„Zilver“- in Blau

Nach der Gluthitze der letzten Sommerwochen hat der Himmel nun Gnade mit uns; von 34 Grad auf 16 Grad, und es fühlt sich an wie Herbst. Ich bin dankbar für diese kühle Welle. Und für den Regen. Für das Wasser, das unsere leeren Flüsse, Bäche und Seen speist. Es ist ein einziges Aufatmen, das spüre ich. Aber gleichzeitig ahne ich auch, dass der Herbst in diesem Jahr schwierig werden könnte für mich; ich habe mich so gewöhnt an Sonne, Licht und Draussensein unter einem freien, himmelblauen Himmel, dass es sich anfühlt wie eingesperrt zu werden, jetzt, wo es regnet, feiner Dunst den Morgen verdüstert und es scheint, als wäre die Natur über Nacht unwirtlich und abweisend geworden…

Vielleicht wird dieses Tuch mir ein wenig helfen, den Wechsel zur kühleren Jahreszeit mit sanfteren Gefühlen und, ja, vielleicht sogar mit ein wenig Freude anzunehmen… Weil ich Wolle liebe und Tücher und Gestricktes und dieses Garn hier, dieses Muster, dieses Tuch ganz besonders. Dabei ist es im Grunde nicht mein Tuch; Ich habe es für meine 9jährige Tochter gestrickt und bete, dass sie es genauso gerne tragen wird, wie ich es tun würde, tun werde, wenn sie mich lässt. So ab und zu.
„Asia“ von Lang Yarns gehört zu meinen allerliebsten Garnen. Es ist streichelsoft und so seidig wie flauschig und fühlt sich wunderbar an auf der Haut. Auch die einzelnen Stiche werden schön abgezeichnet, obwohl ich denke, dass es für besonders zarte Muster wohl bessere Alternativen gäbe, denn mit der Zeit wird das Gewebe doch irgendwie fluffiger und das Maschenbild wirkt verwaschener, was ich sehr liebe, aber nicht bei hochdetaillierten, zeitaufwändigen Strickstücken. Für das Schaltuch „Zilver“ von Lisa Mutch aber ist es gerade richtig. Dieses Tuch strickt sich einfach, das Muster bleibt simpel und gut zu bewältigen, selbst wenn man (wie ich) beim Stricken Hercule Poirot dabei zusieht, wie er gerade wieder einen seiner kniffligen Fälle löst.


Ich habe hier, ganz genau wie bei meinem ersten „Zilver“-Tuch –damals vor 2 Jahren in Bordeaux-Rot– mit einer Rundstricknadel Nr.4 gearbeitet und bin, ganz im Gegensatz zu damals, sehr zufrieden mit der Nadelstärke; das Tuch fällt weich und besitzt genau die richtige Dichte, um das Muster zur Geltung zu bringen, ohne zu locker oder zu satt auszufallen. Von den ehemals 2 Knäueln Garn habe ich allerdings auf fast ganze 4 Knäuel gewechselt, weil ich es grösser und üppiger wollte diesmal. Zuerst hatte ich einen breiten Kraus rechten Borten–Abschluss ins Auge gefasst, doch zu guter Letzt ging es mir wie immer, und das Garn war früher aufgebraucht als geplant…
Ich denke, es ist gut so, wie es ist. Gross aber nicht zu gross. Passend auch für schmalere Mädchen-Schultern.

