Archiv der Kategorie: Dankbarkeit

Boathouse Mini in Rostrot

In diesem ganzen süssen, rosa Babynebel, der uns umwabert in diesen Tagen, fällt es mir schwer, mich zu fokussieren. Aufgaben, die weiter reichen als bis zur niedlichen Nasenspitze meines Kleinen oder gar über die absoluten Essentials wie Essenmachen oder Schulthek-Packen hinausgehen, nehme ich oftmals überhaupt nicht richtig wahr. Ich muss mir Mühe geben, Arzttermine oder die Besuchszeiten der Hebamme in meinem Kalender zu notieren bzw. sie überhaupt zu vereinbaren, bevor meine Gedanken, mein ganzes Sein wieder eingenommen wird von Babyflitterwochen und einem nimmersatten kleinen Wesen. Mein Körper scheint ohnehin noch überflutet von irgendwelchen Tranquilizer-Hormonen nach der Geburt; Ich bin die Ruhe selbst. Was aussergewöhnlich ist für mich. Manchmal schimpfe ich, ja. Wenn die Kinder morgens trödeln, und wir ohnehin schon spät dran sind, so wie jeden Tag, seit mein Babyjunge auf der Welt ist, denn seine Bedürfnisse kommen natürlich an erster Stelle, noch vor der Schulhausglocke, und irgendwie scheint er mir morgens immer ganz besonders bedürftig, hungrig und wach, was mit unserem Morgen-Rhythmus kollidiert und es mir schwer macht, alles rechtzeitig unter einen Hut zu bringen. Aber ich schimpfe meist nur halbherzig. Bis mich etwas so richtig auf die Palme bringt, braucht es sehr viel im Moment, ein wunderbarer Umstand, über den ich mich selber wohl am allermeisten freue und der auch den Kindern so richtig gut tut. Sie haben es nämlich nicht unbedingt einfach im Moment. Gerade die Kleinste tut sich äusserst schwer mit den Veränderungen, die auf sie zugekommen sind. Ich glaube, sie fühlt sich manchmal recht verlassen in all dem Trubel um das kleine Kind, das meistens entweder in meinen Armen liegt oder im Tragetuch herum getragen wird, weil es, kaum lege ich es irgendwo ab, sofort zu weinen beginnt. Sie erzählt mir auch, was sie beschäftigt. Dass ich mich „immer um das Baby kümmere“. Dass sie „sich besser kein Baby gewünscht hätte“. Dass wir ihr neues Brüderchen doch „einpacken und verschenken“ könnten. Letzteres immerhin, zieht sie mittlerweile nicht mehr in Betracht. Als ich sie neulich darauf angesprochen habe, meinte sie nur grinsend: „Das kann man ja gar nicht wirklich machen“.
Mir tut es leid, dass sie schon wieder so zu kämpfen hat, meine Kleine. Kaum begann sich das mit dem Kindergarten ein bisschen zu legen und sie fing an, Wurzeln zu schlagen am neuen Ort, in ihrer Gruppe, ihrem ganz eigenen Kinderalltag, wurde ihre Welt gleich nochmals auf den Kopf gestellt. Das ist schwierig für sie. Ein Stück weit erschütternd. Aber es wird besser werden. Einfacher. Für sie verständlicher und vertrauter. Und ich versuche, mich auch in sie hinein zu versetzen, Geduld zu haben und Verständnis, ihr immer wieder Raum zu schaffen, der nur für sie und mit mir sein soll.
Der Rest meiner Bande aber freut sich. Es ist eine gelassene Freude, so als wäre unser Kleiner bereits ganz selbstverständlich und seit jeher Teil von uns. Ich schätze, beim sechsten Kind wird das Grösserwerden der Familie ein wenig zur Routine für die Grösseren…
Nun, ich fand es ganz hilfreich, dass ich die Foto-Session meines rostroten Kinder-Wollpullovers mit einer ausgiebigen Runde Knuddeln verbinden konnte; meine Grosse fühlte sich sofort entspannter mit ihrem Baby-Brüderchen auf dem Arm und kam gar nicht auf die Idee nach ein, zwei Fotos schon die Flucht zu ergreifen. Im Gegenteil; diesem süssen Babyduft kann keiner widerstehen. Da bleibt man auch für fünf, sechs oder achtzehn Fotos auf dem Sofa sitzen…
Ihr „Boathouse Mini“ (nach einer ganz, ganz tollen Anleitung von Alicia Plummer) passt wunderbar zum Herbst, zu Babygeknuddel und unserem alten, schäbigen Sofa. Garn (Drops Cotton Merino) und Schnitt sind leger und bequem und taugen bestens für meinen Wildfang von Mädchen, das sich am allerliebsten draussen rumtreibt und mit einer Gruppe Jungs eine Bande gebildet hat, die sich „Die wilden Biester“ nennt und ganze Nachmittage im Wald an ihrer Hütte baut.
Wir hätten sie Zora nennen sollen.
Hier habe ich für meine 10Jährige die Grösse 10 gestrickt, lange Ärmel gemacht und 325gr. Garn verbraucht. Für einen engeren Halsauschnitt habe ich allerdings nur 110 Maschen angeschlagen und sie dann im Raglan-Stil wie in der Anleitung angegeben bis auf die verlangten 226 Maschen zugenommen. Ich erinnere mich vage, dass auch so der Ausschnitt noch zu locker ausfiel und ich ihn noch in ein, zwei Runden mit der Häkelnadel rundherum enger häkeln musste, darum würde ich empfehlen, am Kragen mit noch weniger Maschen zu starten. Das Bodyshaping habe ich praktisch ausfallen lassen. Ich mag Kinderpullis am liebsten ganz schlicht und ohne Taille.

