Archiv der Kategorie: Familienalltag

7 Sachen

In Erinnerung an Frau Liebes wunderwunderschönen, einzigartig kreativen und humorvollen Blog seinerzeit, wo sie mit ihren „7 Sachen“-Posts ein kleines Unikat kreierte, das mir eigentlich immer allein schon beim Lesen sehr viel Spass gemacht hat… Leider hat Frau Liebe das Bloggen an den Nagel gehängt. (Glaube ich) Und sich anderen, bestimmt auch sehr kreativen, lustigen und sinnvollen Dingen zugewendet. Velleicht kommt sie ja irgendwann mal wieder zurück ins Bloggerland, wer weiss…
Auf jeden Fall ist mir heute gerade sehr nach „7 Sachen“. Nach ein paar wenigen Worten und raschen Fotos von lauter Sachen, wo meine Hände im Spiel waren. Hände braucht man ja eigentlich ständig als Mensch. Die Ruhen kaum einmal. Bei uns Strickerinnen sind sie sogar beim Hörspiel-Hören oder Netflix-en geschäftig in Bewegung und bringen Schönes hervor, wo immer sie ans Werk gehen.
Ich mag Hände. Besonders die Kräftigen, denen man das Arbeiten und ihre Wirksamkeit ansieht. Oder die Zarten, die man einfach nur halten möchte. Und Baby- und Kinderhände sind mitunter das Süsseste, was es gibt auf der Welt…
Hier aber waren meine Hände am Werk. Und die sind nicht besonders vorzeigbar. Ich hatte immer schon alte Hände, mit vielen Falten und starken Adern, die sich klar hervorheben. Schön sind sie bei weitem nicht. Das waren sie noch nie. Aber sie können arbeiten und festhalten, streicheln und -immer besser auch- loslassen.

Heute haben sie zum Beispiel das hier getan…

Noch einen Vorhang genäht fürs grosse Badezimmer. Jetzt sieht keiner mehr rein. Und keiner mehr raus. Aber das ist mir einerlei; lieber keine schöne Aussicht, dafür entspannt nackig im Bad rumwatscheln.

Einen Mini-Vorrat Gesichts-Tonic gemischt. Aus Apfelessig, destilliertem Wasser, Witch Hazel, Lavendel- und Weihrauch-Öl. Das Rezept und überhaupt die ganze Taktik mit der Öl-Gesichtsreinigung und der selbst gemachten Tonic habe ich aus einer alten Ausgabe von „Taproot“, und Leserin Lucy, die Arme, hat schon vor bald 1 Monat nach einer kleinen Anleitung gefragt… Liebe Lucy, verzeih die lange Wartezeit! Gerade habe ich aber Fotos geknipst und nehme mir nun vor, den nächsten Post der hausgemischten Gesichtspflege zu widmen…

Ein paar Löffel Holunderbeer-Sirup mit Gewürzen aus dem Hause Mamaniflora genascht. Für gute Abwehrkräfte, jetzt da gleich mehrere Kinder hier bei mir krank geworden sind und meine Füsse gar nie richtig warm werden vor lauter Winter. Nicoles Sirup ist wunderbar. (Genau wie Nicole selbst!) Ich wünschte, mein Vorrat würde nie zur Neige gehen…

Mütze fertig gestrickt. Nochmals eine klassische Purl-Bee-Variante, diesmal aus einem Strang „Tosh DK“, mit dem ich sonst einfach nichts anzufangen wusste. Vielleicht werde ich sie tragen. Vielleicht wird aber auch ein Kirschkernzeit-Giveaway daraus… (Gibt es vielleicht jetzt schon jemanden, der sich Hals über Kopf in diese Farbe verlieben könnte?)

Pinnwand geleert, alle Zeichnungen ordentlich in Boxen geräumt und bereits die neuesten Highlight-Kreationen angepinnt. Der Platz wird rasch knapp werden. Das sehe ich schon jetzt. Besonders freut es mich ja, dass jetzt meine Kleinste auch hier „ausstellt“. Die untere 4er-Reihe mit schwarzen Kugelschreiber-Portraits ist von ihr. Und ich finde sie klasse!

