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Aus meiner Färbeküche: Weissdorn, Brombeerblatt und Birke

Ihr Lieben! Ein dickes, fröhliches „Dankeschön“ für jedes einzelne eurer Worte… zum Strickjäckchen, zum vorletzten Post… und überhaupt! Es ist schön, ein Echo zu hören. Noch schöner wäre es, ich könnte hinter jeden Beitrag eine wenigstens kleine Antwort schreiben. Das wäre mir wichtig. Eigentlich. Ich möchte eure Stimmen nicht so einfach versanden lassen, sondern Bezug nehmen. Aber dann verstreicht wieder so viel Zeit, bis ich meinen Laptop hervor ziehe, den Staub wegpuste und in die Tasten greife… Ich denke, ich lasse eure Worte, Sätze, Gedanken einfach so stehen, wie sie sind. Lese sie zum zweiten oder dritten Mal durch und freue mich. Im Stillen. Habt Dank, ihr besten aller Leserinnen!
Bevor ich wieder zu müde werde, um verständlich (und mit nicht ganz so vielen Tipfehlern *hüstel*) zu schreiben, erzähle ich einfach mal drauflos. Davon zum Beispiel, dass ich mir überlegt habe, was mich beim Bloggen am meisten bremst. Ausbremst bisweilen. Ich denke, neben der Zeit und der Ruhe, die mir schlicht abhanden gekommen sind mittlerweile, ist es die Erwartungshaltung, meine eigene Messlatte, die keinen meiner Posts verschont, sondern hier herumsäbelt, dort feilt und richtet und urteilt und permanent kritisiert und korrigiert.
Das macht das Schreiben zu einer Art… Prüfungs-Situation.
Wo es doch Freude sein sollte. Hauptsächlich. Oder ausschliesslich.
Vielleicht, habe ich mir gedacht, vielleicht wäre es anders, wenn ich von meinem Handy aus schreiben würde? Laptop, das bedeutet, Arbeit, Ernsthaftigkeit, etwas Grosses und Gewichtiges. Das Handy wiederum hat viel Leichtigkeit an sich. Eine Art Spieler-Natur. Ich gucke Miss Marple darauf, flippe durch Pinterest und Instagram, höre mir die neuesten Sprachnachrichten meiner Freundinnen an… Am Handy bin ich ganz ich selbst, ganz bei mir, völlig im Alltag, im Augenblick, mitten im Geschehen.
Vielleicht, ja, vielleicht würde das etwas ändern an meiner Schreib-Blockade. Denn blockiert, das bin ich. Irgendwie. Vor allem, wenn ich richtig denken soll. Und meine Gedanken verständlich machen, hübsch verpacken, mit Schleife drum herum und einem richtig guten Schluss-Satz.
Nur Lyrik geht. Meistens jedenfalls und vor allem dann, wenn ich partout keine Zeit habe dafür. Dann flitzen die Worte schneller als meine Gedanken und purzeln bunt zu einem herrlichen Puzzle, an dem ich mich selbst wahrscheinlich am meisten freue, einfach weil es so schwungvoll aus mir heraus sprudelt, zu schnell für den inneren Kritiker, der bloss stumm nach Luft schnappt.
Mal sehen. Ob das was wird. Wie genau ich dann meine Fotos hochladen soll, darüber rätsle ich noch.

Im Augenblick sitze ich ja aber an meinem Laptop im dunklen, stillen lila Zimmer, während die Kinder im Nebenraum bei offener Türe schlafen. Und meine Bilder kommen -wie zu alten Zeiten- noch aus meiner kleinen Kompakt-Kamera. Nichts Neues, nichts Spektakuläres, und Retuschieren und Verändern war auch nicht nötig. Das helle, kühle Herbstlicht hat leuchtende Farben und starke Kontraste hervor gebracht. Ein gerechtes Abbild der verschiedenen Töne, die ich oben in meiner Färbeküche auf Wolle gebannt habe…
Meine Weissdorn-Färbung zum Beispiel. Versuch Nummer zwei. Gesammelt am allerersten Geburtstag meines kleinen Jungen, an einem schönen, warmen Herbsttag, den wir sehr entspannt, sehr reduziert, sehr bewusst gefeiert haben.
Ich habe kleine Ästchen abgebrochen, nicht viele, bloss ein paar, und auch nur an den Büschen, die wirklich üppig wuchsen am Ufer des kleinen Dorfbaches, wo mein Kleiner quietschend vor Freude seine Füsschen badete und am liebsten gleich nackig ins Wasser gehüpft wäre zum Spielen und Plantschen…

