grandioses Ding, so ein Vorhand! Ein Ruhepol für meine armen Augen, der all unsere abgelegten Saisonbegleiter wie Sonnenbrillen, Mützen, Wintersachen und Schlüsselbunde wunderbar diskret verhüllt und Ordnung vorgaukelt, wo meist keine ist.

Ich werkle, wirke, düse durch die Gegend, umgebe mich mit Wolle, Stoff und aufgewirbelten Staubflusen: Ganz klar, mein Nestbaufieber lässt sich nicht verbergen.
„Die werdende Mama richtet sich ihr Nestlein ein“, schrieb meine Mama neulich auf Whatsapp, nachdem ich ihr stolz ein Kurz-Video des in purer Fleissarbeit aufgeräumten Kreativ-Schrankes geschickt hatte. Meine Freundin Rita doppelte nach: „Das Nestbaufieber hat dich fest im Griff, oder?“
Wie Recht sie haben. Alle beide. Aber was soll ich sagen? Ich finde es wunderbar! Nicht dass ich endlos Kraft hätte oder aktuell die besten Nerven, ganz im Gegenteil! Manchmal bin ich auch sehr nervös, nah am Wasser gebaut und wünsche mir nichts weiter als ein bisschen Ruhe und Frieden und Abgeschiedenheit. Gestern zum Beispiel, als wir unseren alljährlichen IKEA-Besuch über die Runden brachten, für Bettwäsche und weisse Teller hauptsächlich, hatte ich wirklich den Eindruck sofort aus der Haut zu fahren, wenn meine Kinder auch nur ein klitzekleines bisschen an irgendwas herumwackelten („Das ist hier kein Spielplatz, Kinder!“), in meinen Augen zu viele Sachen anfassten („Nur anschauen, nicht anfassen!“) oder in den Gängen ein bisschen ins Hüpfen oder Laufen kamen („Hier muss man gehen, nicht rennen!“). Gottseidank hatte ich heute endlich meine Eisen-Infusion. Das wird mir hoffentlich ein wenig mehr Gelassenheit schenken.(Lieber mehr als weniger) Der Ferritin-Wert war auf 6 bei der letzten Blutentnahme. Und das liegt nun bereits mehrere Wochen zurück… Eigentlich erstaunlich, diese immense Lust aufs Sortieren, Fertigstellen, Organisieren. Anscheinend halten sich beim Entrümpeln und Nestchen-Bauen Erschöpfung und Kraft-Tanken auf wundersame Weise die Waage.
Vor allem kommt Klarheit auf. Mit jeder frischen Ecke, jedem zuende gebrachten Projekt. Ich mag es, wie ich plötzlich fokussieren kann. Genau spüre, was mir wichtig ist im Moment. Wie ich meine ganz persönlichen Prioritäten glasklar erkenne und mich auch traue, ihnen den Raum zu geben, den sie gerade brauchen. Nur für den Moment. Heute. Jetzt. In diesem Augenblick.
Dann lasse ich meine Haare ungekämmt und das Bad ungeputzt und setze mich ganz selbstverständlich trotzdem hin, um irgendein angestaubtes Projekt aus der Schublade zu ziehen und loszunähen. Einfach deshalb, weil ich das brauche. Meinen Hinterkopf zu entlasten, Dinge nicht länger aufzuschieben, sondern ganz konkret und sofort anzupacken. Irgendwann ist oftmals nämlich niemals mehr.