Wenn ich mir die Bilder so ansehen, dann kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass dieser Pullover -so gerne meinen Mädchen ihn auch trägt- noch besonders lange passen wird. Raum zum Reinwachsen gibt es keinen. Tatsächlich sitzt er bereits jetzt schon ein klein wenig knapp, fürchte ich… Doch das ärgert mich nicht. Nicht bloss wegen den Tranquilizer-Hormonen. Ich habe sehr, sehr gerne an diesem Pulli gestrickt und fühle mich pudelwohl mit der schlichten, klaren Anleitung.
Noch ein „Boathouse Mini“? Vielleicht in Royal Blau oder Schwarz? Mit Bio-Garn diesmal oder schlichtem Leinen? Gern! Immer wieder gern.
Sofern ich überhaupt Zeit dazu finde. Gerade kämpfe ich mit dem zweiten Stulpen für meinen kleinen Jungen, der unbedingt und wirklich demnächst ein Paar Beinstulpen braucht für zum Rausgehen und den immer kühler werdenden Herbst da draussen. Nun… ich komme nicht weiter. Tage verstreichen ohne dass ich auch nur eine einzige, mickrige Masche zustande gebracht hätte. Wahrscheinlich wird es Frühling bis das Paar vollendet ist. Von einem weiteren Mädchenpulli darf also -wenn überhaupt- höchstens geträumt werden…

PS. Vielen Dank für die liebevollen Reaktionen zu meinem letzten Post!!! Ich habe alle sehr, sehr gerne gelesen und mich riesig gefreut! Nach einer traurigen Mail, in der mir eine Leserin davon erzählte, wie sie ihr kleines, süsses Mädchen kurz vor der Geburt verloren hat, schäme ich mich ein bisschen, mich wegen der Geburtseinleitung so angestellt zu haben. Mir ist noch stärker bewusst geworden, wie dankbar ich sein soll/darf, dass alles derart gut gekommen ist und dass es nichts bringt, mir im Nachhinein noch Gedanken über die Umstände dieser eigentlich wirklich guten, einfachen Geburt zu machen. Gerade bin ich im Herzen immer wieder bei der Mutter, die jetzt um ihr Baby trauert. Wie unerträglich traurig muss es sein für sie…
Habt alle meinen innigsten Dank! Und verzeiht, wenn ich manchmal eine Jammertante bin. Ich weiss; ich habe keinen Grund dazu.