Die zerschnittenen Zweiglein, das dünne Holz, die noch grünen Blätter und die roten, ganzen Beeren habe ich eine Nacht lang in Wasser eingelegt, am nächsten Tag mitsamt dem Einweichwasser etwa 90 Minuten leicht sprudelnd geköchelt und dann 2 bis 3 Tage ziehen lassen. In der Zwischenzeit konnte ich meine Wolle („Big Merino Hug“-Färbewolle von Rosy Green) mit Kaltbeize AL vorbereiten. Nach einer Stunde vorsichtigem Erwärmen im abgeseihten, roten Sud (zwischen 60 und 80 Grad) blieb sie für vielleicht 24 Stunden im Farbwasser, wurde zuerst gelblich, dann rostrot, irgendwann orange-beige und nach dem Waschen schliesslich Sanddorn-Farben und ziemlich intensiv. Ich war sofort verliebt in diesen Ton.
Der Wollstrang in der Mitte und derjenige ganz rechts sind die 2. und 3. Färbung aus demselben Farbbad. Beide mit der gleichen Wolle wie der farbstarke erste Strang links, allesamt kuschelweich und eher dick.
Ich mag den Farbverlauf des Trios, die Nuancierung von Zimt hin zu zartestem Apricot.

Kraftvoll und beindruckend finde ich auch das strahlende Sonnengelb meiner allerersten Birken-Färbung; der untere Wollstrang hat wirklich Power und leuchtet selbst im matten Licht meiner Hexenkammer wie ein magischer Kristall. 200Gramm Laubblätter, mit kochendem Wasser übergossen und für 12 Stunden angesetzt, wurden nur knapp 30 Minuten bis zum Kochen erhitzt und für 90 Minuten stehen gelassen. Dass der Sud braungelb ausfiel, hat mich zuerst mächtig enttäuscht, und lauter Fragen durch meinen Kopf gejagt. „Ist die Flotte doch zu heiss geworden?“ habe ich notiert. „War die Ziehzeit nicht ideal? Oder ist es, weil Herbst ist?“
Doch kaum schwamm die Wolle im Sud, schimmerte sie mir kräftig gelb entgegen und nach 2 Tagen Ziehdauer hatte ich ein herrliches Sonnenblumengelb, das mich wirklich rundum glücklich macht.

Das Gelb der kurz darauf gesammelten Brombeer-Blätter von unterhalb der Gleise wirkt um einiges zurückhaltender und hat mich offen gestanden recht überrascht; ich hatte mit Beige gerechnet, mich fast ein bisschen gefreut sogar auf eine helle Braun-Note. Aber, nun ja.
Die Wolle habe ich diesmal nicht vorgebeizt, da Brombeerblätter an sich bereits genügend beizendes Tannin enthalten, damit die Farbstoffe dauerhaft an den Proteinfasern haften bleiben. Die Farbe blutete beim Auswaschen auch so gut wie gar nicht aus, was ich als gutes Zeichen deute für eine waschfeste Färbung.
Hier habe ich übrigens beim Färben zu meinem Standart-Rezept gegriffen, einen Topf voller Blätter 1 Stunde geköchelt und dann 24 Stunden als Flotte ziehen lassen. Das Garn konnte danach bei etwa 60-80 Grad nochmals eine Stunde im abgesiebten Farbsud simmern und 24 Stunden lang Farbe annehmen, bevor ich es ausgespült und in etwas Babyshampoo gewaschen habe. Ein Schuss Essig im letzten Spülwasser bringt den allenfalls ein bisschen aus dem Gleichgewicht geratenen PH-Wert der Wolle wieder ins Lot und hilft, die Farbe zu fixieren.