Ich weiss nicht… als ich so mit Schal-Drapierungen spielte für die Fotos oben unterm Dachboden, während die Kinder draussen für 5 Minuten halbwegs friedlich spielten, fand ich es eigentlich ganz schön, wieder etwas mehr auf der Haut zu haben. Wolle vor allem. Seide und Yak. Herbstlich kuschelig und angenehm mollig.
Der Herbst hat auch seine schönen Seiten.
Seine wunderschönen.
Stricksachen sind eine davon…

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7

1. Kochen ist bei mir eine heikle Angelegenheit; Es kommt vor, dass ich wochenlang mit einer eigentlichen Koch-Abneigung hadere- und doch jeden Tag zwei Mahlzeiten und diverse Snacks auf den Tisch bringen muss/möchte. Belegte Brote mit Salat sind dann jeweils mein Notnagel, aber richtig satt und genährt fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich etwas Gekochtes, am besten etwas Warmes esse. Alles andere fühlt sich einfach… nicht energiereich genug an. Bei der aktuellen Hitzewelle, wo das Thermometer Tag für Tag auf über 30 Grad steigt, reizt es mich aber eher wenig, schwitzend vor dem heissen Kochherd zu stehen und über dampfenden Töpfen zu brüten, während sich die Küchentemperatur weiter in feurige Höhen schwingt. Also versuche ich, immerhin so zu kochen, dass der Herd nicht allzu lange eingestellt bleibt und die jeweiligen Gerichte sich auch später noch kalt essen lassen. Der Kartoffel-Gemüse-Salat von heute Mittag war eine gute Entscheidung; mit wachsweichen Eiern, kurz in Olivenöl angebratener Zuchini aus dem Garten, ein paar Cherrytomaten, etwas angedünsteten Zwiebeln und Knoblauch (wenig nur, die Kinder finden Knoblauch durchs Band scheusslich) und ein paar zerkrümelten Feta-Stücken schmeckt er nach Sommer und Landleben. Normalerweise schwimmt mein Kartoffelsalat in einer sämigen Sauce aus Mayo/Quark, Senf und heisser Bouillon, doch diesmal habe ich mich an einem Rezept aus „The Herbalist’s Kitchen“ orientiert und stattdessen Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Basilikum verwendet.

2. Salat aus dem Garten hat mich schon mehr als einmal aus der Koch-Klemme gerettet. Vor allem, als das Grillier-Verbot wegen der aktuellen Dürreperiode noch nicht galt. Eine grosse Schüssel gemischter Salat mit Honig-Apfelessig-Minz-Vinaigrette, mit Kräutern, Apfelspalten oder Tomatenstückchen und die Hälfte der Mahlzeit ist bereits gerettet.
Die Wespen haben auch in diesem Sommer ganze Arbeit geleistet; da ist kaum ein Insekt zwischen den grünen Blättern zu finden, nicht einmal der Kohlrabi wird zerfressen, obwohl es von flatternden Kohlweisslingen nur so wimmelt. Dafür bin ich den kleinen, gestreiften Insekten-Polizisten äusserst dankbar (Ich hasse es, Krabbeltierchen aus meinem Salat zu klauben). Im Gegenzug lasse ich sie abends in Ruhe ihre Beet-Visiten absolvieren, Holz von meiner Gartenbank raspeln und zwischendurch ein paar Schlucke aus dem Kinderbädli schlürfen. Eine Hand wäscht die andere. Oder so. Links im Bild ist übrigens mein Lauch zu sehen. Es ist mein erster Lauch überhaupt und das sieht man ihm wohl auch an; alles, was ich im Netz zu seiner Kultivierung gelesen habe, hat mich eher verunsichert als ermutigt… Muss man da wirklich um jeden einzelnen Stängel immer wieder mit Erde anhäufeln, damit es eine schöne, glatte, helle Lauchstange gibt? Ich habe das bisher recht vernachlässigt und seit dem Einsetzen der Setzlinge erst 1 Mal Erde rundherum aufgehäuft. Ob das noch was wird?…