Den Schnupfennasen-Kindern ein Erkältungsbad eingelassen. Mit ätherischem Öl in etwas Honig und Sahne emulgiert. Hinten wäre übrigens einer der neuen Vorhänge zu sehen, für die ich so wahnsinnig dankbar bin. Ich schätze, auch die wären einen eigenen  Vorhang-Post wert, oder?

Waschmittel gemacht. Mache ich eigentlich gar nicht gerne, und weil ich die Flasche kurz vor dem Fotografieren nochmals geschüttelt habe, damit alles homogen bleibt und nicht zu Pudding wird, sieht das Ganze erst noch ziemlich unschön aus. Aber sobald die Arbeit getan ist, bin ich vollkommen zufrieden mit mir und der Welt.
Waschmittal machen ist doof. Selbstgemachtes Waschmittel haben hingegen ist klasse.

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tanzende Papier-Engelchen

Vor ein paar Tagen erst war ich in der Drogerie (Schnupfennasenzeit!) und bekam beim Bezahlen meines Nasensprays nebst der Quittung noch einen Zettel in die Hand gedrückt. „Wir suchen Weihnachtsengelchen für unser Advents-Schaufenster. Bastel uns doch eines! Es winkt dir auch ein kleines Geschenk. Als Dankeschön“, war darauf zu lesen. Also nicht wortwörtlich, aber sinngemäss.
Ich fand die Idee sehr süss; ein Schaufenster voller Kinderkunst, wer könnte da schon nein sagen? Und natürlich waren meine drei Mädchen sofort sehr angetan vom Gedanken an ein Überraschungsgeschenk. Ein Bastelengel gegen eine Wundertüte? Deal!

Normalerweise mache ich um Bastel-Sessions mit meiner wilden Bande einen ziemlich grossen Bogen. Auch wenn mein Blog vielleicht einen anderen, einen besseren und souveräneren Eindruck vermittelt (also nicht dass ich den beabsichtigen würde, aber solche Sachen haben manchmal ein Eigenleben), bin ich rasch überfordert und überreizt, wenn es darum geht, mit meinen Kindern konzentriert am Tisch zu sitzen und gemeinsam etwas Schönes zu erschaffen; den Turbulenzen, die daraus entstehen, bin ich einfach nicht gewachsen. Und Führungsqualitäten habe ich so gut wie gar keine. Ich mag ein dankbarer und begeisterungsfähiger Mitmacher sein, aber kein Anreisser und  Veranstalter.
Dass wir es diesmal dennoch an den Bastel-Stubentisch geschafft haben, verdanke ich einzig und allein meinem grossen Mundwerk: Natürlich hatte ich in der Drogerie -Zettel und Quittung noch in der Hand- grossspurig sofort unsere Mithilfe garantiert und meine Töchter bereits erfolgreich geködert. Nun gab es kein Zurück mehr.
Augen zu und durch also!
Ich weiss, den Fotos nach zu urteilen, sind es bloss papierene Minifiguren geworden, klein genug um keine Arbeit zu machen, und eigentlich ja mehr so ein… Gebastel, nichts Grossartiges. Aber ich sagen euch; wir sind den ganzen Nachmittag da dran gesessen! Haben geschnitten, gezeichnet, mal mit Pinsel Farbe verstrichen, mal Lametta-Haare geklebt (Mein Part. Ein unsägliches Gefummel! Meine Finger trugen nachher Lametta-Perücken!). Zum Schluss, als alle Engel fertig bemalt, trocken und vollständig waren, wurden sie an eine Papierspirale geklebt und mit einem bunten Faden versehen; wenn man sie nun über der Heizung am Fensterrahmen aufhängt, beginnen sie sich durch die aufsteigende, warme Luft ganz von alleine sachte zu drehen, immer im Kreis, wie eine Ballerina oder Schlittschuh-Läuferin. Die Mädels waren schwer beeindruckt.
Die Verkäuferin in der Drogerie übrigens auch. Sie hat sich diese Idee gleich für ihre eigenen Kinder gemerkt- und meinen Kindern, die richtig süss aussahen, als sie mächtig stolz und zufrieden ihr Werk überbringen durften, auch gleich den „Lohn“ für ihre Arbeit ausgezahlt: Je eine Tüte mit Traubenzucker und einem „magischen Tuch“ mit Pinguin drauf. Die Mädchen waren begeistert. Auch von unserem ungewohnt kreativ verspielten Nachmittag, der wirklich wahnsinnig intensiv und messi und aktiv und sprudelnd ideenreich gewesen war.
Ich hingegen dachte an das verwüstete Wohnzimmer, die Lametta überall und an die Papierschnipsel auf dem Boden- und beschloss, mich extra und ganz bewusst auf dieses kommende Advents-Schaufenster zu freuen. Voller Kinderkunst, wie gesagt. Ich denke, es wird wunderbar aussehen. Und die Engel meiner Kinder dann mittendrin. Zauberhaft.