So. Die Uhr schlägt eben halb elf. Es ist stockdunkel, herbtslich kalt und irgendwie einsam. Meine Lider flattern, die Augen brennen ein wenig vom weissen Licht, vom dem ich die letzten gut 80 Minuten kaum den Blick gehoben habe…
Ich färbe gerne. Es tut mir gut, spickt meinen Tag mit Sinn und Abenteuerlust. Kolumbusgefühle, habe ich geschrieben, neulich bei Instagram. Das Gefühl, Neuland zu betreten. Und in eine ganz eigene, verwunschene Welt einzutauchen…

„Das Färben mit Pflanzen wirkt wie ein Jungbrunnen; ich freue mich wie ein Kind, staune, als sähe ich zum ersten Mal. Das Licht in meiner Färbe-Küche ist kühl, die Birke in der Baumkronen-Reihe meiner Aussicht wirkt kahler und schwach, herbstmüde hald, doch sie ist da und ich liebe diesen Blick in einen belaubten Himmel. Frei, tief, der Natur näher als ich es tatsächlich bin- mein Fenster gaukelt mir vor, ich stände über den Färbetöpfen einer Landhaus-Küche. Umgeben von Tannen, Birken, Haselsträuchern. Mit einem Himmel, den ich nicht teilen muss mit dem Rest der Agglomeration.
Ein Stückchen davon spiegelt sich im Färbewasser. Eingeklemmt zwischen den Schichten und doch irgendwie befreit, offen.
Genau so fühle ich mich, wenn ich färbe. In Zeiträumen, die gerade noch so knapp… so schnell schnell… Unordentlich ist meine Hexenküche, schlampig, uneingerichtet, weil hurtig und in Windeseile. In den fünf Minuten, die eigentlich gar nicht sein dürften. Aber mit tropfender Wolle in der Hand, mit Schattierungen von Braun, Gelb, Grün zwischen den Fingern… fühle ich mich aufgeräumt und erhaben. Wenn man aus Blättern Farbe macht, denkt man rasch einmal, man könne noch ganz andere Grenzen sprengen.“

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Herbstsocken und ein Gedanke