3. Nicht die Wäsche will ich euch hier zeigen, denn die bekommt ihr irgendwie ständig zu sehen in letzter Zeit (was wohl daran liegt, dass ich auch ständig am Wäscheaufhängen- oder -Abnehmen bin und die Leinen niemals mehr leer werden in diesem Sommer). Blickpunkt sollte vielmehr dieses Ungetüm von Sonneblume links im Bild sein. Ich habe ihren Kern im späten Frühling zusammen mit ein paar anderen in die Erde gesteckt und wurde dann von einem eigentlichen Sonnenblumen-Giganten überrascht. Alle anderen sind Zwerge geblieben, doch sie hat sich wirklich gemausert: Mit stolzen 3.80m schlägt sie wohl alle unsere bisherigen Sonnenblumen-Rekorde. Ich mag Sonnenblumen. Für mich sind sie die wahren Königinnen im Blumenland. Und stellt euch mal vor, was für ein grossartiger, wahrhaft royaler Anblick es erst wäre, ein ganzes Sonnenblumenfeld aus lauter solchen Königinnen-Riesen vor sich zu haben…!

4. Mein letztes Pflanzenbild für heute: Der grosse Holunderbusch in der Gartenecke hat diesen Frühling ja wacker die tollsten Blüten gebildet und den ganzen Garten mit seinem Anblick und seinem Duft verzaubert. Verwöhnt von dieser Fülle hatte ich eigentlich auch mit einer Beeren-Schwemme gerechnet- aber Pustekuchen! Die Beeren vertrocknen gerade vor meinen Augen, Beere für Beere, noch bevor sie richtig reif sind. Oder die Vögel fressen sie. Was auch ok. ist für mich, denn im Gegenteil zu den Tieren bin ich nicht auf Beeren und wildes Obst angewiesen, und teile alles, was gerade hier wächst, blüht und reift nur zu gerne mit ihnen. (Ok. ich geb’s zu, mit Schnecken und Läusen nun nicht unbedingt so gerne). Überhaupt überlasse ich insbesondere Wildbeeren und andere Wildpflanzen lieber der hungrigen Schöpfung da draussen, als selber grosse Mengen davon abzuernten. Vogelbeeren und Hagebutten zum Beispiel sind für manche Vogelarten so eine Art Notration im Winter, wenn unter Eis und Schnee kaum noch Körner oder Insekten zu finden sind- wie könnte ich sie ihnen also streitig machen…? Ein klein wenig Wildobst- oder -Kraut darf man sich -mit Mass und Bedacht- aber wohl trotzdem gönnen, oder? Vielleicht ergeht es unserem Holunder-Neuling, den wir im vorletzen Sommer in einer anderen Ecke gesetzt haben, ja anders, und er findet mehr Wasser und weniger Anklang beim gefiederten Volk. Dann würde ich gerne ein wenig Sirup daraus machen. So wie Mamaniflora das immer tut…

5. Dass meine Mädchen fanatische Plüschtierfans sind, ist kein Geheimnis. Dass wir unser Zuhause und unser Leben mit einem übertrieben umfangreichen Kuscheltier-Zoo teilen auch nicht. Den Umstand, dass ich als alte Trödel-Tante mich seit ein, zwei Jahren nur noch sporadisch ins Brockenhaus wage, habe ich auch genau dieser Tatsache zu verdanken: Brockenhäuser sind Plüschtier-Paradiese. Dort findet sich alles. Und alles kostet so gut wie gar nichts. Selbst mit dem knausrigsten Kindersackgeld lässt sich noch gute Beute machen, und obwohl ich ansonsten in Sachen Neu-Anschaffungen gerade bei meinen Kindern eher strikt bin, fällt es mir schwer, im Brockenhaus Nein zu sagen. Als positiver Nebeneffekt hat sich natürlich auch mein eigenes Kram-Kaufverhalten eingedämmt, aber irgendwie ist es doch ein wenig schade, wenn ich es mir so recht überlege…
Was ich aber eigentlich sagen wollte; seit einer Weile schon haben wir angefangen, Spielsachen bei meiner Mutter auszuleihen. Nach 8 gross gewordenen Kindern ist ihr Haus heute das reinste Warenhaus, Tosy-R-Us ist ein Klacks dagegen. Von der Briobahn übers Schaukeltier zu Lego-Hogwarts ist alles vorhanden, und selbstredlich findet sich auch praktisch alles, was das Kuscheltier-Universum zu bieten hat irgendwo auf ihrem Dachboden oder in irgendwelchen Kisten und Tüten. Jedes Mal, wenn meine Kleinen bei Oma zu Besuch waren, bringen sie eine grosse Tasche voller Zeug mit. „Nur zum Uusleehnä, weisch.“ Dass dann alles bei einem der nächsten Besuche wieder zurück zu meiner Mutter kommt, ist natürlich Ehrensache. Ich habe ein wachsames Auge darauf, denn noch mehr „Zoo“ könnte klaustrophobische Zustände bei mir auslösen…