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Aus meinem Tagebuch: Was zählt

Drei Schnappschüsse aus einer kleinen Reihe von Bildern, die ich gestern kurz zwischen Stillen, Wickeln, Bilderbuchleserunde und allem anderen geknipst habe: Mein Baby. Mein Junge. Mein süsses, knuddeliges, pausbäckiges kleines Babykind, das jede Minute dieser Tage mit seinem Duft, seinem scheinbar unstillbaren Hunger, mit der ganzen, intensiven, bezaubernden Präsenz des Neugeborenen erfüllt.
Mein Kamera-Chip bleibt dementsprechend leer. Obwohl es so viel Neues, so viel Wunderbares, so viel Wunder-volles gäbe, das ich festhalten möchte… Doch ich halte es anders fest, nicht mit Sucher und Fotoarchiv, dafür mit den Armen, meinen Händen, meinen Augen und einem übervollem Herzen. Ich bin niemand, der eine Kamera im Gebärsaal braucht. Oder im Wochenbett. Nicht einmal mein Handy hatte ich dabei, als dieses kleine Wunder zur Welt kam. Ich brauche diese Freiheit vom Abbilden-Sollen und Verewigen-Müssen. Der Moment vergeht. Immer. Aber zuvor möchte ich ihn erleben. Ganz und gar.
Und später freue ich mich einfach an den Bildern und Memoiren, die entstehen durften, an den wenigen dafür umso mehr vielleicht…?

