Nach vier Jahren…

… in der Schublade ist dieses Mädchen-Shirt hier doch noch fertig geworden. Im Sommer war das. In meiner Nesting-Phase. Wo alles und jedes noch fertig werden musste und ich lieber vor Erschöpfung umgefallen wäre als den Anblick überquellender Kram-Schubladen weiterhin ertragen zu müssen.
Leider hat aller Nestbau-Eifer nichts genützt. Meine Schubladen stehen immer noch voller Zeug, und es hat mehr angefangene Projekte oder hoffnungslos gehortetes Material, das man „bestimmt noch eines Tages brauchen kann“, als es irgendwie Sinn machen würde.
Doch gerade ist der Zeitpunkt bei mir wenig ideal für Marie Kondo. Entrümpelt wird später. Irgendwann. Jetzt gehören meine Tage dem kleinen Babykind und der Neu-Komposition meiner Familie, wo jeder ein kleines bisschen verrutscht ist in seiner Position und die Kleinste plötzlich grosse Schwester. Dass das nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen bedeutet, muss ich wohl nicht extra erwähnen, doch ich tue es trotzdem. Und was meine im letzten Post so selbstherrlich gerühmte stoische Gelassenheit betrifft: Kaum hatte ich die letzte Zeile getippt, geriet ich in irgendeinen Gefühlstornado einer meiner jüngeren Töchter und verlor prompt die Fassung. Nicht zum letzten Mal in dieser Woche. Ganz im Gegenteil: meine Hormone scheinen wieder in Bewegung gekommen zu sein und fahren munter Achterbahn. Der ruhig-zufriedene Zustand nach der Geburt war mir offen gesagt sehr viel lieber, aber ich bin scheinbar wie ich bin; kein Ruhepol und ganz bestimmt nicht Buddha.
Doch alles in allem denke ich, es wird so langsam. Mit Betonung auf langsam. Noch immer fliessen Kindertränen, wenn das Baby herumgetragen werden möchte, obwohl doch ein Puzzle bereit steht zum gemeinsamen Zusammensetzen, und manche von uns sind erschöpfter und reizbarer als sonst, doch es zeichnet sich bereits so was wie eine „neue Normalität“ ab in all dem Tohuwabohu. Und die tiefe Liebe, die ich empfinde für meinen kleinen Jungen ist sowieso grösser als jedes häusliche Gewitter. Sie gibt mir Kraft, Hoffnung, den nötigen Biss, wenn ich nach einer weiteren schlechten Nacht, in der ich mehr Zeit damit verbracht habe, ein unruhiges Baby zu wiegen und zu stillen, als wirklich zu schlafen, in einen neuen Tag starte.

Und nun zum Shirt *hüstel*. Es wird bereits rege benutzt. Als einziger Jersey-Pullover im Schrank meines Kindergartenmädchens, dessen Ärmel ihr noch bis zu den Handgelenken reichen und nicht schon Mitte Unterarm enden, kommt er jetzt, wo es kühler wird, natürlich rege zum Einsatz. Dass der Stoff („Mondblumen hell“ von C.Pauli) so weich ist, macht ihn gleich doppelt beliebt bei meinem anspruchsvollen kleinen Mädchen, und mich wiederum entspannen die schräg geratenen Nähte und meine Imperfektion in Sachen Nähen. Nichts ist hinderlicher im normalen Familienalltag als Dinge, die zu wertvoll sind, um richtig benutzt zu werden…
Schnitt und Anleitung für dieses Shirt stammen aus Meg McElwees „Mama-Nähbuch“. Ich habe schon früher damit gearbeitet und mag das Resultat noch immer sehr, sehr gerne. Einen ganz ähnlichen Pullover, den „Trotzkopf“, aus dem sich auch ein Kleidchen machen lässt, findet ihr aber auch kostenlos bei Schnabelina in ihrem wunderbaren Nähblog. Wer etwas Zeit findet, mag vielleicht ein bisschen bei ihr herumstöbern; es gibt viele schöne Ideen und ein paar ausgezeichnete Anleitungen zum Runterladen und Nach-Nähen…