6. Dieser blaue Knäuel „Lang Yarns Asia“ ist meiner vierter und letzter Knäuel dieser Farbrichtung. Was bedeutet, dass das „Zilver“-Wolltuch meines Mädchens demnächst fertig sein wird. Ich bin ein wenig stecken geblieben bei den w.a.h.n.s.i.n.n.i.g laaaaaangen Musterreihen der Endphase, wo so viele Maschen auf den Nadeln liegen, dass ich sie gar nicht mehr zählen möchte. Irgendwann wird so ein Dreiecks-Tuch anstrengend. Das Muster kann noch so spannend sein, mit wachsendem Umfang zieht es sich einfach gefühlt endlos in die Länge, das Stricken… Darum gebe ich es gerne zu: Ich freue mich, sagen zu dürfen, dass ich heute bei der 2.-letzen Reihe des letzten Muster-Rapports (7fach!)angekommen bin und heute abend dann endlich (uff!) zur kraus rechten Schlussborte wechseln darf. Das bedeutet; Land in Sicht!

7. Wann punkto Sommerhitze „Land in Sicht“ kommen wird, weiss ich allerdings noch nicht. Wie gesagt, ich geniesse ihn, diesen heissen, überdrehten Sommer, so wie ich noch nie einen Sommer genossen habe, aber ich sehe doch auch mit wachsender Unruhe, was er für mein Land bedeutet, für die Bauern hier und vor allem für all das grosse und kleine Leben in der Natur, das Hitze und Dürre auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Verendende Fische in Algen-überwucherten Rest-Wasser-Seelein, Blumenwiesen, die mehr nach Strohstoppelfeldern aussehen… Auch die Meerschweinchen hecheln zeitweise regelrecht, dabei sorgen wir dafür, dass sie immer Schattenplätze finden, wo die Luft gut zirkulieren kann und achten darauf, dass sie an mehreren Orten Wasser-Schälchen finden (aus denen auch die Vögel und Insekten trinken können). Manchmal baue ich ihnen einen Unterschlupf aus feuchten Tüchern, die ich immer mal wieder benetze, in der Hoffnung, die Verdunstungs-Kälte würde ihnen gut tun, vor allem aber lasse ich sie frei laufen; so können sie der Sonne entkommen und selber entscheiden, wo es ihnen am wohlsten ist. Allerdings erscheint mir ihr Urteilsvermögen nur begrenzt vertrauenswürdig; Ich musste sie auch schon aus stickigen Häuschen inmitten des prallsten Sonnenbereiches, wo sie sich erst noch zu mehrt aneinander kuschelten und so noch zusätzlich wärmten, in den Schatten bugsieren *hüstel*. Der Stall selber bekommt keine direkte Sonne ab. Und durch die riesengrossen Gittertüren kommt ungehindert Luft. So bleibt den Tieren selbst bei grosser Hitze immerhin dieser Hafen, auch wenn natürlich auch im Schatten die Temperaturen wüstenmässig hoch sind zur Zeit.
Die Wetter-Prognose von Meteo Schweiz lässt kaum auf gnädigere Tage hoffen; bis Freitag wird Sonne, Sonne und nochmals Sonne bei 33-34 Grad vorhergesagt. Regen -wenn wir sehr viel Glück haben- erst Freitag ein paar Tropfen. Prognosen über mehreren Tagen traue ich aber prinzipiell nicht über den Weg und so stelle ich mich weiter auf einen wahnsinnigen Wahnsinnis-Sommer ohne Ende ein…