Im Augenblick bin ich noch mit Haut und Haaren und ganzem Herzen damit beschäftigt, zu verarbeiten, was geschehen ist. Es war eine gute Geburt. Trotz Einleitung. Trotz meinen Zweifeln, damit das Richtige zu tun und einem immensen inneren Widerstand gegen dieses „diktierte Gebären auf Knopfdruck“, „nur“ weil die Medizin aus irgendwelchen Statistiken ein erhöhtes Komplikationsrisiko unter der Geburt aus meiner Schwangerschaftsdiabetes liest. Ich bin sehr obrigkeitsgläubig. Ich vertraue den Ärzten. Sie haben Wissen, das ich nicht habe und Erfahrungswerte, die mir ganz klar fehlen, Bauchgefühl hin oder her. Trotzdem habe ich schwer gehadert mit diesem Beschluss. Mit dieser Art von Geburt. Die Art und Weise, wie heute mit sogenannten Geburts-Risiken umgegangen wird, die permanent wachsende Kaiserschnitt-Rate (in der Schweiz angeblich 25 bis 50 Prozent!) die so manche Hebamme mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nimmt (auch meine übrigens, erst heute habe ich mit ihr darüber gesprochen), all das verunsichert mich zutiefst. Ich weiss nicht mehr genau, wen ein Arzt schlussendlich im Fokus hat, wenn er sich entscheidet, in eine Geburt einzugreifen und das Ruder an sich zu nehmen; Denkt er an mich als Mutter? An das Baby? An den guten Ruf seines Spitals? An sich selbst?
Ich habe immer mehr den Eindruck; Je weniger die Medizin darauf vertraut, dass der Körper selber agieren, heilen, Kräfte entwickeln kann, dass er über ein intuitives „Wissen“ verfügt, welche Mechanismen er ins Rollen bringen muss, um zu überleben, gesund zu werden oder ein Kind zur Welt zu bringen… desto mehr wird die Natur in uns zum Schweigen gezwungen. Mit Medikamenten. Mit OPs. Mit Eingriffen aller Art. Und dabei bröckelt auch unser eigenes Selbstbild vom kompetenten Menschen mit einem machtvollen Körper und ureigenem Wissen.
Ich bin kein Medizin-Gegner. Im Gegenteil; Ich würde mich durchaus zu den Schulmedizin-Anhängern zählen. Ich impfe alle meine Kinder gegen praktisch alles, was die WHO empfiehlt und habe keinerlei Gewissensbisse, bei Kopfschmerzen eine Schmerztablette zu schlucken oder einem Kind mit Ohrenweh ein Zäpfchen zu geben anstelle der oft gepriesenen Zwiebelwickel. Ich mag Pflanzenheilkraft, Kräutertees und Tinkturen, aber wenn es hart auf hart kommt, greife ich auch mal zur Chemie- und bin wahnsinnig dankbar dafür, dass es diese Möglichkeiten gibt für mich. Dass ich derart frei wählen kann. Dass ein grosses Fachwissen und unglaubliche Fähigkeiten im medizinischen Bereich sich wie ein Schutzschild über uns spannen… oder wie ein sicheres Netz, das uns auffängt, wenn wir fallen.
Bei dieser Geburt allerdings drehte sich der Spiess ein wenig: das Fangnetz wurde zur Fänge. Weil es die Möglichkeit der Absicherung gab, wurde sie vorausgesetzt: Mein Baby sollte fix am errechneten Geburtstermin zur Welt kommen, weil die Medizin der Statistik mehr vertraut als der Weisheit der Natur.
Und ich habe zugestimmt.
Wohl war mir nicht dabei. Überhaupt nicht.
Aber noch unwohler hätte ich mich gefühlt, hätte ich die ärztlichen Kompetenzen radikal in Frage gestellt und darauf gepocht, dass das Baby seinen Zeitplan selber wählen darf. In dieser Beziehung bin ich ein Feigling. Eine Selbst-Zweiflerin. Und es ging ja nicht nur um mich; da war ein kleines Menschlein, das ich auf alle Fälle und mit ganzer Kraft schützen wollte. Auch gegen meinen Willen. Irgendwie.
Nun; falsch war diese Entscheidung sicher nicht. Mein kleiner Junge kam so entspannt zur Welt, so kerngesund und reif für diese Welt wie bisher keines meiner Kinder. Kaum war er da, öffnete er die Augen, nahm all die neuen Eindrücke ruhig und mit stillem Erstaunen in sich auf und strahlte dabei eine unglaubliche Gelassenheit und einen tiefen Frieden aus. Ich glaube, für ihn war alles richtig so, wie es war. Da war Geborgenheit, da war Herzlichkeit, da war so viel Wärme und Menschlichkeit, die mich, meinen Mann und dieses Kind an diesem Tag durch diese so aussergewöhnlichen Stunden begleitet haben. Man liess uns Zeit, achtete auf meinen Körper, griff so wenig in die natürlichen Abläufe der Geburt ein wie nur irgend möglich und fragte vor, während, nach jedem weiteren Schritt nach, bevor man einen nächsten setzte. Die Hebammen waren wunderbar. Mein Mann genauso. Und im Grunde veränderte der Wehentropf die Abläufe dann gar nicht so sehr: 4.5 Stunden nach dem Ansetzen der Infusion, die man nur zögerlich und in kleinen Dosen erhöhte, lag ein rundes, vollkommenes kleines Bubenbündelchen in meinen Armen und suchte nach der Mutterbrust. Ein wenig länger als meine anderen Geburten. Ein bisschen schmerzhafter auch. Aber wahnsinnig bewusst erlebt und fokusiert und aktiv verarbeitet. Eigentlich war es schön. Es fühlte sich eigen an. Nicht eigentlich fremdbestimmt. Obwohl es genau das war.

Die letzten Tage über habe ich viel mit einer sehr guten Freundin gesprochen. Über dieses Erlebnis. Über diese für mich neue Art von Geburt. Über meine Zweifel, mein Erleben, was das alles mit mir gemacht hat. Noch immer macht. (Jede Geburt löst jeweils ungeheure Emotionen und Prozesse in mir aus.) Manchmal nagt etwas in mir und an mir. Sonderbare Gefühle des Versagens. Diese Stimme, die mir trotz allem einreden will, es nicht richtig gemacht zu haben. Etwas Wichtiges ausgelassen, in Dinge eingegriffen zu haben, die irgendwie nicht angetastet gehören. Vielleicht wäre es auch ohne eine Geburtseinleitung gegangen. Vielleicht war alles nur Panikmacherei und ich eine Frau mehr, die sich entmündigen liess davon. Vielleicht wäre es richtig gewesen, der Natur ihren Lauf zu lassen.