Bis ich selber wieder zum Nähen komme, werden allerdings wohl Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre vergehen. Im Augenblick läuft alles, was über die absoluten Basics des täglichen Lebens hinausgeht, auf Sparflamme… Doch das ist in Ordnung so. Dass dieses Shirt hier sage und schreibe 4 Jahre gebraucht hat, um vollendet und schlussendlich auch getragen und gemocht zu werden, schenkt mir den nötigen Optimismus, um mit Überzeugung sagen zu können: Alles hat seine Zeit. Und das Gras wächst ganz bestimmt nicht schneller, wenn man daran zieht…

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Sein erstes Jäckchen

Kurz vor der Geburt meines Kleinen, erfasste mich sowas wie Panik; die Angst, nicht richtig vorbereitet zu sein. Nicht bereit. Überrumpelt, überrollt zu werden von den Ereignissen. Und wie das so ist; ich wusste mir nicht anders zu helfen, als mein Wollregal zu inspizieren, Strick-Ordner und Nadeln hervor zu holen und mich Maschen formend aufs Sofa zu verkriechen.
Ich glaube, ich habe selten so viel, so intensiv, so sehnsüchtig und verbissen gestrickt, wie im  dritten Tertial dieser Schwangerschaft.

Meine beiden letzten Projekte waren klein. Sehr klein. Einerseits wollte ich sie unbedingt noch fertig haben, bevor das Baby zur Welt kam, andererseits wünschte ich mir, etwas für die allerersten Tage zu stricken, eine Art Faden zu spinnen von der unsteten, mit starken Emotionen behafteten Endphase meiner Kugelzeit hin zu jenen Tagen nach der Geburt, die geprägt sind von einem besonderen Zauber und ganz grossen Gefühlen. Eine Brücke aus Wolle, Wärme und Erinnerung.
Meine kleine „Puerperium Cardigan“ wurde ganz knapp vor der Geburt noch fertig. Bis auf die Knöpfchen. Die packte ich dann, mitsamt meinem allerletzten Last-Minute-Projekt -einem Paar dunkelbrauner Babystulpen- in mein Spital-Köfferchen, in der (natürlich völlig unsinnigen) Annahme, sie während den Wehen vielleicht noch annähen zu können.
Nun, Knöpfe bekam dieses Jäckchen erst vor ein paar Tagen. Aber das macht nichts. Mein Baby kann es immer noch tragen. Tag und Nacht sogar, denn gerade ist es oft sehr kühl, und die eher weiten Ärmelchen sind trotzdem etwas luftig, genauso wie der weite Halsausschnitt, so dass es nicht so schnell zum Hitzestau kommt.
Ich mag diesen Schnitt unglaublich gerne, gerade bei so kleinen Kindern. Leicht anzuziehen, sehr, sehr bequem und einfach süss- für mich das perfekte Erstlings-Jäckchen, das ich immer und immer wieder gerne stricke, meine Kinder darin einmummle oder es als ganz besonderes, persönliches Geschenk zur Geburt verschenke.