Was ich auch sehr schön finde, jetzt im Nachhinein vor allem: Weil meine Mädchen ihre Engel selber immer dermassen schön fanden, dass sie es schlichtweg nicht übers Herz brachten, sie wegzuschenken, brauchte es jeweils zwei, drei Anläufe und weitere Engelfiguren, bis sie sich entschliessen konnten, wenigstens einen davon herzugeben. Was bedeutet: Es sind uns noch ein paar dieser kleinen Papierwesen geblieben. Ohne Wirbel-Tanz-Spirale bisher, aber dafür mit Glitterglue-Kleidchen und silber-goldenen Flügeln und glänzenden langen Haaren. Kinderkunst also auch für mich.
Win-win für alle Parteien, würde ich mal sagen.

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zurück

Zurück. Ich denke, ich bin auf dem Weg… zurück. Ins Hier und Jetzt. In mein Leben. Starke Emotionen und all sowas brauchen ihre Zeit und ich war noch nie jemand, der einfach so hinweggehen kann über traurige Geschichten und Schicksalsschläge, die mich bewegen oder mir begegnen. Ich gehe immer eine Zeit lang mit. Nachdenklich und bedrückt und ein Stück weit absorbiert. Das war schon immer so. Und so wird es wohl bleiben. Diese Art gehört einfach zu mir, denke ich.
Aber so langsam bin ich wieder mehr in mir selbst verankert. Ich grüble nicht mehr so stark. Der Brief, den ich tatsächlich noch an die Hinterbliebenen dieses Jungen geschrieben habe (vielen Dank für eure Ermutigung!), hat auch mir selbst sehr gut getan und war ein heilsamer, wichtiger Schritt, das Thema loszulassen. Am Wichtigsten aber war die Abdankung am letzten Wochenende, in einer vollen Kirche, wo die Schulklasse seine Lieblingslieder vortrug, die er sich im Musikunterricht immer gewünscht hatte, wo so viel aus seinem Leben geteilt wurde und alle Abschied nehmen konnten. Mein Ältester sass ebenfalls in den Reihen, betete und sang, nahm Anteil. Für mich war das wahnsinnig wichtig, dass er da war; gerade weil ich weiss, dass sich so ein Moment nicht wiederholen lässt und nur bewusst und klar abgeschlossene Geschichten ein richtiges Ende finden. Nachher sassen Lehrer und Schüler noch lange Zeit zusammen, den ganzen Nachmittag lang, wenn ich es mir recht überlege. Sie sassen zusammen, assen Flammkuchen und redeten über dies und jenes und alles mögliche. Ich liebe dieses Bild: Dass Lehrer und Schüler sich so finden können. In einem Moment wie diesem. Das hat eine wahnsinnig starke Botschaft.