Aber schlussendlich kommt es nicht darauf an: während ich diese Zeilen hier schreibe, liegt ein süsses kleines Baby neben mir auf dem Bett und schläft mit geballten Fäustchen in seinem Häkeldecken-Kokon. Es geht ihm gut. Mir geht es gut. Mein Mann und ich teilen die Erinnerung an intensive, aber schöne, bewegende, innige Stunden im Gebärzimmer, an die Anfänge einer neuen Menschengeschichte, die begleitet wurden von wunderbaren Frauen, die es gut mit uns meinten. Diese Zeit trägt ihren eigenen Zauber. Dem bin ich verfallen. Und meinem Babykind. Mit allem, was ich bin.
Das ist, was zählt.

PS. Habt meinen innigesten Dank für die lieben Worte und guten Wünsche zur Geburt meines Kleinen! Dass das erste Foto zuerst auf Instagram veröffentlicht wurde und nicht hier im Blog, das war mir eigentlich gar nicht recht; ich fühle mich hier so wohl und verbunden, dass ich an sich viel lieber hier zuerst diese schöne Neuigkeit verkündet hätte… Aber wie das eben so ist; mit dem Handy geht alles verlockend schnell und unkompliziert. Und ich komme so selten dazu, meinen Laptop aufzuklappen, Fotos zu knipsen, sie auf meinen Computer zu laden und entspannt dazu zu schreiben…
Instagram wird wohl meistens schneller sein.
Aber mein Blog bleibt persönlicher, offener, der Ort, an dem ich wirklich erzählen möchte… Habt Dank für euer Zuhören. Die liebevollen Feedbacks. Das bedeutet mir sehr viel, ehrlich.

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right now in 9

1. Septemberlicht wechselt sich ab mit trüben, klammen Morgen, die mich nur schwer aus dem Bett kommen lassen. Und nicht nur mich, was das betrifft; gerade Nebeltage bringen es an den Tag, wie unsagbar schulmüde ein paar meiner Kinder bereits jetzt schon wieder sind, nach nur wenigen Wochen im neuen Schul-Rythmus. Mein frischbebackenes Kindergartenmädchen wenigstens, findet sich langsam ein in ihrer neuen Realität. Ihr Herz wird ruhiger, die Mittage und Nachmittage wieder entspannter, die Morgen für sie und mit ihr gelassener. Dafür bin ich dankbar. Es nimmt einen Teil des Druckes von uns, der uns die erste Zeit im Schulalltag ein bisschen vergiftet hat. Und ja, dankbar bin ich auch für die Sonne. September-Sonnen sind etwas ganz Besonderes. Warm aber mild. Sanft und besänftigend. Und jeden Tag aufs neue hochwillkommen.

2. Den Gegenpol dieser goldenen Phasen bilden die Schatten. Nebelschwanden und Silberblick. Der Garten ist feucht und vieles schimmelt noch vor der Reife; die Aprikosen sind noch an ihren Ästen verfault, der Holunder bildet Beeren, die bereits gären bevor sie richtig schwarz sind, die Äpfel scheinen über Nacht zu verschwinden. Nur die weissen Himbeeren werden süss und saftig und dick, die Quitten prall, mit kräftig-grüner Schale. Ein Grossteil der Meerschweinchen-Wiese ist hoffnungslos vermoost. Je mehr Bäume und Büsche desto weniger Gras bleibt für unsere Tiere übrig, so dass wir grösstenteils mit Heu und Rüst-Abfällen von Möhren, Peperoni oder Apfelbutzen vom Kinder-Znüni nachfüttern müssen. So war das nicht geplant ursprünglich. Aber es ist wie es ist. Ein Punkt mehr, der mich von mehr Land träumen lässt…