Ich kann nirgendwo vorübergehen, ohne meinen Krempel-Scanner-Blick aufzusetzen. Bei den Familien-Spielen zum Beispiel habe ich vor einiger Zeit schon entrümpelt. Bei den Büchern auch. Man kann es kaum glauben, wenn man unsere Brettspiel-Bücher-Comic-Audio-Ecke im Obergeschoss sieht, denn noch immer sticht einem dort vor allem eines ins Auge: Diese unglaubliche Fülle! Das Chaos im Haus brennt in meinen Augen. Der Überfluss, mit dem ich umgeben bin, überlastet meine Sinne.
Das. Muss. Anders. Werden.
Aber völlig kahl, weiss und reduziert- nein, das ist auch nichts für mich. Charakter, Persönlichkeit, alte Dinge, die Geschichten erzählen, Handgemachtes, Kinderbasteleien, Erinnerungsstücke… Ohne all das wäre unser Haus nicht mehr unser Zuhause.
Die Spreu.
Ich muss lernen, die Spreu zu erkennen.
Mich quält es manchmal, dass ich so schlecht loslassen kann.
Aber dann wiederum tröste ich mich selber mit dem Gedanken daran, dass die Zeit nicht stillsteht. Dass Kinder kommen, wachsen, und gehen. Dass alles sich verändert. Ein leeres Haus kann auch nicht die Lösung sein. Ich möchte, dass sie spielen, basteln, kreativ und ganz und gar sich selbst sein können. Mit Brettspielen, die sie kennen und lieben. Mit einem Zoo an Kuscheltieren, wenn es denn sein muss. (Es muss. Glaubt mir.) Mit einem prallen Archiv Donald-Duck-Comics, das sie im Laufe ihrer Jahre Tag für Tag begleitet hat. Mit Bastelkram und selbstgemachten Kartonbox-Städten voller Kinkerlitzchen und Fantasiegeschichten. Mit stapelweise Bilderbüchern oder „5 Freunde“-CDs, die sie jeweils schwallartig und immer exzessiv abspielen lassen, auch wenn vielleicht Ewigkeiten dazwischen liegen und ein Kind bisweilen 7, 8 Jahre braucht, um vom Hörspiel-Verschmäher zum Gourmet zu werden. Auch wenn zuerst eine fiese Sommergrippe kommen muss, um sie zu erinnern, was wir noch alles an Bücherreihen („Charlie Bone!“) im Regal bereit stehen haben. An Globi-Kassetten. Oder alten, ertrödelten und treu aufgehobenen Micky-Maus-Magazinen.
Ich spiele häufig mit dem Gedanken, einfach alles wegzugeben. Zuallererst die viel zu grosse Lego-Sammlung und die Briobahn-Box aus meinen eigenen Kindertagen. Nur schon weil die Unordnung, die einem (oder mehreren) ausgedehnten Spielnachmittag(en) folgt, nur allzuleicht zum Drama mutiert und der Anblick der hunderttausend Teilchen mich mich in blanke Panik versetzt.
Wer weiss. Vielleicht schaffe ich das ja eines Tages. Mein kleiner Neffe würde sich bestimmt freuen über eine Grossladung Holzschienen und Waggons oder über ein eigenes Legoparadies bei sich zuhause…
Die Spreu. Ja die Spreu.
Weizen sticht mir irgendwie sehr viel besser ins Auge *zwinker*

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wollig empfangen

Dass ich jetzt hier sitzen und an diesem Post tippen kann, verdanke ich einzig und alleine meinem Liebsten, der dafür gerade oben bei den zwei Jüngsten auf dem Bett hockt und Gute-Nacht-Geschichten vorliest… Die letzten Tage über fielen mir, kaum waren die beiden eingeschlafen, selbst auch schon die Augen zu. Denn es ist viel los im Augenblick. So vieles, was es zu unternehmen, zu erleben, zu erledigen, auszuprobieren gilt. Entweder wir feiern gerade irgendeinen Geburtstag oder eine Hauseinweihung im Familienkreis, entrümpeln eine weitere Kommode, einen Kleiderschrank oder ein Zimmer, das irgendwie einfach nicht mehr wirklich passen will, oder wir machen uns daran, bereits halb vergessene Projekte wieder auszugraben und fertig zu stellen- wenn wir nicht bereits an etwas ganz anderem, Neuen sitzen, stricken, basteln, nähen, zimmern.
Herr Kirschkernzeit hat diese Woche den obersten Teil der Treppe und das gesamte Geländer inklusive Kellertüre frisch gestrichen.
Die Mädchen schneidern unentwegt Umhänge und Röckchen für ihre Kuscheltier-Grossfamilie oder basteln sich aus T-Shirts, Stoffresten, Karton und Gummiband Kostüme.
Die Jungs liegen entweder gemütlich an einem Badesee im Schweizer Welschland oder krank und elend mit Sommergrippe im abgedunkelten Zimmer.
Ich wiederum koche dem Kranken Suppe und Tee, rattere exzessiv mit meiner Nähmaschine herum und gebe nebenbei mein Bestes, dem Septemberkind in meinem Bauch eine warme, gemütliche Garderobe zu stricken.
Vieles ist fertig geworden.
Noch mehr wartet auf meiner Liste.
Ich scheine nicht müde zu werden, nicht wenn es um Wolle oder Stoff geht- beim Putzen und Aufräumen hingegen hält mich mein Starrsinn auf Trab. Manchmal denke ich, es muss am Nestbau-Fieber liegen. Wahrscheinlich ist es die Panik, die mich antreibt; die Panik vor dem Countdown, vor der Tatsache, dass bald  alles „anders“ sein wird, ausser-gewöhnlich, nicht wirklich vorhersehbar, aber ziemlich sicher völlig auf den Kopf gestellt- auf schöne Art und Weise wahrscheinlich, aber turbulent auf jeden Fall. Meine Arme werden dem kleinen Wesen gehören, das jetzt in mir heranwächst. Kein Platz mehr für Stricknadeln oder Rollcutter oder wasauchimmer. Ich spüre, dass ich am liebsten das ganze Haus entrümpeln, es frühlingsfrisch putzen und von A bis Z durchorganisieren würde. Ich möchte einen Keller voller Eingemachtem, eine Gefriertruhe randvoll mit Vorgekochtem, Kleiderschränke ohne zerrissene Kinderjeans und eine Garderobe, in der jeder und jede genügend passende Schuhe und Jacken für mindestens die nächste Saison findet (Ich notiere: Pantoffeln für die Schule kaufen!) Es ist ein bisschen, als müsste ich verreisen: Ich werde das beunruhigende Gefühl nicht los, irgendwas ganz Wichtiges vergessen, Elementares nicht erledigt zu haben.