Gut tut es mir im Moment auch, zu sehen, wie Menschen sich kümmern; Die volle Kirche. Dass die Leute über diesen Tod sprechen und Betroffenheit zeigen. Briefe schreiben. Beten. Kerzen anzünden. In Zeiten wie diesen, wo jeden Tag Mord, Totschlag und Terror die Schlagzeilen regieren, scheint es, als wären diese Fähigkeiten -Mitfühlen und Anteil nehmen- gefährdet. Weil wir uns automatisch emotional wappnen und verschliessen, es auch müssen, um überhaupt noch froh sein zu können. Es wird gesagt, die Menschen würden verlernen, empathisch zu sein. Doch daran glaube ich nicht. Meine eigene Erfahrung lehrt mich nämlich anderes: Sobald Leid, Not und Schicksalsschläge ganz real vor uns stehen, reagieren wir. Die meisten von uns zumindest. Und die Reaktion ist: Helfen. Lindern. Unterstützen. Teilen.
Vor einem Jahr lief ich wieder an einen Verkehrsunfall heran. Involviert waren ein Auto und eine Jugendliche, die danach mit Schädelbruch ins Spital eingeliefert werden musste (Bis zum Bericht in der Zeitung war ich allerdings im Ungewissen und rechnete mit dem Schlimmsten, denn sie war bewusstlos und in schlimmem Zustand).
Ich will jetzt hier nicht allzuviel erzählen, aber was mir wirklich ans Herz ging war die Schnelligkeit und Kompromisslosigkeit mit der die Leute zusammenströmten, um all die Dinge zu tun, die getan werden mussten: Manche riegelten die Strasse ab und leiteten den Verkehr um (Eine davon ich. Ohne Leucht-Weste. Seither habe ich eine. Und auch ein Pannendreieck), andere leisteten erste Hilfe, wieder andere riefen die Polizei und den Notarzt und immer wieder kamen Leute, die fragten, ob sie irgendwie helfen könnten… Mir ging das sehr nahe. Alles. Der Unfall selbst und die Bilder, die dazu gehörten, aber auch dieses plötzliche Miteinander, das buchstäblich ein Leben rettete.
Genau das ist es auch, das mir jetzt gerade wieder so gut tut: Zu sehen, dass ich nicht alleine bin.
An meinem Geburtstag vor ein paar Tagen zum Beispiel… Meine Familie hat sich richtig viel Mühe gemacht, mit Truffes-Torte, die mein Mann noch um Mitternacht direkt nach seinem Feuerwehr-Jahresabschluss-Essen für mich gebacken hat, mit Kinderbasteleien und einem Gutschein für einen Tanzkurs, mit Pizza-Abend, vielen Knuddels und lauter über den Tag verteilten kleinen Nettigkeiten, von Glückwunsch-SMS über spontane Kurzbesuche bis hin zu Überraschungspaketen… Es sind all diese Gesten, die zählen. Sie haben mir wieder neuen Antrieb geschenkt und einen optimistischeren Blick nach vorn.

Gerade finde ich mich wieder neu ein. In meinem Alltag. Und lasse die schmerzlichen Gedanken an Tod und Trauer von neuem los. Meine Kleine hat zwei ihrer Milchzähne verloren, nur wenige Tage nacheinander. Sie ist stolz auf ihre Zahnlücken. Und wahnsinnig erleichtert, dass das Gewackel und Gezappel im Mund endlich ein (vorläufiges) Ende hat.
Meine Grosse wiederum hat sich dafür in der letzten Turnstunde zwei Schneidezahn-Ecken ausgeschlagen und musste notfallmässig zum Zahnarzt mit mir.
Ich koche auch wieder jeden Tag, so gut ich kann, bin aber immer wieder enttäuscht, wenn ich sehe, dass ausgerechnet meine allerschönsten und sorgfältigst gekochten Gerichte nur verzogene Mienen und einen Extra-Run auf den simplen grünen Salat ernten. Die schöne Gemüse-Quiche neulich, mit selbst gemachtem Mürbeteig und einem tadellos geratenen Belag und Guss, fand überhaupt keinen Anklang, was mich sogar ein paar Tränchen kostete, denn ich hatte mir wirklich sehr viel Mühe gegeben.
Meine allerneueste Entdeckung in der Küche ist auch wieder etwas, das offensichtlich nur mich begeistern kann: Ingwerwasser bzw. Ingwertee nature, heiss oder kalt getrunken und immer aus frischer Ingwerwurzeln (die sogar unser kleiner Dorfladen führt, und der hat sonst bloss Äpfel und Saisonfrüchte). Bisher war ich ja überzeugt gewesen, Ingwer fürchterlich scheusslich zu finden, genauso wie Süssholz, was mir die Sache mit den Gewürztees ziemlich erschwerte, denn Ingwer und Süssholz sind offensichtlich Lieblings-Ingredienzien in Yogi Tees und Co. Seit ein paar Tagen und einem mutigen Selbstversuch weiss ich aber; frischer Ingwer schmeckt mir sehr viel besser und irgendwie weniger scharf als das getrocknete Zeug aus dem Glas bzw. aus dem Teebeutel. Ich mag es! Und mein Magen stimmt mir zu; Ingwer wird gerne gegen Übelkeit und Magenverstimmungen getrunken, womit ich ja immer mal wieder zu kämpfen habe mit meinem Sensibelchen von Bauch.