3. Was mein Kräuter-Gartenjahr angeht: Es war bisher recht trostlos. All meine Vorsätze und Pläne von eingemachtem Sirup, Salbeihonig oder Gläsern voller getrockneten Kräutertees verpufften irgendwie im Laufe der Monate. Die Kräuterspirale wurde von zwei, drei dicken, fetten, schwarzen Spinnen annektiert, die mir derart ungeheuer sind, dass ich den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht überschreite, sprich das Zitronenkraut oder den Thymian nicht anrühre aus lauter Angst, es könnte genau dann, wenn ich zupfe und schnipple so ein garstiges Krabbelvieh aus seinem dicken Röhrennetz hervorspähen *schauder*. Allerdings ist sowieso keine meiner Kräuterpflanzen so richtig schön gediehen. Der Salbei vertrocknet, der Thymian ausgeblüht und mager, das Zitronenkraut schmächtig. Nur der Schnittlauch ganz unten im feuchteren Teil der Spirale gab ab und zu genug her, um einen Dipp damit anzurühren oder den Salat, von dem es auch eher wenig zu ernten gab, mit ein paar Röhrchen aufzupeppen.
Gestern habe ich versucht, ein bisschen aufzuräumen. Nach nur einem Beet musste ich allerdings aufgeben, weil mein Becken vom Bücken einfach zu arg schmerzte. Den Grossteil der Pfefferminze habe ich dem Kompost gespendet, aber eine Schüssel voll ist gesäubert und zerpflückt und wartet nun darauf, im Dörrex für den Winter getrocknet zu werden. Meine einzige Ausbeute in diesem Jahr. Aber wir wollen dankbar sein. Die Natur ist nicht nur für uns Menschen da: sie teilt mit allen, und Bienen, Falter und Krabbelgetier fahren ihren Teil der Gartenernte gerne ein, wenn wir sie nur lassen. Dass mein Lavendel von mir völlig ungenutzt verblüht ist, macht mich darum überhaupt nicht traurig: das fröhliche Gesumme und emsige Geschwirr während seiner Blütezeit war eine grosse Freude und mir Ernte genug…

4. Wir hatten Ratten. Im Keller. Was wir zuerst als süsse, kleine Maus zu identifizieren glaubten und uns anfangs, als wir die ersten angeknabberten Lebensmittel im Vorratsraum entdeckten, überhaupt nicht gross erschreckte, entpuppte sich nach einer Weile als ganze Wander-Ratten-Familie. Spätestens als wir die ebenso gewaltige wie angriffslustige Mama-Ratte in der selbstgebauten Lebend-Falle hatten, fanden wir das Ganze dann auch nicht mehr wirklich süss und harmlos. Jedes Tier, das wir fangen konnten, kam raus in den Wald. Die löchrigen Gitter vor den Keller-Lüftungsschächten wurden erneuert. Die Abdeckung zu einer Wasserröhre subito wieder aufgesetzt und mit schweren Steinen beschwert. Manchmal höre ich es nachts daran knabbern. Ich denke an pelzige Meere im Mittelalter und sehe die Geschichte des „Rattenfängers von Hameln“ in einem völlig neuen Licht.

5. Zurück zu erquicklicheren Themen. Meine Socken-Strickerei kommt langsam voran. Im Moment hat sie ein wenig stagniert, weil ich abends gerade zu müde bin zum Aufbleiben und meine Vormittage sich irgendwie mit anderen Dringlichkeiten füllen, aber mein zweiter roter Kinder-Stiefelstrumpf und meine erste Herbst-Socke wachsen langsam ihrer Vollendung entgegen. Besonders schön finde ich das goldene Merino-Yak-Socks-Sockengarn der Spinnwebstube. Es gleitet warm aber leicht seidig durch meine Finger und gefällt mir verstrickt genauso gut wie zum Ball gewunden oder naturbelassen in seinem Strang. Und die wunderschönen Projekt-Bags aus „Mimis Laden“ sind mir zu treuen Begleiterinnen geworden, die ich nicht mehr hergeben würde…