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Aus meinem Tagebuch: Lavendelsommer

Ein Eintrag vom 27.8.2018

Fast hätte ich mich hingesetzt, um eine Ode zu schreiben, eine Ode an den Sommer. Aber das wird es wahrscheinlich nicht, stattdessen eine Ode an den Moment, an diesen Augenblick, der so glücklich ist. Es ist ein einfaches Glück, aber Glück ist Glück, das fragt man nicht, welcher Art. Obwohl… wenn ich es benennen müsste, dann würde ich sagen; es ist ein Lavendel-Glück. Lavendel, weil ich gerade die Balken des Gartenhäuschens mit dicken Sträusschen Lavendel behänge, zum Trocknen für Duftkissen. Ich habe sie zu spät geerntet, alle Blüten sind bereits verblüht und bedecken nun in blass-blau-violetten Krümelchen den Laubenboden, weil sie nicht mehr gut an den Stängeln haften. Doch der Anblick der vielen Bienen, Hummeln und Schmetterlinge in meinem Lavendel-Beet war einfach zu schön, zu richtig… Lieber ein paar Duftkissen weniger. Spielt ja keine Rolle. Den Bienen hingegen schon.
Lavendel aber auch, weil dieser Sommer heiss ist. Wahnsinnig heiss. Und trocken. Wahnsinnig trocken. Nicht nur unsere Region dürstet, die ganze Schweiz steht in Dürre, gelbe Rasen, Stoppelfeld-Weiden, versiegte Quellen, Rinnsale statt Flüsse. Trotzdem liebe ich diesen verrückten, ausser Kontrolle geratenen Sommer. Wirklich, ich sauge ihn auf wie Erde den Regen. Ich weiss, eigentlich sollte die Hitze mir zu schaffen machen, denn das hat sie immer getan, doch das tut sie nicht. Es verblüfft mich selbst, aber es scheint, als würden Licht und Wärme mich aufrichten und nähren. Jetzt kann ich plötzlich nachvollziehen, wieso es manche Menschen in den Süden zieht…