Gerade habe ich übrigens absolut superspontan eine Mütze angeschlagen; eine „Classic Cuffed Hat“ von Purl Soho aus einem Knäuel sehr dicker „Tosh Chunky“, die schon seit Jahren hier herum lag und Staub ansetzte. Ich hatte diesen Insta-Post hier beim Strickcafé gesehen und wusste sofort: Die will ich auch haben! Allerdings nicht unbedingt in Pink. Ich habe sogar schon Wolle bestellt dafür. Dunkelgrüne Malabrigo, weil ich Dunkelgrün so schön finde. (Eine Ausnahme! Ich stricke noch immer weg, was das Zeug hält und bin äusserst sparsam mit Neuanschaffungen fürs Wollregal) Bis die neue Wolle hier eintrudelt, wollte ich mich schon mal ein bisschen einwärmen und machte gleich Nägel mit Köpfen: Ihr seht auf dem Foto zwar erst die ersten paar Strick-Runden, aber ganz ehrlich; gerade ist sie fertig geworden, meine „Classic Cuffed Hat“, sehr classic und mit dickem Rand. Sehen, machen, fertig werden: das ist es, wonach mir gerade zumute ist im Moment. Ich finde das einfach… sehr optimistisch. Warum auch immer.

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Ende Oktober

Ende Oktober ist es von einem Tag auf den anderen richtig bitterkalt geworden. Die Meerschweinchen kriegten eine Wolldecke. Handschuhe mussten raus. Und Wollmützen. Das finde ich jeweils eigentlich ganz schön, denn ich begrüsse all die wollenen Schätze wie gute, alte Freunde und verstaue sie im Frühling nur deshalb wieder gerne, weil der Frühlings dann bereits seinen Zauber über mich gelegt hat und meine Sinne mit Blattgrün und überbordendem Lebenshunger benebelt.
Jetzt, Ende Oktober ist es ganz anders. Ich verspüre zwar auch diesen Hunger… Hunger nach Leben, aber anders. Mehr so… wattiert. Am liebsten würde ich all diese grauen Tage verschlafen und erst spätnachts wieder aufwachen und in irgendwelchen kristallhell erleuchteten Ballsälen Champagner trinken und Walzer tanzen, dass die Rockvolants flattern. Ihr seht; ich schaue mir gerade zu viele Historienfilme an. Neben „Call the Midwife“ bin ich nun auch „Versailles“  hoffnungslos verfallen (ich sehe beides auf Netflix), wobei ich klar sagen muss, dass das eine sich nicht mit dem anderen vergleichen lässt: „Call the Midwife“ ist schön und schlicht und würdevoll, während „Verseilles“ alles mögliche ist, nur nicht schön und schlicht und würdevoll. Aber ich mag auch Prunk und Protz und konnte schönen Königen und Männern mit Bart und Musketier-Gewand noch nie widerstehen. Dass die Filmleute es bei „Versailles“ ganz gerne und gerne gewaltig übertreiben mit den Dingen, mit denen man bekanntlich alles besonders gut verkauft, kann ich verkraften; ich weiss ja mittlerweile, wie man vorspult. Egal ob Schlachtfeld-Blutbad oder allzu anschauliche Schlafzimmer-Szenen.
Bei „Versailles“ gefallen mir vor allem die Charaktere. Wie sie sich ständig wandeln. Und immer tiefer durchleuchtet werden. Besonders beim Königsbruder Philippe d’Orléons merke ich, wie sehr einem eine Figur ans Herz wachsen kann, wenn man sie nur lange genug in ihrer Geschichte begleitet, um die Feinheiten und Weichheiten ihres Wesens zu erkennen. Ich mag vielschichtige Menschen. Und wahrscheinlich ist jeder Mensch vielschichtig. Man muss nur die Zeit und das Interesse haben, ihn zu entblättern. Das ist im Film genauso wie im wahren Leben, nicht wahr?

