Zwischenzeiten

Ihr Lieben! Vier Wochen, vier ganze Wochen ist es her, ein Monat auf den Tag genau…
Ich bin wohlauf und gesund, nach einer fiebrigen Brustentzündung und einigen Brakedowns wieder ganz passabel zwäg. Trotzdem werde ich jetzt nicht viel schreiben. Bloss kurz Hallo sagen. Und dann meinen Laptop wieder ausschalten, zuklappen, versorgen. So muss das sein im Moment. Für jetzt und ein bisschen länger. Und was danach kommt, weiss ich auch noch nicht.
Ich kämpfe schon seit langem mit diversen Krisen. Krisen im Herzen, Krisen im Gemüt, Krisen im Glauben, Krisen im Kopf. Und überall bleibe ich mittendrin stecken, komme weder vor noch zurück, weiss nicht recht wohin. Auch beim Bloggen stehe ich absolut ratlos im Raum, irgendwo in der Schwebe. Soll ich ihn schliessen? Privat schalten? Lassen wie er ist und einfach pausieren, bis es wieder besser passt, das alles? Mir fehlen die Antworten. Mir fehlen Mut und Entschlossenheit. Und Zeit. Die am allermeisten. Ich glaube, zu keinem Zeitpunkt meines Lebens hatte ich weniger freie Zeit und freie Hände wie jetzt. Das zieht seine Spuren, überall muss ich Abstriche machen, Kapitel schliessen, Dinge aufschieben, verdrängen, auf bessere Zeiten hoffen. Von daher…; Es führt wohl kein Weg daran vorbei. „Kirschkernzeit“ wird stumm bleiben. Für Wochen, für Monate, für eine ganze Weile. Vieles hat sich geändert, die Welt ist digitaler denn je, schon meine Primarschulkinder arbeiten in der Schule mit dem www. und vieles, was ich früher ohne zu zögern hier geteilt habe, behalte ich heute für mich. Aus vielerlei Gründen. Auch meiner Kinder wegen, die nun immer mehr in diese Welt hineinwachsen. Ich bin nicht gegen das Bloggen. Ich bin dafür. Aber ich muss zuerst wieder für mich herausspüren, wie genau meine Stimme hier klingen soll, und was sie zu erzählen hat.
Bei Instagram stehen im Grunde dieselben Punkte im Raum. Dieselben Fragen, die drängen. Für den Augenblick aber werde ich dort noch nichts verändern, höchstens die Intervalle, in denen ich poste, die werden wohl noch länger, meine Einträge nur noch sporadisch, so wie sich das schon seit einer Weile abzeichnet. Es ist eine wacklige Brücke, aber sie steht noch. Alles mag ich nicht abbrechen.
Ich entlasse euch heute also mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Es tut gut, Nägel mit Köpfen zu machen, anstatt immerzu mit diesem mulmigen Gefühl im Bauch herum zu laufen und den Blick auf den Laptop schuldbewusst zu vermeiden. Aber es tut auch weh, mir einzugestehen, dass das Kapitel „Bloggen“ kein entspanntes und gutes mehr ist. Nicht jetzt, in dieser Phase meines Lebens. Vielleicht überhaupt nicht mehr. Aber das wird sich zeigen. Wir werden sehen.

Schaut gut zu euch! Schenkt euch, was ihr braucht, was euch gut tut und nährt! Jetzt ganz besonders.