Aber hey, immerhin habe ich eine „Pebble“ gestrickt! Das ist bereits schon ziemlich elementar, finde ich. So ein feines, wolliges Westchen. Das von Hand und nur mit Pflanzen gefärbte Garn von Ginny Sheller besitzt viel urchigen Charakter, ist aber überhaupt nicht kratzig, nur kraftvoll und eigenwillig, was ich sehr schön finde, in Kombination mit dem schlichten Strickmuster von Nikol Lohr. (Obwohl ich eine deutsche Übersetzung dieser Anleitung im Blog habe, stricke ich selber immer noch am liebsten nach der englischen Original-Anleitung. Die ist wunderbar kurz und knapp.) Die Garnstärke kam derjenigen der Anleitung ziemlich nah, und weil ich mich strickt an die angegebene Maschenzahl gehalten habe, ist meine „Pebble“ auch erwartungsgemäss klein geworden, genau so wie ich sie haben wollte, denn mein Baby soll am liebsten gleich nach der Geburt hineinpassen. Mit warmen, wolligen Schichten empfangen zu werden, das stelle ich mir wunderbar vor.
Bereit liegen nun eine kuschelig weiche „Puerperium Cardigan“, ein klitzekleines Zwergenmützchen, eine winzige, dunkelgraue Strampelhose und …

… seit kurzem ein Paar gestrickter Woll-Stiefelchen in der unglaublichen Miniaturgrösse, die man sich denken kann, gestrickt aus den Garnresten meiner Ginny-Sheller-„Pebble“-Weste. Nur mit dünneren Nadeln, damit die Pantöffelchen auch stramm sitzen und nicht sofort wieder verloren gehen, sobald das Baby mit den Beinchen strampelt. Weil ich aber weiss, wie effektvoll diese Babystrampelei wahrscheinlich sein wird, und wie schnell so ein Strickschuh nicht mehr am Füsschen sitzt, sondern irgendwo anders, habe ich vorsorglich eine Reihe Lochmuster gearbeitet, damit ich allenfalls ein unterstützendes Band einziehen kann. Doch vorerst lasse ich alles, wie es ist. Schlicht und reduziert. So wie ich es am liebsten mag.
Die Schühchen sind satt gearbeitet und ziemlich klein, ich denke, sie könnten auch so recht gut passen, die erste Zeit zumindest, bevor sie zu klein sein werden oder die Füsschen zu gross und ein neues Paar an der Reihe ist, gestrickt und getragen zu werden.
Ein weiterer Punkt auf meiner niemals enden wollenden Wanna-do-Liste, nehme ich an.
Nun, eigentlich freue ich mich direkt darauf…

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Abenteuer Kool-Aid

Sommerflimmerhitze. Kaffee-Eis schmilzt in meinem Bauch. Ich bin träge wie ein Nilpferd und kraftlos wie eine welke Tulpe. Alles dauert ewig und zwei Tage. Ich fühle mich zäh und bedroht von meiner Schwerkraft; jede Bewegung kostet so schrecklich viel Energie und Muskelkraft, allein das Aufhängen einer Socke überschreitet mein Stemmvermögen…

Aber so ist das nunmal.