Die letzten 2 Tage überraschten mich mit einem Geschenk: Zeit. Freie Zeit. Ich-Zeit. Das beste, was einem in den Schoss fallen kann. Herr Kirschkernzeit wurde von einem plötzlichen Anflug von Urlaubs-Laune und Ausflugslust erfasst, packte das Auto voll mit Kindern und brauste davon in Richtung Wasser. Da mich die Unterstützung meines jüngsten Bruders und meiner Schwiegermama wunderbarerweise entbehrlich machte, blieb ich dankbar zuhause, hütet die Meerschweinchen, hörte Musik und strickte mich glücklich in einen weiteren Sommertag hinein… Mein blaues Zilver-Tuch wird vielleicht sogar pünktlich zum 9. Geburtstag meines Mädchens fertig. Garn habe ich mehr als genug, allein die Zeit wird wohl den Rahmen setzen. Ich plane noch mindestens einen Muster-Rapport und dann eine grosszügige kraus rechts gestrickte Borte zum Abschluss. Es haben sich Fehler eingeschlichen: die glatt rechten Zwischenstreifen sind unterschiedlich breit, aber ich bin gerade dermassen optimistisch unterwegs, dass ich unbekümmert darüber hinweg sehe und mir einrede, dass diese Unregelmässigkeit keine grosse Sache ist und ein Tuch sowieso die meiste Zeit über gerafft und gefaltet um Hals und Schultern getragen wird.
Das Blau jedenfalls gefällt mir mit jeder Reihe besser. Lavendeltage-Blau. Sommerabendblau. Blutmondsommerabendblau sogar. Exakt das Blau, das ich im aktuellen Gudrun Sjöden Katalog so hinreissend finde (Jesses, genau diese Künstlerbluse hat mir noch gefehlt in meinem Kleiderschrank!)
Mein Lavendelsommer hat auch einen Soundtrack. Energievolle, ausdrucksstarke Erdboden-Musik, Trommel-lastig, Beat-schwer, emotional. „Omnia“ spielt da ihr „Fee Ra Huri“ (schwindelerregend!). „Faun“ mindestens zwei seiner jüngeren Stücke; „Federkleid“ mag ich sehr, „Walpurgisnacht“ aber ist mein heimlicher Liebling (trotz dem esoterischen Video). Die volle, dunkle Männerstimme im Refrain erinnert mich an Metallicas „Nothing Else Matters“ in der San Francisco-Symphonie-Orchester-Version, bei der ich auch heute noch eine Gänsehaut kriege, so schön finde ich dieses Stück in dieser Form. Auch wenn ich ganz klar nicht für Metal oder Rock gemacht bin, zieht es mich momentan zu eher schweren, heftigen Klängen, was ganz untypisch ist für mich, aber andererseits fesselt mich alles, was leidenschaftlich ist, eigentlich (beinahe) jede Art von Musik (auch Klassik, sogar Schlager), solange echte Emotionen darin schwingen.
Die italienische Gruppe „The SIDH“ ist gerade eine absolute Offenbarung für mich; Ich bin ihr momentan schwer erlegen und höre mir in meinen freien Momenten fanatisch jedes Stück von ihnen an, das ich auf You-Tube finden kann. Ihre Konzerte müssen grossartig sein, der reinste Hexenkessel mit virtuosen Flöten-und-Dudelsack-Sessions irgendwo zwischen Dub, Celtic, Electro und Metal. Grandios. Dieser Mix ist schlicht atemberaubend. Besonders schön finde ich dieses recht verspielte Stück hier: „Sopra il Livello Medio“. Es macht in seinen über 6 Minuten Spielzeit eine Methamorphose nach der anderen durch, von elektronischen Tönen über Folk zu HipHop in irgendeiner Variante zurück zu Celtic bis hin zu etwas, was sowas wie ein Jazziges Gefühl in mir auslöst.
Flow.
Flow Pur.
Trotz seiner Härte ist allerdings das hier mein Lieblingsstück: „Iridium“. Wobei, vielleicht ist es vor allem mein Lieblings-Clip, ich weiss nicht recht… Die Kraft und Virtuosität der Musik verschlägt mir glatt den Atem. Aber dann das Video… Auf düstere Weise wunderschön. Ich mag es, wenn man sieht, wie Musik gemacht wird. Ohne halbnackte Figuren und eindeutig zweideutige Dancemoves. Keine Bettszenen-Lyrics, nichts, worüber ich aktiv hinweghören müsste. Hier spielen junge Männer ihre Instrumente und sie spielen sie gut und verblüffend kombiniert. Und dann diese Hände…

Mein Lavendelsommer ist bodenschwer. Und gleichzeitig frei. Das Gefühl, das man hat, wenn man sich tropfnass nach einem Schwumm im Pool auf die sonnenwarmen Bodenplatten legt und die Augen schliesst.
So sollte es sein.
Und bleiben.
Manche Momente möchte man einfach für länger festhalten…

PS. Dieser Text hier liegt schon ein paar Tage zurück. Ich habe ihn in meinem Tagebuch notiert, kam aber nie dazu, ihn hier im Blog einzutippen, weil rund um die Uhr etwas los zu sein scheint.
In der Zwischenzeit hat meine Grosse Geburtstag gefeiert. Das Tuch wurde nicht fertig. Dafür eine riesengrosse Schokoladen-Pavlova mit Sahne und Schokocreme. Das Baby meiner Schwester ist zur Welt gekommen (Ein kleiner Junge!). Ich freue mich wie eine Verrückte darauf, endlich wieder Babyduft einatmen zu dürfen. (Hoffentlich fange ich nicht auch noch an, an ihm zu knabbern.) Es hat noch immer kaum geregnet und wir haben bis auf weiteres generelles Feuer-Verbot. In der Nähe hat beim Mähen ein Feld Feuer gefangen, konnte aber rasch wieder gelöscht werden. Auch das 1. August-Feuerwerk fällt heute aus. (Die Hunde und Katzen danken.)
So ist er, mein Lavendel-Sommer.