mit ganzem Herzen; Bora

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Oktobergedanken

Es ist eine sonderbare Zeit. Alles scheint unsicher, die Wellen schlagen hoch. Amerika wühlt sich selber auf in seinem Kampf um die richtige Wahl des neuen Präsidenten. Ganze Länder bleiben eingesperrt hinter geschlossenen Türen und Fenstern und hoffen auf ein Ende der Pandemie. Die Schweiz kürzt Freiheiten und hadert mit dem Schulterschluss in einer Gesellschaft, wo die immer drastischer werdenden Massnahmen gegen Corona den einen zu lasch, den anderen zu hart erscheinen… Ich spüre eine wachsende Unsicherheit. Die Enttäuschungen rund um mich herum -weil Märke nicht stattfinden, bereits eifrig geprobte Konzerte abgesagt werde, Familien sich voneinander abkapseln und man sich immer mehr isoliert in seiner eigenen Blubberblase wiederfindet- schlagen sich als trostloses, dumpfes Grundgefühl in mir nieder.
Aber auch so fühle ich mich irgendwie ein wenig verloren. Im Laufe dieses unsteten Jahres haben ein paar der Grundpfeiler, auf denen ich stehe, zu wackeln begonnen. Ich denke, sie waren längst morsch, von innen heraus am Kränkeln, doch nun kommt ihre Instabilität ans Tageslicht. Von Glaube, Liebe, Hoffnung steht vor allem die Liebe, doch der Rest macht mir Sorgen. Ich wünschte, ich könnte besser beten. Aber manchmal weiss ich nicht mehr so recht, zu wem. Und meine ehemaligen Träume vom Landleben und all dem sehe ich zerrinnen und versickern wie Schneemänner im Regen.
Dabei habe ich es eigentlich gut. Meine Familie ist gesund, mein Mann die Liebe meines Lebens, mein Heimat-Hafen steht fest und bleibt standhaft. Ich meine, Herz, was willst du eigentlich noch mehr?

Gestern habe ich frische Wolle aufgewickelt und Blumenzwiebeln gesetzt: Wolle für warme, weiche Wintersocken, Traubenhyazinthen und Krokusse als kleine Hoffnungsschimmer für ferne Zeiten ohne Laub und Grün, wenn das Kahl des Winters einem schlussendlich langsam krank macht.
Und krank will keiner werden, jetzt schon gar nicht.
Es ist schön, Wolle zu einem dicken Ball zu winden. Es tut gut, Zwiebelchen in dunkle, feuchte Erde zu packen und zu wissen, dass sie dort zu bunten Überraschungen werden. Das erste Kistchen „Blumenzwiebeln in Blau“ habe ich gepflanzt, morgen geh‘ ich und kaufe mir ein zweites, diesmal „Blumenzwiebeln in Rot“. Weil Farbe genau das ist, was ich brauchen werde im nächsten Frühjahr. Und weil’s sowieso keine anderen mehr hat im Dorfladen.
Mein Kleiner hilft wacker mit. Immer und überall. Wenn auch auf seine Weise. Er läuft jeweils sofort los mit seinen Stiefelchen an den Füssen und der gestreiften Regenhose, ohne die ich ihn niemals je aus dem Haus lasse, weil all das Wollige, das er sonst so trägt, rein gar nicht geeignet ist für’s Heu und Stroh der Meerschweinchen-Arena (die wird gerade noch grösser, ach herrje!), für den Sand und die Matsche-Erde der Beete und Gehwege. Immer findet er etwas, das ihn fesselt. Er zieht die Wasserspender aus den Gehege-Gittern und nuckelt sie leer, wühlt in der Erde, patscht seine Hände in Pfützen und Schlamm, knabbert ausgiebig an den ausgerissenen Ausläufern der Minze, die mein Kräuterbeet zu überwuchern droht. Neulich fand er unter dem weggeräumten Sandkasten einen grossen Regenwurm, den er äusserst faszinierend fand- nur knapp konnte ich ihn aus seinen Fingern winden, bevor er ihn sich in den Mund steckte. Ich möchte wirklich nicht wissen, was mein Kleiner schon alles an Krabbelzeug probiert hat, in der Zeit, in der ich nicht hingeschaut habe…
Viel Freude hat er an Tieren. Die Meerschweinchen kann er stundenlang anschauen. Er streichelt sie mit einem einzelnen, ausgestreckten Finger, wenn man ihn lässt, und sein Kinderstimmchen wird immer ganz hoch und piesig vor Entzücken, sobald er sie im Garten herumwuseln sieht oder zwischen die Gittertürchen ihrer Ställe schaut. Er liebt alles Pelzige, Weiche, Kleine. Ziegen besonders, die besuchen wir fast jeden Tag, wenn wir auf einem unserer kurzen Spaziergänge beim Hof des Biobauern vorbeikommen. Dann säuseln, flöten und strahlen wir zwei gemeinsam, denn Ziegen mag ich auch unglaublich gerne, da werde ich richtig kitschig, wenn ich sie über ihren festen Mäulchen auf dem Nasenrücken kraule oder zwischen den Hörnern streichle und mir zum hunderttausendsten Mal wünsche, wir hätten genügend Platz für eine eigene kleine Herde.