Fast ein Jahr hat es gedauert, bis dieses Paar Wollstrümpfe an meine Füsse kam. Volle vier Jahreszeiten. Ich erinnere mich schwach, dass ich sie im letzten Jahr ungefähr zu dieser Zeit ganz euphorisch angeschlagen habe, hingerissen von den wunderschönen, satten Herbsttönen, in denen Rita für ihre „Spinnwebstube“ ihr Merino-Yak-Sockengarn färbt. Braun und Gold und Graulila. Einfach schön. Und wie der Faden durch die Finger gleitet, seidig und gleichzeitig robust… schön. Einfach schön, auch das.
Ich denke, ich kann sagen, ich stricke gerne mit dieser so besonderen Sockenwolle. Und ich liebe die Farben. Nach wie vor.
Dass es zwölf Monate, vier Jahreszeiten, einen ganzen Jahreskreis brauchte, um die letzte Masche abzuketten und ein Pärchen neue, braune Wollstrümpfe mein eigen zu nennen, hat andere Gründe als ein Garn, das einem verleidet; Ich habe entdeckt, dass ich überhaupt nicht gerne rechts verschränkt stricke. So ein Geknorze! Die Masche will meistens irgendwie nicht so, wie meine Finger wollen, der ganze Fluss gerät ins Stocken, und das ist es ja gerade, was ich so mag am Stricken, das Fliessen und Vorwärtsrollen, dass meine Hände mittlerweile autonom arbeiten können, zwei, drei, vier, fünf Maschen lang, und die Augen ihnen nur noch ab und zu einen Blick schulden, souverän aber knapp, wie altehrwürdige Hirtenhunde bei einer Herde braver Schafe.
Bloss dass rechts verschränkte Maschen eben alles andere als brav sind. Mehr störrisch. Bockig.
Leider habe ich das erst erkannt, nachdem ich mich schon ein ganzes Stück bis weit über die Ferse mit einem Muster aus rechts verschränkten und klassisch linken Maschen abgemüht hatte.
„Na gut“, dachte ich und biss die Zähne zusammen. „Machen wir hald weiter so. Wenigstens sieht es gut aus.“
Nun ja, als die erste Socke dann fertig war, war ich mir diesbezüglich auch nicht mehr so sicher. Eigentlich, so denke ich heute, eigentlich mag ich rechts verschränkte Maschen bloss im Bündchen. Als kleines Extra. Nicht ausgegossen über die ganze Fusslänge. Das wirkt irgendwie… zu eng. Steif. Die Lücken zwischen den Maschen sind wenig kleidsam.
Trotzem hab‘ ich meine Freude an diesem Paar. Natürlich rettet die schöne Wolle hier einmal mehr ein nicht wirklich ausgereiftes Muster, das ich mir innerhalb eines altbewährten Sockenprinzips mal eben aus den Fingern gesogen habe ohne richtig zu planen. Und klar bin ich froh, findet dieses schleppende Langzeit-Projekt jetzt einfach mal ein Ende. Ein trotz allem ganz glückliches sogar, denn Wollsocken habe ich bloss wenige, hätte aber gern ein ganzes Arsenal davon, mit dem ich mich wappnen kann gegen die kommende Kälte und den winters recht klammen Boden hier im Haus.
Jetzt habe ich aktuell bloss noch zwei Arbeiten auf den Nadeln: eine Kinderjacke für meine 8jährige aus seidig schimmerndem lila Schmusegarn und ein dickes, grosses, dunkelblaues Dreieckstuch aus handgesponnener Wolle, das ich wahrscheinlich zum Lückenbüsserprojekt zwischen Abketten und neu Anschlagen ernennen werde, weil es einfach ist und so gar nicht eilig. Socken reizen mich aber. Nochmals. Diesmal wahrscheinlich mehr klassisch, mit kurzem Bündchen, Ferse und Spitze in Kontrastfarben, dazwischen einfach bloss glatt rechts. Simpel aber gut. Und vielleicht meine pflanzlich gefärbten Bambus-Sockengarne? Altrosa mit Braun? Oder Braun mit blonden Einstrickmuster-Streumaschen und rosa Ferse und Spitze…? Meine Färbungen sind wie Honig. Und ich die Biene. Nicht weil sie so besonders schön wären… aber besonders, für mich, weil sie meine sind.

Manchmal überlege ich, wie es wohl wäre, einen kleinen Webshop zu haben. Für den ich färben könnte. Ich tadle mich dann zwar und rücke mir den Kopf gerade, der kurz einmal ein bisschen zu weit in den Wolken war, aber ich kann mir nicht helfen; der Gedanke gefällt mir. „Woolentwine“ macht so schöne Sachen. „Wooly Mamoth Fibre“ genauso. Allein ihre Bilder machen mich schon glücklich. Sowas möchte ich auch einmal können.
Beim Insbettbringen meiner Kinder heute, ist mir der Gedanke gekommen, einfach weiter zu färben. So wie ich es eben kann in Moment. Noch in Kinderschrittchen, mit mehr Glück als Verstand aber mit ganzem Herzen bei dem, was ich tue. Färbebücher lesen, Pflanzen entdecken, Blätter, Kerne, Beeren, Wurzeln sammeln… und einfach spielen und im Thema tauchen und baden soviel ich mag.
Und dann -vielleicht- einen kleinen Marktstand an einem der vielen Herbst-, Weihnachts-, Koffer- oder Handwerks-Märkte haben. Einfach so. Dann, wenn es passt.
Ich und ein Marktstand?
Der Gedanke kam unvermittelt und schien mir recht unverfroren. Doch ich habe ihn noch nicht verworfen.