Hier habe ich die „Bio Merino Cablé“ von der Spinnwebstube gewählt. In einer wahnsinnig schönen braunen Handfärbung (Farbton Nr.70). Ich wusste nicht, ob das Baby in meinem Bauch ein Junge oder ein Mädchen war, aber dieses Braun, in dem ein sanfter Hauch Rosé mitschwingt, schien mir absolut perfekt für jedes kleine Geschöpf zu sein und überhaupt die Farbe, die ich intuitiv für mein Kind wählen würde. Ich denke, mein Bauchgefühl war goldrichtig; ich liebe diese Farbe! Ich liebe dieses Jäckchen und den kleinen Jungen darin sowieso…
Die Wolle sieht bereits ziemlich zerliebt aus. Das liegt daran, dass diese Puerperium Cardigan wirklich intensiv getragen wird, genauso wie das Baby, das die ganze Zeit gehätschelt und geschätzelt wird- Schwerstarbeit also für die Wolle, die bereits ein wenig zu pillen beginnt… Aber der Griff ist weich und angenehm, die Pflege kein Problem, ich bin sicher, nach einem kurzen Bad und ein paar Strichen mit dem Fusselkamm sieht alles wieder aus wie neu.
Und wenn nicht?
Dann ist das auch in Ordnung. Ich wollte ein Jäckchen stricken, das warm hält und sich kuschelig anfühlt unter den Händen, kein Museums-Stück. So wie es ist, ist es richtig. Warm und kuschelig eben. Das Jäckchen, das meinen Jungen in seinen ersten Tagen und Wochen begleitet hat, begleiten wird. Das möchte ich auskosten.
Wer weiss schon, wann es wieder getragen wird?

Notes:
Ich habe mit Nadelstärke 4 den Körper gestrickt, die Ärmel aber mit Nadelspiel 3.5 weil ich rund lockerer stricke als iin Flächen. 3 verteilte Abnahmerunden helfen, die Ärmel nicht allzu trompetenförmig ausfallen zu lassen.
Die schlichten Knöpfchen sind die 15mm Kokosknöpfchen von Drops, die man in vielen Onlineshops findet.
Beim Garn reicht 1 Strang gut aus für diese kleinste Grösse.