Juli-Sommer und hochschwanger und ein Eisenspiegel, der schon seit 2 Wochen bedrohlich tief im Keller liegt – das zusammen ergibt ganz einfach eine denkbar bürdenreiche Kombi. Da kann man nicht klagen. Nur abwarten, kalten Tee trinken und sich üben in der Golddisziplin „Geduld“. Bis es etwas abkühlt. Bis die Frauenärztin zurück ist aus den Ferien. Bis zur Eiseninfusion. Bis auf  leichtere Tage, in denen das Leben wieder an Schwung gewinnt.
Und zwischendurch hilft auch ein Blick zurück. Auf die letzte Woche, die sich irgendwie ganz wunderbar entspannt, licht und unkompliziert von Tag zu Tag spann wie ein Spinnwebfaden aus Seidensilber, den das Sonnenlicht bunt einfärbt.
Zwei meiner Kinder verbrachten ihre Zeit mit Papa im Indianerlager, was fürchterlich viel Spass gemacht haben muss und allen so richtigrichtigrichtig gut tat. Und der Rest meiner kleinen Schar teilte sich das Haus mit Gästen aller Art, mit spontanen Mittagsgästen, der ersten Liebe meines Sohnes, mit Übernachtungsbesuch und Kaffeeklatsch. Kunderbunt war das. Belebt wie eine italienische Piazza. Die Türklinke ging von Hand zu Hand, Stimmengewirr erfüllte die Räume, und dazwischen putzte ich die verwaisten Zimmer, gab Gerümpel ins Brocki und freute mich an der Ausgeglichenheit der Stunden.
Nicht zu viel.
Nicht zu wenig.
Es war warm, aber massvoll, und geschlafen habe ich wie ein Herrgöttlein.

Und dann haben wir Wolle gefärbt. Zwischen Johannisbeer-Muffins-Backen, Badezimmerputzen und dem Ernten frischer Zuchini. Noch quasi mit Essigreiniger an den Händen.
Beim Ausräumen einer alten Kommode kam mir ein Paket in die Hände, das mir Rita einmal vor an die 7 oder 8 Jahren zugeschickt hat, ein Färber-Paket, komplett mit blütenweisser Sockenwolle, Kool-Aid-Getränkepulver in 3 Farbtönen (und Geschmacksrichtungen), mit Plastikhandschuhen und zweierlei extra für mich ausgedruckten Anleitungs-Seiten, alles so durchdacht und vollständig, dass es eigentlich keine Entschuldigung mehr gibt für die verstrichenen 7 oder 8 Jahre, die dieses Woll-Färbe-Set unberührt in meiner Schublade gelegen hat.
Ausser vielleicht dieser hier: Ich tue mich grausam schwer mit allem, was neu ist. Ich habe Angst vor Fehlern. Sie wiegen schwer wie Tadel und hemmen alle Neuschritte.
Dabei war es nicht schwer. Das Färben. Nichts daran. Selbst meine 2 kleinen Mädchen kamen damit zurecht, hantierten souverän mit Löffel und Farbe und klecksten dicke Pfützen zur Wolle aufs Blech. Rote Pfützen vor allem, denn zwei der drei Kool-Aid-Sorten mögen vielleicht verschieden geschmeckt haben, sahen sich aber farblich gleich wie Zwillinge; kirschrot, tomatenrot, ein klein wenig wie frisches Blut aus einem Schnitt.
Doch wir haben nichts gegen etwas Blut. Und gegen Kirschen und Tomaten schon gar nicht.
Weil es gerade so praktisch war, kamen die beiden vollgeklecksten Wollstrangen gleich mit den Blechen in den Backofen zum Fixieren. Und dann vom Ofen ins Bad, vom Bad an die Leine, von der Leine ins Wollregal, vom Wollregal ins Strickkörbchen. Zumindest einer der Strangen, der meiner Kleinsten. Weil sie genauso neugierig war auf das Farbbild, das ihr Färbewerk verstrickt abgeben würde wie ich. Und weil sie warme  Socken brauchen wird im Herbst. Für den Waldtag im Kindergarten, wo nur noch Gummistiefel gegen das Nass in den Gunten und matschigen Waldwegen helfen und Wolle gegen die Kälte, die sich so rasch zwischen kleinen Zehen verkriecht.
Nun; das Farbbild ist… speziell.
Das sicherlich.
Vielleicht doch ein bisschen viel Blut im Rot und zu wenig Nuancen-Reichtum insgesamt. Wir hätten es wohl doch besser bei den Farbpfützen lassen sollen und nicht gleich alles Weiss zu ertränken brauchen. Sprenkel hätten auch gereicht. Aber man muss das verstehen; der Spass war einfach zu gross, da konnte man kaum aufhören mit Klecksen und Tränken und Verteilen und irgendwie schien es bald einmal zu wenig Wolle für all die schöne Farbe.
Nun, Socken sollen es werden und Socken werden es auch. Und wenn dann die Erinnerung an diese wunderbare, reiche, üppige Sommer-Zeit, an all die Freude und Spannung und Versunkenheit des Moments an düsteren Regenwetterherbsttagen aus nassen Gummistiefeln blitzt, in ihrer ganzen kirschtomatenblutroten Pracht… dann soll mir das nur recht sein.
Danke Rita.
Danke Sommer.
Danke Leben.

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