Gerade schaue ich mir „Anne with an E“ auf Netflix an. Zum zweiten Mal. Die ganze Serie. Und ich finde sie wunderbar.
Auf meinem Nachttisch liegt „The Gentle Art of Domesticity“ von Jane Brocket aus den frühen 2000er-Jahren, und ich bin erstaunt über die ungebrochene Faszination, die dieses Buch (eigentlich eine Sammlung von Blogposts) auch nach Jahren noch auf mich ausübt. Genauso überrascht und überwältigt mich die leise Melancholie, die in mir hochsteigt, während ich Seite um Seite umblättere und mir bewusst werde, wie sehr die Zeiten sich geändert haben. In meinem eigenen Leben genauso wie beim Bloggen, wo die Umbrüche nicht länger zu übersehen sind. Kinder werden geboren. Und wachsen mir davon. Das kleine Bübchen, das gerade mit roten Backen neben mir liegt und leise atmend seelig schläft, wird vielleicht, wahrscheinlich, ich nehme es an, mein letztes Baby sein, und mit ihm entfernt sich in seinem Wachsen und Gedeihen ein ganzes Erwachsenenleben an Mutteridentität jeden Tag ein klitzekleines bisschen mehr von mir, Schrittchen für Schrittchen, Moment um Moment, heute vielleicht nicht sichtbar, aber morgen. Oder übermorgen. Und irgendwann ist das Nest leer.
Genauso werden Blogspost geschrieben. Gelesen. Vergessen. Blogs geöffnet und wieder geschlossen. Auch ich weiss nicht recht, wie es weitergehen soll. Manches hat sich verändert, auch in mir, ich bin vorsichtiger geworden, was Bilder angeht, zurückhaltender mit dem, was ich teile. Das alte Kleid will nicht mehr recht passen. Doch für ein Neues bin ich auch noch nicht bereit.
Es sind Zeiten der Umbrüche, Abbrüche, der Rätsel und Fragen.

Mein Vorhaben mit pflanzengefärbter Wolle und einem kleinen Shop habe ich auf unbestimmt verschoben. Bevor ich mein natürlich gefärbtes Garn verkaufe, will ich wissen, wie es sich verändert, wie die Farben wechseln und ob und wann sie unter welchen Umständen zu welchen Tönen welken. Ich möchte nicht, dass jemand sich über einen Strangen Schilfblüten-Grün freut und dann drei Monate später nur noch Braun in den Händen hält, so wie ich gerade. (Wobei ich das dunkle Taupe, das aus meinem schönen Olivgrün geworden ist, durchaus auch mag.)
Im Augenblick stehen meine Färbetöpfe leer. Die Hexenküche ist geschlossen. In den Schubladen lagern die ersten Wollstrangen in Gelb, Grün und Braun. Sie warten. Wie ich.
Um mich von düsteren Gedanken fernzuhalten, stöbere ich in meinen Bücherstapeln, am liebsten gerade zwischen alten und neuen Ausgaben von „Making“, wo ich jedes einzelne Magazin hüte, als wäre es mein Augapfel.
Es ist nicht so, dass ich massenhaft Zeit hätte. Weder zum Schmökern noch zum Stricken oder Nähen. Doch die Visionen, die mir hinter den Buchdeckeln entgegen springen, tun unwahrscheinlich gut. Sie bewegen meinen Geist und lenken ihn um in Richtung Morgen, Richtung Aktivität, Richtung Optimismus. Niemand, der sich mit Wolle und Nadeln hinsetzt und ein Sockenbündchen anschlägt, kann dabei pessimistisch bleiben. Dafür sorgen Garn und der Zauber eines Neubeginns.
In diesem Sinne… Ich denke, neben meiner violetten „Little Shore Cardigan“, den eben angefangenen Winter-Strümpfen und dem Zwergenmützchen Nr.XY, das ich schon längst für meinen Kleinen plane, gäbe es durchaus noch Platz für ein Projekt Nr.4. Obwohl ich mich meistens zurückhalte und kaum je an mehr als zwei Dingen gleichzeitig arbeite, der Ruhe und Ordnung und Erfolgs-Chancen wegen.
Aber, doch. Ich glaube, ein Projekt Nr. 4 muss jetzt einfach sein.
Ein einfaches Tuch aus Kuschelwolle? Diese wunderbaren fingerlosen Handschuhe? Oder dieser klassische Kinderpulli mit Perlmuster? So oder so; Alles ist schön. Alles, was inspiriert und den Funken zündet. In diesem Fall ist mehr -genau wie bei Wolle und Blumenzwiebeln- eben tatsächlich… mehr.