PS. Das süsse kleine Sämchen-Kind aus Filz auf dem ersten und zweiten Foto stammt übrigens einmal mehr von Allerleirauh. Es kam zusammen mit einer genauso verschmitzt schmunzelnden Mutter Erde und gehört zu meinen allerliebsten Filz-Schätzen überhaupt. (Könnte ich Icons einsetzen, würde hier jetzt eine ganze Reihe Herzen blinken.)

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schleppend

Ich möchte gerne einen Färbe-Post schreiben. Von Rhabarber, Birke, Brennessel und Avocado. Noch ein bisschen weiter in meiner Passion schwelgen. Notieren, was genau wie hier vor sich geht, welche Masse und Zutaten bei mir mit welcher Wolle welchen Ton ergeben…
Aber heut‘ ist mir nicht wirklich danach zumute. Ich bin so müd, dass ich die Unordnung im Haus noch weniger ertrage als sonst, und ein bisschen Langsamkeit und Pause brauche, Pause für Körper und Geist. Ich mag kaum denken, so schleppend drehen sich die Rädchen in meinem Kopf.
Der schwungvolle Post neulich, entpuppte sich übrigens als Trugschluss; kaum kamen die Kinder an Tag 2 nach Ferienende mittags nach Hause, flossen die Tränen in Strömen, flogen uns Überdruss und lauthals geäusserter Schulkoller um die Ohren. Keins meiner Kinder konnte sich mehr freuen an Unterricht, Gspänli und „dem eigenen kleinen Leben“ da draussen… Und ich muss sagen; ich bin auch schon wieder ganz schön erschöpft. Allein die Schulmorgen schaffen mich jeweils so ziemlich. Und mein Baby schläft schon wieder schlecht und unruhig, was die Situation noch verschärft.
Wie gut, dass ich das Färben habe. Diese wunderbare neuentdeckte Oase des Hand-Werks, in der ich mich unglaublich wohl, geborgen und gleichzeitig belebt fühle. Habe ich abends einen Topf Wolle angesetzt, komme ich frühmorgens viel leichter aus dem Bett. Weil ich mich freue und unglaublich neugierig bin, welche Färbung mich wohl erwartet. Mein Espresso für die Seele, glaube ich.
Und dann ist da mein Garten. Mein Gärtchen. Wo das Gemüse mich langweilt und schlecht wächst, die Bäumchen, Kräuter und Blumen aber ihren Platz verteidigen gegen Wind, Wetter und Ganoven. Und mir so viel Freude machen. Einfach damit, dass sie da sind. Ich habe einen Armvoll Rosmarin geerntet, von dem ich ja eigentlich dachte, er würde an seinem Schattenplatz zwischen den Himbeeren eingehen. Sein Duft war berauschend; noch nie habe ich etwas so intensiv Harziges, Ätherisches gerochen, ein Geruch wie der Weihrauch, der an Weihnachten in der Kirche verbrannt wird.
Rosmarin. Eine meiner allerliebsten Kräuterpflanzen. Vielleicht weil ich selber wenig robust bin, wenig Bodenhaftung und Rückgrat habe und immer ein bisschen im Wind mitflattere. Rosmarin…das bedeutet Ruhe für mich. Eine stabile, kraftvolle, selbstbewusste und unaufgeregte Ruhe. Ich empfinde ihn als recht maskulin. Oder gestanden weiblich. Wie eine Mutter mit Schürze, die Brottteig knetet oder ihre Hühner füttert. Wenn ich Rosmarin rieche, wirkt das sehr kräftigend auf mich, belebend, ohne aufzuputschen, tröstlich ohne Selbstmitleid. Kurz kam mir der Gedanke, mit Rosmarin zu färben (in Rebecca Desnos Magazin „Plants are magic“ ergab das einmal ein recht hünsches Violett), aber dann verwarf ich den Gedanken wieder, weil mir meine Kräuter einfach zu schade sind, um in einem Zug verkocht zu werden. Ich möchte sie lieber trocknen und trinken. Oder essen. Mein Körper muss seit einer Weile eine ziemliche Durststrecke durchwandern, was Nährstoffe und Vitamine angeht, denn ich komme kaum zum Essen, geschweige denn Kochen. Alles muss schnell und einfach gehen und Kohlenhydrate wie Brot oder Spathetti sind natürlich Trumpf. Würde mein Babykind mir die Musse lassen zu backen, wäre meine Ernährung wahrscheinlich eine fröhlicher Mix aus Kuchen und Keksen.
Nun denn. Koche ich eben Wolle. Und Färbeflotten. Das braucht weniger Arbeits-Zeit und kaum Konzentration.
Neulich habe ich mir übrigens Löwenzahnwurzeln von meiner Mama gewünscht. Ein paar bloss, und sie hat ungeheuer viele, eine ganze Wiese voll, würde ich mal sagen. Jetzt trocknen sie, der Länge nach halbiert, im Gartenhäuschen im Schatten, und ich hoffe, ich kann Tinktur aus ihnen machen. Was ich noch nie gemacht habe. Kombiniert mit anderen heilsamen Pflanzen, die den Magen stärken. Das würde mir bestimmt gut tun…
Und bevor ich euch jetzt „tschüssi macht’s gut“ zurufe und in Richtung Stube zum Turbo-Aufräumen verschwinde, verrat‘ ich euch noch kurz, was es mit dem letzten der drei Fotos auf sich hat: Ein misslungenes Färbe-Projekt ist das. Das ich gerade zu retten versuche. Im Metalleimer ganz links sind ausgekochte Schilf-Blüten vom Dorfbach. Mit denen wollte ich Grün färben. Weil ich Grün so gerne mag.
Leider wurde Beige daraus.
Ohne Beize kein Grün, denke ich, und ich hab‘ mich bisher gescheut, Sachen wie Alaun oder Kaltbeize und all das ins Haus zu holen. Natur pur, hab‘ ich gedacht, aber eben…
Jetzt köchelt ein weiterer Topf auf dem Herd, während die Wolle noch ein wenig in ihrem Schilfblüten-Sud liegen darf, und in diesem Topf sind Rhabarberblätter, von denen ich mir hab‘ sagen lassen, dass sie auch als Beize wirken könnten.
Vielleicht.
Wenn man den einen Stimmen glauben will und anderen wiederum nicht.
Das Netz steckt voll von Stimmen, wisst ihr. Und alle sagen sie was anderes. Da bleibt bloss; ausprobieren.
Mal sehen, was passiert, wenn ich mit Rhabarber-Tannin „vorgebeizte“ Wolle in den Schilfblüten köchel…