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Boathouse Mini in Rostrot

In diesem ganzen süssen, rosa Babynebel, der uns umwabert in diesen Tagen, fällt es mir schwer, mich zu fokussieren. Aufgaben, die weiter reichen als bis zur niedlichen Nasenspitze meines Kleinen oder gar über die absoluten Essentials wie Essenmachen oder Schulthek-Packen hinausgehen, nehme ich oftmals überhaupt nicht richtig wahr. Ich muss mir Mühe geben, Arzttermine oder die Besuchszeiten der Hebamme in meinem Kalender zu notieren bzw. sie überhaupt zu vereinbaren, bevor meine Gedanken, mein ganzes Sein wieder eingenommen wird von Babyflitterwochen und einem nimmersatten kleinen Wesen. Mein Körper scheint ohnehin noch überflutet von irgendwelchen Tranquilizer-Hormonen nach der Geburt; Ich bin die Ruhe selbst. Was aussergewöhnlich ist für mich. Manchmal schimpfe ich, ja. Wenn die Kinder morgens trödeln, und wir ohnehin schon spät dran sind, so wie jeden Tag, seit mein Babyjunge auf der Welt ist, denn seine Bedürfnisse kommen natürlich an erster Stelle, noch vor der Schulhausglocke, und irgendwie scheint er mir morgens immer ganz besonders bedürftig, hungrig und wach, was mit unserem Morgen-Rhythmus kollidiert und es mir schwer macht, alles rechtzeitig unter einen Hut zu bringen. Aber ich schimpfe meist nur halbherzig. Bis mich etwas so richtig auf die Palme bringt, braucht es sehr viel im Moment, ein wunderbarer Umstand, über den ich mich selber wohl am allermeisten freue und der auch den Kindern so richtig gut tut. Sie haben es nämlich nicht unbedingt einfach im Moment. Gerade die Kleinste tut sich äusserst schwer mit den Veränderungen, die auf sie zugekommen sind. Ich glaube, sie fühlt sich manchmal recht verlassen in all dem Trubel um das kleine Kind, das meistens entweder in meinen Armen liegt oder im Tragetuch herum getragen wird, weil es, kaum lege ich es irgendwo ab, sofort zu weinen beginnt. Sie erzählt mir auch, was sie beschäftigt. Dass ich mich „immer um das Baby kümmere“. Dass sie „sich besser kein Baby gewünscht hätte“. Dass wir ihr neues Brüderchen doch „einpacken und verschenken“ könnten. Letzteres immerhin, zieht sie mittlerweile nicht mehr in Betracht. Als ich sie neulich darauf angesprochen habe, meinte sie nur grinsend: „Das kann man ja gar nicht wirklich machen“.
Mir tut es leid, dass sie schon wieder so zu kämpfen hat, meine Kleine. Kaum begann sich das mit dem Kindergarten ein bisschen zu legen und sie fing an, Wurzeln zu schlagen am neuen Ort, in ihrer Gruppe, ihrem ganz eigenen Kinderalltag, wurde ihre Welt gleich nochmals auf den Kopf gestellt. Das ist schwierig für sie. Ein Stück weit erschütternd. Aber es wird besser werden. Einfacher. Für sie verständlicher und vertrauter. Und ich versuche, mich auch in sie hinein zu versetzen, Geduld zu haben und Verständnis, ihr immer wieder Raum zu schaffen, der nur für sie und mit mir sein soll.
Der Rest meiner Bande aber freut sich. Es ist eine gelassene Freude, so als wäre unser Kleiner bereits ganz selbstverständlich und seit jeher Teil von uns. Ich schätze, beim sechsten Kind wird das Grösserwerden der Familie ein wenig zur Routine für die Grösseren…
Nun, ich fand es ganz hilfreich, dass ich die Foto-Session meines rostroten Kinder-Wollpullovers mit einer ausgiebigen Runde Knuddeln verbinden konnte; meine Grosse fühlte sich sofort entspannter mit ihrem Baby-Brüderchen auf dem Arm und kam gar nicht auf die Idee nach ein, zwei Fotos schon die Flucht zu ergreifen. Im Gegenteil; diesem süssen Babyduft kann keiner widerstehen. Da bleibt man auch für fünf, sechs oder achtzehn Fotos auf dem Sofa sitzen…
Ihr „Boathouse Mini“ (nach einer ganz, ganz tollen Anleitung von Alicia Plummer) passt wunderbar zum Herbst, zu Babygeknuddel und unserem alten, schäbigen Sofa. Garn (Drops Cotton Merino) und Schnitt sind leger und bequem und taugen bestens für meinen Wildfang von Mädchen, das sich am allerliebsten draussen rumtreibt und mit einer Gruppe Jungs eine Bande gebildet hat, die sich „Die wilden Biester“ nennt und ganze Nachmittage im Wald an ihrer Hütte baut.
Wir hätten sie Zora nennen sollen.
Hier habe ich für meine 10Jährige die Grösse 10 gestrickt, lange Ärmel gemacht und 325gr. Garn verbraucht. Für einen engeren Halsauschnitt habe ich allerdings nur 110 Maschen angeschlagen und sie dann im Raglan-Stil wie in der Anleitung angegeben bis auf die verlangten 226 Maschen zugenommen. Ich erinnere mich vage, dass auch so der Ausschnitt noch zu locker ausfiel und ich ihn noch in ein, zwei Runden mit der Häkelnadel rundherum enger häkeln musste, darum würde ich empfehlen, am Kragen mit noch weniger Maschen zu starten. Das Bodyshaping habe ich praktisch ausfallen lassen. Ich mag Kinderpullis am liebsten ganz schlicht und ohne Taille.