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ein neuer Boden für den Estrich

Gestern hatten wir Freunde aus Prag zu Besuch, eine ganze Familie, die wir schon seit vielen Jahren kennen. Freundin M. hatte mich damals, als sie in Zürich noch ihre kleine, aber wunderschöne Altbauwohnung bewohnte, immer tief beeindruckt mit ihrer eleganten, hellen Einrichtung, mit ihren zauberhaften Zeichnungen und ihrem Sinn für Kunst und Humor, der sich in Form von perfekt gearbeiteten Handarbeiten und kleinen, pointiert eingesetzten Skurrilitäten niederschlug. Man trank Tee aus auserlesenen Tassen. Auf einem weissen Sofa über weissem Flauscheteppich. An den Wänden hingen selbstgemalte Skizzen und Tierstudien, es gab Pflanzen und Kerzen und dann und wann kleine Hingucker wie Tierskelette, Federn (sie war Ornithologin) oder Postkarten mit einem prägnanten Spruch („Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen“) ganz zwanglos aber perfekt platziert.
Ich fühlte mich immer pudelwohl bei ihr. Die Mischung aus Struktur, Sauberkeit, einem ansatzweisen Minimalismus und gleichzeitiger Zwanglosigkeit und Luftigkeit gefiel mir schon immer wahnsinnig gut, und wenn ich heute in meinem vollen, pulsierenden Haus eines vermisse, dann ist das die Leere und Unaufgeregtheit, die Ruhe und Leichtigkeit die jene Art von Wohnstil mir vermittelt. Eine Mischung aus Shabby Chic, minimalistischem Wohnen und moderner Eleganz.
Dagegen sind wir die reinsten Bohemiens. Ich ertrinke in Kinderkunst, Sammelsurien, Werkzeugen und Erinnerungsstücken. Von all den Kinderschuhen, verstreuten Socken und einem gigantischen Plüschzoo ganz zu schweigen.
Aber wir geben unser Bestes, dieses Haus einigermassen wohnlich zu gestalten. Die Team-Kompetenzen sind klar und sehr traditionell verteilt: Mein Mann baut um, ich räume aus und ein und gestalte die Zimmer. So geht das seit 10 Jahren schon und so wird es wohl bleiben, denn kaum ist etwas fertig, bröckelt bereits das nächste Leck, ein bisschen  überspitzt ausgedrückt. Die meisten Leute, die unser Haus zu sehen bekommen bzw. die Baustellen und vor allem -stolz präsentiert- die fertigen Renovationen und Installationen, klopfen meinem Mann wohlwollend auf die Schulter und gratulieren ihn zu seinem Einsatz, nicht ohne mitfühlend anzumerken; „Also, das hast du aber wirklich ganz schön viel zu tun…“ Vielleicht wird mit einem Blick in meine Richtung auch noch nachgeschoben „Du weisst aber schon, was für einen fleissigen Mann du hast.“


Ich nicke dann jeweils, denn, ja, sie haben recht, der Herr Kirschkernzeit ist ein feiner Kerl, der sich hier die Seele aus dem Leib schuftet und so viel für uns alle tut.
Aber insgeheim denke ich immer; eigentlich tun wir das ja beide, gewissermassen. Wir bauen beide um. Renovieren. Versuchen, die Dinge schön zu machen und Mängel zu beheben. Unser Zuhause ist ein echtes Gemeinschaftswerk, auch wenn ich selber keinen Hammer schwinge oder alte Dielen rausreisse (worüber mein Liebster wohl auch eher froh ist, wie ich ihn kenne).
Mein Part sieht einfach anders aus. Mehr so hintergründlich und alltäglich: Ich halte die Kinder von den Baustellen fern, schaffe alles weg, was ihm im Weg steht, putze Staub und Dreck und Sägemehl, halte die Stellung, während er mit seinen Werkprojekten beschäftigt ist und lebe damit, dass vieles, was das Wohnen betrifft, auf Provisorien aufbaut und sich permanent wieder verändert. Natürlich ist das alles weniger schweisstreibend als der aktive Umbau-Part. Aber auch weitaus weniger befriedigend. Und ganz bestimmt kein Job, bei dem man Lob und grosse „Ah“s und „Oh“s einheimsen könnte.