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Färben mit Rosmarin und ein Peret

Auf meinem Laptop lag Staub. Ich werde langsamer und langsamer, träger und träger. Aber das ist in Ordung, habe ich beschlossen. Es ist in Ordung, auch beim Bloggen und in der Kreativität Jahreszeiten zu haben. Einen Frühling, wo alles neu wird und frisch gedeiht. Einen Sommer, der mit Schwung vor sich hin läuft, wo die Nacht zum Tag wird und umgekehrt. Den Herbst, der sich auf die Dinge fokusiert, die sein müssen, der sich kümmert und vorsieht und wenig Platz kennt für Spielereien. Und dann ist da noch der Winter. Hibernation. Eine kühle, stille, wenig fruchtbare Zeit, die einfach ausgehalten werden will. Und auf der auch ihr Segen liegt.

Momentan pendle ich zwischen Herbst und Winter. Es gibt dunkle Phasen, es gibt hellere, alles dreht sich um Geduld, Zärtlichkeit und Akzeptanz, darum auch in den Turbulenzen eines Lebens mit Kleinkind (wo ist nur mein Baby geblieben?!) verlässlich zu bleiben und das Rad am Laufen zu halten, ohne zur Maschine zu werden. Alles ist spontan- und braucht gleichzeitig enorm viel Struktur und Organisation.
Für Sachen wie unbeschwertes Schreiben, mal eben ein paar Runden Stricken oder so scheint der Zeitpunkt einfach nicht richtig.
Darum stehe ich zu meinen Pausen. Hier. Bei Instagram. Auch im fassbaren Leben. Das Rad dreht sich. Aber langsamer. Weil alles andere saust und wirbelt und nur zu leicht in alle Winde verweht…
Die Farbe der grüne Wolle oben stammt übrigens aus dem Gartenbeet meiner Nachbarin. Ihr üppiger Rosmarinstrauch beeindruckt mit jeden Sommer aufs Neue mit seinen dicken, knorrigen Ästen und dem wilden Grün seiner Nadeln. Er scheint windschief und uralt. Auf seine Weise erfahren, nichts kann ihm etwas anhaben, weder Biese noch Hagel noch Frost oder die Unbarmherzigkeit der Julisonne.
Auf Instagram habe ich folgendes dazu geschrieben:

Kuschelwolle in einer ersten und zweiten Färbung mit dem üppigen Rosmarin meiner alten Nachbarin. Damit ich nicht vergesse. Wie schön der Sommer war, wie reich das Leben und die Freundschaft. Die Frau ist über 90. Jeden Herbst, wenn die Stare sich in den Baumwipfeln über unseren nebeneinander liegenden Gärten sammeln und ihr Reisegeplapper über die Dächer schallt, stehe ich mit ihr draußen auf dem Hof und schaue in den Himmel. Ich denke an die Flüchtigkeit der Zeit und hoffe auf ein Dejavue im nächsten Jahr. Wenn sich alles wiederholt. Wer weiss. Wer weiß wie viele Jahreszeiten nach über 90 noch möglich sind? Wer weiß wie oft sie noch im Garten stehen und ihren Rosmarin schneiden wird? Darum ist diese Wolle hier für mich etwas ganz Besonderes. Ich nenne sie „Queen Anne“.