Wenn ich mir die Bilder so ansehen, dann kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass dieser Pullover -so gerne meinen Mädchen ihn auch trägt- noch besonders lange passen wird. Raum zum Reinwachsen gibt es keinen. Tatsächlich sitzt er bereits jetzt schon ein klein wenig knapp, fürchte ich… Doch das ärgert mich nicht. Nicht bloss wegen den Tranquilizer-Hormonen. Ich habe sehr, sehr gerne an diesem Pulli gestrickt und fühle mich pudelwohl mit der schlichten, klaren Anleitung.
Noch ein „Boathouse Mini“? Vielleicht in Royal Blau oder Schwarz? Mit Bio-Garn diesmal oder schlichtem Leinen? Gern! Immer wieder gern.
Sofern ich überhaupt Zeit dazu finde. Gerade kämpfe ich mit dem zweiten Stulpen für meinen kleinen Jungen, der unbedingt und wirklich demnächst ein Paar Beinstulpen braucht für zum Rausgehen und den immer kühler werdenden Herbst da draussen. Nun… ich komme nicht weiter. Tage verstreichen ohne dass ich auch nur eine einzige, mickrige Masche zustande gebracht hätte. Wahrscheinlich wird es Frühling bis das Paar vollendet ist. Von einem weiteren Mädchenpulli darf also -wenn überhaupt- höchstens geträumt werden…

PS. Vielen Dank für die liebevollen Reaktionen zu meinem letzten Post!!! Ich habe alle sehr, sehr gerne gelesen und mich riesig gefreut! Nach einer traurigen Mail, in der mir eine Leserin davon erzählte, wie sie ihr kleines, süsses Mädchen kurz vor der Geburt verloren hat, schäme ich mich ein bisschen, mich wegen der Geburtseinleitung so angestellt zu haben. Mir ist noch stärker bewusst geworden, wie dankbar ich sein soll/darf, dass alles derart gut gekommen ist und dass es nichts bringt, mir im Nachhinein noch Gedanken über die Umstände dieser eigentlich wirklich guten, einfachen Geburt zu machen. Gerade bin ich im Herzen immer wieder bei der Mutter, die jetzt um ihr Baby trauert. Wie unerträglich traurig muss es sein für sie…
Habt alle meinen innigsten Dank! Und verzeiht, wenn ich manchmal eine Jammertante bin. Ich weiss; ich habe keinen Grund dazu.

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Aus meinem Tagebuch: Was zählt

Drei Schnappschüsse aus einer kleinen Reihe von Bildern, die ich gestern kurz zwischen Stillen, Wickeln, Bilderbuchleserunde und allem anderen geknipst habe: Mein Baby. Mein Junge. Mein süsses, knuddeliges, pausbäckiges kleines Babykind, das jede Minute dieser Tage mit seinem Duft, seinem scheinbar unstillbaren Hunger, mit der ganzen, intensiven, bezaubernden Präsenz des Neugeborenen erfüllt.
Mein Kamera-Chip bleibt dementsprechend leer. Obwohl es so viel Neues, so viel Wunderbares, so viel Wunder-volles gäbe, das ich festhalten möchte… Doch ich halte es anders fest, nicht mit Sucher und Fotoarchiv, dafür mit den Armen, meinen Händen, meinen Augen und einem übervollem Herzen. Ich bin niemand, der eine Kamera im Gebärsaal braucht. Oder im Wochenbett. Nicht einmal mein Handy hatte ich dabei, als dieses kleine Wunder zur Welt kam. Ich brauche diese Freiheit vom Abbilden-Sollen und Verewigen-Müssen. Der Moment vergeht. Immer. Aber zuvor möchte ich ihn erleben. Ganz und gar.
Und später freue ich mich einfach an den Bildern und Memoiren, die entstehen durften, an den wenigen dafür umso mehr vielleicht…?