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Fiebrig

Babykleider auf meinen Nadeln; zusätzlich zur letzten „Pebble“ liegt gerade ein lagunenblaues Westchen für das September-Baby einer Freundin auf meinem kleinen Schlafzimmertisch und wartet auf seine Knöpfe. Bunt. Farbstark. Lebendig. So wie die Bio-Bauern-Familie, zu der es baldbald gebracht werden soll.

Auch das kleine Zappelwesen in meinem eigenen Bauch, das sich an manchen Tagen windet und Puffe verteilt, dass es schmerzt, bekommt nochmals eine Schicht Wärme von mir gestrickt: Jeden Abend arbeite ich an dieser etwas langweilig grünen Strampelhose hier, am allerliebsten zu einer Episode „Father Brown“ (Staffel 4 ist auf dem Weg zu mir, jupi!!!) oder „Anne with an E“. Sofern ich nicht bereits beim Insbettbringen der Mädchen eingeschlafen bin.

Ich habe meine Nähkommode zu grossen Teilen entrümpelt und aufgeräumt und dabei gleich noch ein Last-Minute-Einweihungsgeschenk für das neue Häuschen einer meiner Schwestern geschneidert. Einfach und lustvoll. Perfekt. Manchmal kann alles so einfach sein… Das Foto ist verschwommen? Stimmt. Es gibt bessere, klarere Bilder dieses spontanen Freuden-Projektes, und die tauchen auch noch hier auf, versprochen…