Aus einer meiner ersteren Färbungen auf einem überfälligen Strangen „Cumbria Fingering“ ist ein Peret geworden; die Baskenmütze aus Elas Buch „Stricken durchs Jahr“, das schon viel zu lange fast unbenutzt in meinem Regal steht und mehr Staub ansetzt als mein Laptop. Obwohl es so schöne Projekte hätte. Für mich. Gerade für mich. Jäckchen und Mützen und Schals und Tücher. Wolliges in Reinform, schön und schlicht und kuschelig. Seit ich diese voluminöse, aber herrlich leichte Baskenmütze abgekettet habe, trage ich sie praktisch ununterbrochen. Sobald ich aus dem Haus trete. Mein braunes Homestead-Tuch, die jägergrüne, dicke Jacke, aus der Kind1 hoffungslos herausgewachsen ist, Alpaca-Handschuhe vom letztjährigen Kunsthandwerks-Markt, abgewetzte dunkle Lederstiefel. Und diese Mütze. In der alle meine Haare Platz finden, ob zum Dutt hochgedreht oder in vollen Zöpfen. Eine wunderbare Passform, so ein Peret. Ich fühle mich vorbereitet und wohl darin. Ganz ich, irgendwie.

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Aus meiner Färbeküche: Weissdorn, Brombeerblatt und Birke

Ihr Lieben! Ein dickes, fröhliches „Dankeschön“ für jedes einzelne eurer Worte… zum Strickjäckchen, zum vorletzten Post… und überhaupt! Es ist schön, ein Echo zu hören. Noch schöner wäre es, ich könnte hinter jeden Beitrag eine wenigstens kleine Antwort schreiben. Das wäre mir wichtig. Eigentlich. Ich möchte eure Stimmen nicht so einfach versanden lassen, sondern Bezug nehmen. Aber dann verstreicht wieder so viel Zeit, bis ich meinen Laptop hervor ziehe, den Staub wegpuste und in die Tasten greife… Ich denke, ich lasse eure Worte, Sätze, Gedanken einfach so stehen, wie sie sind. Lese sie zum zweiten oder dritten Mal durch und freue mich. Im Stillen. Habt Dank, ihr besten aller Leserinnen!
Bevor ich wieder zu müde werde, um verständlich (und mit nicht ganz so vielen Tipfehlern *hüstel*) zu schreiben, erzähle ich einfach mal drauflos. Davon zum Beispiel, dass ich mir überlegt habe, was mich beim Bloggen am meisten bremst. Ausbremst bisweilen. Ich denke, neben der Zeit und der Ruhe, die mir schlicht abhanden gekommen sind mittlerweile, ist es die Erwartungshaltung, meine eigene Messlatte, die keinen meiner Posts verschont, sondern hier herumsäbelt, dort feilt und richtet und urteilt und permanent kritisiert und korrigiert.
Das macht das Schreiben zu einer Art… Prüfungs-Situation.
Wo es doch Freude sein sollte. Hauptsächlich. Oder ausschliesslich.
Vielleicht, habe ich mir gedacht, vielleicht wäre es anders, wenn ich von meinem Handy aus schreiben würde? Laptop, das bedeutet, Arbeit, Ernsthaftigkeit, etwas Grosses und Gewichtiges. Das Handy wiederum hat viel Leichtigkeit an sich. Eine Art Spieler-Natur. Ich gucke Miss Marple darauf, flippe durch Pinterest und Instagram, höre mir die neuesten Sprachnachrichten meiner Freundinnen an… Am Handy bin ich ganz ich selbst, ganz bei mir, völlig im Alltag, im Augenblick, mitten im Geschehen.
Vielleicht, ja, vielleicht würde das etwas ändern an meiner Schreib-Blockade. Denn blockiert, das bin ich. Irgendwie. Vor allem, wenn ich richtig denken soll. Und meine Gedanken verständlich machen, hübsch verpacken, mit Schleife drum herum und einem richtig guten Schluss-Satz.
Nur Lyrik geht. Meistens jedenfalls und vor allem dann, wenn ich partout keine Zeit habe dafür. Dann flitzen die Worte schneller als meine Gedanken und purzeln bunt zu einem herrlichen Puzzle, an dem ich mich selbst wahrscheinlich am meisten freue, einfach weil es so schwungvoll aus mir heraus sprudelt, zu schnell für den inneren Kritiker, der bloss stumm nach Luft schnappt.
Mal sehen. Ob das was wird. Wie genau ich dann meine Fotos hochladen soll, darüber rätsle ich noch.