6. Ein bisschen genäht habe ich auch. Allerdings völlig stümperhaft und mehr auf Nutzen als auf Optik ausgerichtet: Aus einem wirklich uralten, nicht mehr ganz lupenreinen Baby-Duvet, das ich zwar hässlich aber schlicht zu praktisch fand zum Wegwerfen, wurde ein spontaner Krabbelquilt, den ich einfach entlang seines Musters und mittels einer abgesteppten Saumnaht rudimentär zusammengequiltet habe. Kein besonders gelungenes Projekt, das sehe ich ganz realistisch. Aber ein Brauchbares. Nicht zu schade für dreckige Böden und Babyspucke. Und das andere da links oben im Bild, das sollen Stilleinlagen sein. Nach einer Anleitung aus dem Netz, mit Vlies-Mittelteil, Baumwollestoff nach aussen und alten Jersey-Resten für auf der Haut. Wie sie aussehen: blöd. Wie sie sich bewähren wird sich wohl bald zeigen…

7. Dafür bin ich rundum zufrieden mit meinem Flickwerk hier: die beiden Lieblingskleidchen meiner zwei jüngsten Mädels bekamen -inspiriert von diesem Buch hier– handgestichelte Flicken aus den alten, zerschlissenen Jersey-Sachen, die ich in meinem Näh-Schrank genau für solche Zwecke horte. Und sehen damit irgendwie gleich nochmals so liebenswert aus, finde ich. Je mehr ich mit einem Kleidungsstück in Berührung komme, es sehe, anfasse, pflege, repariere, desto mehr wächst es mir ans Herz. Desto mehr wird es Teil meines Lebens, ein Gegenstand, zu dem ich eine Beziehung entwickle, anstatt ihn einfach nur zu benutzen. Und ich merke; ich bin ein Beziehungsmensch. Was für mich zählt, ist die Art und Weise, wie ich empfinde gegenüber der Dinge, Menschen, Orte oder Momente.

8. Und wo wir gerade von Empfindungen sprechen: im Augenblick fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen haltlosem Aktivismus und fauler Trägheit. Das Chaos um mich herum nimmt permanent zu. Die fleissige Biene in mir summt darum umso hektischer. Aber mein runder werdender, nicht mehr wirklich leistungsfähiger Körper bremst mich aus. Ich versuche, gelassen zu bleiben und die Balance zu finden zwischen gemütlichen Ruhephasen mit meinen Stricksocken auf dem Sofa und geschäftigem Hantieren mit Mülltüten, Brocki-Boxen und Staubsauger. Aber eigentlich ist das nichts neues. Dieser Spagat gehört zu meinem Leben, soviel habe ich immerhin gelernt. Mit Baby dann umso mehr.

9. Ja, das Baby… Ich habe alle meine 5 Kinder bisher normal und spontan zur Welt bringen dürfen, absolut komplikationslos und relativ rasch bis rasend schnell. Trotzdem bin ich ungeheuer nervös, wenn ich an die bevorstehende Geburts dieses 6. Kindes denke. Alles ist irgendwie anders diesmal. Diese Schwangerschaft war noch happiger als die letzte, die Vor- und Senkwehen für mich ungewöhnlich stark und anhaltend und für mich überhaupt eine neue Erfahrung, und dank der Schwangerschafts-Diabetes, in der ich mir zweimal täglich Insulin spritzen muss, um meinen Blutzuckerspiegel so einigermassen im grünen Bereich zu halten, gibt es nun auch eine Deadline, was meine Kugelzeit betrifft. Die Geburt wird am errechneten Geburts-Termin eingeleitet. An meinem Kühlschrank hängt bereits ein Zettelchen mit Zeit und Datum und ich kann kaum sagen, wie sonderbar sich das Ganze anfühlt. Aber nun denn. So sei es. Hauptsache, es kommt alles gut. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch…