Nach Jahren der Verbannung kam auch dieses Teil hier ans Tageslicht: Ein fixfertig zugeschnittenes Kindershirt aus einem meiner Lieblings-Näh-Bücher („Das Mama-Baby-Nähbuch“). Klar, dass ich es nicht mehr zurück in die Schublade legen konnte. Ich musste an die Nähmaschine damit. Die Alternative wäre der Abfallsack gewesen. Aber wer macht denn so was…? (Ähm… ich! In gewissen Fällen…)

Mein Bastelschrank wird praktisch täglich unter die Lupe genommen und um ein, zwei Stücke reduziert. Alte Pinsel? Fort damit! Die grossen Holzsterne, die ich doch nie aufstelle? Feuerholz! Und brauche ich wirklich 8 antike, weisse Laken mit Stickereien für irgendwelche zukünftigen Nähprojekte? Kilometerweise alte Klöppelspitze? St.Galler-Stickereien aus einer mittlerweile geschlossenen Spitzenfabrik? Hm… Ja… doch… ich glaube schon…Irgendwie…

Herr Kirschkernzeit renoviert wacker weiter an unserer Treppe herum. Und ich putze tapfer hinterher. Und lasse es mir nicht nehmen, unserem improvisierten Garderoben-Regal einen neuen Vorhand zu nähen, wenn ich schon mal dabei bin. Ganz schlicht und in weiss und aus meinen Vorräten. Ein grandioses Ding, so ein Vorhand! Ein Ruhepol für meine armen Augen, der all unsere abgelegten Saisonbegleiter wie Sonnenbrillen, Mützen, Wintersachen und Schlüsselbunde wunderbar diskret verhüllt und Ordnung vorgaukelt, wo meist keine ist.

Ich werkle, wirke, düse durch die Gegend, umgebe mich mit Wolle, Stoff und aufgewirbelten Staubflusen: Ganz klar, mein Nestbaufieber lässt sich nicht verbergen.
„Die werdende Mama richtet sich ihr Nestlein ein“, schrieb meine Mama neulich auf Whatsapp, nachdem ich ihr stolz ein Kurz-Video des in purer Fleissarbeit aufgeräumten Kreativ-Schrankes geschickt hatte. Meine Freundin Rita doppelte nach: „Das Nestbaufieber hat dich fest im Griff, oder?“
Wie Recht sie haben. Alle beide. Aber was soll ich sagen? Ich finde es wunderbar! Nicht dass ich endlos Kraft hätte oder aktuell die besten Nerven, ganz im Gegenteil! Manchmal bin ich auch sehr nervös, nah am Wasser gebaut und wünsche mir nichts weiter als ein bisschen Ruhe und Frieden und Abgeschiedenheit. Gestern zum Beispiel, als wir unseren alljährlichen IKEA-Besuch über die Runden brachten, für Bettwäsche und weisse Teller hauptsächlich, hatte ich wirklich den Eindruck sofort aus der Haut zu fahren, wenn meine Kinder auch nur ein klitzekleines bisschen an irgendwas herumwackelten („Das ist hier kein Spielplatz, Kinder!“), in meinen Augen zu viele Sachen anfassten („Nur anschauen, nicht anfassen!“) oder in den Gängen ein bisschen ins Hüpfen oder Laufen kamen („Hier muss man gehen, nicht rennen!“). Gottseidank hatte ich heute endlich meine Eisen-Infusion. Das wird mir hoffentlich ein wenig mehr Gelassenheit schenken.(Lieber mehr als weniger) Der Ferritin-Wert war auf 6 bei der letzten Blutentnahme. Und das liegt nun bereits mehrere Wochen zurück… Eigentlich erstaunlich, diese immense Lust aufs Sortieren, Fertigstellen, Organisieren. Anscheinend halten sich beim Entrümpeln und Nestchen-Bauen Erschöpfung und Kraft-Tanken auf wundersame Weise die Waage.
Vor allem kommt Klarheit auf. Mit jeder frischen Ecke, jedem zuende gebrachten Projekt. Ich mag es, wie ich plötzlich fokussieren kann. Genau spüre, was mir wichtig ist im Moment. Wie ich meine ganz persönlichen Prioritäten glasklar erkenne und mich auch traue, ihnen den Raum zu geben, den sie gerade brauchen. Nur für den Moment. Heute. Jetzt. In diesem Augenblick.
Dann lasse ich meine Haare ungekämmt und das Bad ungeputzt und setze mich ganz selbstverständlich trotzdem hin, um irgendein angestaubtes Projekt aus der Schublade zu ziehen und loszunähen. Einfach deshalb, weil ich das brauche. Meinen Hinterkopf zu entlasten, Dinge nicht länger aufzuschieben, sondern ganz konkret und sofort anzupacken. Irgendwann ist oftmals nämlich niemals mehr.