Aber nun ja. Winterschlaf ist natürlich unmöglich.
Walzer-Nächte ebenso.
Stattdessen kämpfe ich weiter mit meiner Masse an Besitz, verschenke mit warmen Händen und immer leichterem Herzen. Gerade heute ist mir aufgefallen, wie viel bewusster ich im Augenblick lebe. Das klingt jetzt nach Erleuchtung und Yoga und all sowas, aber ich meine das ganz banal: Ich denke einfach sehr viel weniger zurück, an Vergangenes und Verflossenes. Und auch nicht mehr so oft nach vorne. Ich bin nicht mehr so zerfressen wie früher. Mein Bauernhaus-Traum zum Beispiel. Es ist still geworden um ihn. Still in mir selbst. Gerade ist mir alles genug. Was ich habe. Was ich tue. Was ich bin. Vielleicht sind meine Gedanken einfach zu müde für Wolkenschlösser und Sentimentalitäten. Vielleicht habe ich resigniert, aber wenn, dann tut es nicht weh im Moment, es fühlt sich vielmehr ruhig an und weich und bequem. Ein bisschen wie ein stilles, braunes Blumenbeet, das bereit ist für den Winter und nur darauf wartet, dass sich eine weisse Decke darüber legt.

Ich trinke wieder mehr Tee. Nach einer Phase intensiver Kaffee-Tage bin ich wieder zur Vernunft gekommen und kümmere mich besser um meinen Körper. Die Zeit der frischen Gartenkräuter ist zwar leider vorbei (frischer Tee schmeckt so viel besser!), aber mein Vorrat an Zitronenverbene, Brennessel und Pfefferminze lässt sich durchaus sehen und wird diesen Winter wohl keinen Mangel aufkommen lassen. Heute duftet Minze in meiner Tasse, Minze, Brennessel, Rosmarin und Salbei und ein klein wenig Kamille, eine schwere Mischung, die ich mir gestern zusammen gestellt habe, um ein wenig Kraft zu tanken, meinem Magen etwas Gutes zu tun, meinen Geist zu klären und zu stärken.
Ich lasse vieles fallen im Moment. Allein mein Handy ist mir diese Woche schon zwei Mal runter gefallen, Gottlob unbeschadet, aber das sollte natürlich nicht sein. Wahrscheinlich schlafe ich auch einfach viel zu wenig. Aber wie gesagt; tagsüber verfalle ich in dumpfe Trägheit. Abends erwacht der Tiger in mir. Dass der Morgen trotzdem genauso früh anbricht wie immer, entfällt mir jeden Abend aufs Neue.

Manchmal habe ich urplötzlich Lust darauf, mich an meine Nähmaschine zu setzen und… einfach bloss drauflos zu nähen. Das ist eher ungewöhnlich für mich, aber ich denke, es ist eine Art Sehnsucht nach raschen Resultaten und grösstmöglicher Ausbeute in minimalem Zeitrahmen. Der kleine Table-Runner, der mehr eine Art textile Tisch-Oase ist, entstand in so einer Anwandlung unwiderstehlicher Nählust. In meinem Flick-Korb lag schon lange ein hoffnungslos zerschlissenes Patchwork-Kissen (das hier) und obwohl mir klar war, dass Reparieren sinnlos war, konnte ich mich einfach nicht davon trennen. Musste ich auch nicht. Wenn sich etwas nicht retten lässt, dann braucht es vielleicht einfach ein zweites Leben. Oder ein drittes. Mit Stoff und Quilting und einem halben Morgen fröhlich ratternd verbrachter Zeit, wurde eine Patchwork-Insel daraus, wo all jene Dinge des Tisches ihren Platz finden, die entweder immer irgendwie da stehen bleiben (also Wasserkaraffe, Teekrug, Trinkgläser und Blumen oder Blätter oder Steine oder Wetter-Wichtel) oder nur mal eben rasch einmal beiseite geschoben werden müssen, weil Brotteig geknetet werden will oder die Zeit eben doch nicht mehr reicht für ein paar Zeilen ins Notizbuch. Es ist schön, dass dieses Kissen nicht wirklich gehen musste. Sondern in Form dieses Mini-Tisch-Quilts bleiben durfte. Manche Dinge gewinnt mein einfach zu lieb, um sie so mir nichts dir nichts loszuwerden… Und ich spüre immer mehr, dass ich mich eigentlich nur noch mit genau solchen Dingen umgeben möchte; mit Dingen, Momenten, Gedanken… die man nicht mehr gehen lassen will.

 

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