Im Augenblick bin ich noch mit Haut und Haaren und ganzem Herzen damit beschäftigt, zu verarbeiten, was geschehen ist. Es war eine gute Geburt. Trotz Einleitung. Trotz meinen Zweifeln, damit das Richtige zu tun und einem immensen inneren Widerstand gegen dieses „diktierte Gebären auf Knopfdruck“, „nur“ weil die Medizin aus irgendwelchen Statistiken ein erhöhtes Komplikationsrisiko unter der Geburt aus meiner Schwangerschaftsdiabetes liest. Ich bin sehr obrigkeitsgläubig. Ich vertraue den Ärzten. Sie haben Wissen, das ich nicht habe und Erfahrungswerte, die mir ganz klar fehlen, Bauchgefühl hin oder her. Trotzdem habe ich schwer gehadert mit diesem Beschluss. Mit dieser Art von Geburt. Die Art und Weise, wie heute mit sogenannten Geburts-Risiken umgegangen wird, die permanent wachsende Kaiserschnitt-Rate (in der Schweiz angeblich 25 bis 50 Prozent!) die so manche Hebamme mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nimmt (auch meine übrigens, erst heute habe ich mit ihr darüber gesprochen), all das verunsichert mich zutiefst. Ich weiss nicht mehr genau, wen ein Arzt schlussendlich im Fokus hat, wenn er sich entscheidet, in eine Geburt einzugreifen und das Ruder an sich zu nehmen; Denkt er an mich als Mutter? An das Baby? An den guten Ruf seines Spitals? An sich selbst?
Ich habe immer mehr den Eindruck; Je weniger die Medizin darauf vertraut, dass der Körper selber agieren, heilen, Kräfte entwickeln kann, dass er über ein intuitives „Wissen“ verfügt, welche Mechanismen er ins Rollen bringen muss, um zu überleben, gesund zu werden oder ein Kind zur Welt zu bringen… desto mehr wird die Natur in uns zum Schweigen gezwungen. Mit Medikamenten. Mit OPs. Mit Eingriffen aller Art. Und dabei bröckelt auch unser eigenes Selbstbild vom kompetenten Menschen mit einem machtvollen Körper und ureigenem Wissen.
Ich bin kein Medizin-Gegner. Im Gegenteil; Ich würde mich durchaus zu den Schulmedizin-Anhängern zählen. Ich impfe alle meine Kinder gegen praktisch alles, was die WHO empfiehlt und habe keinerlei Gewissensbisse, bei Kopfschmerzen eine Schmerztablette zu schlucken oder einem Kind mit Ohrenweh ein Zäpfchen zu geben anstelle der oft gepriesenen Zwiebelwickel. Ich mag Pflanzenheilkraft, Kräutertees und Tinkturen, aber wenn es hart auf hart kommt, greife ich auch mal zur Chemie- und bin wahnsinnig dankbar dafür, dass es diese Möglichkeiten gibt für mich. Dass ich derart frei wählen kann. Dass ein grosses Fachwissen und unglaubliche Fähigkeiten im medizinischen Bereich sich wie ein Schutzschild über uns spannen… oder wie ein sicheres Netz, das uns auffängt, wenn wir fallen.
Bei dieser Geburt allerdings drehte sich der Spiess ein wenig: das Fangnetz wurde zur Fänge. Weil es die Möglichkeit der Absicherung gab, wurde sie vorausgesetzt: Mein Baby sollte fix am errechneten Geburtstermin zur Welt kommen, weil die Medizin der Statistik mehr vertraut als der Weisheit der Natur.
Und ich habe zugestimmt.
Wohl war mir nicht dabei. Überhaupt nicht.
Aber noch unwohler hätte ich mich gefühlt, hätte ich die ärztlichen Kompetenzen radikal in Frage gestellt und darauf gepocht, dass das Baby seinen Zeitplan selber wählen darf. In dieser Beziehung bin ich ein Feigling. Eine Selbst-Zweiflerin. Und es ging ja nicht nur um mich; da war ein kleines Menschlein, das ich auf alle Fälle und mit ganzer Kraft schützen wollte. Auch gegen meinen Willen. Irgendwie.
Nun; falsch war diese Entscheidung sicher nicht. Mein kleiner Junge kam so entspannt zur Welt, so kerngesund und reif für diese Welt wie bisher keines meiner Kinder. Kaum war er da, öffnete er die Augen, nahm all die neuen Eindrücke ruhig und mit stillem Erstaunen in sich auf und strahlte dabei eine unglaubliche Gelassenheit und einen tiefen Frieden aus. Ich glaube, für ihn war alles richtig so, wie es war. Da war Geborgenheit, da war Herzlichkeit, da war so viel Wärme und Menschlichkeit, die mich, meinen Mann und dieses Kind an diesem Tag durch diese so aussergewöhnlichen Stunden begleitet haben. Man liess uns Zeit, achtete auf meinen Körper, griff so wenig in die natürlichen Abläufe der Geburt ein wie nur irgend möglich und fragte vor, während, nach jedem weiteren Schritt nach, bevor man einen nächsten setzte. Die Hebammen waren wunderbar. Mein Mann genauso. Und im Grunde veränderte der Wehentropf die Abläufe dann gar nicht so sehr: 4.5 Stunden nach dem Ansetzen der Infusion, die man nur zögerlich und in kleinen Dosen erhöhte, lag ein rundes, vollkommenes kleines Bubenbündelchen in meinen Armen und suchte nach der Mutterbrust. Ein wenig länger als meine anderen Geburten. Ein bisschen schmerzhafter auch. Aber wahnsinnig bewusst erlebt und fokusiert und aktiv verarbeitet. Eigentlich war es schön. Es fühlte sich eigen an. Nicht eigentlich fremdbestimmt. Obwohl es genau das war.