Im Augenblick sitze ich ja aber an meinem Laptop im dunklen, stillen lila Zimmer, während die Kinder im Nebenraum bei offener Türe schlafen. Und meine Bilder kommen -wie zu alten Zeiten- noch aus meiner kleinen Kompakt-Kamera. Nichts Neues, nichts Spektakuläres, und Retuschieren und Verändern war auch nicht nötig. Das helle, kühle Herbstlicht hat leuchtende Farben und starke Kontraste hervor gebracht. Ein gerechtes Abbild der verschiedenen Töne, die ich oben in meiner Färbeküche auf Wolle gebannt habe…
Meine Weissdorn-Färbung zum Beispiel. Versuch Nummer zwei. Gesammelt am allerersten Geburtstag meines kleinen Jungen, an einem schönen, warmen Herbsttag, den wir sehr entspannt, sehr reduziert, sehr bewusst gefeiert haben.
Ich habe kleine Ästchen abgebrochen, nicht viele, bloss ein paar, und auch nur an den Büschen, die wirklich üppig wuchsen am Ufer des kleinen Dorfbaches, wo mein Kleiner quietschend vor Freude seine Füsschen badete und am liebsten gleich nackig ins Wasser gehüpft wäre zum Spielen und Plantschen…

Die zerschnittenen Zweiglein, das dünne Holz, die noch grünen Blätter und die roten, ganzen Beeren habe ich eine Nacht lang in Wasser eingelegt, am nächsten Tag mitsamt dem Einweichwasser etwa 90 Minuten leicht sprudelnd geköchelt und dann 2 bis 3 Tage ziehen lassen. In der Zwischenzeit konnte ich meine Wolle („Big Merino Hug“-Färbewolle von Rosy Green) mit Kaltbeize AL vorbereiten. Nach einer Stunde vorsichtigem Erwärmen im abgeseihten, roten Sud (zwischen 60 und 80 Grad) blieb sie für vielleicht 24 Stunden im Farbwasser, wurde zuerst gelblich, dann rostrot, irgendwann orange-beige und nach dem Waschen schliesslich Sanddorn-Farben und ziemlich intensiv. Ich war sofort verliebt in diesen Ton.
Der Wollstrang in der Mitte und derjenige ganz rechts sind die 2. und 3. Färbung aus demselben Farbbad. Beide mit der gleichen Wolle wie der farbstarke erste Strang links, allesamt kuschelweich und eher dick.
Ich mag den Farbverlauf des Trios, die Nuancierung von Zimt hin zu zartestem Apricot.