Ich kann nirgendwo vorübergehen, ohne meinen Krempel-Scanner-Blick aufzusetzen. Bei den Familien-Spielen zum Beispiel habe ich vor einiger Zeit schon entrümpelt. Bei den Büchern auch. Man kann es kaum glauben, wenn man unsere Brettspiel-Bücher-Comic-Audio-Ecke im Obergeschoss sieht, denn noch immer sticht einem dort vor allem eines ins Auge: Diese unglaubliche Fülle! Das Chaos im Haus brennt in meinen Augen. Der Überfluss, mit dem ich umgeben bin, überlastet meine Sinne.
Das. Muss. Anders. Werden.
Aber völlig kahl, weiss und reduziert- nein, das ist auch nichts für mich. Charakter, Persönlichkeit, alte Dinge, die Geschichten erzählen, Handgemachtes, Kinderbasteleien, Erinnerungsstücke… Ohne all das wäre unser Haus nicht mehr unser Zuhause.
Die Spreu.
Ich muss lernen, die Spreu zu erkennen.
Mich quält es manchmal, dass ich so schlecht loslassen kann.
Aber dann wiederum tröste ich mich selber mit dem Gedanken daran, dass die Zeit nicht stillsteht. Dass Kinder kommen, wachsen, und gehen. Dass alles sich verändert. Ein leeres Haus kann auch nicht die Lösung sein. Ich möchte, dass sie spielen, basteln, kreativ und ganz und gar sich selbst sein können. Mit Brettspielen, die sie kennen und lieben. Mit einem Zoo an Kuscheltieren, wenn es denn sein muss. (Es muss. Glaubt mir.) Mit einem prallen Archiv Donald-Duck-Comics, das sie im Laufe ihrer Jahre Tag für Tag begleitet hat. Mit Bastelkram und selbstgemachten Kartonbox-Städten voller Kinkerlitzchen und Fantasiegeschichten. Mit stapelweise Bilderbüchern oder „5 Freunde“-CDs, die sie jeweils schwallartig und immer exzessiv abspielen lassen, auch wenn vielleicht Ewigkeiten dazwischen liegen und ein Kind bisweilen 7, 8 Jahre braucht, um vom Hörspiel-Verschmäher zum Gourmet zu werden. Auch wenn zuerst eine fiese Sommergrippe kommen muss, um sie zu erinnern, was wir noch alles an Bücherreihen („Charlie Bone!“) im Regal bereit stehen haben. An Globi-Kassetten. Oder alten, ertrödelten und treu aufgehobenen Micky-Maus-Magazinen.
Ich spiele häufig mit dem Gedanken, einfach alles wegzugeben. Zuallererst die viel zu grosse Lego-Sammlung und die Briobahn-Box aus meinen eigenen Kindertagen. Nur schon weil die Unordnung, die einem (oder mehreren) ausgedehnten Spielnachmittag(en) folgt, nur allzuleicht zum Drama mutiert und der Anblick der hunderttausend Teilchen mich mich in blanke Panik versetzt.
Wer weiss. Vielleicht schaffe ich das ja eines Tages. Mein kleiner Neffe würde sich bestimmt freuen über eine Grossladung Holzschienen und Waggons oder über ein eigenes Legoparadies bei sich zuhause…
Die Spreu. Ja die Spreu.
Weizen sticht mir irgendwie sehr viel besser ins Auge *zwinker*

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