Die letzten Tage über habe ich viel mit einer sehr guten Freundin gesprochen. Über dieses Erlebnis. Über diese für mich neue Art von Geburt. Über meine Zweifel, mein Erleben, was das alles mit mir gemacht hat. Noch immer macht. (Jede Geburt löst jeweils ungeheure Emotionen und Prozesse in mir aus.) Manchmal nagt etwas in mir und an mir. Sonderbare Gefühle des Versagens. Diese Stimme, die mir trotz allem einreden will, es nicht richtig gemacht zu haben. Etwas Wichtiges ausgelassen, in Dinge eingegriffen zu haben, die irgendwie nicht angetastet gehören. Vielleicht wäre es auch ohne eine Geburtseinleitung gegangen. Vielleicht war alles nur Panikmacherei und ich eine Frau mehr, die sich entmündigen liess davon. Vielleicht wäre es richtig gewesen, der Natur ihren Lauf zu lassen.

Aber schlussendlich kommt es nicht darauf an: während ich diese Zeilen hier schreibe, liegt ein süsses kleines Baby neben mir auf dem Bett und schläft mit geballten Fäustchen in seinem Häkeldecken-Kokon. Es geht ihm gut. Mir geht es gut. Mein Mann und ich teilen die Erinnerung an intensive, aber schöne, bewegende, innige Stunden im Gebärzimmer, an die Anfänge einer neuen Menschengeschichte, die begleitet wurden von wunderbaren Frauen, die es gut mit uns meinten. Diese Zeit trägt ihren eigenen Zauber. Dem bin ich verfallen. Und meinem Babykind. Mit allem, was ich bin.
Das ist, was zählt.

PS. Habt meinen innigesten Dank für die lieben Worte und guten Wünsche zur Geburt meines Kleinen! Dass das erste Foto zuerst auf Instagram veröffentlicht wurde und nicht hier im Blog, das war mir eigentlich gar nicht recht; ich fühle mich hier so wohl und verbunden, dass ich an sich viel lieber hier zuerst diese schöne Neuigkeit verkündet hätte… Aber wie das eben so ist; mit dem Handy geht alles verlockend schnell und unkompliziert. Und ich komme so selten dazu, meinen Laptop aufzuklappen, Fotos zu knipsen, sie auf meinen Computer zu laden und entspannt dazu zu schreiben…
Instagram wird wohl meistens schneller sein.
Aber mein Blog bleibt persönlicher, offener, der Ort, an dem ich wirklich erzählen möchte… Habt Dank für euer Zuhören. Die liebevollen Feedbacks. Das bedeutet mir sehr viel, ehrlich.

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