Darum, das muss ich ganz offen zugeben, habe ich mich gestern über alle Massen gefreut, als unsere Prager Freunde mich gestern bei ihrem Hausbesichtigungs-Rundgang geradezu überschütteten mit herzlich gemeinten Komplimenten zur Einrichtung und Gestaltung dieses Hauses. „Dein Mann arbeitet ganz wunderbar, weisst du. Aber das hier trägt trotzdem auch deine Handschrift.“
Ich war ganz überrumpelt. Und richtig gerührt. Nicht nur, weil Freundin M. das sagte. Sondern einfach auch, weil jemand es bemerkt.


Bei der grossen Dachboden-Sanierung dieses Jahres sieht man allerdings eher wenig von „meiner Handschrift“. Mein Liebster hat den gesamten Boden rausgerupft und neue, stabilere Bodenbretter verlegt (tatsächlich gab es gefährlich versteckt regelrecht morsche Dielenbretter!). Darunter eine dicke Schicht Dämm-Material, die die gröbste Kälte und grösste Hitze vom Wohnbereich abschirmen soll, darüber ein völlig unkomplizierter, robuster Laminat, so dass es keine doofe Ritzen mehr gibt im Boden, wo Spinnen und Teppichkäfer ihre Lager aufschlagen oder Wespen sich verkriechen. Sogar staubsaugen könnte man hier jetzt.
Eigentlich mag ich Laminat ja gar nicht. Ich bin ein eingefleischter Laminat-Feind und nehme lieber Dielenspalten, unebene Böden oder höhere Parkett-Preise in Kauf als mit Laminat leben zu müssen. Aber auf dem Dachboden…? Perfekt. Und dieser Laminat hier ist sogar doppelt perfekt, weil wir ihn absolut kostenlos aus den Resten einer Hausrenovation übernehmen konnten. Dass er nicht wirklich schön aussieht (diese Maserung!) spielt rein gar keine Rolle, finde ich; Er ist stabil, pflegeleicht und Familienbudget-freundlich. Ich meine, was will man mehr?


Glücklich machen mich aber vor allem diese letzten zwei Bilder. Auch wenn sie es ganz bestimmt niemals ins „Schöner Wohnen“ schaffen würden. Obwohl es nach wie vor nach Estrich ausschaut und von Ausbau nicht die Rede sein kann. Aber all unser weggepacktes Hab und Gut, die Kinderkleider im Wechselturnus, Skisachen, Zelt, Schlafsäcke, Schaukeltiere und alten Spiegel: alles sauber aussortiert, gereinigt, frisch verpackt und klar beschriftet.
So mag ich es.
Genau so.
Natürlich könnte es gut und gerne noch ein wenig… weniger Zeug sein hier oben, aber, ja, ich bin sehr, sehr dankbar für diese neue Ordnung. Für die Arbeit meines Liebsten, für seinen Einsatz und seinen Durchhaltewillen, ohne den dieses Haus niemals das wäre, was es heute ist.
Und ein klitzekleines bisschen beklopfe ich auch meine eigene Schulter. Wegen dem ganzen Kistengepacke, dem Geputze und Gewasche, vor allem der weggerümpelten Dinge wegen, die ich immer so schwer loslassen kann. Wegen dem Berg an Kram einfach, der hier bezwungen wurde. Von uns beiden. Irgendwie.
Hach, das tut einfach gut…

 

 

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