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Pandas zum Kuscheln

Und wieder neigt sich ein sonnenschwerer Mittsommertag dem Ende zu. Obwohl die Schatten schon tief liegen und der Garten langsam zur Ruhe kommt, bleibt die Hitze dick wie Caramel. Ich habe Lust auf eine kalte Dusche, auf Kirschen und Maiskolben vom Feuer mit viel Butter und Salz, auf ausklingende Abendstunden mit „Father Brown“ und den beiden Jersey-Röckchen meiner Jüngsten, die noch ihre Flicken aufgenäht haben wollen.
Alles schwingt.
Hin und her.
Wie eine Hängematte, über der die Äste knarren. Gemächlich. Müde. Sonnensatt. Siestawetter. Ruhepausen. Wer Zeit hat, Wasser und ein Laubdach, das Schatten spendet, darf sich glücklich schätzen.
Ich glaube, im Moment habe ich alles.
Und mehr.
Zum Beispiel diese beiden wunderbaren Kuschelkissen. Kinderkunst-Kuschelkissen. Zwei Pandas zum Knuddeln und Knautschen.
Ich erinnere mich noch, wie meine beiden kleinen Mädchen daran gezeichnet haben… Im Mai war das, aber es erscheint mir Ewigkeiten entfernt. So vieles ist anders geworden; der Himmel, das Grün der Pflanzen, das weit weniger satt wirkt und bereits den ersten Goldschimmer des Herbstes in sich trägt. Mein Bauch ist prall und schwer und erst gestern nacht hatte ich das Gefühl, erste Senkwehen zu spüren. Oder Vorwehen. Wer weiss. Bis zum September geht es nicht mehr weit. Schuleintritt, ein Abschied vom Ganz-zuhause-Kind und der erste Tag im Kindergarten stehen genauso felsenfest und mahnmalähnlich vor meinem inneren Auge wie der noch nicht ganz nahe, aber auch nicht mehr ganz so abstrakte Geburtstermin dieses Endsommerbabys. Kind1 ist mit seiner Liebsten zelten, mein Mädchen zieht nachmittags von Gspänli zu Gspänli, zuhause wird Musik gehört (Kind2, pausenlos), geplantscht und gespielt und vergessen aufzuräumen.
Es sind volle Tage. Tage der Veränderungen, kleinen Abschiede, eine Zeit des Loslassens und Festhaltens und Vertrauen-Fassens.
Und ich weiss; auch dieser Sommer wird zu Ende gehen.
So wie immer.
Neues wird kommen.
Mein Herz bewegt sich langsam und leise.
Es bereitet sich vor.

Ich bin froh, dass ich mir heute soviel Zeit und Musse nehmen konnte, diese beiden Kissen fertig zu nähen. Meine Schubladen und Schränke horten immer mehr angefangene Projekte, als mir lieb ist, und es schenkt mir Frieden, ab und zu das eine oder andere doch noch zur Hand zu nehmen und mich ihm zuzuwenden. Dinge abschliessen macht zuversichtlich. Es ordnet von aussen nach innen. Und nichts geht verloren.
Die Stoffmalbilder meiner beiden kleinen Mädchen sind wunderbar bunt und munter. Auch das tut mir wohl.
Und alles -von den Farben über die Füllung bis hin zu sämtlichen Stoffen- besteht voll und ganz aus Natur- und Recycling-Materielien. Nachhaltig vom ersten Stich bis zum letzten. Denn die Textilmarker sind secondhand, Übrigbleibsel von einer Hochzeitsfeier. Alle weissen Stoffe uralte Laken vom Trödler, umgewandelt in etwas Neues. Die Inlets stammen aus meiner Restekiste und waren zurvor zerschlissene Kopfkissen, genauso wie die beiden Kissen-Rückseiten. Nur die Stopfwolle, die ist mehr oder weniger neu. Also vielleicht doch eher weniger als mehr: Meine Mama hatte diese Rohwolle seit 20 Jahren auf dem Speicher, bevor ich mir daraus einen kleinen Stopfwoll-Vorrat angelegt habe…

Ich bin dankbar. Wieder etwas vollbracht. Abgeschlossen. Ver-voll-ständigt. Ein weiteres Stück Glück.

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