Kraftvoll und beindruckend finde ich auch das strahlende Sonnengelb meiner allerersten Birken-Färbung; der untere Wollstrang hat wirklich Power und leuchtet selbst im matten Licht meiner Hexenkammer wie ein magischer Kristall. 200Gramm Laubblätter, mit kochendem Wasser übergossen und für 12 Stunden angesetzt, wurden nur knapp 30 Minuten bis zum Kochen erhitzt und für 90 Minuten stehen gelassen. Dass der Sud braungelb ausfiel, hat mich zuerst mächtig enttäuscht, und lauter Fragen durch meinen Kopf gejagt. „Ist die Flotte doch zu heiss geworden?“ habe ich notiert. „War die Ziehzeit nicht ideal? Oder ist es, weil Herbst ist?“
Doch kaum schwamm die Wolle im Sud, schimmerte sie mir kräftig gelb entgegen und nach 2 Tagen Ziehdauer hatte ich ein herrliches Sonnenblumengelb, das mich wirklich rundum glücklich macht.

Das Gelb der kurz darauf gesammelten Brombeer-Blätter von unterhalb der Gleise wirkt um einiges zurückhaltender und hat mich offen gestanden recht überrascht; ich hatte mit Beige gerechnet, mich fast ein bisschen gefreut sogar auf eine helle Braun-Note. Aber, nun ja.
Die Wolle habe ich diesmal nicht vorgebeizt, da Brombeerblätter an sich bereits genügend beizendes Tannin enthalten, damit die Farbstoffe dauerhaft an den Proteinfasern haften bleiben. Die Farbe blutete beim Auswaschen auch so gut wie gar nicht aus, was ich als gutes Zeichen deute für eine waschfeste Färbung.
Hier habe ich übrigens beim Färben zu meinem Standart-Rezept gegriffen, einen Topf voller Blätter 1 Stunde geköchelt und dann 24 Stunden als Flotte ziehen lassen. Das Garn konnte danach bei etwa 60-80 Grad nochmals eine Stunde im abgesiebten Farbsud simmern und 24 Stunden lang Farbe annehmen, bevor ich es ausgespült und in etwas Babyshampoo gewaschen habe. Ein Schuss Essig im letzten Spülwasser bringt den allenfalls ein bisschen aus dem Gleichgewicht geratenen PH-Wert der Wolle wieder ins Lot und hilft, die Farbe zu fixieren.

So. Die Uhr schlägt eben halb elf. Es ist stockdunkel, herbtslich kalt und irgendwie einsam. Meine Lider flattern, die Augen brennen ein wenig vom weissen Licht, vom dem ich die letzten gut 80 Minuten kaum den Blick gehoben habe…
Ich färbe gerne. Es tut mir gut, spickt meinen Tag mit Sinn und Abenteuerlust. Kolumbusgefühle, habe ich geschrieben, neulich bei Instagram. Das Gefühl, Neuland zu betreten. Und in eine ganz eigene, verwunschene Welt einzutauchen…

„Das Färben mit Pflanzen wirkt wie ein Jungbrunnen; ich freue mich wie ein Kind, staune, als sähe ich zum ersten Mal. Das Licht in meiner Färbe-Küche ist kühl, die Birke in der Baumkronen-Reihe meiner Aussicht wirkt kahler und schwach, herbstmüde hald, doch sie ist da und ich liebe diesen Blick in einen belaubten Himmel. Frei, tief, der Natur näher als ich es tatsächlich bin- mein Fenster gaukelt mir vor, ich stände über den Färbetöpfen einer Landhaus-Küche. Umgeben von Tannen, Birken, Haselsträuchern. Mit einem Himmel, den ich nicht teilen muss mit dem Rest der Agglomeration.
Ein Stückchen davon spiegelt sich im Färbewasser. Eingeklemmt zwischen den Schichten und doch irgendwie befreit, offen.
Genau so fühle ich mich, wenn ich färbe. In Zeiträumen, die gerade noch so knapp… so schnell schnell… Unordentlich ist meine Hexenküche, schlampig, uneingerichtet, weil hurtig und in Windeseile. In den fünf Minuten, die eigentlich gar nicht sein dürften. Aber mit tropfender Wolle in der Hand, mit Schattierungen von Braun, Gelb, Grün zwischen den Fingern… fühle ich mich aufgeräumt und erhaben. Wenn man aus Blättern Farbe macht, denkt man rasch einmal, man könne noch ganz andere Grenzen sprengen.“

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